auf-, sondern in den Hof hineingesahren. Sorgfältig hob man den schwervcrwundeten Fürsten nun heraus und trug ihn in sein Zimmer, wo Generalarzt Dr. von Lauer und Professor Dr. Wilms seiner schon warteten.
Um das Palais war ein Cordon von Schutzleuten zu Pferde und zu Fuß gezogen, und in weitem Kreise umgaben dichte Menschcnmassen die Wohnung des Kaisers, stumm, in angstvoller Spannung hinüber nach dem Eckfenster blickend, an dem er jedermann eine so bekannte und so liebe Erscheinung geworden war. Aber die Räume schienen wie ausgestorben — der dort sonst zu schauen war in rastloser Arbeit und treuer Pflichterfüllung, der lag, von der Hand des Meuchelmörders getroffen,- auf dem Schmerzenslager, umgeben von den Aerztcn, die seine Wunden untersuchten.
Die Geistesgegenwart und unerschütterliche Ruhe des hohen ! Patienten war bewundernswürdig; keinen Augenblick verließ I ihn die Besinnung und die ruhige Ueberlegung. Als man rhn
! in sein Zimmer trug, äußerte er bewegt: „Ich begreife nicht,
; warum immer auf mich geschossen wird?" Auf das Ruhebett ! gelegt und nothdürftig gereinigt, ließ er sich seinen Helm bringen. „So oft hast du mich schon beschützt — jetzt wieder!" rief er aus, als man ihm denselben mit den Spuren des Mordgeschosses — er ist achtzehnfach durchlöchert — zeigte. Als dann der inzwischen noch hinzugekommene Dr. v. Lang en- beck ihn am Kopf untersuchte, bemerkte der Kaiser scherzhaft: „Nun, lieber Langenbeck, meine Haare werden Ihnen wohl keine Sorgen machen, viele sind cs nicht mehr!"
Der Verlauf der Untersuchung war ein über Erwarten günstiger. Um 4*/z Uhr konnte Dr. von Lauer sein erstes Bulletin ausgehen lassen, in dem es hieß:
„Keine der Wunden deutet auf unmittelbare Lebensgefahr. Se. Majestät leidet an heftigen Schmerzen; das allgemeine Befinden hat sich wieder in erfreulicher Weise gehoben."
Eine dankbare Bewegung lies durch die still harrenden Volksmassen, als diese gute Nachricht bekannt wurde.
Trotz seiner Schmerzen zeigte der Kaiser die rührendste Sorge uni diejenigen, welche die Gefahr mit ihm getheilt ö hatten, und die zarteste Rücksicht für die Seinigen. Angelegentlich erkundigte er sich nach seinem Kutscher und Leibjäger und i fragte, ob sie nicht auch verletzt seien. Zu dem verwundeten Hotelbesitzer Holtfeuer sandte er Professor Wilms, um sich nach seinem Zustande zu erkundigen und ihm dessen Hilfeleistung anzubieten. Später winkte er dem neben dem Bette j stehenden Leibarzt Dr. von Lauer und sagte ihm, er > möchte an den Kronprinzen telegraphiren und ihm den Vor-
! fall mittheilen, denn er wolle ihm die Leitung der Geschäfte
übertragen. An die Kaiserin möchte jedoch nur gemeldet werden, daß ein leichter Schuß ihm das Haupt gestreift hätte. Ausdrücklich betonte er das Wort „leichter", um die leidende ! Gemahlin nicht noch mehr, als nöthig, zu betrüben.
Als sodann nach der Ansicht der Aerzte das Verbleiben des Kaisers in seinem bisherigen Zimmer für unzulässig erklärt und die Uebersiedelung in eines der nach den Linden gelegenen Vorderzimmer — das sogenannte blaue Zimmer — verlangt wurde, versuchte er, dieser Veränderung entgegen zu treten und äußerte unter anderem, das Vorderzimmer dürfte wohl auch zu unruhig sein. Auf die Entgegnung der Aerzte, daß dies kein Hinderniß sei, da die Linden abgesperrt werden könnten, erhob er sofort lebhaften Einspruch und bemerkte aus- ! drücklich, in keinem Falle solle man die Passage auf der Aka- ' demieseite für Fußgänger und Wagen verhindern. Sogar seines Gastes, des Schah von Persien gedachte er in der ihm eigenen Herzensgüte. Da das zu Ehren desselben angesagte Galadiner natürlich in Fortfall kommen mußte, äußerte er: „Der arme Schah, der kommt nun um sein Diner!"
So kam der Abend des Sonntags heran, der für alle Zeiten als ein Tag der Trauer uud der Schmach in den Annalen unserer Geschichte verzeichnet stehen wird. ° In zahlreichen Kirchen der Hauptstadt wurde des kaiserlichen Dulders in treuer Fürbitte gedacht. Rudolf Kögel ries seiner den Dom dichtfüllenden Gemeinde zu: „Betet für den Kaiser, daß seine Seele stille bleibe in Gott, auch in den Tagen der Fieber
glut. Betet für unser Volk, daß dieser Kelch noch einmal an ihm vorübergche und das heißgeliebte Leben ihm noch einmal bewahrt bleibe!" Bei dem darauf folgenden Gebet Wilhelm Baurs kniete die ganze zahlreiche Versammlung aus freiem ! Antriebe nieder. Und das Gebet fand Erhvrung; ja mehr als !
das — die stille Ergebung des Kaisers in Gottes Willen trug h
dazu bei, seine Genesung zu befördern und das Fieber bis zu h der Stunde, in der wir diese Zeilen schreiben — fünf Tage ^ nach dem Attentat — fern zu halten. f
Am Montag, 4. Juni, spät abends traf der Kronprinz ^ mit seiner Gemahlin in Berlin ein. Nachdem er im kaiserlichen Palais seine Mutter herzlich begrüßt hatte, begab er h
sich in Begleitung des Prinzen Carl unverweilt in das h
Krankenzimmer seines Vaters. Hier empfing ihn der General- >! arzt Dr. von Lauer, dem er die Hand drückte, dann aus h
dessen Munde die Mittheilung über die erfreuliche Besserung j
des Kaisers vernahm und schließlich fragte: „Halten Sie es !
für rathsam, daß mich Se. Majestät jetzt empfängt?" !
Dr. von Lauer begab sich nach einer Verbeugung zu ^
seinem Kollegen, dem Generalarzt Dr. Grimm, welcher am !
Bett des Kaisers verweilte, und kehrte nach einiger Zeit zurück, trat zur Seite und ließ mit der Meldung, daß Se. Majestät ! ihn erwarte, den Kronprinzen in das Zimmer zu seinem kaiser- !
liehen Vater. Sofort richtete sich der Kaiser von seinem Lager j
auf uud streckte dem hereintretendeu Sohne die linke Hand eut- ! gegen, welche dieser in stiller Bewegung ergriff und innig küßte. ,! Es war ein weihevoller Moment. /
Am nächsten Morgen griff die Kronprinzessin mit prak- tischem Blick und praktischer Hand ein, um dem Kaiser ein '! bequemeres Lager zu schassen. Nachdem aus ihrem Palais Bettgestell und Betten in das Krankenzimmer des Kaisers geschafft l worden, machte sie persönlich, unterstützt von ihrer Schwägerin, der Großherzogin von Baden, und von dem Prinzen Karl, das -
neue Lager des Kaisers zurecht und bewirkte sodann unter dein -
Beistände zweier Diener die Umbettung des hohen Kranken. Erst j
mit Widerstreben, dann mit heiteren Scherzen ließ der an die ^
allerstrengste Einfachheit gewohnte greise Herr sich diese Maß- !
regeln zu seinem größeren Comfort gefallen. >
So umgibt die Liebe seiner Kinder den kaiserlichen Herrn.
Ein großes treues Volk umsteht in größerer Entfernung das ! Krankenlager und beweist nicht minder Tag für Tag in jeder Art seine Liebe. Außer Glückwunsch- und Theilnahmedepeschen von allen Ecken und Enden Deutschlands, wie auch des ganzen Auslandes, werden zahllose Blumenspenden, insbesondere die vom Kaiser bevorzugten Kornblumen, vielfach mit Widmungsschleisen, §
im Palais abgegeben. Aus allen Kirchen des Vaterlandes und ,
aus vielen Häusern steigen morgens uud abends Gebete zum !
Throne der Gnade um Erhaltung seines Lebens empor. Auch der Kaiser hat — trotz der furchtbaren Erlebnisse der letzten Wochen — das Vertrauen auf sein Volk nicht verloren, und wenn er gesundet, wird er auch zukünftig das bekannte leichte ! offene Gefährt deshalb nicht mit einem geschlossenen Wagen i
vertauschen. Er weiß, sein Leben steht in Gottes Hand. i
Wir wissen und glauben das auch. Dennoch ist es unsere h
Pflicht, auch die Augen offen zu halten auf des Königs und e
des Vaterlandes Feinde, und — so weit es in Menschenmacht s steht — den Kaiser, das Reich, uns selbst vor ihnen zu- d schützen. Es gilt vor allem, sie scharf ins Auge zu fassen, um a
die drohende Gefahr ganz bemessen zu können. !!
Der am 2. Juni aufgetretene Mörder ist womöglich eine p noch abstoßendere Erscheinung als der erste Attentäter, dessen P völlige Verwahrlosung von klein auf unser Mitleid erweckt, und !! dessen ruchlose That auf offener Straße begangen, kaum ganz p so niederträchtig erscheint, wie der mit dämonischer Ueberlegung s lange vorher geplante und aus sicherem Hinterhalte feig und . gemein ausgeführte zweite Mordversuch. !
Carl Nobilings eigenhändig geschriebener und seiner Leipziger Doktordissertation vorausgeschickter Lebenslauf lautet:
, Am 10. April des vielbewegten Jahres 1848 erblickte ich auf der königlichen Domaine Kollno bei Birnbaum in der Provinz Posen, deren Pächter mein Vater war, das Licht der Welt. Den ersten Unterricht erhielt ich won einigen Hauslehrern, von denen ich mich namentlich dem letzten, dem damaligen Kandidaten der Philologie, Herrn