Heft 
(1898) 16
Seite
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Aeöer Land und Weer.

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Da haben Sie mich aber schauderhaft mysti­fiziert, gnädiges Fräulein!"

Aber wieso denn? Dachten Sie, ich würde noch backfischiger wiederkommen, als ich fortgegangen bin?"

Sieschrieben doch, Sie wären noch ganz die Alte!"

Die bin ich auch. Und nun geben Sie mir nur die schöne Bonbonniere. Lotte hat die pracht­vollen Rosen bekommen. Und ich werde doch nicht leer ausgehen sollen?"

Ein edler Wettstreit entstand. Karl Wedekind wollte den Damen alles mögliche tragen helfen, was sie entweder selber behalten oder einem Bahnbediensteten übergeben wollten. Und während sie noch Kompli­mente machten, stieß Berghaner, der inzwischen nach dem Gepäck gesehen hatte, wieder zu der Gruppe.

Bitte, Doktor, bleiben Sie einstweilen mit dem Kobold da im Wartesaal. Es ist eine Verwechslung passiert mit den Koffern. Lolo, du kennst ja unsre Sachen genauer. Komm mit, beschreibt den Leuten."

Er war im nächsten Augenblick wieder ver­schwunden, und Lotte folgte ihm. Karl Wedekind und Kläre schlugen den Weg nach den Wartesälen ein und nahmen dort in einer Fensterecke Platz.

Nun, und dem Hubert geht's gut?" war Karls erste Frage.

Kläre wurde es ein bißchen schwül ums Herz.

Ja, dem geht's gut," sagte sie kleinlaut.Hat der ein Glück gemacht!"

Nicht wahr?" rief er, übers ganze Gesicht er­glänzend vor Stolz und Liebe.Und wie sieht er denn aus? Ist er denn jetzt recht vergnügt? Sie wissen ja, dazu hatte er kein großes Talent."

O ja, er war sehr vergnügt. Ganz ungeheuer vergnügt."

Karl Wedekind rieb sich vergnügt die Hände.

Ich hab's ja gewußt. So ein Kopf! Und so ein eiserner Wille! Der mußte ja durchdringen. Und passen Sie mal auf, an dem erlebt die Welt noch was!"

Der armen Kläre wurde trotz ihres glücklichen Leichtsinns immer banger ums Herz. Aber endlich mußte es heraus.

Das Neueste wissen Sie noch nicht," sagte sie und knüpfte die Fransen der blau und rot gewürfelten Tischdecke zusammen.

Was denn?" fragte er in freudiger Erwartung.

Daß er glücklicher Bräutigam ist."

Bräutigam?" sagte Karl so langgedehnt, als wär's die höchste Absurdität, ein solches Wort in Verbindung mit Hubert Schwarz zu nennen.Sie scherzen," setzte er dann erleichtert hinzu.

Aber warum?"

Weil es" Er kaute an seiner Lippe. War's die schwache Beleuchtung des Raumes? Ihr schien's, als sähe er fahl, beinahe grünlich aus.Es wäre eine. . . nein... ich würde den Glauben an die Menschheit verlieren..."

Was fällt Ihnen denn ein?" fragte Kläre un­sicher.Sie thun ja, als wär's ein Verbrechen, wenn Hubert Schwarz sich"

Es wäre," murmelte er vor sich hin das junge Geschöpf neben sich hatte er offenbar in der Verwirrung ganz vergessen, eine Infamie wär's... Fräulein Kläre!" rief er plötzlich, ihre Hand so verzweifelt drückend, daß sie einen leisen Schrei aus­stieß;nicht wahr, ich bin Ihnen immer ein will­kommener Gegenstand für Ihre Scherze gewesen... wegen meiner Leichtgläubigkeit..." Sie sah, wie ihm die Schweißtropfen aus die Stirn traten, und in seinen Augen lag eine wahre Todesangst.

Herr Doktor," sagte Kläre, nun auch ganz blaß, aber bestrebt, sich eine gewisse Haltung zu geben,Sie dürfen so was gar nicht... nein! Das ist ja eine Beleidigung gegen... Papa., . und Lotte..."

Ihr war so himmelangst, daß sie ganz verzweifelt nach der Thür blickte. Gott im Himmel! Wurde sie denn nicht bald erlöst?

AH-!" machte Karl Wedekind nach einer Weile.

Jetzt verstand er. Und nun bewunderte Kläre, wie ruhig er plötzlich war und wie vollkommen be­herrscht sein Glückwunsch klang. Ja, er lachte sogar, als er fragte:Da Hab'ich mir Wohl beinahe Injurien zu schulden kommen lassen im ersten Schreck?"

Aber gehörige!" Sie atmete ein bißchen auf. Das kann ich gar nicht wiederholen, was Sie alles gesagt haben."

Lieber Gott, ich meinte natürlich ... in künst­

lerischer Hinsicht. .. sein Talent... Wenn er da irgend ein Gänschen.. . oder ein armes Ding ... aber so, das ist ja herrlich..."

Als jetzt der Konsul und Lotte eintraten, sprach Doktor Wedekind seine Freude über das frohe Er­eignis so unbefangen aus, daß alle sich täuschen ließen.

Ruhig und ganz Kavalier, begleitete er sie zu ihrem Wagen, auf dem die Koffer schon angeschnallt waren, schloß den Schlag und ging, als die Pferde anzogen, in der entgegengesetzten Richtung davon.

Kläre sah ihm nach.Mein Gott," sagte sie,er taumelt ja. Fast als hätte er ein Glas zu viel getrunken."

Dummes Zeug!" brummte Berghauer.

Warum Hab' ich denn auch die Kastanien aus dem Feuer holen müssen?"

Kastanien?"

Ach!" Kläre sagte nichts mehr. Aber als sie Karl Wedekind so einsam seines Weges gehen sah, kam sie ein ihr selbst unerklärliches Mitleid an.

Eine Viertelstunde später hielt der Wagen vor der Villa, und das Dienstpersonal, das im höchsten Staat an der Thür ausgepflanzt war, begrüßte die heimkehrende Herrschaft.

Kläre hatte recht gesehen. Mit seltsam schlingern­den Schritten hatte Karl sich entfernt. Als der Zwang der Konvention nicht mehr wirkte, der ihm noch eine gewisse Straffheit verliehen hatte, verlor er die Herrschaft über seine Muskeln ganz. Bei jedem Schritt war's ihm, als thöt. der Boden sich vor ihm auf.

Er warf sich endlich in eine der Droschken, die am Bahnhof hielten. Aber er vergaß, dem Manne seine Adresse anzugeben, und benahm sich beim Be­zahlen so seltsam zerstreut, daß der biedere Rosselenker einen kränkenden Verdacht nicht unterdrücken konnte.

In der Schreiberstube kam ihm sein Bnreau- vorsteher, ein langer junger Mensch, höflich entgegen und erstattete ihm Bericht über einige Klienten, die inzwischen dagewesen waren. Die beiden Schreiber, magere, kleine Burschen.-noch halbe Kinder, kritzelten eifrig fort.

Die Wände des einfachen Zimmers waren von ihnen mit allerlei Holzschnitten aus Journalen be­klebt, was immerhin einen gewissen rohen Schönheits­sinn verriet. Bis an die Decke hinauf standen an mehreren Stellen die Pappkästen mit den Akten, Mappen und die notwendigen Handbücher.

Karl hörte mit halbem Ohr Zu, murmelte dann, schon im Weitergehen, daß er jetzt nicht gestört zu werden wünsche, und betrat endlich erleichtert sein eignes Zimmer. Die Thür schloß er hinter sich zu.

Aus dem großen eichenen Schreibtisch, der, wie die ganze Einrichtung, einfach und gediegen war, lag ein Häuflein von Briefen, die mit der Nachmittags­post während seiner Abwesenheit gekommen waren.

Er nahm sie gewohnheitsmäßig aus, so ungeheuer gleichgültig es ihm auch in dem Augenblick war, was die Leute ihm zu schreiben hatten. Auf einmal aber durchfuhr ihn eine heftige Bewegung. Huberts Handschrift! Und ganz verändert, mit zitternden, hastigen Fingern, nahm er den Brief an sich und Zog sich in seine kleine Privatwohnung zurück: Stube und Schlafzimmer, die neben den beiden Bureau­räumen lagen.

Hier auf dem behaglichen Kassettensosa aus­gestreckt, über dem ein Wandbrett mit Humpen und Krügen sich hinzog las er die beiden eng beschrie­benen Bogen kaum ein Brief, eher ein Selbst­bekenntnis. Kurze Sätze, sentenzenartig. Keine Über­schrift:Ich habe mich gestern mit Charlotte Berg­hauer verlobt. Johanna war natürlich die erste, die's erfuhr. Dir, guter Kerl, gebe ich die Nachricht mit ein paar Kommentaren.

Ich weiß, Du tadelst mich, wenn der Ausdruck nicht noch zu milde ist. Unsre letzte Unterredung steht mir noch Wort für Wort im Gedächtnis.

Vielleicht findest Du in meinem Entschluß sogar etwas Verbrecherisches.

Für Dich giebt es nur eine Frage: die ethische. Und darin bist Du schon beinahe ein wunderlicher Heiliger. In der glücklichen, nur auf diesen einen Ton gestimmten Harmonie Deiner Natur vermagst Du Dich schwer in die Seele eines Menschen zu ver­setzen, in dem mehrere Kräfte, gleich stark oder doch ähnlich stark, um die Oberhand ringen.

Du bist aus innerstem Beruf Rechtsanwalt. In Deiner unerschütterlichen Güte siehst Du in den

Sündern nur Opfer der Gesellschaft, der Verhältnisse und ihrer eignen, mißleiteten Natur.

Nicht um mich zu verteidigen das brauch' ich nicht bloß um Dir's leichter zu machen, drüber wegzukommen, gebe ich Dir ein paar Momente an die Hand. Vielleicht absolvierst Du mich, wenn Du zu Ende gelesen hast.

Wir alle folgen dem Gesetz der Entwicklung, wie das Samenkorn, das zum Baum wird, wie das Insekt, das in den mannigfaltigsten Lebensformen vor unserm Auge erscheint.

Wir sind andre, wenn wir mit Behagen an unsrer Mutter Brust trinken, andre, wenn uns der Bart wächst oder wenn er wieder grau wird. Und dazwischen diese Uebergangsstufen . . . ewiger Wechsel . . . xanta rllei. Kein Mensch verlangt, daß der Jüngling noch in dem Korbbettchen Platz habe, in dem er in seinen ersten Tagen sich's wohl sein ließ. Kein Mensch verlangt, daß einer, der in Goethe, Plato, Kant zu Hause ist, an ,Herzblättchens Zeit­vertreib'- noch Geschmack finde.

Wer einmal Höhenluft gewohnt ist, hält's in dumpfen, niedrigen Kleinbürgerstuben nicht mehr aus.

Es giebt kein Rückwärts für den Baum, für das Insekt, für den Menschen. Am wenigsten für den Künstler.

Alles geschieht aus innerer Notwendigkeit. Am meisten aber an die Natur gebunden ist das Talent.

Talent ist Verhängnis. Eiserner Zwang. So gut sich die Gläubigen haben foltern und verbrennen lassen, um ihre unsterbliche Seele zu retten, so gut läßt das Talent sich ans Kreuz schlagen, trägt es Qual, Entbehrung, bürgerlichen Tod, damit sein höchstes Gut unversehrt bleibe.

Du lachst? Ihr alle lacht. Ihr glaubt es nicht. Auch die arme Johanna glaubt es nicht.

Und wenn ich sage, ich habe sie nicht beraubt, ich bewahre ihr alles, was ich je für sie gefühlt habe: innige Dankbarkeit, treue brüderliche Freund­schaft, die Erinnerung an ihre Güte, Milde, Liebe so wird sie sich trotzdem beklagen.

Aber ich kann nicht mehr geben, als ich habe. Das ist ein einfaches Nechenexempel. Ich bin in­solvent. Uud deshalb muß sie sich mit einem Teil ihrer Forderung begnügen.

Du siehst nichts von Reue oder Gewissens­bissen. Ich vertrete jeden Augenblick meiner Ver­gangenheit als notwendiges Glied meines Entwicklungs­ganges. Dies sei Dir ein Beweis, daß ich meiner Natur nach das Rechte thue. Mehr kann kein Mensch.

Du wirst sagen: ein seltsamer Brief für einen eben Verlobten. Nach Verliebtheit klingt er nicht.

Nein, ich bin auch nicht verliebt. Für Johanna Hab' ich in der ersten Zeit erotisch empfunden. Charlotte ist mir zu hoch dazu. Ich liebe sie, heilig und ernst wie meine Kunst selber. Höhenluft des Gefühls. Kein Zurück möglich. Es wäre Selbstmord.

Ein ebenbürtiges Weib. Johannen Hab' ich immer nur gegeben. Hier empfange ich. Mit jedem Tage staune ich über neue Offenbarungen. Ich demütige mich vor einer Vollnatur, einem Ganzen.

Und doch ich wäre stumm geblieben bei diesem unverhofften Wiedersehen. Mein Leben ge­hörte meiner Arbeit, meiner Freiheit.

Aber ihr tiefes Auge sagte mir, daß sie mich-liebe.

Da gab es für mich keinen Zweifel, kein Be­sinnen mehr.

Mit einer solchen Gefährtin werde ich das Höchste erreichen. Zudem für einen Schaffenden ist Sorglosigkeit: Freiheit. Keine Lohnarbeit mehr, keine erbärmliche Rücksicht. Nun erst werde ich be­weisen, daß ich handeln mußte, wie ich handelte, um meiner Mission treu zu bleiben.

Auch will ich meinen Frieden machen mit der Gesellschaft. Nicht, daß ich xater xseeavi sage. Aber sie kommt mir entgegen. Ich brauche sie. Und mit den Dreißigern wird man friedfertiger.

Ich könnte mir augenblicklich einreden, ich sei ein reicher Mann. Von allen Seiten fließen die Tantiemen. Es giebt kaum ein halbwegs anstän­diges Theater, das mein Stück nicht brächte. Aber wenn diese Weide abgegrast ist

Ich habe wieder etwas vor. Aus meiner tiefsten Erniedrigung ist mir ein Lustspiel hervorgekeimt.

Aber willstDu's glauben? Ich mißtraue mir seit meinem Erfolg. Dein Freund Hubert Schwarz."

(Fortsetzung folgt.)