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Nützlichkeit und Notwendigkeit von Mnterkuren.
Von
6Dem Publikum, das sich zur Herstellung der Gesundheit <V der Trink- und Badekuren bedient, ist es zum Dogma geworden, daß die einzige geeignete Zeit hierfür in nnserm Klima nur die Monate von Ende April bis in den September hinein seien. In dieser Zeit füllen sich unsre großen und kleinen Bade-Orte mit Hunderttausenden von Hilfesuchenden, und wen Zeitmangel oder Beschränktheit der Mittel an dem Orte seiner Berufsthütigkeit festhalten, der trinkt seinen Karlsbader Sprudel, sein Emser Krönchen, seine Rakoczyguelle und so weiter während dieser Zeit in seinem Wohnort und läuft dort die für die Kur pflichtmäßig vorgeschriebenen Spaziergänge ab. Kommen dann der Spätherbst und der Winter mit ihrem rauhen Wetter, dann wagt höchstens ein ganz besonders Mutiger, seinen frisch erworbenen Rheumatismus durch einige Dampfbäder auszutreiben, oder der reichbemittelte Tuberkulose entflieht an die milderen Küsten des Mittelländischen Meeres. Die andern alle, deren chronischer Krankheitszustand eine Kur als angemessen erscheinen läßt, verschieben die Verwirklichung dieser Pläne auf das nächste Frühjahr. Bis dieses aber kommt, verleben sie sechs bis sieben licht- und lustlose Monate vorwiegend in der trockenen, durch Ofengase und die Verbrennungsprodukte der Lampen verunreinigten Lust unsrer Zimmer; die zur Gesundheit so notwendige Bewegung wird auf die dringlichen Gänge und Besorgungen beschränkt, und wen Neigung oder Verpflichtung zur Pflege einer regen Geselligkeit treiben, der pfropft auf alles dieses noch jene zahlreichen Schädlichkeiten ans, die in dem übermäßigen nächtlichen Ausbleiben und in dem Genüsse ungewohnter Speisen und aufregender Getränke liegen. Beim Eintritt der wärmeren Jahreszeit ist der leidende Stadtmensch dann allerdings im höchsten Grade reif für das Bad, in das er sich begiebt, um da in vier oder sechs Wochen die Havarien der verflossenen elf Monate wieder auszubessern. Oft aber ist es zu spät; Magenoder Lebererkranknngen, unter denen an Gefährlichkeit die Lebercirrhose oder Leberschrumpfung obenan steht, haben oft inzwischen solche Fortschritte gemacht, daß der Verfall binnen wenigen Monaten nicht mehr aufzuhalten ist; und ähnliche Beispiele von nicht wieder gut zu machender Versäumnis ließen sich in großer Menge anführen.
Ist es denn nun wirklich notwendig, derartige Kuren nur im Sommerhalbjahr auszuführen? Der Hauptgrmid, warum man sie in die warme Jahreszeit verlegt, ist die Furcht vor Erkältung. Der nord- und westdeutsche Winter mit seiner um den Nullpunkt herumschwankenden Temperatur, mit seinem Wind- und Patschwetter ist freilich mehr geeignet, Erkältungen zu verursachen als die schöne Winterzeit in den deutschen, südlich der Zentralkette gelegenen Alpenländern mit ihren sonnigen, durch gleichmäßigen Nachtfrost und hohe Mittagstemperaturen ausgezeichneten Tagen. Die Gefahr der Erkältung wird jedoch weit übertrieben; wo sie thatsächlich besteht, beruht sie meistens ans unzweckmäßiger Bekleidung und selbstverschuldeter Verweichlichung.
Schon in der Fußpflege wird von den ineisten Menschen arg gefehlt. Der jahraus jahrein von früh bis Abend in Strümpfen und dicken Lederfntteralen steckende Fuß des Stadtmenschen ist ein so verweichlichtes Ding, daß ungewohnte Kälte und Feuchtigkeit meistens hinreichen, um sofort Schnupfen, Katarrh oder Bronchitis hervorzurusen. Betritt man nun nach stundenlangein ruhigem Sitzen im stark geheizten, mit Teppichen bedeckten, Zimmer, wobei die Blutzirkulntion in den Extremitäten bedeutend herabgesetzt worden ist, die nasse Straße, so dringt erstlich, da es einen durchaus wasserdichten Lederschuh überhaupt uicht giebt, eiu gewisses Maß Feuchtigkeit ein; die durch das Gehen gesteigerte Herzthütigkeit befördert aber die Blutzirkulation, und da das Blut in den Füßen, als in den tiefstgelegenen Teilen des menschlichen Körpers, dem Gesetze der Schwere folgend, die Neigung zum Stocken hat, findet eine mehr oder weniger starke Transpiration statt. Diese Hütte nicht viel zu bedeuten, so lange inan in Bewegung bleibt. Wenn aber dann der Spaziergänger nach Hause znrückkehrt und zu bequem ist, Schuhe und Strümpfe zu wechseln, kommt der Moment der Erkältung. Das von den Strümpfen aufgesogene Wasser verdunstet und entzieht den Füßen so viel Wärme, daß das gefürchtete Uebel ein- tritt. Endlos sind die Klagen über kalte Füße und die sich daraus ergebenden Erkältungen. Sie würden aber in ihrer größten Mehrzahl verschwinden, wenn der häufige Wechsel der Fußbekleidung zur Winterszeit zur stäudigen Gewohnheit würde. Das Gleiche gilt auch von der übrigeil Bekleidung. Die passive Ruhe, der sich die meisten nicht körperlich arbeitenden Menschen hinzugeben pflegen, macht das Herz schwächer schlagen und erhöht das Wärmebedürfnis, dem durch dicke Unterkleider genügt wird. Folgt dann eine reichlichere Bewegung in frischer Luft, so tritt leicht Schweißausbruch ein, der in der oben beschriebenen Weise zur Erkältung führt.
Was Ulan danach zu thun hat, um der fatalen Nei-
Ueöer Land und Meer.
gung zur Erkältung entgegenzuwirken, ist hiermit eigentlich schon gesagt. Außer der richtigen Wahl und dem häufigen Wechsel der Bekleidung und Frottierung der Füße kommt es hauptsächlich auf eine planmäßige Stärkung der Herzkraft an, wie sie durch Zimmergymnastik, Ersteigung mäßiger Anhöhen und so weiter auch für bejahrte Personen erreichbar ist.
Wer sich dergestalt so weit wie möglich gegen Erkältungsgefahr gesichert hat, wird eine Bade- oder Trinkkur, sei es in einem Kurorte, sei es zu Hause, auch im Winter ohne Besorgnis unternehmen können. Speziell die Furcht vor heißen oder Dampfbädern ist — das sei hier zum Tröste unsrer zahllosen Rheumatiker gesagt — unter solchen Umständen eine ganz ungerechtfertigte. Im Gegenteil sind häufig uud mit Vorsicht gebrauchte Dampfbäder durch ihren Wechsel zwischen Wärme und Kälte und in Verbindung mit einer tüchtiger: Massage das beste Mittel, den Körper gegen Temperaturunterschiede widerstandsfähig zu machen nnd den Blutumlauf zu befördern; nur von Herzkrankeil sind solche Bäder zn meiden.
Der Marienbader oder Karlsbader muß ja nicht unbedingt früh um sechs oder sieben Uhr, wenn es bei uns im Winter noch finster ist, getrunken und unmittelbar daraus eine Promenade im Freien gemacht werden. Zweckmäßiger und bequemer ist freilich die Tageseinteilung in den Bade-Orten; wenn man aber unter Auf- und Abwandeln im gewärmten Zimmer sein bestimmtes Quantum Brunnen getrunken hat und dann zu einer günstigen Tagesstunde den obligaten Spaziergang unternimmt, wird man gute
Freiherr Hermann von Loebl,
Was häusliche Kuren, sei es zur Winter- oder Sommerzeit, so oft mißlingen läßt, ist der Umstand, daß der sie in der häuslichen Umgebung brauchende Patient nicht Selbstbeherrschung genug hat, auf eine Weile seinen lieb- gewordenen Gewohnheiten zu entsagen, die mit der betreffenden Kur nun einmal unvereinbar sind. Nicht jeder besitzt die Energie, sich seines Lieblingsgerichtes zu enthalten, das die andern Mitglieder der Familie vor seinen Augen mit Behagen verzehren; nicht jeder bringt es über sich, wenn die Abendstunde naht, auf der: gewohnten Wein oder das Bier seines Stammtisches zu verzichten. Das ist aber kein Grund, der gegen häusliche Winterkuren an sich spricht.
Krankheiten treten zu jeder Zeit des Jahres auf und kehren sich nicht daran, ob die Jahreszeit gerade die beste für eine Kur ist. Im Gegenteil lassen sie fast durchweg im Frühjahr und Sommer unter dem Einfluß der günstigen klimatischen Faktoren nach, um im Winter wieder mit größerer Macht aufzutreten. Die weiseste medizinische Regel lautet aber „xrineiMs obsto/si und deshalb muß man Krankheiten, wenn sie im Herbst und Winter auftreten, nicht mit Palliativmitteln bis zur wärmeren Jahreszeit hinziehen, sondern sofort mit dem ganzen, durch tausendfältige Erfahrung erprobten Apparat bekriegen.
Sämtliche Erkrankungen der Unterleibsorgane, soweit sie durch Trinkkuren heilbar sind, sollten auch im Winter in dieser Weise behandelt werden. Das Heer der Rheumatismen, Neuralgien, Gelenkschmerzen aber ist ein dankbares Feld für den Bädergebrauch zu jeder Jahreszeit, um so mehr, als sie leicht zum Chrouischwerden inklinieren. Man breche daher einmal gründlich mit dem Vorurteil, derartige Kuren immer auf den Sommer zu verschiebeil, dann werden sich die Kranken viel Leid ersparen, das sie sonst trotz des übrigens nicht unbedenklichen Gebrauches der modernen narkotischen oder nervenerregenden Mittel oft dnrch Monate über sich müssen ergehen lassen.
M 16
Freiherr Hermann von Loebl,
der neue Alinifler für (KalHien.
clHer neue Minister für Galizien entstammt einer jener cV schwäbischen Kolonistenfamilien, die unter Kaiser Joseph II. nach Galizien berufen wurden. Am 29. Dezember 1835 in Sambor geboren, absolvierte er daselbst das Gymnasium und studierte die Rechte in Lemberg. 1857 trat er in den Staatsdienst bei der galizischen Statthalterei ein, wurde 1871 zum Bezirkshauptmann und zwei Jahre darauf zum Vorstande des Präsidialbureaus der galizischen Statthalterei ernannt. In dieser Stellung wurde er zunächst Statthaltereirat und erhielt 1880 der: Titel eines Hofrates. Am 4. September 1883 wurde Loebl, inzwischen in den Ritterstand erhoben, Zum Vizepräsidenten der galizischen Statthalterei ernannt. Au: 14. November 1888 erfolgte seine Berufung auf den Statthalterposten in Mähren, eiir Jahr später erhielt er die Geheimratswürde und im Jahre 1891 die Eiserne Krone erster Klasse. Am 1. November 1893 wurde Loebl aus sein Ansuchen unter Verleihung des Freiherrntitels in den Ruhestand versetzt, aus dem er jetzt wieder in den aktiven Dienst berufen worden ist. Während seiner Thätigkeit in Mähren wurde ihm eine objektive, unparteiische Amtsverwaltung, die auch die deutsche Bevölkerung zufriedenstellte, nachgerühmt.
Lurwärker und Akcarde.
(Siehe die Abbildung Seite 260 und 261.)
M^oir den zahlreichen Stücken, die Louis Schneider, einst ÄR Komiker und Regisseur am Berliner Schauspielhause, dann Vorleser zweier preußischer Könige, Geheimer Hofrat uud Ritter vieler hoher Orden, geschaffen hat, befinden sich nur noch wenig unter dem eiserneil Bestand der deutschen Bühnen; aber eines seiner Stückchen wird bis auf den heutigen Tag gelegentlich immer wieder hervorgeholt, und auf dein Liebhabertheater gehört es zu den beliebtesten Scherzen, vorausgesetzt, daß man die richtigen Vertreter hat für den biderben Landwehrmann Schulze uud die „Fermiere Marie", die munter französisch zu parlieren versteht und flotte Beweglichkeit entfaltet. Das berühmte Stück verdankt einer Eitelkeitslaune Louis Schneiders seine Entstehung. Er gehörte zu den Regisseuren, die am liebsten selber die Hauptrollen spielen, und für den 24. August 1842 hatte er drei kleine, von ihm verfaßte Stücke angesetzt, in denen er auch als Darsteller seine Vielseitigkeit und sein Sprachtalent ans Helle Licht stellen konnte. Zunächst kam etwas Schottisches, woriil er als Clanshäuptling anftrat, sodann erschien er als venetianischer Gondolier, in beiden Rollen mit Brockeil der fremden Sprachen prunkend, am Schlüsse aber gab er, der geborene Berliner, ein Stückchen seiner selbst und nicht das schlechteste, als „Landwehrmann Schulze" in dem Genrebilde „Der Kurmärker und die Piearde 1815". So lautete bei den ersten Aufführungen genau der Titel, der in der Folgezeit nach der jetzt gebräuchlichen Form abgekürzt wurde. Doch nicht der derbe Landwehrmann hatte den Hauptanteil an dem Erfolge, sondern seine liebenswürdige Partnerin, „Mademoiselle" Polin, wie damals auf dem Theaterzettel die unverheirateteil Damen bezeichnet wurden. Als Probe der Kritik jener Tage führen wir aus dem „Berliner Modenspiegel", einem seinerzeit einflußreichen Blatte, folgende Stelle an: „Der gläuzige, großblumige Knierock und die wunderliche Haube ließen ihr allerliebst. Das schwebsam Luftige schien eine Abstraktion von menschlichen Gliederformen. Sie sah in die Familie der Libellen, eine Mädchenwespe von Grandville (dem berühmten Zeichner). Und was die Füßchen zwinkeln können: zwei im Fuß sich schnäbelnde Kolibri, zwei spielerisch sich bekriegende Schmetterlinge." Daran anknüpfend, daß die berühmteste aller deutschell Tänzerinnerl sich unter den Zuschauern befand, fährt der „Modenspiegel" fort: „Fanny Elsler war zugegen, die Höre, die, dem Sonnenwagen vorantanzend, die Welt umkreiste, die. mit der linken Zehe Europa iu die Hohlhand kitzelnd, die rechte wie eine Wünschelrute auf Amerika umtippte, ein Anblick, wobei dem alten Ozean das alte Diplomatenherz vor Wonne soll gezittert haben. Mlle. Polin schien die Gegenwart zu ahnen, so anmutsvoll tauzte sie."
Zu so überschwenglichen Bildern und so wunderlichen Vergleichen dürfte heute Louis Schneiders Genrebildchen niemand mehr begeistern, aber „wann die rechte Leut' bei- sanmie seiu", sowohl im Zauschauerraum wie im Publikum, wird es seine Wirkung nicht verfehlen. In seinen alteil Tagen, nach 1870—71, schrieb Schneider eine Fortsetzung des Stückes, iil dem die Nachkommen der Fermiöre Marie und des Landwehrmanns Schulze auftrateu, aber es gab keinen Erfolg. Doch mögen auch der schottische Häuptling und der Gondolier, die einstmals zugleich mit dem Landwehrmann Schulze die Bühne betraten, längst in die Vergessenheit hinabgetaucht sein, ein gutes Weilchen dürfte noch mit ihrem Kurmärker die Piearde leben. Sch.