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Ueöer «Land und Meer.
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Me Kungersteine.
Boman
Gertrud Aranke-Schieveköeiu.
(Fortsetzung.)
^77» m nächsten Tag war Hubert unterwegs. In AM) dumpfem Grübeln saß er auf der harten Holzbank in dem überfüllten Coupe. Die Hitze war trotz der frühen Morgenstunde erdrückend. Durch alle Ritzen drang der Staub der ausgedörrten Erde. Dicke Wolken von Tabaksdunst lagerten über den Köpfen.
Es wurde viel hin und her geredet. Die Dürre, die Futternot, das hungernde Vieh, das in den Ställen jammervoll brüllte, das Elend der Bauern und Pächter gab einen unerschöpflichen Stoff.
Trotz der Menschen, die so dicht um ihn saßen, daß er sich kaum rühren konnte, war Hubert allein. Die große Einsamkeit fing an ihre Kreise um ihn zu ziehen. Die schwatzenden, plappernden, wichtig- thuenden Leute mit ihren kleinen Sorgen — es war gar nicht, als wären sie seinesgleichen. So fremd fühlte er sich ihnen. So gleichgültig ließ ihn das, was sie erregte.
Immer wieder fielen ihm die Augen zu, nach einer fast ganz schlaflos verbrachten Nacht. Eine Nacht, so furchtbar, wie er sie noch nicht erlebt hatte.
Was gestern geschehen war, welche Möglichkeiten er vielleicht heraufbeschworen hatte in einem Augenblick der Selbstvergessenheit, — unfaßbar, unausdenkbar! Er hätte sich Züchtigen, quälen, zerstören mögen in wilder Selbstverachtung.
Wo blieb sein Mut, seine stolze, siegesgewisse Kraft, sein glühendes Selbstvertrauen? All seine kühnen Pläne für sein Leben?
Klein war er heut, ganz klein. Hätte Karl Wedekind ihn so sehn können, vor dem er gestern noch geprahlt — er hätte seinen Augen nicht getraut.
In halber Bewußtlosigkeit dämmerte er so hin. Manchmal ein kurzes Vergessen im Schlaf. Dann wieder ganz plötzlich, scharf und klar, stand alles vor ihm. Der Zorn auf sich selbst quoll auf und griff ihm würgend an die Kehle. Ihm folgte die Angst, die siedendheiß über ihn herlief und seinen Körper mit Schweiß bedeckte.
Hatte er darum so lange und allmählich die alten Bande zu lösen gesucht, um im Augenblick der Befreiung sich selbst von neuem zu fesseln?
Was half es ihm, daß er jetzt in die Welt hineinfuhr, daß der vorwärtsrasende Zug Meile auf Meile zwischen sie legte? Johanna hielt ihn fest. Er wurde niemals frei. Er war verloren!
Und doch war's wohlthuend, dies Vorwärtsstürmen zu fühlen. Dies Rumpeln und Poltern, dies taktmäßige Summen und Hämmern, das dem eiligen Kriechen eines riesigen Tausendfüßlers glich, war doch Bewegung. Und es flog draußen an den Fenstern allerlei vorbei, Wälder und Dörfer und weite Felder. Wenn er dachte, daß er jetzt zu Hause sitzen müsse, in den alten vier Wänden, und das Klopfen des Schusters anhören — und in dieser Umgebung diese Gedanken — nein, es war doch Erlösung, Glück in allem Elend, daß er so scheinbar sich selbst und seiner Vergangenheit entrinnen konnte.
Jetzt donnerte der staubbedeckte, keuchende schwarze Wurm mit hohlem Getöse über eine Brücke. Eine lebhafte Aufregung bemächtigte sich der Mitreisenden. Sie standen auf, drängten sich an die Fenster, reckten die Hälse und äußerten Erstaunen, Bedauern, Schreck und Sorge in den mannigfaltigsten Formen.
Erst als jemand ihm einen heftigen Stoß versetzte und sich wortreich entschuldigte, fuhr Hubort aus seiner Teilnahmlosigkeit aus und sah mit starren Augen um sich.
„Wir sind nämlich bei Riesa, mein guter Herr. Und da sind nämlich die Hungersteine zu sehn," sagte die freundliche Stimme eines kleinen Mannes, der Hubert gegenübersaß. „Nee, so was! Das glaubt man gar nicht. Und kommt bloß alle Jubeljahr mal vor."
Und nun kannegießerten sie alle eifrig durcheinander und hatten so viel mit sich und dem großen Ereignis zu thun, daß sie Hubert nicht weiter beachteten.
Der sah mit seltsamen Gefühlen auf die Landschaft hinab. Hier hatte er ein paar Jahre seiner Kindheit verbracht. Hierher hatte das wechselvolle Leben seinen Vater verschlagen. Er sah den knorrigen Menschen vor sich, der nie seine rauhe ostelbische Heimat vergessen konnte und dem geschmeidigen Sachsenvölkchen feindselig und unverständlich blieb. Immer hatte er hart gekämpft, um sich über Wasser zu halten. Aber das Hungerjahr dreiundsiebzig hatte ihn arm gemacht. Bald darauf war er gestorben.
Er dachte an seine Schwester Anna und an seinen Knabenstreich. Damals waren die Hungersteine plötzlich vor ihm aufgetaucht wie eine furchtbare Warnung: Wenn ihr mich wiedersehet, werdet ihr weinen!
Und da lagen sie wieder vor ihm, nackt und kahl, gleißend in einer erbarmungslosen Sonne.
Jetzt, jetzt hatte auch er sein tiefstes Niveau erreicht.
Und brennendheiß fühlte er's in seine Augen steigen.
II.
Still im stillen Geländ' rinnen die Bäche. Aber schranken-zertrümmernd.
Bald ebbend,
Bald flutend.
Der Konsul Berghauer war nach zweijähriger Abwesenheit zurückgekehrt und hatte in Berlin noch einmal Station gemacht.
Im „Kaiserhof", wo er immer logierte, war in dem zu seinen Räumen gehörigen kleinen Salon ein Tisch für zwei gedeckt. Verheißungsvoll ragten ein paar Flaschenhälse aus dem Weinkühler empor. Das feine Porzellan, Glas und Silberzeug glänzten im Schein der Aprilsonne, die eben nach einer tüchtigen Husche wieder hervorgekommen war. Und Herr Professor Fritz Tappert, alias „ Onkel Uebrigens", zog mit Hilfe des Kellners seinen nassen Paletot aus, streifte die Gummischuhe von den Füßen und schüttelte seinem Vetter, übers ganze Gesicht strahlend, die Hand.
„Uebrigens ein ungemein glücklicher Zufall, lieber Wilhelm, daß mich meine dogmatischen Studien gerade jetzt in die Reichshauptstadt geführt haben," sagte er voll Pathos. „Da Hab' ich also das Vergnügen, euch ein paar Tage früher — äh — begrüßen zu können. Uebrigens," — und er sah mit Bedauern, daß nur zwei Gedecke aufgelegt waren — „wo sind deine Töchter?"
„Na, kommen schon noch," meinte der Konsul jovial, drückte den Vetter auf seinen Platz nieder und gab dem Kellner einen Wink, aufzutragen. „Sind noch in der Stadt, sboxpinA, glaub' ich, oder sehn sich irgend was an. Bitte, bediene dich!"
Der Professor, der eben die Serviette auseinan- dersaltete, hielt erschrocken inne. „Allein —? In der Stadt? Aber lieber Wilhelm!"
„Was denn?" fragte der Konsul ganz unschuldig, das Kinn behaglich auf die gefalteten Hände gestützt. „Werden doch nicht unter 'nen Wagen kommen, die großen Mädels. Und was sollt' ihnen denn sonst passieren?"
Der Professor beugte sich über den Tisch und flüsterte — der Kellner trat eben mit den Austern ein — hinter der vorgehaltenen Hand: „Diese Unsittlichkeit hier! Denke dir, mich hat gestern abend eine Person angesprochen —"
Berghauer verbiß ein Lächeln. Der Ton der tiefsten Empörung, mit dem der gute „OnkelUebrigens" von diesem Attentat berichtete, war drollig genug. „Ja, so was kommt vor," schmunzelte der Konsul, einschenkend. „Na, probier mal. Die Marke kann ich dir empfehlen."
Die Gegenwart des Kellners, der, jedes Winks gewärtig, im Hintergründe stand, verbot jede intimere Unterhaltung. Berghauer erzählte auch so interessant und mit so vielem Humor allerlei Reise-Erlebnisse, daß Onkel Fritz ihn mit Vergnügen reden ließ. Ueberdies wär's ihm beinahe wie eine Sünde erschienen, wenn er den herrlichen Gottesgaben, die sein Vetter auftragen ließ, nicht volle Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Er war durchaus kein Asket und lobte den Schöpfer, indem er sich dankbar seiner Werke freute. So ein Fasan zum Beispiel... Und solche Morcheln... Onkel Fritz war fast feierlich gestimmt.
Endlich war man bei der Zigarre. Der Kellner stellte ein brennendes Licht vor jeden, fragte nach
weiteren Befehlen und verschwand auf ein Zeichen Berghauers lautlos wie ein Schatten.
Nun wurde die Unterhaltung vertraulich. Allerlei Persönliches kam aufs Tapet. Berghauer hatte viel zu fragen über Dresdener Verhältnisse. Manches war geschehen in den zwei Jahren, Geburt und Tod, Glück und Unglück, mancher war emporgekommen durch einen günstigen Umstand, einen andern hatte es hinabgerissen.
Berghauer war's, als diese Summe menschlicher Schicksale an ihm vorüber zog, als säh' er aus das bewegte Meer. Hoch und tief, scheinbar regellos und doch gesetzmäßig, in ewigem Wechsel und doch ewig gleich, wälzte das Leben seine Wogen.
„Uebrigens muß ich gestehn," fuhr der Professor dozierend fort, „ich bin ganz erstaunt über diesen
— äh — Hubert Schwarz. Er ist ja wohl derselbe, den du damals gewissermaßen protegiert hast?"
„Freilich!" rief Berghauer. „Hab' ichs nicht gesagt? Na, meine Protektion hat der nicht mehr nötig."
Der Professor setzte ein Zweifelndes, gutmütig überlegenes Lächeln auf. „Es scheint ja. Indessen
— man weiß, wie so ein — äh — Tagesruhm gemacht wird."
„Gemacht? Wer sollt' denn dem Schwarz seinen Ruhm gemacht haben?"
„Freunde. . . Koterien... das hängt ja alles zusammen wie Schwefel und Pech, hebt sich gegenseitig in den Himmel, macht Geschrei —"
„Der nicht," sagte Berghauer ruhig. „Der stand ganz allein. Und wenn er durchgedrungen ist, allen Schikanen und Machenschaften zum Trotz, so schwer, so mühsam, aber so sieghaft, wie das Gute allemal durchdringt — "
„Nicht allemal, lieber Wilhelm. Meine ersten Bücher sind vor dreißig Jahren erschienen. Wer kauft sie? Wer spricht von ihnen? Während dieser Schwarz nach einem einzigen glücklichen Wurf überall bekannt ist, überall genannt wird —"
„Ja, mit den wissenschaftlichen Sachen!" begütigte Berghauer. „Das ist ja Kaviar fürs Volk. Uebrigens, (ich kann ja auch mal ,übrigens' sagen) mit dem ,auf einmal', das sieht doch bloß so aus. Das bricht bloß so ,auf einmal' ans Licht, wie die Blüte am Apfelbaum, hat aber schon lange dringesteckt und rumort in den braunen Aesten. Der Saft ist gestiegen und gestiegen. Die schwerste, wichtigste, undankbarste Arbeit, die geschieht immer ganz still und heimlich. Kein Mensch ahnt was. Aber wenn die Zeit gekommen und alles eine Blüte ist, dann rennen sie hin und wundern sich und wollen's nicht glauben. Na, siehst du, der Hubert Schwarz, der blüht jetzt auch."
„Ja, er blüht. Wir haben auf einmal einen neuen Propheten. Gestern hieß er Wildenbruch oder Sudermann. Morgen heißt er — Gott weiß wie. Und immer dies blöde, blinde Gejohle, dies Abgöttereitreiben mit kleinen Talenten. Als wenn wir Goethe nicht gehabt hätten und Schiller!"
„Na, wart's doch ab. Wer weiß, was die Leute in fünfzig Jahren über den Schwarz schreiben, wenn sie die ganze ,Ernte' beisammen haben von dem Apfelbaum. Hast du, apropos, sein Stück gesehn?"
„Unerfreulich!" sagte der Professor achselzuckend. „Einfach unbegreiflich, daß das schön sein soll!"
Berghauer lächelte. „Er ist hervorgerufen worden?"
„Ja. Und benahm sich wie — mich ärgerte sein Gesicht. Affektiert. Ruhig. Finster. Nicht wie ein Mensch, der voll gerührter Dankbarkeit den Jubel des vollen Hauses entgegennimmt."
„So," sagte Berghauer mit milder Ironie, „bedanken soll er sich auch noch?"
„Ich dächte!"
„Da könnt' sich ja auch das Karnickel bedanken, das sie zur Ehre der Wissenschaft bei lebendigem Leibe zerschneiden."
„Aber lieber Wilhelm!"
„Sieh mal, 's ist nämlich beinahe dieselbe Geschichte. Bloß daß so ein armer Skribifex sein eigner Vivisektor ist. Die Vorsehung, scheint's, setzt so ein unglückliches menschliches Versuchstier extra in die Welt, damit es alles, was der Zeit wehthut, an sich selber spürt und — nota bene — beschreiben kann."
Der Professor hob abwehrend die Hände.
„Und siehst du," fuhr Berghauer unbeirrt fort,