Heft 
(1878) 24
Seite
377
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Ein deutsches FmnitieMatt mit Illustentinnen.

Erscheint wöchentlich und ist durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 2 Mark zu beziehen.

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XIV. Ilt!)NM1l§. Allsgrzrbcn am 1 6. Wrz 1878. Der Jahrgang laust vam Gktaber 1877 bis dahin 1878. 18?8. 24.

Wor dem Sturm.

Historischer Roman von Theodor Fontane. kFortsetznng.)

Nachdruck verboten. Ges. v. ll./VI. 70.

XXVI. Eine Gespenstergeschichte.

Um zwei Uhr waren unsere Hohen-Vieyer wieder in ihrem Dorf, und eine halbe Stunde später wußte jeder bis auf die letzten Loose hinaus, daß die Strolche gefunden und auf dem Wege nach Frankfurt seien. Im Kruge, wo sich bald einige Bauern, auch Kallies und Kümmeritz versammelten, entsann man sich Muschwitzens sehr wohl, der immer ein Tagedieb und Taugenichts gewesen sei, und erging sich in Vermuthungen, wo­her er den französischen Soldatenrock genommen haben könne, Vermuthungen, die mit Todtschlag begannen und über quali- fizirten Diebstahl hin einfach bei Tausch oder Kauf endigten. Dies letztere war denn auch das wahrscheinlichste. In Küstrin, wo der Typhus jeden Tag die Reihen der französischen, zum Theil aus Hessen und Westfalen bestehenden Garnison lichtete, war zu solchenGeschäften unter der Hand" die reichlichste Ge­legenheit gegeben. Von Rosentreter wußte niemand. Das Lob des Hütejungen war auf aller Lippen.

Auch im Herrenhause riß das Erzählen gar nicht ab. Kathinka und Tante Schorlemmer wollten alles bis auf die kleinsten Züge wissen, und als es unten im Wohnzimmer nichts mehr zu berichten gab, wurde oben in Renatens Krankenzimmer das Berichterstatten fortgesetzt. Lewin saß eine Stunde lang an ihrem Bett und ließ der Reihenfolge nach erst das Ab­suchen des Wäldchens, dann den Ueberfall und den Transport der Gefangenen an ihrem Auge vorüber ziehen. Nichts wurde vergessen; namentlich hob er aus seinem Gespräche mit dem jungen Scharwenka hervor, daß Maline Unrecht habe, pries Hanne Bogums Umsicht und schilderte schließlich den Eindruck, den die auf dem Rohrwerder Mitgefangene Frau auf ihn ge­macht habe.

So kam die Tischstunde heran. Der alte Vitzewitz war in bester Laune, und so unbequem es ihm sein mochte, mit seiner Hypothese von denMarodeurs" undDeserteurs" eine arge Niederlage erlitten zu haben, so gewann er es doch über

XIV. Jahrgang 24. ack.

sich, was sonst nicht seine Art war, über sich selbst und seinen Rechnuugsfehler zu scherzen. Wußte er doch, daß er schließlich Recht behalten würde. Alles war nur Frage der Zeit.

Gleich nach Tisch sollte zu Graf Drosselstein nach Hohen- Ziesar hinüber gefahren werden; Tubal und Kathinka schuldeten ihm ohnehin noch ihren Besuch, der, wenn er überhaupt noch gemacht werden sollte, nicht hinaus geschoben werden konnte. Denn am andern Tage schon sollte von Schloß Guse aus die Rückkehr beider Geschwister nach Berlin angetreten werden. Krist mit den Ponies hielt schon vor der Treppe, als die Tafel aufgehoben wurde; wenige Minuten später bog der Wagen von der Auffahrt her in die Dorfstraße ein. Kathinka, einer ihrer Passionen folgend, hatte die Leinen genommen und fuhr. Als sie au Miekleys Mühle vorüber kamen, begegnete ihnen Doktor- Leist von Lebus, der sich getreulich einstellte, um nach seiner Kranken zu sehen. Nur kurze Grüße wurden gewechselt.

Alte-Doktor Leist, der seit vierzig Jahren im Hohen- Vietzer Herrenhause so gut Bescheid wußte wie in seinem eige­nen, stieg, nachdem er ein paar Worte mit Jeetze gewechselt und von dem großen Ereigniß des Tages gehört hatte, treppan und trat bei Renaten ein.

Nur Maline war bei ihr. Das Schlafzimmer, jetzt auch Krankenzimmer, lag auf der der Gerichtsstube entgegengesetzten Seite des Hauses und war nur durch eine Giebelwand von dem mehrgenannten alten Querbau getrennt, der ehedem als Bankett­saal, dann als Kapelle gedient, und nun längst schon seine früheren Bestimmungen mit der bescheidenen einer großen Obst­und Rumpelkammer vertauscht hatte. Am Ende des Korridors befand sich eine schmale Thür, die mit Hilfe einer hochstufigen Treppe die Verbindung mit diesem alten Querbau unterhielt. Doktor Leist trat an das Bett der Kranken, fühlte den Puls und sagte daun, während er eine fieberstillende Arzenei aus­wickelte:Hier bring' ich etwas. Der alte Doktor Leist ist wie der Weihnachtsmann; er bringt immer etwas mit."