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Weber Land und Meer.
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sie die berühmte Stelle nicht hätten sehen können) und zuletzt von dem Museum und den Wetterfahnen.
Diese waren das, was den alten Grasen am meisten interessierte. „Wetterfahnen, ja, die müssen gesammelt werden, nicht bloß alte Dragoner in Blech geschnitten, sondern auch allermodernste Silhouetten, sagen wir aus der Diplomatenloge. Da kommt dann schon eine hübsche Galerie zusammen. Und wißt ihr, Kinder, das mit dem Museum giebt mir erst eine richtige Vorstellung von dem Alten und eine volle Befriedigung, beinah' mehr noch, als daß ihm Melusine gefallen hat. Ich bin sonst nicht sehr für Sammler. Aber wer Wetterfahnen sammelt, das will doch was sagen, das ist nicht bloß eine gute Seele, sondern auch eine kluge Seele, denn es is da so was drin, wie ein Fingerknips gegen die Gesellschaft. Und wer den machen kann, das ist mein Mann, mit dem kann ich leben."
Man blieb nicht lange mehr beisammen; beide Schwestern, ziemlich ermüdet von der Tagesanstren- gnng, Zogen sich früh zurück, aber ihr Gespräch über Schloß Stechlin und die beiden Geistlichen und vor allem über die Domina (gegen die Melusine heftig eiferte) setzte sich noch in ihrem Schlafzimmer fort.
„Ich glaube," sagte Armgard, „du legst zu viel Gewicht aus das, was du das Aesthetische nennst. Und Woldemar thut es leider auch. Er läßt auf seine Mark Brandenburg sonst nichts kommen, aber in diesem Punkte spricht er beinah' so wie du. Wohin er blickt, überall vermißt er das Schön- heitliche. Das Wenige, was danach anssieht, so klagt er beständig, ist bloß Nachahmung. Aus eignem Trieb heraus wird hier nichts derart geboren."
„Und daß er so klagt, das ist das, was ich so ziemlich am meisten an ihm schätze. Du meinst, daß ich, wenn ich von der Domina spreche, zu viel Gewicht auf diese doch bloß äußerlichen Dinge lege. Glaube nur, diese Dinge sind nicht bloß äußerlich. Wer kein seines Gefühl hat, sei's in Kunst, sei's im Leben, der existiert für mich nicht und für meine Freundschaft und Liebe nun schon ganz gewiß nicht. Da hast du mein Programm. Unser ganzer Gesellschastszustand, der sich wunder wie hoch dünkt, ist mehr oder weniger Barbarei; Lorenzen, von dem du doch so viel hältst, hat sich ganz in diesem Sinne gegen mich ausgesprochen. Ach, wie voraus war uns die Heidenzeit, die wir jetzt so verständnislos bemängeln! Und selbst unser ,dunkles Mittelalter' — es stand schönheitlich höher als wir, und seine Scheiterhaufen, wenn man nicht gleich selbst an die Reihe kam, waren gar nicht so schlimm."
„Ich erlebe noch," lachte Armgard, „daß du 'nen neuen Kreuzzug oder ähnliches predigst. Aber wir sind von unserm eigentlichen Thema ganz abgekommen, von der Domina. Du sagtest, ihre Gefühle widersprächen sich untereinander. Welche Gefühle?"
„Daraus ist leicht Antwort zu geben. Erst beglückwünscht sie sich zu sich selbst, und hinterher ärgert sie sich über sich selbst. Und daß sie das muß, daran sind wir schuld, und das kann sie uns nicht verzeihn."
„Ich würde vielleicht zustimmen, wenn das, was du da sagst, nicht so sehr eitel klänge. . . Sie hat übrigens einen guten Verstand."
„Den hat sie, gewiß, den haben alle hier oder doch die meisten. Aber ein guter Verstand, so viel er ist, ist auch wieder recht wenig und schließlich — ich muß leider zu diesem Berolinismus greisen — ist sie, die gute Domina, nichts weiter als eine Stakete, lang und spitz und nicht mal grüngestrichen."
„Und der Alte? Der wenigstens wird doch vor deiner Kritik bestehn."
„O, der; der ist llors eooeours und geht noch über Woldemar hinaus. Was meinst du, wenn ich den Alten heiratete?"
„Sprich nicht so, Melusine. Ich weiß ja recht gut, wie das alles von dir gemeint ist, Uebermut und wieder Uebermut. Aber er ist doch am Ende noch nicht so steinalt. Und du, so lieb ich dich habe, du bist im stände, dich in solche Kompliziertheiten von Schwiegervater und Schwager, und zwar alles in einem Zu verlieben."
„Jedenfalls mehr als in den, der diese Kompliziertheiten doch erst schaffen soll... Also sei ruhig, freundlich Element."
XXXIII.
Das war in den letzten Dezembertagen; auf Ende Februar hatte man die Hochzeit des jungen Paares festgesetzt. In der Zwischenzeit war seitens des alten Grafen ernsthaft erwogen worden, ob die Trauung nicht auf einen: der Barbyschen Elbgüter stattfinden solle, die Braut selbst aber war dagegen gewesen und hatte mit einer ihr sonst nicht eignen Lebhaftigkeit versichert: sie hänge an der Armee, weshalb sie — ganz abgesehn von ihrem teuren Frommel — die Berliner Garnisonkirche weit vorziehe. Daß diese, nach Ansicht vieler, bloß ein großer Schuppen sei, habe für sie gar keine Bedeutung; was ihr an der Garnisonkirche so viel gelte, das seien die lebendigen Erinnerungen und ein Gotteshaus, drin die Schwerins und die Zietens ständen (und wenn sie nicht drin ständen, so doch ! andre, die kaum schlechter wären) — eine historisch so ! bevorzugte Stelle wäre ihr an ihrem Trautage lieber ! als ihre Familienkirche, trotz der Särge so vieler Barbys ! unterm Altar. Woldemar war sehr glücklich darüber, seine Braut so preußisch-militärisch zu finden, die ! denn auch, als einmal die Zukunft, also die Frage ! nach Verbleib oder Nichtverbleib in der Armee durch- ^ gesprochen wurde, lachend erwidert hatte: „Nein, Woldemar, nicht Abschied; ich bin sehr für Freiheit, aber beinah' mehr noch für Major."
Auf drei Uhr war die Trauung festgesetzt. Schon eine halbe Stunde vorher erschien der Braut- ! wagen und hielt vor dem Schickedanzschen Hause, dessen Flur auszuschmücken, sich die Frau Versicherungssekretärin nicht hatte nehmen lassen. Von der Treppe bis auf das Trottoir hinaus waren zu beiden Seiten Blumenestraden aufgestellt, auf denen die Lieblinge der Frau Schickedanz in einer Schönheit und Fülle standen, als ob es sich um eine Maiblumenausstellung gehandelt hätte. Hinter den Estraden aber hatten alle Hausbewohner Aufstellung genommen, Lizzi, Frau Imme und sämtliche Hartwigs und natürlich auch Hedwig, die, nach ganz kurzem Dienst im Kommerzienrat Seligmannschen Hause, vor etwa acht Tagen ihre Stellung wieder ausgegeben hatte.
„Gott, Hedwig, war es denn wieder so was?"
„Nein, Frau Imme, diesmal war es mehr."
Frommel traute. Die Kirche war dicht besetzt, auch von bloß Neugierigen, die sich, ehe die große Orgel einsetzte, die merkwürdigsten Dinge mitzuteilen hatten. Die Barbys seien eigentlich Italiener aus der Gegend von Neapel, und der alte Gras, was man ihm auch noch ansehn könne, sei in seinen jungen Jahren unter den Carbonaris gewesen; aber mit einem Male Hab' er geschwenkt und sei zum Verräter an seiner heiligen Sache geworden. Und weil in solchen: Falle jedesmal einer zur Vollstreckung der Gerechtigkeit ausgelost würde (was der Gras auch recht gut gewußt habe), Hab' er vorsichtigerweise seine schöne Heimat verlassen und sei nach Berlin gekommen und sogar an den Hof. Und Friedrich Wilhelm IV., der ihn sehr gern gemocht, Hab' auch immer italienisch mit ihm gesprochen."
Das Hochzeitsmahl fand im Barbyschen Hause statt, notgedrungen ea Mit eomito, da das große Mittelzimmer, auch bei geschicktester Anordnung, immer nur etwa zwanzig Personen aufnehmen konnte. Der weitaus größte Teil der Gesellschaft setzte sich aus uns schon bekannten Personen zusammen, obenan natürlich der alte Stechlin. Er war gern gekommen, trotzdem ihn: die Weltabgewandtheit, in der er lebte, den Entschluß anfänglich erschwert hatte. Tante Adelheid fehlte. „Trösten wir uns," sagte Melusine mit einer ihr kleidenden Überheblichkeit. Selbstverständlich waren die Berchtesgaden da, desgleichen Rex und Czako, sowie Cujacius und Wrschowitz. Außerdem ein, behufs Abschluß seiner landwirtschaftlichen Studien, erst seit kurzen: in Berlin lebender junger Baron von Planta, Neffe der verstorbenen Gräfin, zu dem sich des weiteren ein Premierlieutenant von Szilagy gesellte (Freund und früherer Regimentskamerad von Woldemar) und ein vr. Pusch, den die Barbys noch von ihren Londoner Tagen her gut kannten. Dem Brautpaare gegenüber saßen die beiden Väter, beziehungsweise Schwie
gerväter. Da weder der eine noch der andre zu den Rednern zählte, so ließ Frommel das Brautpaar in einem Toaste leben, drin Ernst und Scherz, Christlichkeit und Humor in glücklichster Weise verteilt waren. Alles war entzückt, der alte Stechlin, Frommels Tischnachbar, am meisten. Beide Herren hatten sich schon vorher angesreundet, und als nach Erledigung des offiziellen Toastes das Tischgespräch ganz allgemein in Konversation mit den: Nachbar überging, sahen sich Frommel und der alte Stechlin in Anknüpfung einer intimeren Privatunterhaltung nicht weiter behindert.
„Ihr Herr Sohn," sagte Frommel, „wovon ich mich persönlich überzeugen konnte, wohnt sehr hübsch. Darf ich daraus schließen, daß Sie sich bei ihm einlogiert haben?"
„Nein, Herr Hofprediger. So bei Kindern wohnen ist immer mißlich. Und mein Sohn weiß das auch; er kennt den Geschmack oder meinetwegen auch bloß die Schrullenhaftigkeit seines Vaters, und so hat er mich, was immer das beste bleibt, in einem Hotel untergebracht."
„Und Sie sind da zufrieden?"
„Im höchsten Maße, wiewohl es ein bißchen über mich hinausgeht. Ich bin noch aus der Zeit von Hotel de Brandebourg, gutes altes Hotel, an dem mich immer nur die Französierung ärgerte, — sonst alles vorzüglich. Aber solche Gasthäuser sind, seit wir Kaiser und Reich sind, altmodisch geworden, und so bin ich denn durch meinen Sohn in: Hotel Bristol untergebracht worden. Alles ersten Ranges, kein Zweifel, wozu noch kommt, daß mich der bloße Name schon erheitert, der Name, der neuerdings etwas jeden Mitbewerb beinah' Ausschließendes hat. Als ich noch Lieutenant war, freilich lange her, da mußten alle Witze von Glasbrenner oder von Beckmann sein. Beckmann war erster Komiker, und wenn man in Gesellschaft sagte: ,da hat ja wieder der Beckmann...' so war man mit seiner Geschichte so gut wie 'raus. Und wie damals mit den Witzen, so heute mit den Hotels. Alle müssen ,Bristol' heißen. Ich zerbreche mir den Kopf darüber, wie gerade Bristol dazu kommt. Bristol ist doch nur ein Ort zweiten Ranges, aber Hotel Bristol ist immer prima. Ob es hier Wohl Menschen giebt, die Bristol je gesehn haben? Viele gewiß nicht, denn Schiffkapitäne, die zwischen Bristol und New Jork fahren, sind in unserm guten Berlin doch immer noch Raritäten. Uebrigens darf ich bei allen: Respekt vor meinem berühmten Hotel sagen, unberühmte sind meist interessanter. So zun: Beispiel bayrische Wirtshäuser im Gebirge, wo man eine dicke Wirtin hat, von der es heißt, sie sei mal schön gewesen, und ein Kaiser oder König habe ihr den Hof gemacht. Und dazu dann Forellen und ein Landjäger, der eben einen Wilderer oder Haberfeldtreiber über den stillen See bringt. An solchen Stellen ist es am schönsten. Und ist der See aufgeregt, so ist es noch schöner. Das alles würde mir unser Baron Berchtesgaden, der da drüben sitzt, gewiß gern bestätigen und Sie, Herr Hofprediger, bestätigen es nur schließlich auch. Denn mir fällt eben ein, Sie waren ja mit unserm guten alten Wilhelm, dem letzten Menschen, der noch ein wirklicher Mensch war, immer in Gastein zusammen und viel an seiner Seite. Jetzt hat mau statt des wirklichen Menschen den sogenannten Uebermenschen etabliert; eigentlich giebt es aber bloß noch Untermenschen, und mitunter sind es gerade die, die man durchaus zu Uebermenschen machen will. Ich habe von solchen Leuten gelesen und auch mal einen gesehn. Ein Glück, daß es, nach meiner Wahrnehmung, immer entschieden komische Figuren sind, sonst könnte man verzweifeln. Und daneben unser alter Wilhelm! Wie war er denn so eigentlich, wenn er so still seine Sommertage verbrachte? Können Sie mir was von ihm erzählen? So was, woran man ihn so recht erkennt."
„Ich darf sagen ,ja', Herr von Stechlin. Habe so was mit ihn: erlebt. Eine ganz kleine Geschichte, aber das sind gerade die besten. Da hatten wir mal einen schweren Regentag in Gastein, so daß der alte Herr nicht ins Freie kam, und statt draußen in den Bergen, in seinem großer: Wohnzimmer seinen gewöhnten Spaziergang machen mußte, so gut es eben ging. Unter ihm aber, was er wußte, lag ein Schwerkranker. Und nun denken Sie sich, als ich bei dem guten alten Kaiser eintrete, seh' ich ihn,