Heft 
(1898) 07
Seite
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Ueöer Land und Weer.

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Lehnstuhl und eine für den kranken Fuß zurecht­gemachte Stellage zurückzuführen.Ich fürchte, daß ich störe."

Ganz im Gegenteil, lieber Stechlin. Mir hoch willkommen. Außerdem Hab' ich strikten Befehl, Sie, eoüte gue eoMe, festzuhalten; Sie wissen, Damen sind groß in Ahnungen, und bei Melusine hat es schon geradezu was Prophetisches."

Woldemar lächelte.

Sie lächeln, lieber Stechlin, und haben recht. Denn daß sie nun schließlich doch gegangen ist (natürlich zu den Berchtesgadens), ist ein Beweis, daß sie sich und ihrer Prophetie doch auch wieder mißtraut. Aber man ist immer nur klug und weise für andre. Die Doktors machen es ebenso; wenn sie sich selber behandeln sollen, wälzen sie die Ver­antwortung von sich ab und sterben lieber durch fremde Hand. Aber was sprech' ich nur immer von Melusine. Freilich, wer in unserm Hause so gut Bescheid weiß wie Sie, wird nichts Ueberraschliches darin finden. Und zugleich wissen Sie, wie's gemeint ist. Armgard ist übrigens in Sicht; keine Zehn Minuten mehr, so werden wir sie hier haben."

Ist sie mit bei der Baronin?"

Nein, Sie dürfen sie nicht so weit suchen. Armgard ist in ihrem Zimmer, und Doktor Wrschowitz ist bei ihr. Es kann aber nicht lange mehr dauern."

Aber ich bitte Sie, Herr Graf, ist die Com- tesse krank?"

Gott sei Dank, nein. Und Wrschowitz ist auch kein Medizindoktor, sondern ein Musikdoktor. Sie haben von ihm rein zufällig noch nicht gehört, weil erst vorige Woche, nach einer langen, langen Pause, die Stunden wieder ausgenommen wurden. Er ist aber schon seit Jahr und Tag Armgards Lehrer."

Musikdoktor? Giebt es deun die?"

Lieber Stechlin, es giebt alles. Also natürlich auch das. Und so sehr ich im ganzen gegen die Doktorhascherei bin, so liegt es hier doch so, daß ich dem armen Wrschowitz seinen Musikdoktor beinah verzeihen muß. Er hat den Titel auch noch nicht lange."

Das klingt ja fast wie 'ne Geschichte."

Trifft auch zu. Können Sie sich denken, daß Wrschowitz aus einer Art Verzweiflung Doktor ge­worden ist?"

Kaum. Und wenn kein Geheimnis..."

Durchaus nicht; nur ein Kuriosum. Wrschowitz hieß nämlich bis vor zwei Jahren, wo er als Klavier­lehrer, aber als ein höherer (denn er hat auch eine Oper komponiert), in unser Haus kam, einfach Niels Wrschowitz, und er ist bloß Doktor geworden, um den Niels auf seiner Visitenkarte los zu werden."

Und das ist ihm auch geglückt?"

Ich glaube ja, wiewohl es immer noch vor­kommt, daß ihn einzelne Niels nennen, entweder aus Zufall oder auch wohl mal aus Schändlichkeit. Und in letzterem Falle sind es immer Kollegen. Denn die Musiker sind die boshaftesten Menschen. In der Regel denkt man, die Prediger und die Schauspieler seien die schlimmsten. Aber weitgefehlt. Die Musiker sind ihnen über. Und ganz besonders schlimm sind die, die die sogenannte heilige Musik machen."

Ich habe dergleichen auch schon gehört," sagte Woldemar.Aber was ist das nur mit Niels? Niels ist doch an und für sich ein hübscher und ganz harmloser Name. Nichts Anzügliches drin."

Gewiß nicht. Aber Wrschowitz und Niels! Er litt, glaub' ich, unter diesem Gegensatz."

Woldemar lachte.Das kenn' ich. Das kenn' ich von meinem Vater her, der Dubslav heißt, was ihm auch immer höchst unbequem war. Und da reichen wohl nicht hundertmal, daß ich ihn wegen dieses Namens seinen Vater habe verklagen hören."

Genau so hier," fuhr der Graf in seiner Er­zählung fort.Wrschowitz' Vater, ein kleiner Kapell­meister an der tschechisch-polnischen Grenze, war ein Niels Gade-Schwärmer, woraufhin er seinen Jungen einfach Niels taufte. Das war nun wegen des Kontrastes schon gerade bedenklich genug. Aber das eigentlich Bedenkliche kam doch erst, als der mehr und mehr ein scharfer Wagnerianer werdende Niels Wrschowitz sich zum direkten Niels Gade-Verächter ausbildete. Niels Gade war ihm der Inbegriff alles Trivialen und Unbedeutenden, und dazu kam noch (wie Amen in der Kirche), daß unser junger

Freund, wenn er als ,Niels Wrschowitz* vorgestellt wurde, mit einer Art Sicherheit der Phrase be­gegnete: ,Niels? Ah, Niels. Ein schöner Name innerhalb unsrer musikalischen Welt. Und hoch er­freulich, ihn hier zum zweiten Male vertreten zu sehen.* All das konnte der arme Kerl auf die Dauer nicht aushalten, und so kam er aus den Gedanken, den Vornamen aus seiner Karte durch einen Doktortitel weg zu eskamotieren."

Woldemar nickte.

Jedenfalls, lieber Stechlin, ersehen Sie daraus zur Genüge, daß unser Wrschowitz, als richtiger Künstler, in die Gruppe Zsns irritabilis gehört, und wenn Armgard ihn vielleicht aufgefordert haben sollte, zum Thee zu bleiben, so bitt' ich Sie herzlich, dieser Reizbarkeit eingedenk zu sein. Wenn irgend möglich, vermeiden Sie Beziehungen auf die ganze skandinavische Welt, besonders auf Dänemark direkt. Er wittert überall Verrat. Uebrigens, wenn man auf seiner Hut ist, ist er ein feiner und gebildeter Mann. Ich Hab' ihn eigentlich gern, weil er anders ist wie andre."

Der alte Graf behielt recht mit seiner Vermutung: Armgard hatte den Doktor Wrschowitz aufgefordert zu bleiben, und als bald nach acht Jeserich eintrat, um den Grafen und Woldemar zum Thee zu bitten, fanden sie beim Eintritt in das Mittelzimmer nicht nur Armgard, sondern auch Wrschowitz vor, der, die Finger ineinander gefaltet, mitten in dem Salon stand und die an der Büffettwand hängenden Bilder mit jenem eigentümlichen Mischausdruck von auf­richtigem Gelangweiltsein und erkünsteltem Interesse musterte. Der Rittmeister hatte dem Grafen wieder seinen Arm geboten; Armgard ging auf Woldemar zu und sprach ihm ihre Freude aus, daß er ge­kommen; auch Melusine werde gewiß bald da sein; sie habe noch zuletzt gesagt:Du sollst sehen, heute kommt Stechlin." Danach wandte sich die junge Comtesse wieder Wrschowitz zu, der sich eben in das von Hubert Herkomer gemalte Bild der verstorbenen Gräfin vertieft zu haben schien, und sagte, während sie gegenseitig vorstellte:Doktor Wrschowitz, Ritt­meister von Stechlin." Woldemar, seiner Instruktion eingedenk, verbeugte sich sehr artig, während Wrscho­witz, ziemlich ablehnend, seinem Gesicht den stolzen Doppelausdruck von Künstler und Hussiten gab.

Der alte Graf hatte mittlerweile Platz genommen, entschuldigte sich, mit der unglücklichen Stellage be­schwerlich fallen zu müssen, und bat die beiden Herren, sich neben ihm niederzulassen, während Armgard, dein Vater gegenüber, an der andern Schmalseite des Tisches saß. Der alte Graf nahm seine Taffe Thee, schob den Cognac,des Thees bessren Teil", mit einem humoristischen Seufzer beiseit und sagte, während er sich links zu Wrschowitz wandte:Wenn ich recht gehört habe, so ein bißchen von musika­lischem Ohr ist mir geblieben, so war es Chopin, was Armgard zu Beginn der Stunde spielte..."

Wrschowitz verneigte sich.

Chopin, für den ich eine Vorliebe habe, wie für alle Polen, vorausgesetzt, daß sie Musikanten oder Dichter oder auch Wissenschaftsmenschen sind. Als Politiker kann ich mich mit ihnen nicht be­freunden. Aber vielleicht nur deshalb nicht, weil ich Deutscher und sogar Preuße bin."

Sehr warr, sehr warr," sagte Wrschowitz, mehr gesinnungstüchtig als artig.

Ich darf sagen, daß ich für polnische Musiker, von meinen frühesten Lieutenantstagen an, eine schwärmerische Vorliebe gehabt habe. Da gab es beispielsweis eine Polonaise von Oginski, die da­mals so regelmäßig und mit so viel Passion gespielt wurde, wie später der Erlkönig oder die Glocken von Speier. Es war auch die Zeit vom ,Alten Feld­herrn* und von ,Denkst du daran, mein tapferer Lagienka*."

Jawohl, Herr Graff, eine schlechte Zeit, eine sentimentale Zeit. Und warr mir immerdarr eine besondere Lust zu sehen, wie das Sentimentale wieder fällt. Immer merr, immer merr. Ich Haffe das Sentimentale äo tont inon eoour.**

Worin ich," sagte Woldemar,Herrn Doktor Wrschowitz durchaus zustimme. Wir haben in der Poesie genau dasselbe. Da gab es früher ebenfalls dergleichen, und ich bekenne, daß ich als Knabe für solche Sentimentalitäten geschwärmt habe. Meine

besondere Schwärmerei war .König Renes Tochter*, von, wenn ich nicht irre, einem gewissen Henrik Hertz, einem jungen Kopenhagens..."

Wrschowitz verfärbte sich, was Woldemar, als er es wahrnahm, zu sofortigem raschen Einlenken bestimmte... . König Renes Tochter, ein lyrisches Drama. Aber, Gott sei Dank, schon seit lange wieder vergessen. Wir stehen jetzt im Zeichen von Tolstoj und der Kreuzersonate."

Sehr warr, sehr warr," sagte der rasch wieder beruhigte Wrschowitz und nahm nur noch Veranlassung, energisch gegen die Mischung von Kunst und Sektierer­tum zu protestieren.

Woldemar, großer Tolstojschwärmer, worin er sich durch Lorenzen geführt und unterstützt sah, wollte für den russischen Grafen eine Lanze brechen, aber Armgard, die, wenn derartige Themata berührt wur­den, der Salonfähigkeit ihres Freundes Wrschowitz arg mißtraute, war sofort aufrichtig bemüht, das Ge­spräch auf harmlosere Gebiete hinüberzuspielen. Als ein solches sriedeverheißendes Gebiet erschien ihr in diesem Augenblicke ganz eminent die Grafschaft Ruppin, aus deren abgelegenster Nordostecke Woldemar eben wieder eingetroffen war, und so sprach sie denn gegen diesen den Wunsch aus, ihn über seine jüngste Reise Bericht erstatten zu sehen.Ich weiß wohl, daß ich meiner Schwester Melusine, die voll Neugier und Verlangen ist, auch davon Zu hören, einen schlechten Dienst damit leiste; Herr von Stechlin wird es aber nicht verschmähen, wenn meine Schwester wieder da ist, darauf zurückzukommen. Es braucht ja, wenn man plaudert, nicht alles absolut neu zu sein. Man darf sich wiederholen. Papa hat auch einzelnes, das er öfter erzählt."

Meine Tochter Armgard," lachte der alte Graf, sagt .einzelnes*, sie meint aber .vieles*."

Nein, Papa, ich meine einzelnes. Da giebt es denn doch ganz andre, Zum Beispiel unser guter Baron. Und die Baronin sieht auch immer weg, wenn er anfängt. Aber lassen wir den Baron und seine Geschichten, und hören wir lieber von Herrn von Stechlins Ansfluge. Doktor Wrschowitz teilt gewiß meinen Geschmack."

Teile vollkommen. Mark Brandenburg wen- disches Vorland, Vorland gegen skandinavisches Nordland."

Also, Herr von Stechlin," fuhr Armgard fort. Sie haben nach diesen Erklärungen unsers Freundes Wrschowitz einen freundlichen Zuhörer mehr, vielleicht sogar einen begeisterten. Auch für Papa möcht' ich mich verbürgen. Wir sind ja eigentlich selber mär­kisch oder doch beinah' und wissen trotzdem so wenig davon, weil wir immer draußen waren. Ich kenne wohl Saatwinkel und den Grunewald, aber das eigentliche brandenburgische Land, das ist doch etwas andres. Es soll alles so romantisch sein und so melancholisch, Sand und Sumpf und im Wasser ein paar Binsen oder eine Birke, dran das Laub zittert. Ist Ihre Ruppiner Gegend auch so?"

Nein, Comtesse, wir haben viel Wald und See, die sogenannte mecklenburgische Seenplatte."

Nun, das ist auch gut. Mecklenburg, wie mir die Berchtesgadens erst neulich versichert haben, hat auch seine Romantik."

Sehr warr. Habe gelesen Stromtid und habe gelesen Franzosentid..."

Und dann glaub' ich auch zu wissen," fuhr Armgard fort,daß Sie Rheinsberg ganz in der Nähe haben. Ist es richtig, und kennen Sie's? Es soll so viel Interessantes bieten. Ich erinnre mich seiner aus meinen Kindertagen her, trotzdem wir damals in London lebten. Oder vielleicht auch gerade deshalb. Denn es war die Zeit, wo das Carlylesche Buch über Friedrich den Großen immer noch in Mode war, und wo's zum guten Ton gehörte, sich nicht bloß um die Terrasse von Sanssouci zu kümmern, son­dern auch um Rheinsberg und den Orden äe la. gsosrosits. Lebt das alles noch da? Spricht das Volk noch davon?"

Nein, Comtesse, das ist alles fort. Und über­haupt, von dem großen König spricht niemand mehr, was auch kaum anders sein kann. Der große König war als Kronprinz nur kurze Zeit da, sein Bruder Heinrich aber fünfzig Jahre. Und so hat die Prinz- Heinrichzeit beklagenswerterweise die Kronprinzenzeit ganz erdrückt. Aber beklagenswert doch nicht in allem. Denn Prinz Heinrich war auch bedeutend