Heft 
(1898) 15
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Arbeiten in einem Parteiblatt und, als dies miß­lang, in einem Familienjonrnal unterbringen Zu können. Aber ich scheiterte..."

Ja, natürlich scheiterten Sie," sagte Pusch, das spricht für Sie. Lassen Sie sich sagen und raten, denn ich weiß in diesen Dingen einiger­maßen Bescheid. War nämlich drüben, ja ich dars beinah' sagen, ich war doppelt drüben, erst drüben in England und dann drüben in Amerika. Da ver­steht man's. Ja, du lieber Himmel, dies bedruckte Löschpapier! Man lebt davon, und es regiert die Welt. Aber, aber. Und dabei, wenn ich recht gehört habe, sprachen Sie von Parteiblatt, furchtbar. Und dann sprachen Sie von Familienjournal, zweimal furchtbar!"

Haben Sie selbst Erfahrungen gemacht auf diesem schwierigen Gebiete?..."

Nein, Herr von Szilagy, so ties ließ mich die Gnade nicht sinken. Aber ich treibe mein Wesen über dem Strich, und wenn man so Wand an Wand wohnt, da weiß man doch einigermaßen, wie's bei dem Nachbar aussieht. Ach, und außerdem, wie so mancher hat mir sein Herz ausgeschüttet und seine liebe Not geklagt! Wer's nicht leicht nimmt, der ist verloren. Roman, Erzählung, Kriminal­geschichte. Jeder, der der großen Masse genügen will, muß ein Loch zurückstecken. Und wenn er das redlich gethan hat, dann immer noch eins. Es giebt eine Normalnovelle. Tiefverschuldeter adeliger Assessor und ,Sommerlieutenant', liebt Gouvernante von so stupender Tugend, daß sie, wenn geprüft, selbst darin bestehen würde. Plötzlich aber ist ein alter Onkel da, mit der Absicht, den halb entgleisten Neffen an eine reiche Cousine standesgemäß zu ver­heiraten. Höhe der Situation! Drohendster Kon­flikt. Aber in diesem bedrängten Moment entsagt die Cousine nicht nur, sondern vermacht ihrer Rivalin auch ihr Gesamtvermögen. Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch. . . Ja, Herr von Szilagy, wollen Sie damit kon­kurrieren?"

Alles stimmte zu; nur Baron Planta meinte: Di-. Pusch, Pardon, aber ich glaube beinah', Sie übertreiben. Und Sie wissen es auch."

(Fortsetzung folgt.)

Alphonse DauöeL ft.

Tode entrafften Alphonse Daudet ist einer jener großen französischen Meister der Erzählungsknnst dahin­gegangen, die mit ihren Werken einschneidend in die Ent­wicklung des Romans unsrer Zeit eingegriffen haben. In der Gruppe der Schriftsteller, die wir vielleicht nicht ganz richtig diemodernen Naturalisten" nennen, nahm er seine Stelle zunächst bei Zola ein, der nun mit dem in Deutsch­land wenig bekannt gewordenen Jorris Karl Huysmnns der letzte Ueberlebende von ihnen ist.

Wie Zola stammte Alphonse Daudet aus dem Süden. Er war am 13. Mai 1840 in Nimes als der Sohn eines Kaufmanns geboren. Im Jahre 1857 kam er zu­sammen mit seinem Bruder Ernest, der sich gleichfalls als Schriftsteller einen geachteten Namen erworben hat, nach Paris, nur dort sein Glück zu suchen. In dem im Jahre 1888 erschienenen BucheTrenle ans äe Laris" erzählt er in humoristischer Weise, in welcher Stimmung er der Heimat den Rücken gekehrt. Er war, nachdem er das Lycenn: zu Lyon besucht, zuletzt Klaffenaufseher am College zu Sarlande gewesen und hatte sich durch einige unüberlegte Streiche in dieser Stellung unmöglich gemacht. Er war kaum siebzehn Jahre alt und sein Herz so leicht wie seine Tasche; mehr als zufrieden, den Scherereien entlaufen zu sein, von denen ein armerpiou" bedrückt wird, wollte er ein großer Dichter werden nnd sich durch seine Feder eine Lebensstellung erringen. So rasch, wie er es sich ge­dacht, wollte das nicht gehen, doch kam er vorwärts. An-

Martyrs" hatte. Diese Brauerei war der Tummelplatz der litterarischenBoheme" jener Zeit. Da erschien vor allem Murger, wie Daudet ihn nennt,der Homer der Welt, die ihm ihre Entdeckung verdankte", dann Charles Beaudelaire und viele andreden ^ai^ons" und wackere Kumpane des freihändigen Litteratentums, die aber fast alle ihr lustiges Leben in etwas trauriger Weise beendet haben. In seinenTrents uns" meint Daudet:Jetzt giebt es keine Boheme mehr; die Männer der Feder sind in Paris jetzt so philisterhast nnd respektabel, wie sie es nur irgendwo sein können. Sie leben in eleganten Land­häusern vor der Stadt, bezahlen ihre Schneiderrechnungen

Ueber Land und Weer.

und würden, wenn sie keine Franzosen wären, allsonntäglich zur Kirche gehen." Es ist das entschieden eine Wendung zum Bessern, wie denn auch Daudet, der seinem Wesen nach nichts weniger als einBohemien" war, ausdrücklich daraus hinweist, daß aus einen Murger oder Beaudelaire

allen Fehlern und Lastern von solchen, doch ohne den genialen Zug, der die wenigen Auserwählten kennzeichnete, so daß das Ende derjenigen, die schließlich zu den besseren Ge­filden hinübergingen, oft genug ebensoviel Erbärmliches wie Tragisches an sich hatte.

Immerhin beschleicht einen beim Lesen der Daudetschen Lebenserinnerungen unwillkürlich ein gewisses Mitgefühl mit dem fröhlichen Lumpenvölkchen, wie es vor einem Menschen- nlter zusammenkam, sein Pfeifchen rauchte, sein Glas Bier trank, sich in der zweideutigsten weiblichen Gesellschaft be­wegte und ohne Unterlaß von seinerKunst" schwätzte.

Daudet fand um so leichter den Ausweg aus diesen Kreisen heraus zu einer mehr geregelten Lebensbahn, als es ihm glückte, als Sekretär in den Dienst des Herzogs von Morny zu treten, der sein Talent erkannte und in liberaler Weise zu fördern suchte. Der angehende Dichter fand auf diese Weise Gelegenheit, Studienreisen nach Italien, Aegypten und dein Orient zu machen. Später wurde Daudet dem Kabinett des Herzogs von Morny attachiert und blieb in dieser Stellung bis zum Jahre 1865. Während des Krieges mit Deutschland ließ er sich in ein Marschbataillon einreihen und nahm an mehreren Gefechten in der Nähe des belagerten Paris teil. Als seinem Bruder Erneste im Jahre 1873 die Leitung desJournal officiel" übertragen worden war, trat er gleichfalls in die Redaktion dieses amtlichen Organs ein und übernahm die Theater­kritik. Mehr nnd mehr jedoch wandte er sich freier schrift­stellerischer Thätigkeit zu, der er auch bis an sein Ende treu geblieben ist.

Bekundete Daudet auch gleich in seinen ersten Ver­öffentlichungen ein ungewöhnliches dichterisches Talent, so vermochte er sich doch nicht gleich Anerkennung zu ver­schaffen ; selbst der treffliche RomanWunderbare Abenteuer des Tartarin von Tarnscon" mit seinen feinen humoristi­schen und satirischen Bezügen ging verhältnismäßig un­beachtet vorüber. Erst der RomanOe xetile ellose" (Der kleine Dingsda") lenkte die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf ihn. Einen vollen und großen Erfolg bedeutete darauf der von der Pariser Akademie mit einem Preise gekrönte SensationsromanFromont junior und Risler senior" (1876, im gleichen Jahre auch deutsch erschienen). Jedes neue Werk des aufstrebende!: französischen Romanciers war hinfort gleichbedeutend mit einein litterarischen Ereignis. In rascher Folge entstanden von 1876 anJack",Der Nabob",Die Könige im Exil",Sappho" undDer Un­sterbliche". Einer späteren Schaffenszeit gehören anTar­tarin in den Alpen" undPort Tarascon". Für die Bühne schrieb Dandet eine Reihe von Lust- nnd Schau­spielen, wieLife Tavernier" undDas Mädchen von Arles", ebenso dramatisierte er die RomaneFromont junior" undJack", doch war er aus diesem Gebiete nicht sonder­lich glücklich, am wenigsten in dem SchauspielDas Hindernis", in dem er sich parodistisch gegen Ibsen und dessen dichterische Schaffensweise wandte.

Daudet giebt uns die Geschichte seiner bis 1886 ent­standenen Werke in seiner autobiographischen Skizze mit ebenso viel Freimut wie Genauigkeit. Keiner, der die besseren seiner Arbeiten kennt, wird erstaunt sein, wenn der Dichter selbst sich mehr Beobachtungstalent als Erfindungs­gabe znschreibt. Er gesteht ein, daß nur sehr wenig bei ihm aus freier Erfindung beruht. Was er beschreibt, das hat er in den ineisten Fällen auch vor Augen gehabt. Er studiert dasmenschliche Dokument" mit der Exaktheit eines wissenschaftlichen Forschers, er photographiert seine Um­gebung und bringt dann das Ganze in ein Buch, dabei nur hie und da bezüglich der Namen und Nebenumstände eine leichte Aenderung treffend. Der alte Risler und der junge Fromont sind Persönlichkeiten, die wirklich gelebt haben. Der Elsässer (den er zu einem Schweizer gemacht hat) war eine Jugenderinnerung des Dichters. Delobelle und Sidonie waren Gestalten aus seiner nächsten Umgebung. Der Held desJack" hat einen Sommer gemeinschaftlich mit ihm verlebt. Tartarin allerdings, die beste von Dau- dets Gestalten, ist freie Erfindung, doch ist der Dichter freimütig und liebenswürdig genug, zuzugestehen, daß er, als er seine erste größere Reise machte und sich irr Algier dein Sport der Löwenjagd hingab, selbst so eine Art von Tartarin gewesen ist.

Es gehört wesentlich zu Daudets Methode, Scenen und Episoden des wirklichen Lebens mit einer Naturtrene wiederzugeben, die selbst von Zola nicht übertroffen wird. Gleich Dickens , mit dem er sich gerne vergleichen hörte, liebte er es, sich tage- und wochenlang unerkannt unter den Heimstätten derEnterbten der Gesellschaft" umher- zntreiben. Wie man es den besseren der zeitgenössischen französischen Schriftsteller zu ihrem Ruhme nachsagen muß, nimmt er es stets durchaus ernst mit seiner Aufgabe. Es mag sich viel gegen den modernen französischen Roman einwenden lassen, das aber kann niemand in Abrede stellen, daß seine Urheber mit ganzem Herzen bei der Sache sind und weder Zeit noch Arbeit scheuen. In dieser Hin­

sicht kann es nur als der Nachfolge würdig hingestellt werden, wie sorgfältig Daudet zu Werke ging, und was für eine schwere Vorarbeit er zu leisten hatte, bevor er seinenJack" niederzuschreiben begann. Er verbrachte Wochen auf der Loire-Insel Jndret, trieb sich in den Werk­stätten umher, fuhr Tag und Nacht den Fluß hinauf nnd herunter und unterhielt sich mit den Arbeitern, Schiffern und Bauern, dabei gewissenhaft das Ergebnis seiner Be­obachtungen und Erfahrungen zu Papier bringend. Dann stellte er ähnliche Beobachtungen unter der Arbeiterbevölke­rung von Paris an. Die eigentliche Ausarbeitung des Buches nahm ein volles Jahr angestrengter Thätigkeit in Anspruch, und sie würde noch länger gewährt haben, wenn der Verfasser nicht vertragsmäßig verpflichtet gewesen wäre, das Werk vor Ablauf des genannten Zeitraums zur Ver­öffentlichung in einer Zeitschrift abzuliefern. Diese Ver­pflichtung, sagt er, sei er eingegangen, um einen stichhaltigen Grund zur Bekämpfung des tyrannischen Verlangens nach Nachbesserung" zu haben, das den Künstler zu beständigem Ausfeilen und Ausglätten treibt und ihn nicht selten zwingt, eine einzige Zeile zwanzigmal in andrer Fassung nieder­zuschreiben. Es würde interessant sein, zu erfahren, wie viele der heutigen Romanverfertiger das Bedürfnis empfin­den, gegen eine derartige Schwäche anzukümpfen.

Dandet hat sich indes nicht umsonst diese Mühe gegeben. Die Romane seiner späteren Schaffensweise werden möglicher­weise mit dem Niedergange der Moderichtung, der sie ihre Entstehung verdanken, an Interesse einbüßen, doch wird diese Einbuße sich jedenfalls nur auf ihren Stoff beschränken. Daudets vornehmer und anschaulicher Stil und die leben­digen Bilder des Lebens aus der Zeit des zweiten fran­zösischen Kaiserreichs werden ihm aller Voraussicht nach eine der ersten Stellen unter den französischen Schriftstellern der nachromantischen Epoche sichern. Es sind seit dem Aufkommen derneuen" Richtung wenige Romane geschrieben worden, die eine gleiche Meisterschaft wieRisler senior und Fromont junior" zu erkennen geben.

In Deutschland namentlich wird das Andenken an den französischen Romancier nicht so leicht nntergehen. Der Zug des Gemütvollen, der sich nebst dein eines liebens­würdigen Humors durch alle seine Werke zieht, heimelt den deutschen Leser unwillkürlich an. Auch den: jüngsten Werke des Dichters, das wir nunmehr als seinen Schwanen­gesang zu bezeichnen vermögen, dem RomanDie Stütze der Familie", werden diese Züge nachgerühmt. Wie die

beginnenden neuen Jahrgang der im Verlage der Deutschen Verlags-Anstalt erscheinenden HalbmonatsschriftAns fremden Zungen" in unmittelbarem Anschluß an Emile Zolas neuen RomanParis" zur Veröffentlichung kommen. G. Hoff.

Giovanni Segantini.

den hervorragendsten Malern, die das moderne Italien hervorgebracht, zählt unstreitig Giovanni Segan­tini, derMaler der Alpen", wie seine Landsleute ihn nennen, ein Talent von entschiedener Eigenart, das selbständig seine Wege zu wandeln gelernt hat nnd durch das strenge Studium der Natur dem Idealismus entgegengeführt worden ist, wie es ähnlich bei den Meistern Arnold Boecklin, Hans Thoma und Puys de Chnvanne der Fall gewesen.

Eine treffliche Studie über den italienischen Künstler hat in dem letzten Doppelhefte (5 und 6) der von 1)r. Maßner geleiteten ZeitschriftDie graphischen Künste" (Wien, Gesellschaft für vervielfältigende Kunst) der fran­zösische Essayist William Ritter veröffentlicht. Wir ent­nehmen derselben neben den beiden Abbildungen, die wir bringen, folgende Einzelheiten über das Leben nnd den Entwicklungsgang des Künstlers.

Giovanni Segantini wurde 1858 in Arco geboren, als dieses noch unter österreichischer Herrschaft stand. Seine Eltern wurden vom Mißgeschick verfolgt und starben, als er kaum die ersten Lebensjahre hinter sich hatte. Der ver­waiste Knabe geriet unter die Obhut fremder Leute und wuchs, als er in sein siebentes Jahr ging, als Schweinehirt in einem kleinen Dorfe in der Nähe von Mailand auf. Als solcher sollte er seine Umgebung durch die Entfaltung der ihm eignen Begabung in Staunen setzen. Die Bauern des Dorfes fanden den kleinen Giovanni eines Tages in Betrachtung eines Felsens versunken, auf den: er mit einen: Stückchen Kohle in leicht wiederzuerkennender Weise das schönste Schwein seiner Herde gezeichnet hatte er wurde im Triumph in das Dorf zurückgeführt. Dem so plötzlich entdeckten Talente sollte es an Unterstützung nicht fehlen. Giovanni erhielt die Mittel, die Kunstschule in Mailand zu beziehen, und brachte sich in der Folge, Unterricht em­pfangend und solchen erteilend, selbständig weiter fort. Ein befreundeter Droguenhändler verschaffte ihm die ersten Oel- sarben, damit er ihn: einen Zuckerhnt und ähnliche- ivaren an seinen Kramladen male. Sein erstes Bild malte er, da er keine Leinwand hatte, auf ein bereits benutztes Pergament. Es war der Chor der Kirche San Antonio, lieber dieses Werk, bei dem Segantini die ganze beleuchtete Partie nach den Gesetzen der prismatischen Lichtbrechung