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Meß er Land und Weer.
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wie er da lange Läufer und Teppiche Zusammenschleppt und übereinander packt, und als er mein Erstaunen sieht, sagt er mit einem unbeschreiblichen und mir unvergeßlichen Lächeln: ,Ja, lieber Frommel, da unter mir liegt ein Kranker; ich mag nicht, daß er die Empfindung hat, ich trample ihm da so über den Kopf hin. . .' Sehn Sie, Herr von Stechlin, da haben Sie den alten Kaiser."
Dubslav schwieg und nickte. „Wie beneid' ich Sie, so was erlebt zu haben," hob er nach einer Weile an. „Ich kann! ihn auch ganz gut, das heißt in Tagen, wo er noch Prinz Wilhelm war, und dam: oberflächlich auch später noch. Aber seine eigentliche Zeit ist doch seine Kaiserzeit."
„Gewiß, Herr von Stechlin. Es wächst der Mensch mit seinen größern Zwecken."
„Richtig, richtig," sagte Dubslav, „so was schwebte mir auch vor; ich könnt'es bloß nicht gleich finden. Ja, so war er, und so einen kriegen wir nicht wieder. Uebrigens sag' ich das in aller Reverenz. Denn ich bin kein Frondeur. Fronde ist mir gräßlich und paßt nicht für uns. Das heißt, mitunter paßt es auch."
Inzwischen war die siebente Stunde herangekommen und um halb acht ging der Zug, mit dem das junge Paar noch bis Dresden wollte, dieser herkömmlich ersten Etappe für jede Hochzeitsreise nach dem Süden. Man erhob sich von der Tafel, und während die Gäste, bunte Reihe machend, untereinander zu plaudern begannen, Zogen sich Woldemar und Armgard unbemerkt zurück. Ihr Reisegepäck war seit einer Stunde schon voraus, und nun hielt auch der viersitzige Wagen vor dem Barbyschen Hause. Die Baronin und Melusine hatten sich zur Begleitung des jungen Paares bis aus den Bahnhof hinaus miteinander verabredet und nahmen jetzt, ohne daß Woldemar und Armgard es hindern konnten, die beiden Rücksitze des Wagens ein. Das ergab aber, besonders zwischen den zwei Schwestern, eine vollkommene Rang- und Höslichkeitsstreiterei. „Ja, wenn es jetzt in die Kirche ginge," sagte Armgard, „so hättest du recht. Aber unser Wagen ist ja schon wieder ein einfacher Landauer geworden, und Woldemar und ich sind, vier Stunden nach der Trauung, schon wieder ganz gewöhnliche Menschen. Und sich dessen bewußt zu werden, damit kann man nicht früh genug ansangen."
„Armgard, du wirst mir Zu gescheit," sagte Melusine.
Man einigte sich zuletzt, und als der Wagen am Anhalter Bahnhof eintraf, waren Rex und Czako schon da, beide mit Riesensträußen, zogen sich aber unmittelbar nach Überreichung ihrer Bouquets wieder zurück. Nur die Baronin und Melusine blieben noch aus dem Bahnsteig und warteten unter lebhafter Plauderei bis zum Abgänge des Zuges. In dein von dem jungen Paare gewühlten Coups befanden sich noch zwei Reisende; der eine, blond und artig und mit goldener Brille, konnte nur ein Sachse sein, der andre dagegen, mit Pelz und Juchtenkoffer, war augenscheinlich ein „Internationaler" aus dem Osten oder selbst aus dem Südosten Europas.
Nun aber hörte man das Signal, und der Zug setzte sich in Bewegung.
Die Baronin und Melusine grüßten noch mit ihren Tüchern. Dann bestiegen sie wieder den draußen haltenden Wagen. Es war ein herrliches Wetter, einer jener Vorsrühlingstage, wie sie sich gelegentlich schon in: Februar einstellen.
„Es ist so schön," sagte Melusine. „Benutzen wir's. Ich denke, liebe Baronin, wir fahren hier zunächst am Kanal hin in den Tiergarten hinein und dann an den Zelten vorbei bis in Ihre Wohnung."
Eine Weile schwiegen beide Damen; im Augenblick aber, wo sie von dem holprigen Pflaster in den stillen Asphaltweg einbogen, sagte die Baronin: „Ich begreife Stechlin nicht, daß er nicht ein Coups apart genommen."
Melusine wiegte den Kops.
„Den mit der goldenen Brille," fuhr die Baronin fort, „den nehm' ich nicht schwer. Ein Sachse thut keinem was und ist auch kaum eine Störung. Aber der andre mit dem Juchtenkoffer. Er schien ein Russe, wenn nicht gar ein Rumäne. Die arme
Armgard. Nun hat sie ihren Woldemar und hat ihn auch wieder nicht."
„Wohl ihr."
„Aber Gräfin . ."
„Sie sind verwundert, liebe Baronin, mich das sagen zu hören. Und doch hat's damit nur zu sehr seine Richtigkeit; gebranntes Kind scheut das Feuer."
„Aber Gräfin. . ."
„Ich verheiratete mich, wie Sie wissen, in Florenz und fuhr an demselben Abende noch bis Venedig. Venedig ist in einem Punkte ganz wie Dresden: nämlich erste Station bei Vermählungen. Auch Ghi- berti — ich sage immer noch lieber ,Ghiberti' als ,mein Mann'; Mein Mann' ist überhaupt ein furchtbares Wort — auch Ghiberti also hatte sich für Venedig entschieden. Und so hatten wir denn den großen Apennintunnel zu passieren."
„Weiß, weiß. Endlos."
„Ja, endlos. Ach, liebe Baronin, wäre doch da wer mit uns gewesen, ein Sachse, ja selbst ein Rumäne. Wir waren aber allein. Und als ich aus dem Tunnel heraus war, wußt' ich, welchem Elend ich entgegenlebte."
„Liebste Melusine, wie beklag' ich Sie; wirklich, teuerste Freundin, und ganz aufrichtig. Aber so gleich ein Tunnel. Es ist doch auch wie ein Schicksal."
Rex und Czako hatten sich, unmittelbar nach Ueberreichung ihrer Bouquets, vom Bahnhof her in die Königgrätzerstraße zurückgezogen, und hier angekommen sagte Czako: „Wenn es Ihnen recht ist, Rex, so gehen wir bis in das Restaurant Bellevue."
„Tasse Kaffeed"
„Nein; ich möchte gern was Ordentliches essen. Drei Löffel Suppe, 'ne Forelle sn miniaturs und ein Poulardenflügel, — das ist zu wenig für meine Verhältnisse. Rund heraus, ich habe Hunger."
„Sie werden sich zu gut unterhalten haben."
„Nein, auch das nicht. Unterhaltung sättigt übrigens, wenigstens Menschen, die wie ich aufs Geistige gestellt sind. Ein bißchen mag ich aber an meinem elenden Zustande selbst schuld sein. Ich habe nämlich immer nur die Gräfin angesehn und begreife nach wie vor den Stechlin nicht. Nimmt da die Schwester! Er hatte doch am Ende die Wahl. Der kleine Finger der Gräfin (und ihr kleiner Zeh' nun schon ganz gewiß) ist mir lieber als die ganze Comtesse."
„Czako, Sie werden wieder frivol."
XXXIV.
Unter den Hochzeitsgästen hatte sich, wie schon kurz erwähnt, auch ein Iw. Pusch befunden, ein gewandter und durchaus weltmännisch wirkender Herr mit gepflegtem, aber schon angegrautem Backenbart. Er war vor etwa fünfundzwanzig Jahren an der Assessorecke gescheitert und hatte damals nicht Lust gehabt, sich ein zweites Mal in die Zwickmühle nehmen zu lassen. „Das Studium der Juristerei ist langweilig und die Carriere hinterher miserabel" — so war er denn als Korrespondent für eine große rheinische Zeitung nach England gegangen und hatte sich dort aus der deutschen Botschaft einzuführen gewußt. Das ging so durch Jahre. Ziemlich um dieselbe Zeit aber, wo der alte Graf seine Londoner Stellung aufgab, war auch Iw. Pusch wieder flügge geworden und hatte sich nach Amerika hinüber begeben. Er fand das Freie dort freier, als ihm lieb war, und kehrte sehr bald, nachdem er es erst in New Jork, dann in Chicago versucht hatte, nach Europa zurück. Und Zwar nach Deutschland. „Wo soll man am Ende leben?" Unter dieser Betrachtung nahm er schließlich in Berlin wieder seinen Wohnsitz. Er war ungeniert von Natur und ein klein wenig überheblich. Als wichtigstes Ereignis seiner letzten sieben Jahre, galt ihm sein Uebertritt vom Pilsener zum Weihenstephan. „Sehen Sie, meine Herren, vom Weihenstephan zum Pilsener, das kann jeder; aber das Umgekehrte, das ist was. Chinesen werden christlich, gut. Aber wenn ein Christ ein Chinese wird, das ist doch immer noch eine Sache von Belang."
Pusch, als er sich in Berlin niederließ, hatte sich auch bei den Barbys wieder eingeführt; Melusine entsann sich seiner noch, und der alte Graf war froh, die zurückliegenden Zeiten wieder durchsprechen und von Sandrigham und Hatsieldhouse, von Chatsworth und Pembroke-Lodge plaudern zu können.
Eigentlich paßte der etwas weitgehende Ungeniert- heitston, in dem der Doktor seiner Natur wie seiner New Parker Schulung nach zu sprechen liebte, nicht sonderlich zu den Gepflogenheiten des alten Grafen; aber es lag doch auch wieder ein Reiz darin, ein Reiz, der sich schließlich noch verdoppelte durch das, was Pusch aus aller Welt Enden mitzuteilen wußte. Brillanter Korrespondent, der er war, unterhielt er Beziehungen zu den Ministerien und, was fast noch schwerer ins Gewicht siel, auch zu den Gesandtschaften. Er hörte das Gras wachsen. Aus Titulaturen ließ er sich nicht ein; die vielen Telegramme hatten einen gewissen allgemeinen Telegrammstil in ihm gezeitigt, dessen er sich nur ent- schlug, wenn er ins Ausmalen kam. Es war im Zusammenhang damit, daß er gegen Worte wie: „Wirklicher Geheimer Ober-Regierungsrat" einen förmlichen Haß unterhielt. Herzog von Ujest oder Herzog von Ratibor waren ihm, trotz ihrer Kürze, immer noch zu lang, und so warf er denn statt ihrer einfach mit .Hohenlohes' um sich. In der That, er hatte mancherlei Schwächen. Aber diese waren doch auch wieder von eben so vielen Tugenden begleitet. So beispielsweise sah er über alles, was sich an Liebesgeschichten ereignete, mit einer beinah' vornehmen Gleichgültigkeit hinweg, was manchem sehr lieb war. Ob dies Drüberhinsehn bloße Geschästs- maxime war, oder ob er all dergleichen einfach alltäglich und deshalb langweilig fand, war nicht recht festzustellen; er kultivierte dafür mit Vorliebe das Finanzielle, vielleicht davon ausgehend, daß, wer die Finanzen hat, auch selbstverständlich alles andre besitzt, besonders die Liebe.
Das war vr. Pusch. Er schloß sich, als man aufbrach, einer Gruppe von Personen an, die den „angerissenen Abend" noch in einem Lokal verbringen wollten.
„Ja, wo?"
„Natürlich Siechen."
„Ach, Siechen. Siechen ist für Philister."
„Nun denn also, beim .schweren Wagner'."
„Noch philiströser. Ich bin für Weihenstephan."
„Und ich für Pilsener."
Man einigte sich schließlich aus eiu Lokal in der Friedrichstraße, wo man beides haben könne.
Die Herren, die dahin aufbrachen, waren außer Pusch noch der junge Baron Planta, dann Cujacius und Wrschowitz und abschließend Premierlieutenant von Szilagy, der, wie schon angedeutet, früher bei den Gardedragonern gestanden, aber wegen einer großen Generalbegeisterung für die Künste, das Malen und Dichten obenan, schon vor etlichen Jahren seinen Abschied genommen hatte. Mit seinen Genrebildern war er nicht recht von der Stelle gekommen, weshalb er sich neuerdings der Novellistik zugewandt und einen Sammelband unter dein bescheidenen Titel „Lsltis xsrsmM" veröffentlicht hatte. Lauter kleine Liebesgeschichten.
Alle fünf Herren, mit alleiniger Ausnahme des jungen Graubündner Barons, waren von Anfang an ziemlich aufgeregt und jeder ihnen Zuhörende hätte sofort das Gefühl haben müssen, daß hier viel Explosionsstoff aufgehäuft sei. Trotzdem ging es zunächst gut; Wrschowitz hielt sich in Grenzen, und selbst Cujacius, der nicht gern andern das Wort ließ, freute sich über Puschs Schwadronage, vielleicht weil er nur das heraushörte, was ihm gerade paßte.
Lieutenant von Szilagy — man kam vom Hundertsten aufs Tausendste — wurde bei den Fragen, die hin und her gingen, von ungefähr auch nach seinem Novellenbande gefragt und ob er Freude daran gehabt habe.
„Nein, meine Herren," sagte Szilagy, „das kann ich leider nicht sagen. Ich habe Isltw xsrsnrüs auf eigne Kosten Herstellen lassen und hundertzehn Rezensionsexemplare verschickt, unter Beilegung eines Zettels; der ist denn auch von einigen Zeitungen abgedruckt worden, aber nur von ganz wenigen. Im übrigen schweigt die Kritik."
„O, Krittikk," sagte Wrschowitz. „Ich liebe Krittikk. Aber gutte Krittikk schweigt."
„Und doch," fuhr Szilagy fort, der sich in dem etwas delphischen Ausspruch des guten Wrschowitz nicht gleich zurecht finden konnte, „doch sind diese schmerzlichen Gefühle nichts gegen das, was vorausgegangen. Ich unterhielt nämlich vor Erscheinen des Buchs die Hoffnung in mir, einige dieser kleinen
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