Friedrich Stephany an die „Vossische Zeitung" vermittelt hatte, so empfahl er den jungen Franz Mehring und den um einen Ausweg aus unbefriedigendem Schuldienst ringenden Karl Bücher an die „Frankfurter Zeitung". „In seinen Arbeiten", so charakterisierte Mehring in seinem Nachruf den journalistischen Stil von Weih, „war nichts Pedantisches, keinerlei Rhetorik und keinerlei Liederlichkeit, keine Magerkeit und kein unnützes Füllsel; hinter jedem Worte ein Gedanke und der Gedanke durchgängig so originell wie das Wort. Sein Stil war im höchsten Maße anregend, suggestiv, wie die Engländer sagen; Wei§ verstand es meisterhaft, jeden Gegenstand nur so weit zu erschöpfen, daß dem Leser das fruchtbarste Nachdenken übrig blieb." Und auch er steigert sich zu einer dankerfüllten Anerkennung, wie sie sich ähnlich bei ihm kaum wieder findet: „Glücklich, wer in diese Schule gehen durfte, wenn auch keiner, der sie genossen hat, daran denken durfte, dem Lehrer gleichzukommen!" Siegmund Schott, der Weih wohl erst nach 1885 in Frankfurt nähertrat, hebt in ähnlich bewegter Weise den hohen Gewinn des persönlichen Umgangs mit Weih hervor: „Wie viel Geistvolles und Tüchtiges sich auch in dem findet, was er geschrieben hat, sein Bestes gab er in den Gesprächen, die oft einen Kreis junger Freunde um ihn vereinigte. Allen Hörern bot der vollendete Causeur, der einen wahren Schatz von Erinnerungen in sich barg, nie versiegenden Genuh."
Schott gibt in seinem Nekrolog auch das Leitmotiv an, das über dem politischen Wirken von Weih gestanden zu haben scheint. „Den politischen Idealen, denen er in seiner Jugend anhing, ist' Weih bis an sein Lebensende treu geblieben. Aber ungeachtet seiner ausgeprägten Stellung genoß er in allen Kreisen um der Lauterkeit seines Charakters und des Adels seiner Persönlichkeit willen rückhaltlose Verehrung. Der radikale Demokrat war zugleich nach seinen künstlerischen Anschauungen und Bedürfnissen, seinem erlesenen Geschmack ein richtiger Aristokrat." Diese Verknüpfung einander scheinbar ausschließender Elemente, der wir im Erscheinungsbild zahlreicher alter Achtundvierziger in der von bourgeoisem Nützlichkeitsstreben und platter Gesinnungstüchtigkeit geprägten wilhelminischen Gesellschaft wiederholt begegnen, hebt auch Kastan hervor: „Er war Demokrat aus Überzeugung, aber Aristokrat in seinem Fühlen und in seinem Empfinden." In „Von Zwanzig bis Dreißig" hat Fontane angedeutet, welche Eigenschaften ihm eine Annäherung an die nationalliberale und fortschrittliche Partei erschwert hätten, und verweist dabei auf den Ton, in dem die Liberalen ihre Positionen vorzutragen liebten: auf das .rechthaberisch Doktrinäre', das sich bei der Fortschrittspartei als der eines „rabiaten Konventiklers", bei den Nationalliberalen noch unangenehmer als der „eines geistig und moralisch mehr oder weniger in Hochmut verstrickten Besserwissers 24 geäußert habe. Diese Kritik war vor allem deshalb so persönlich, weil sie sich mit dem Wissen verband, daß diese Opposition stets die entscheidenden Machtfragen umging, sich auf „Kleinkram, Redensartenkram und Spielerei" 25 reduzierte. Von beiden Elementen, vor allem von jeglicher Rechthaberei, war Weiß offenbar weit entfernt. „Nur um Gottes willen nicht in den Brustton der Überzeugung verfallen" — dies war nach Aussage Kastans Weiß' „erste und nachdringlichste Mahnung an seine Jünger". Franz Mehring berichtet, in „seiner Art, die öffentlichen Dinge anzusehen und zu beurteilen", habe etwas „vom künstlerischen Schauen und Schaffen gelegen". „Hatte er
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