Stcrzing, eine Sommerfrische am Brenner.
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ist durch die nähere Umgebung wie durch die Fernblicke aus die Gipfel östlich von Sterzing, Amthorspitze und so weiter einerseits, und ins Ridnaunthal, Jaufenthal und aus die vergletscherten Hochgipsel der Stu- baiergruppe, Sonklarspitze, Zuckerhütl und Psaff andrerseits überaus lohnend.
Sein Haupt- und Glanzstück aber besitzt Sterzing in der prachtvollen Gülfenklainm, mit der das Thal von Ratschinges ins Ridnaunthal mündet. Wie menschlicher Fleiß in den großen Werkstätten der Sterzinger Marmor- und Porphyrgewerkschaft den seit uralter Zeit für Kunst- und gewerbliche Zwecke verwendeten Ratschinger Marmor meisterhaft verarbeitet und Künstlerhände aus ihn: herrliche Werke geschaffen habeil, so hat die Natur eines der großartigsten Meisterwerke aus den mächtigen Marmorlageru geschaffen, durch die die gähnende Gülfenklainm dem wilden Thalbach von Ratschinges den Weg weist. Von der Fahrstraße, die nach Mareit und Ridnaun führt, zweigt links der Pfad in die Thalschlucht ab, die sich etwa nach einer halben Stunde so verengt, daß die Absperrung der im Privatbesitz befindlichen und von der Alpeuvereiussektion Sterzing zugänglich gemachten Klamm durch ein starkes, an die Felswand angeklebtes Thor möglich ist; eine Holzbrücke überspannt davor den tosenden Bach. Als Entgelt für die Kosten
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Schloß Neifenstein
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Sterzinger Tracht.
Der Zwölserturni in Sterzing.
des Weges ist hier eine Eintrittsgebühr von zwanzig Kreuzern zu erlegen. Nach circa zehn Minuten beginnt die eigentliche Klamm, die in ihrer Eigenart sicher einzig dasteht. Wir kommen an einen kleinen Pavillon, unterdessen Dach eine Quelle aus dem Felsen springt; wenige Schritte davon biegt der schmale Steig in die weißen Marmorwände der Klamm, dann überspannt ein Steg den Spalt und gestattet einen Blick in den kochenden Schlund der „Kirche", in deren Tiefe die brausenden Wasser in doppeltem Strom einen riesigen Strebepfeiler der linksseitigen Wand umtosen. Darüber ist der schauervolle Pfad teils in eine Auskerbung der rechten Felswand, teils ans starken Baumstämmen, die quer in die Spalte eingekeilt sind, hinweggesührt — eine Scenerie, die in ihrer Eigenart ihresgleichen sucht. Dahinter geht's dann auf schwindelnden Treppen und Stegen hoch hinan durch die gewaltige Schlucht bis zum oberen Ausgang, wo sich die flachere Sohle des Ratschingerthals erschließt und unweit thälauswärts der erste Marmorbruch sich befindet. Von hier kann auch der vielbegangene Jaufen- paß erreicht werden, der den Uebergang nach Meran bildet und wohl in absehbarer Zeit durch den Ban einer Fahrstraße eine hohe Verkehrs- und strategische Bedeutung erhalten wird. Dann wird Sterzing noch mehr das Zentrum von Tirol werden, als es jetzt schon ist.