Heft 
(1878) 37
Seite
587
Einzelbild herunterladen

587

Deutschlands Schrnerzenstage.

Dunkele Tage der Heimsuchung sind über unser Land und Volk hereingebrochen. Kaum hatte der Schmerz über die schmach­volle That des 11. Mai seinen Stachel verloren, ja, war fast verschlungen in die Freude über das gnädig bewahrte Leben unseres geliebten Kaisers und über die täglichen Nachrichten von seinem dauernden Wohlbefinden, da ertönt am Freitag, 31. Mai, die Schreckenskunde von dem Untergange eines der stolzesten und stattlichsten Schiffe unserer Marine der Panzerfrcgatte Großer Kurfürst" auf der Höhe von Folkestone. Millionen unseres Nationalvermögens waren in die Tiefe des Meeres gesunken, Hunderte von jungen lebenskräftigen Seeleuten hatten ihr Leben dabei eingebüßt. Trauer und Herzensangst kehrten in Hunderte von Familien ein, die des Vaters oder des Sohnes so plötzlich beraubt waren! Und dem Kaiser, der sein Volk wie ein Vater liebt, bereitete die traurige Nachricht zwei schlaflose Nächte.

Unter dem beängstigenden Eindruck der unsicher schwan­kenden Nachrichten über Anzahl und Namen der Umgekommenen und der Geretteten verging der Sonnabend. Auch über den Sonntag breitete das betrübende Ereigniß seine düstern Schatten. Dennoch beruhigten sich allmählich die Gemüther, und manches schwerbekümmerte Mutterherz fand in dem glaubensvoll empor­gesandtenExaudi" (Herr, erhöre!), nach dem der Tag sich nannte, Trost und Zuversicht.

Da fiel plötzlich, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, in die friedliche Sonntagsstimmung die durch den Telegraphen über ganz Deutschland am Nachmittag verbreitete Nachricht:

Es ist zum zweiten Male auf den Kaiser von Frevler­hand geschossen, und das Mordblei hat ihn getroffen!"

Die Wirkung war geradezu eine betäubende. Zuerst wollte man es nicht glauben es schien ja unmöglich, daß die drei Wochen zuvor fast einhellig geäußerte Entrüstung unseres Volkes über den ersten Mordanfall und die durch alle deutsche Lande aufjauchzcnde Freude über des Kaisers Errettung nicht jeden Frevelgedanken verwandter Art im Herzen der Reichs- und Königsfeinde erstickt haben sollte! Und doch war das scheinbar Unmögliche geschehen in kurzen knappen Worten bestätigte es eine offizielle Mittheilung des Polizeipräsidiums von Berlin.

Vergegenwärtigen wir uns den entsetzlichen Vorgang nach den zuverlässigsten Berichten.

Der im Sturm und Drang so vieler blutiger Schlachten bewährte kaiserliche Held hatte sich auch durch die am 11. Mai um Haaresbreite an seiner Stirn vorüber gesauste Kugel nicht abhalten lassen, in gewohnter Meise Tag um Tag in der Oeffentlichkeit zu erscheinen. So hatte er auch am Sonntag, dem 2. Juni, nachmittags gegen drei Uhr im offenen zwei- spännigen Wagen seine Spazierfahrt in den Thiergarten an- - getreten und fuhr auf der Südseite der Linden dem Branden­burger Thore zu. Da geschah es, als er eben die Friedrichs- firaße passirt hatte, daß aus dem zweiten Stocke des Hauses Nr. 18 zwei Schrotschüsse abgefeuert wurden, die leider Gottes ihres Zieles nicht verfehlten. Glücklicherweise trug der Kaiser bei seinen Spazierfahrten in Berlin stets den Helm, und die kühle Witterung hatte ihn bewogen, einen Mantel anzulegen. Beides schützte ihn vor dem Aeußersten, vor dem sofortigen Tode. Durch den Helm drang ein Rehposten, aber streifte nur den Kopf, ein anderer wurde durch die Schuppenkette vor dem Eintritt in die Schläfe abgehalten. Der Mantel wurde wie ein Sieb durchlöchert und schwächte die Kraft der Geschosse ab. Das Polller im Fond des Wagens und das Außenleder waren ebenfalls durchlöchert, ja ans dem Sitz des Wagens fand man mehrere Schrotkörner, die ihres Zieles verfehlt hatten. Dennoch waren außer einem Rehposten zahlreiche Schrotkörner in das Gesicht, den Kopf, beide Arme und den Rücken gedrungen.

Mit einem Schmerzenslaute neigte sich der Kaiser vorn­über, richtete sich aber wieder auf, als der Lcibjäger Ucker­märker in den Wagen sprang und das fließende Blut mit einem Taschentuche trocknete, das ihm ein herbeieilender Offizier ge­reicht hatte. Es war ein unvergeßlich wehmnthiger, herzbewegen­der Anblick, als nun der Wagen mit dem verwundeten Kaiser umbog und langsam den: Palais wieder Anfuhr, von einer un­

endlichen schmerzbewegten Menschenmenge begleitet, ans der sich der Wehrnf laut Bahn brach:Ach, unser geliebter Kaiser, unser geliebter Kaiser ist getroffen!" Die Aufregung über die Entsetzensthat war eine unbeschreibliche; auf allen Gesichtern malten sich Bestürzung, Trauer, Zorn und Entrüstung; nicht Frauen allein, auch Männer sah man heiße Thränen vergießen. Am Fenster des Hotel de Rome standen die Mitglieder der marokka­nischen Botschaft um ihren weißbärtigen Führer, Sid Tibi ben Huna, der entrüstet die Fäuste ballte, wehklagend und weinend.

Inzwischen drangen mehrere Personen Bürger, Offi­ziere, Kriminalschutzleute in das Haus, aus dem die Schüsse gefallen waren und stürzten die Treppen zu dem Zimmer des Mörders herauf. Es war das am weitesten nach Westen ge­legene des Hauses ein kleiner schmaler Korridor führte zn demselben. Sie fanden die Thüre verschlossen; dieselbe wich aber einigen festen Tritten. Am Ofen stand der Verbrecher, ein kleiner, schmächtiger Mann mit erhobenem Revolver, aus dem er auf den ersten der Herein stürmenden, den Wirth des Linden­hotels Holtfeuer, zwei Schüsse abfenerte, die demselben das Kinn zerschmetterten. Gleich darauf richtete er den Revolver auf sich selbst -- die Kugel ging oberhalb des rechten Auges in den Hirnschädel, den sie stark verwundete. Einer der Nach­dringenden, Herr Kaufmann Dietz, sprang nun auf den Schießen­den zu und drückte ihm den Arm, welcher den Revolver hielt, mit Macht an die Wand. Doch der Mensch geberdete sich so wüthend, daß ein dritter, Lieutenant Wilhelmy, sich ge- nöthigt fand, ihm einen Säbelhieb über den Kopf zn versetzen, worauf er ihm die Waffe aus der Hand schlug, und nun be­mächtigten sich die Polizeibeamten seiner und banden ihm die Hände auf den Rücken. Es wurde alsdann konstatirt, daß der Mörder auf den Kaiser ans einer doppelläufigen Dreyseschen Büchsflinte geschossen habe. Einige andere Waffen, alle sehr elegant, darunter zwei mehrläufige Revolver und ein scharfge­schliffenes dolchartiges Messer in einer Scheide, wurden in dem Zimmer vorgefnnden. Daneben zeigte eine stattliche Sammlung belletristischer und landwirthschaftlich-technologischer Werke, die in geschmackvollen Einbänden den Hauptschmuck des sonst dürftig möblirten, ärmlich aussehenden Zimmers bildeten, für die Aussage des Verhafteten, daß er ein studirter Mann sei. Sein Name, Dr. Phil. Carl Nobiling, stand unter einer Abhand­lung, die in denLandwirthschaftlichen Jahrbüchern" erschienen war. Das Heft, welches sie enthielt, lag in dem Bücherschrank.

Der in dem Zimmer mit anwesende Justizrath Dr. Hor- witz richtete nun die Frage an den Mörder, ob er denn wirk­lich die Absicht gehabt habe, auf den Kaiser zu schießen, was Nobiling mit einem ganz deutlichenJa" beantwortete; auf die Frage, was ihn zu einer solchen Frevelthat habe bewegen können, entgegnete er, das wisse er nicht; ebenso wich er der ferneren Frage, ob er denn etwa behaupten wolle, nicht zu wissen, was er thue oder weshalb er es thue, mit der tonlos hingeworfenen Bemerkung aus: das könne er nicht sagen. Das erste Zeichen einer lebhafteren Theilnahme gab der Verbrecher, als ihm Dr. Horwitz, da noch kein Arzt erschienen war, durch Entfernen des geronnenen Blutes vom Gesichte mittelst einer nassen Serviette einigen Beistand leistete. An der rechten Schläfe befand sich eine von dem Schüsse herrührende starke Anschwellung, bei deren Berührung Nobiling znsammenzuckte und bat:Nicht so drücken!" Als Dr. Horwitz hierzu bemerkte: Aber an unseren Kaiser haben Sie nicht gedacht, und was der leiden würde!" schlug Nobiling die Augen nieder, ohne etwas zu erwidern.

Bald darnach wurde er ärztlich untersucht und dann in dem grünen Gefängnißwagen nach der Stadtvoigtei geführt. Leider sollte diese Abführung noch ein Opfer fordern, da der Kutscher Richter, der den Wagen führte, beim Einfahren in den niedrigen Thorweg in lebensgefährlicher Weise ver­wundet wurde.

Während diese stürmischen Scenen sich in der Wohnung des Mörders abspielten, war der kaiserliche Wagen an das Palais gelangt, aber nicht wie sonst die Rampe hin-