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Arbeiten in einem Parteiblatt und, als dies mißlang, in einem Familienjonrnal unterbringen Zu können. Aber ich scheiterte..."
„Ja, natürlich scheiterten Sie," sagte Pusch, „das spricht für Sie. Lassen Sie sich sagen und raten, denn ich weiß in diesen Dingen einigermaßen Bescheid. War nämlich drüben, ja ich dars beinah' sagen, ich war doppelt drüben, erst drüben in England und dann drüben in Amerika. Da versteht man's. Ja, du lieber Himmel, dies bedruckte Löschpapier! Man lebt davon, und es regiert die Welt. Aber, aber. Und dabei, wenn ich recht gehört habe, sprachen Sie von Parteiblatt, — furchtbar. Und dann sprachen Sie von Familienjournal, — zweimal furchtbar!"
„Haben Sie selbst Erfahrungen gemacht auf diesem schwierigen Gebiete?..."
„Nein, Herr von Szilagy, so ties ließ mich die Gnade nicht sinken. Aber ich treibe mein Wesen über dem Strich, und wenn man so Wand an Wand wohnt, da weiß man doch einigermaßen, wie's bei dem Nachbar aussieht. Ach, und außerdem, wie so mancher hat mir sein Herz ausgeschüttet und seine liebe Not geklagt! Wer's nicht leicht nimmt, der ist verloren. Roman, Erzählung, Kriminalgeschichte. Jeder, der der großen Masse genügen will, muß ein Loch zurückstecken. Und wenn er das redlich gethan hat, dann immer noch eins. Es giebt eine Normalnovelle. Tiefverschuldeter adeliger Assessor und ,Sommerlieutenant', liebt Gouvernante von so stupender Tugend, daß sie, wenn geprüft, selbst darin bestehen würde. Plötzlich aber ist ein alter Onkel da, mit der Absicht, den halb entgleisten Neffen an eine reiche Cousine standesgemäß zu verheiraten. Höhe der Situation! Drohendster Konflikt. Aber in diesem bedrängten Moment entsagt die Cousine nicht nur, sondern vermacht ihrer Rivalin auch ihr Gesamtvermögen. Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch. . . Ja, Herr von Szilagy, wollen Sie damit konkurrieren?"
Alles stimmte zu; nur Baron Planta meinte: „Di-. Pusch, Pardon, aber ich glaube beinah', Sie übertreiben. Und Sie wissen es auch."
(Fortsetzung folgt.)
Alphonse DauöeL ft.
Tode entrafften Alphonse Daudet ist einer jener großen französischen Meister der Erzählungsknnst dahingegangen, die mit ihren Werken einschneidend in die Entwicklung des Romans unsrer Zeit eingegriffen haben. In der Gruppe der Schriftsteller, die wir vielleicht nicht ganz richtig die „modernen Naturalisten" nennen, nahm er seine Stelle zunächst bei Zola ein, der nun mit dem in Deutschland wenig bekannt gewordenen Jorris Karl Huysmnns der letzte Ueberlebende von ihnen ist.
Wie Zola stammte Alphonse Daudet aus dem Süden. Er war am 13. Mai 1840 in Nimes als der Sohn eines Kaufmanns geboren. Im Jahre 1857 kam er zusammen mit seinem Bruder Ernest, der sich gleichfalls als Schriftsteller einen geachteten Namen erworben hat, nach Paris, nur dort sein Glück zu suchen. In dem im Jahre 1888 erschienenen Buche „Trenle ans äe Laris" erzählt er in humoristischer Weise, in welcher Stimmung er der Heimat den Rücken gekehrt. Er war, nachdem er das Lycenn: zu Lyon besucht, zuletzt Klaffenaufseher am College zu Sarlande gewesen und hatte sich durch einige unüberlegte Streiche in dieser Stellung unmöglich gemacht. Er war kaum siebzehn Jahre alt und sein Herz so leicht wie seine Tasche; mehr als zufrieden, den Scherereien entlaufen zu sein, von denen ein armer „piou" bedrückt wird, wollte er ein großer Dichter werden nnd sich durch seine Feder eine Lebensstellung erringen. So rasch, wie er es sich gedacht, wollte das nicht gehen, doch kam er vorwärts. An-
Martyrs" hatte. Diese Brauerei war der Tummelplatz der litterarischen „Boheme" jener Zeit. Da erschien vor allem Murger, wie Daudet ihn nennt, „der Homer der Welt, die ihm ihre Entdeckung verdankte", dann Charles Beaudelaire und viele andre „den ^ai^ons" und wackere Kumpane des freihändigen Litteratentums, die aber fast alle ihr lustiges Leben in etwas trauriger Weise beendet haben. In seinen „Trents uns" meint Daudet: „Jetzt giebt es keine Boheme mehr; die Männer der Feder sind in Paris jetzt so philisterhast nnd respektabel, wie sie es nur irgendwo sein können. Sie leben in eleganten Landhäusern vor der Stadt, bezahlen ihre Schneiderrechnungen
Ueber Land und Weer.
und würden, wenn sie keine Franzosen wären, allsonntäglich zur Kirche gehen." Es ist das entschieden eine Wendung zum Bessern, wie denn auch Daudet, der seinem Wesen nach nichts weniger als ein „Bohemien" war, ausdrücklich daraus hinweist, daß aus einen Murger oder Beaudelaire
allen Fehlern und Lastern von solchen, doch ohne den genialen Zug, der die wenigen Auserwählten kennzeichnete, so daß das Ende derjenigen, die schließlich zu den besseren Gefilden hinübergingen, oft genug ebensoviel Erbärmliches wie Tragisches an sich hatte.
Immerhin beschleicht einen beim Lesen der Daudetschen Lebenserinnerungen unwillkürlich ein gewisses Mitgefühl mit dem fröhlichen Lumpenvölkchen, wie es vor einem Menschen- nlter zusammenkam, sein Pfeifchen rauchte, sein Glas Bier trank, sich in der zweideutigsten weiblichen Gesellschaft bewegte und ohne Unterlaß von seiner „Kunst" schwätzte.
Daudet fand um so leichter den Ausweg aus diesen Kreisen heraus zu einer mehr geregelten Lebensbahn, als es ihm glückte, als Sekretär in den Dienst des Herzogs von Morny zu treten, der sein Talent erkannte und in liberaler Weise zu fördern suchte. Der angehende Dichter fand auf diese Weise Gelegenheit, Studienreisen nach Italien, Aegypten und dein Orient zu machen. Später wurde Daudet dem Kabinett des Herzogs von Morny attachiert und blieb in dieser Stellung bis zum Jahre 1865. Während des Krieges mit Deutschland ließ er sich in ein Marschbataillon einreihen und nahm an mehreren Gefechten in der Nähe des belagerten Paris teil. Als seinem Bruder Erneste im Jahre 1873 die Leitung des „Journal officiel" übertragen worden war, trat er gleichfalls in die Redaktion dieses amtlichen Organs ein und übernahm die Theaterkritik. Mehr nnd mehr jedoch wandte er sich freier schriftstellerischer Thätigkeit zu, der er auch bis an sein Ende treu geblieben ist.
Bekundete Daudet auch gleich in seinen ersten Veröffentlichungen ein ungewöhnliches dichterisches Talent, so vermochte er sich doch nicht gleich Anerkennung zu verschaffen ; selbst der treffliche Roman „Wunderbare Abenteuer des Tartarin von Tarnscon" mit seinen feinen humoristischen und satirischen Bezügen ging verhältnismäßig unbeachtet vorüber. Erst der Roman „Oe xetile ellose" („Der kleine Dingsda") lenkte die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf ihn. Einen vollen und großen Erfolg bedeutete darauf der von der Pariser Akademie mit einem Preise gekrönte Sensationsroman „Fromont junior und Risler senior" (1876, im gleichen Jahre auch deutsch erschienen). Jedes neue Werk des aufstrebende!: französischen Romanciers war hinfort gleichbedeutend mit einein litterarischen Ereignis. In rascher Folge entstanden von 1876 an „Jack", „Der Nabob", „Die Könige im Exil", „Sappho" und „Der Unsterbliche". Einer späteren Schaffenszeit gehören an „Tartarin in den Alpen" und „Port Tarascon". Für die Bühne schrieb Dandet eine Reihe von Lust- nnd Schauspielen, wie „Life Tavernier" und „Das Mädchen von Arles", ebenso dramatisierte er die Romane „Fromont junior" und „Jack", doch war er aus diesem Gebiete nicht sonderlich glücklich, am wenigsten in dem Schauspiel „Das Hindernis", in dem er sich parodistisch gegen Ibsen und dessen dichterische Schaffensweise wandte.
Daudet giebt uns die Geschichte seiner bis 1886 entstandenen Werke in seiner autobiographischen Skizze mit ebenso viel Freimut wie Genauigkeit. Keiner, der die besseren seiner Arbeiten kennt, wird erstaunt sein, wenn der Dichter selbst sich mehr Beobachtungstalent als Erfindungsgabe znschreibt. Er gesteht ein, daß nur sehr wenig bei ihm aus freier Erfindung beruht. Was er beschreibt, das hat er in den ineisten Fällen auch vor Augen gehabt. Er studiert das „menschliche Dokument" mit der Exaktheit eines wissenschaftlichen Forschers, er photographiert seine Umgebung und bringt dann das Ganze in ein Buch, dabei nur hie und da bezüglich der Namen und Nebenumstände eine leichte Aenderung treffend. Der alte Risler und der junge Fromont sind Persönlichkeiten, die wirklich gelebt haben. Der Elsässer (den er zu einem Schweizer gemacht hat) war eine Jugenderinnerung des Dichters. Delobelle und Sidonie waren Gestalten aus seiner nächsten Umgebung. Der Held des „Jack" hat einen Sommer gemeinschaftlich mit ihm verlebt. Tartarin allerdings, die beste von Dau- dets Gestalten, ist freie Erfindung, doch ist der Dichter freimütig und liebenswürdig genug, zuzugestehen, daß er, als er seine erste größere Reise machte und sich irr Algier dein Sport der Löwenjagd hingab, selbst so eine Art von Tartarin gewesen ist.
Es gehört wesentlich zu Daudets Methode, Scenen und Episoden des wirklichen Lebens mit einer Naturtrene wiederzugeben, die selbst von Zola nicht übertroffen wird. Gleich Dickens , mit dem er sich gerne vergleichen hörte, liebte er es, sich tage- und wochenlang unerkannt unter den Heimstätten der „Enterbten der Gesellschaft" umher- zntreiben. Wie man es den besseren der zeitgenössischen französischen Schriftsteller zu ihrem Ruhme nachsagen muß, nimmt er es stets durchaus ernst mit seiner Aufgabe. Es mag sich viel gegen den modernen französischen Roman einwenden lassen, das aber kann niemand in Abrede stellen, daß seine Urheber mit ganzem Herzen bei der Sache sind und weder Zeit noch Arbeit scheuen. In dieser Hin
sicht kann es nur als der Nachfolge würdig hingestellt werden, wie sorgfältig Daudet zu Werke ging, und was für eine schwere Vorarbeit er zu leisten hatte, bevor er seinen „Jack" niederzuschreiben begann. Er verbrachte Wochen auf der Loire-Insel Jndret, trieb sich in den Werkstätten umher, fuhr Tag und Nacht den Fluß hinauf nnd herunter und unterhielt sich mit den Arbeitern, Schiffern und Bauern, dabei gewissenhaft das Ergebnis seiner Beobachtungen und Erfahrungen zu Papier bringend. Dann stellte er ähnliche Beobachtungen unter der Arbeiterbevölkerung von Paris an. Die eigentliche Ausarbeitung des Buches nahm ein volles Jahr angestrengter Thätigkeit in Anspruch, und sie würde noch länger gewährt haben, wenn der Verfasser nicht vertragsmäßig verpflichtet gewesen wäre, das Werk vor Ablauf des genannten Zeitraums zur Veröffentlichung in einer Zeitschrift abzuliefern. Diese Verpflichtung, sagt er, sei er eingegangen, um einen stichhaltigen Grund zur Bekämpfung des tyrannischen Verlangens nach „Nachbesserung" zu haben, das den Künstler zu beständigem Ausfeilen und Ausglätten treibt und ihn nicht selten zwingt, eine einzige Zeile zwanzigmal in andrer Fassung niederzuschreiben. Es würde interessant sein, zu erfahren, wie viele der heutigen Romanverfertiger das Bedürfnis empfinden, gegen eine derartige Schwäche anzukümpfen.
Dandet hat sich indes nicht umsonst diese Mühe gegeben. Die Romane seiner späteren Schaffensweise werden möglicherweise mit dem Niedergange der Moderichtung, der sie ihre Entstehung verdanken, an Interesse einbüßen, doch wird diese Einbuße sich jedenfalls nur auf ihren Stoff beschränken. Daudets vornehmer und anschaulicher Stil und die lebendigen Bilder des Lebens aus der Zeit des zweiten französischen Kaiserreichs werden ihm aller Voraussicht nach eine der ersten Stellen unter den französischen Schriftstellern der nachromantischen Epoche sichern. Es sind seit dem Aufkommen der „neuen" Richtung wenige Romane geschrieben worden, die eine gleiche Meisterschaft wie „Risler senior und Fromont junior" zu erkennen geben.
In Deutschland namentlich wird das Andenken an den französischen Romancier nicht so leicht nntergehen. Der Zug des Gemütvollen, der sich nebst dein eines liebenswürdigen Humors durch alle seine Werke zieht, heimelt den deutschen Leser unwillkürlich an. Auch den: jüngsten Werke des Dichters, das wir nunmehr als seinen Schwanengesang zu bezeichnen vermögen, dem Roman „Die Stütze der Familie", werden diese Züge nachgerühmt. Wie die
beginnenden neuen Jahrgang der im Verlage der Deutschen Verlags-Anstalt erscheinenden Halbmonatsschrift „Ans fremden Zungen" in unmittelbarem Anschluß an Emile Zolas neuen Roman „Paris" zur Veröffentlichung kommen. G. Hoff.
Giovanni Segantini.
den hervorragendsten Malern, die das moderne Italien hervorgebracht, zählt unstreitig Giovanni Segantini, der „Maler der Alpen", wie seine Landsleute ihn nennen, ein Talent von entschiedener Eigenart, das selbständig seine Wege zu wandeln gelernt hat nnd durch das strenge Studium der Natur dem Idealismus entgegengeführt worden ist, wie es ähnlich bei den Meistern Arnold Boecklin, Hans Thoma und Puys de Chnvanne der Fall gewesen.
Eine treffliche Studie über den italienischen Künstler hat in dem letzten Doppelhefte (5 und 6) der von 1)r. Maßner geleiteten Zeitschrift „Die graphischen Künste" (Wien, Gesellschaft für vervielfältigende Kunst) der französische Essayist William Ritter veröffentlicht. Wir entnehmen derselben neben den beiden Abbildungen, die wir bringen, folgende Einzelheiten über das Leben nnd den Entwicklungsgang des Künstlers.
Giovanni Segantini wurde 1858 in Arco geboren, als dieses noch unter österreichischer Herrschaft stand. Seine Eltern wurden vom Mißgeschick verfolgt und starben, als er kaum die ersten Lebensjahre hinter sich hatte. Der verwaiste Knabe geriet unter die Obhut fremder Leute und wuchs, als er in sein siebentes Jahr ging, als Schweinehirt in einem kleinen Dorfe in der Nähe von Mailand auf. Als solcher sollte er seine Umgebung durch die Entfaltung der ihm eignen Begabung in Staunen setzen. Die Bauern des Dorfes fanden den kleinen Giovanni eines Tages in Betrachtung eines Felsens versunken, auf den: er mit einen: Stückchen Kohle in leicht wiederzuerkennender Weise das schönste Schwein seiner Herde gezeichnet hatte — er wurde im Triumph in das Dorf zurückgeführt. Dem so plötzlich entdeckten Talente sollte es an Unterstützung nicht fehlen. Giovanni erhielt die Mittel, die Kunstschule in Mailand zu beziehen, und brachte sich in der Folge, Unterricht empfangend und solchen erteilend, selbständig weiter fort. Ein befreundeter Droguenhändler verschaffte ihm die ersten Oel- sarben, damit er ihn: einen Zuckerhnt und ähnliche Eß- ivaren an seinen Kramladen male. Sein erstes Bild malte er, da er keine Leinwand hatte, auf ein bereits benutztes Pergament. Es war der Chor der Kirche San Antonio, lieber dieses Werk, bei dem Segantini die ganze beleuchtete Partie nach den Gesetzen der prismatischen Lichtbrechung