eines seiner kleinen Meisterwerke gebildet, so beschied er sich gern; sein Bedürfnis nach Anerkennung war gering, und von allem Kliquen- und Koterie- wesen hielt er sich mit dem instinktiven Abscheu des Gentleman fern. Dabei war er aber auch ganz durchdrungen von der humanen Gesinnung unserer klassischen Literatur; ohne je seiner persönlichen Würde etwas zu vergeben, stand er persönlich auf gutem Fuße mit seinen heftigsten politischen Gegnern, die seinen Charakter achteten und seinen Geist bewunderten; als die .Zukunft' im Frühjahr 1871 eingehen mußte, hatten selbst Bismarcks Organe ein Wort ehrlichen Bedauerns." Und aus seiner Erfahrung notwendiger harter Auseinandersetzungen schließt er diese Erinnerungen mit nachdenklich einschränkenden Sätzen ab: „Sonst sagen die Nekrologe der Tagespresse mit Recht, daß Weiß keinen persönlichen Feind gehabt habe. Es ist ein hohes und verdientes, aber für einen kämpfenden Politiker kein zweifelsfreies Lob."
Die Tatsache, daß Weiß nur im unmittelbaren Umkreis der literarischen Begegnung von 1889 bei Fontane genannt wird, korrespondiert mit dem aus seinen autobiographischen Schriften und Briefen erwachsenden Eindruck, daß er die Entwicklung seiner ehemaligen Parteigenossen aus Vormärz und Revolution nach 1850, etwa auch die solcher wichtigen Bezugsfiguren seiner frühen Gedichte und Publizistik wie Rüge, Jacoby, Waldeck oder einflußreicher Persönlichkeiten wie Lassalle und Franz Duncker, kaum zur Kenntnis genommen habe. Sie schien jedenfalls kein Gegenstand seiner Selbstverständigung oder des Gedankenaustauschs zu sein: Alternativen zu seiner eigenen Entwicklung zu erörtern, sei es im Blick auf sich selbst oder auf verwandte Schicksale, erschien ihm wohl wenig sinnvoll. Diese Strategie der Ausblendung und Verdrängung ist ein Produkt der Selbstkritik und des politischen Rückzugs in den frühen fünfziger Jahren, die sich — wie bei der demokratischen Bewegung insgesamt — gegen die illusionären Hoffnungen von 1848—50 wandten, im besonderen aber gegen das eigene Verhalten in den Jahren der Reaktion, das er nichtsdestoweniger als „Lüge, Verrat, Gemeinheit" empfinden mußte: in dieser Zeit hatte er sich „allgemach an den Gedanken gewöhnt", wohl nicht nur „den Poeten in den Koffer zu packen und fest zuzuschließen", sondern auch den Demokraten: dort mochten sie „ausschlafen bis auf bessere Zeiten." 21 ' Die Verdrängungsstrategie nach außen korrespondierte also folgerichtig mit der gegenüber der eigenen Entwicklung: sie funktionierte bis über den Beginn der „besseren Zeiten" hinaus und verhinderte so auch, daß sich mit dem Bekenntnis zum „Immer-demokratischer-Werden" die Feststellung einer Rückkehr verband. Oder war dies bereits mehr dem Bewußtsein geschuldet, daß das demokratische Bekenntnis unter den Bedingungen der Jahrhundertwende eine ganz neue Dimension gewonnen hatte? An Friedrich Stephany, den wichtigsten Adressaten seiner politischen Bekenntnisse neben Friedländer und der Familie, schrieb er fünfzig Jahre nach der Revolution von 1848 und in kritischer Erinnerung an sie: „Unsere Enkel werden erst die wirkliche Schlacht zu schlagen haben. " 2(ia
Wie wenig diese Strategien tatsächlich Abschottung gegenüber der Umwelt oder gar Stillstand der eigenen Entwicklung bedeutet hatten, offenbart das Gesamtschaffen Fontanes gerade in seiner widersprüchlichen Geschlossenheit: dafür, daß auch die alten Parteigenossen, wie auch immer er aus gereifter Selbst- und Welterfahrung jeweils zu ihrem Wirken gestanden haben und
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