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ist, ein bischen gut, ein bischen böse. Arme kleine Menschennatur l Und ich dachte mich doch größer und besser. Ja, sich besser dünken, da liegt es, Hochmuth kommt vor dem Fall. Und nun welch ein Fall! Aber ich bin gestrast, und diese Stunde bereitet mir meinen Lohn."
So war er bis aus den Hos seines Hauses gekommen. In der Halle fand er Tubal, der erschöpft von der Anstrengung in Zeetzes Lehnstuhl eingeschlasen war. Neben ihm lag Hektor. Als dieser seinen Herrn ansichtig wurde, sprang er auf und drängte sich an ihn, aber ohne sonst ein Zeichen der Freude zu geben. Berndt streichelte das kluge Thier, warf einen Blick voll stillen Neides auf den schlafenden Tubal, und schritt dann auf die Thür zu, die nach dem Eckzimmer führte. Er legte die Hand ans den Griff und zögerte noch einmal. Aber es mußte sein. Nur die beiden Mädchen waren da. Renate flog ihm entgegen. „Mein einzig lieber Papa," rief sie und hing an seinem Halse. Dann ließ sie von ihm ab, und fragte wie sein Gewissen: „Wo ist Lewin?"
Der alte Vitzewitz rang ein Wort zu finden. Endlich in einem Tone, in dem sich der ganze Jammer seines eigenen Herzens aussprach, sagte er: „Ich weiß es nicht."
„Also gefangen, todt?" — „Nein, nicht todt, noch nicht." Angst und Zittern ergriffen Renaten, aber in demselben Augenblicke sah sie, daß Marie schwankte und wie leblos zu Boden stürzte. Berndt war wie mitgetroffen. Ihm schwindelte unter dem Andrang alles dessen, was auf ihn einstürmte; endlich riß er sich aus seiner Betäubung und zog die Klingel. Jeetze kam, gleich darauf auch die Schorlemmer; alles lief und ? rannte; er selber aber war geschäftig, Marie wieder aufzu-
! richten. Als ihm dies geglückt, sah er, daß sie aus einer
I Stirnwunde dicht neben der linken Schläfe blutete; sie war auf
den scharfvorspringenden Kaminfuß gefallen. Endlich von ihrer ! Ohnmacht sich wieder erholend, verlangte sie nach dem Schulzenhofe gebracht zu werden, wozu sich Maline weniger aus Mitleid als Neugier sofort bereit erklärte. Durfte sie doch hoffen,
^ unten im Dorfe mehr zu hören als im Herrenhanse, wo jeder ! sich einschloß und schwieg. Selbst auf Bamme, trotzdem seine Clausur aufgehört hatte, war nicht viel zu rechnen. Als Berndt und Renate wieder allein waren, sagte jener: „Was war es mit Marie? Ich hätte sie für fester gehalten." Renate schwieg.
„Er ist Dein Bruder," fuhr Berndt fort. „Und Du trugst es." Eine Pause folgte, während welcher Renate den Blick zu Boden senkte. Endlich sagte sie: „Sie liebt ihn."
Der alte Vitzewitz, nach allem was er eben mit Augen i gesehen hatte, schien eine Antwort wie diese erwartet zu haben, und sagte deshalb ruhig: „Und er — weiß er davon?" — „Nein."
„Bist Du dessen gewiß?" — „Ja, ganz gewiß. Nie verriet!) sie sich. Und hätte sie es, Lewin war blind."
Berndt schritt im Zimmer auf und ab, und die widerstreitendsten Empfindungen bekämpften sich in seiner Brust. Einen Augenblick zuckte es spöttisch um seinen Mund, daß des „starken Mannes" Kind in das alte Haus der Vitzewitze kommen solle, aber dann schwand aller Spott wieder, und die Nächstliegende Noth gewann allein Gewalt in seinem Herzen, die Noth um den einzigen Sohn. „Wie rette ich ihn?" Und es war, als ob er vor sich selber ein Gelübde thäte: „Gott, ich lege jeden Stolz zu Deinen Füßen; demüthige mich, ich will still halten; alles, alles; nur erhalte mir ihn."
Renate, während Berndt auf- und abgeschritten war, war ihm mit den Augen gefolgt. Sie wußte genau, was in seiner Seele vorging, und sagte jetzt: „Bitte, Papa, sage mir alles. Was ist es mit ihm? Verschweige mir nichts!"
Er nahm ihre Hand. „Ich habe Dir nichts verschwie- ! gen, Kind. Dunkel und Ungewißheit ist alles. Ich weiß nicht mehr als Du. Aber eins weiß ich nur zu gut: wir müssen alles fürchten, alles, auch wenn in diesem Augenblicke Gottes Sonne noch über ihm scheint. Mit den Waffen in der Hand gefangen! Sie werden ihn vors Kriegsgericht bringen, und . .."
„Wie kam es?" unterbrach ihn Renate. „Sprich, ich möchte von ihm hören, mich an etwas aufrichten, und wenn es an nichts anderem wäre, als an dem eitlen Tröste gethaner Pflicht oder bewiesenen Muthes."
„Und diesen Trost kann ich Dir gewähren. Es war ein Handgemenge; sie hatten Othegraven umzingelt, und wir wollten ihn frei machen. So ging es hinein in den Knäuel. Als wir wieder heraus waren, fehlte Lewin. Anfangs hofften wir noch, denn es fehlten viele, die sich nach und nach wieder zu uns fanden; aber Lewin blieb aus. Kein Zweifel, er ist gefangen."
„Und was thun wir?"
„Was uns allein noch bleibt: Gottes Barmherzigkeit an- rufen. Mögen ihm alle gute Engel zur Seite stehen! Wir können nichts mehr." Und damit verließ er das Zimmer und ging in sein Kabinet hinüber.
Hier war es kalt und unwirsch. Jeetze hatte zu Heizen vergessen; dazu lag Staub aus Tisch und Stühlen. Aber Berndt sah es nicht oder glitt gleichgiltig mit dem Auge darüber hin, während er doch in dem Widerstreit, der in solchen Momenten unsere Seele zu füllen Pflegt, seinen Sinn auf andere, fast noch gleichgiltigere Dinge richtete. Er sah, daß an dem Schlüsselbrett die Schlüssel falsch hingen, und begann nun alles nach Nummer und Reihe zu ordnen. Dann schritt er auf das Fenster zu und starrte minutenlang auf die russischen Karten und Pläne, die hier immer noch an den breiten Klappläden angeklebt waren. „Minsk, Smolensk, Bialystock". Und er wiederholte die Namen, auf- und abschreitend, immer wieder und wieder. Endlich blieb er vor dem Bilde stehen, das über seinem Arbeitstische hing, und seine Augen füllten sich mit Thränen. „Geliebte," sprach er vor sich hin, „wie preise ich Gott, daß Dir diese Stunde nach seinem gnädigen Rathschluß erspart geblieben ist. Ach, daß ich wäre, wo Du bist."
Er ließ sich auf das Sopha nieder und begann ein Frösteln zu fühlen. Da lag fein Mantel, den Jeetze, statt ihn anzn- hängen, einfach über die Lehne geworfen hatte. Das traf sich gut. Er zog ihn an sich und wickelte sich ein. „Minsk, Smolensk . .." aber nun schwand ihm das Bewußtsein, und er schlief.
Er schlief fest und lange. Mittag war vorüber, als ihn ein Klopsen an der Thür weckte. Es war schon das dritte Mal. „Herein!" Jeetze meldete, daß der alte Rysselmann gekommen sei.
„Laß ihn vor. Gleich."
Der alte Rysselmann trat ein, steif und geradlinig wie immer, das Haar nach hinten gekämmt, seinen Rohrstock unterm Arm und das Gerichtsdienerblechschild auf dem langen blauen Stehkragenrock. Er blieb an der Thür stehen und grüßte militärisch; neben ihm Jeetze, der das Zimmer zu verlassen zögerte. „Bleib nur," sagte Berndt, der das Zögern des Alten wohl verstand, „Du willst auch wissen wie es steht. Du liebst ihn auch .. . Ach, wer uicht?" Und dabei strich er sich leis und verstohlen über Stirn und Augen. Dann erst trat er auf den alten Gerichtsdiener zu und sagte: „Nun, Rysselmann, was bringt Ihr?" — ,,'n Brief vom Herrn Justizrath."
„Gutes d'rin?" Der Alte schwieg. Er konnte nicht ja sagen, und das Nein wollte ihm nicht über die Lippen.
Berndt wog den Brief hin und her, den er sich zu öffnen scheute, denn jetzt mußte es sich entscheiden. Er musterte den Alten, einmal, zweimal, und fand zuletzt, daß er alles in allem nicht aussah wie einer, der eine Todesnachricht bringe. „Ich will den Brief lesen — aber allein. . .. Und dann noch eins, Rysselmann; wißt Ihr..." — „Ja, gnädiger Herr, eins weiß ich."
„Und?" — „Der junge Herr lebt."
„Des alten Vitzewitz Händen entfiel der Brief, und seine Lippen flogen. Er konnte nicht sprechen. Als er sich wieder gefaßt hatte, trat er auf Jeetze zu, legte feine Hand auf des alten Dieners Schulter und sagte, während er ihn in freudiger Erregung schüttelte: „Hast Du es gehört, Alter? Er lebt! Und nun sorge mir für Rysselmann. Er hat uns Gutes gebracht, bringe ihm wieder Gutes. Nein, bringe ihm das Beste. Hier Haft Du den Schlüssel; unten links, wo der spanische liegt. Hole ihm eine Flasche, mein alter Jeetze. Und Du sollst mittrinken. Hast Du es gehört? Er lebt!"
Jeetze küßte seinem Herrn die Hand, und zitterte und zimperte hin und her. Dann ging er, während Rysselmann ihm folgte. Berndt, als er allein war, öffnete den Brief und überflog ihn. Es war, wie der alte Gerichtsdiener gesagt hatte. Er verließ nun selber das Kabinet, um sich in das Eckzimmer