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Fast läßt's sich beztveifeln. Der „Neue Allamodische Postpot," der auf Paulus Fürsts Kupferstich so fröhlich über Laub eilt, würde gewaltig erstaunen, weuu er auf seiuem Weg einem modernen Postzug begegnete: wenn er aber nach einem guten Vorsatz einkehrt in „des Wirtes Haus" und denn kühlen Trunk etwa zur jüngsten — Tageszeitung greift, dann darf das bittre Bewußtsein seiner „Altmodischheit" schwinden, denn er wird frohlockend finden, daß fein eigener Wahlspruch noch beute «n In nmcka» ist:
„Biel newes und der Zeitung dil Ein jeder von mir wissen wil Was soll dan tl»in ich armer KncllN Ta mit man inöch nicht halt für schlecht Mns ich also fein warm nnd heiß -Tcluniden auch das so ich nicht weise"
... ^ n»un.
Die ethische Bedeutung der Frauenbewegung von Helene Lange. (Berlin 1889, L. Shinigkes Verlag ff)r. Appelinsj.)
Helene Lauge ist eine der erfreulichsten Erscheinungen in der Be weguug, welche auch die deutsche Franeuwelt ergriffen hat. Dhne Sen timentalität und ohne Phrase, mit selbständigem Denken und praktischem Sinn, mau möchte in seinein Mannesübermut beinahe sagen: mit manu licher Kraft tritt Helene Lange für die Fraueurechte ein, welche nach ihrer Idee von der landläufigen Emanzipation der Russinnen ebensoweit entfernt sind, wie von den persönlichen Freihcitsgelüsten der Französinnen. In der Schule des englischen Geistes hat Helene Lange sich offenbar gebildet. In ihrem lesenswerten Buche „Fraueubildung" verfocht sie überzeugend den Satz, die Frau habe dasselbe Recht auf geistige Arbeit, wie der Mann; in dem vorliegenden Vortrage, welcher in Erfurt auf einer Generalversammlung des allgemeinen deutschen Frauenvercius ge halten wurde, drückt die Rednerin denselben Gedanken etwas unbe stimmter aus, indem sie für das Weib anstatt der klar umschriebenen Mannesrechte, die etwas nebelhafteren Menschenrechte verlangt. Besou ders treffend ist der Hinweis auf die idealerem Gründe, welche neben dem gemeinen Brotneid der deutschen Frauenbewegung im Wege stehen. „Das Frauenideal des Dnrchschuittsdeutschen zeige einen Zug geistiger Passivität, von dem gerade unsere größten Dichter nichts gewußt haben und auch nichts hätten wissen wollen." Wenn unsere Frauenbewegung nie mals andere Borkänipferinnen gehabt hätte, als solche wie Helene Lauge, wären die Feinde nicht so zahlreich. -r.
Paul Bonrget, IMi-AcM. I)ix IB-ntnnilm «In (Paris, Alphonse Lemerre 1889.)
Seit einigen Jahren wird Paul Bvnrget in Frankreich viel genannt. Sein Streben scheint in seilten kleinen Skizzen dahin zu gehen, die realistischeil Stoffe der neuen Schule in der zierlichen Weise etwa von Oetave Feu illet vorzubringen; er will darin die Eoeotte durch Sauberkeit salonfähig und womöglich akademiefähig machen. Besser als feilte Romane ist diese kleine Sammlung, kür welche der Titel vortrefflich gewählt ist. Wirklich kleine Kunstwerke, in welchen die Technik des Pastells die volle realistische Ausmalung verhindert.
Elf Jahre Balkan. Erinnerungen eines preußischen Offiziers ans den Jahren 1876 bis 1887. '(Breslau. I. U. Kerns Verlag. Max Müller.)
Die Geschichte einer eigellartig bewegten Zeit wird im vorliegenden Bliche vor Augen geführt; es entwickelt sich vor uns ein Bild in kurzen, frischen Zügen, gezeichnet mit einem gesunden, herzerquickenden Humor, wie er dem Soldaten geziemt. Nicht die persönlichen kleinen Abenteuer werden in den Vordergrund gestellt, sondern es wird eine für den künfti gell Historiker entschieden bedeutungsvolle, außerordentlich klare Darstellung jener zwölf Kriegsjahre gegeben, welche die Gebnrtswehen des jetzigen bulgarischen Staates bedeuten, und die kräftige Teilnahme des Verfassers hieran erhöht unser Interesse, indem es eine Art persönlichen Anstrichs erhält. Ein Bild verworrener Kopflosigkeit, verbrämt mit einem gewissen .zerschlissenen Glanze, gewährt die Erzählung des serbischen Krieges, an dem der Verfasser auf serbischer Seite teilnahm. Nur wenige Persönlichkeiten heben sich um Haupteslänge ans dem Wirrsal empor,
wie der Kommaudaut Jlic, sonst sind Führer und Soldaten einander werk. Hier wie in der späteren Darlegung des bulgarischen Krieges und der Unabhüngigkeitskümpfe gegen den russischen Einfluß tritt ein kräftiger Haß gegen das wühlende Mvskowitentum hervor, das überall unheilvoll in die Ereignisse eingreift. Aber Licht und Schalten wird nirgends un gerecht verteilt: trotz der Vorliebe für die bulgarischen Kriegskameraden und ihren heldenhaften Fürsten Alexander wird nicht verschwiegen, welche Fehler gemacht worden sind. Ja, es war eine seltsame Zeit, und es sind seltsame Menschen, jene Männer wie Naboeon, der auf Geheiß des Zaren durch Verrat seine Soldatenehre befleckt, Niko Spanvs, der gleich dem alten „Herrn der Berge" sich ein gesondertes Reich im Rhodopegebirge gründet und todestrotzig behauptet, die Urusow nnd Panow, die vielbe sungenen Helden, die, echt Shatespearesche Gestalten, gleich dem Königs- wacher Warwick, gegen die Herren sich anflehnen, die sie selbst geschaffen. Auch eine Frauengestalt hebt sich von dem dunkeln Hintergründe des BucheS: Marie Michaelowna, die Adjutantin des Generals Novoselow, ein bildschönes Weib, das sein Vermögen für die Freiheit der Balkan Völker opfert und im Soldatengewande für sie kämpft, um schließlich als Nibiliskin in Dstsibirien von eigener Hand de» Tod zu finden. -- Es ist eine Freude, einem so frischen und sogar Pvesievollen Buch zu begegnen. In.
Weltlicher. Von Karl Einsam. (Berlin, F. Fontane 1890.)
Was mau so eigentlich einen Dichter nennt, das ist Karl Einsam im Grunde nicht. Seine lyrischen Gedichte sind sogar, trotz der schonen Ausstattung, recht überflüssige Reimereien. Wenn er reimweise die Dichter fAuber und Homer z. Bst, die Weine lAlieante, Asti spumaute» und die Mädchen ausführt, die er alle geliebt hat, so möchte man bei „Aurora" und „Flora" fast au dem Realismus der Darstellung zweifeln. Amg der Humor Einsams wird in die poetische Form nur wie in einen engen Stiefel Ziehe sein „Schusters Töchterleiu," das den Kunden ihres Vaters in dessen Marterwerkzeuge hiueiichelseu musst lstueingezwäugt, und seine exotischen Träumereien lin denen er die Pelikane in sehr ernsthaften Verseil darum beneidet, „daß sie mit dem Nile ziehu und, gleich dem
brüderlichen Schwane, selten nur zum User knien".Furchtlos zu
dem Fellahkiude, das im bellen, kaum vorn Winde sauft gebläheteu Kaftane ähnelt euch, ibr Pelikane!"» können geselligen Allsprüchen kaum genügen. Dagegen wäre es ungerecht, dem Autor einen scharfen, ost schlagenden Witz abznsprecheu, nur daß die gebundene Form des Verses den Einfall gewöhnlich in die Länge zieht. So würde eines seiner schwer gereimten Epigramme in einem einfachen Prosasatze wirksamer lauten: „Das Mammut ist das klügste Tier — es ist ausgestorben." Dem Ver snsser wäre für einige Jahre strenge Enthaltsamkeit von jeder Poetischen Form auzurateu. -r.
Tiberms. Roman in L Bänden von Wilhelm Walloth. (Leipzig, W. Friedeich.)
Je größer der Anlauf ist, desto lächerlicher wirkt es, weuu der kühne Sprung mißlingt und der Springer im Graben liegt. So geht es Walloth. Er will den Kampf des Tibcrius und Sejan um die Welt Herrschaft darstellen, aber schon um die Mitte des ersten Bandes scheidet Sejan ans der Handlung aus. Dann will er uns glaubhaft machen, der sechzigjährige Kaiser verliebe sich in eine junge Germanin, aber er selbst scheint sich nicht klar darüber, ob sie diese Liebe erwidert. Kein Wunder, daß Thusnelda auch auf eilte möglichst unglaubliche Weise aus der Welt gebracht wird: der Kaiser hält sie für schuldig, seinen Sohn Drusns vergiftet zu haben, obwohl sie nicht die mindeste Ursache dazu gehabt hätte, und läßt sie töten. Mit dem Kaiser, der allein noch übrig bleibt, und dessen nmgewandelteu Charakter zu schildern von höchstem Interesse sein müßte, weiß der Verfasser nichts mehr anzufangen und schreibt daher bescheidcntlich Band kl Seite unten: Ende. Trotz all dem Gerügten, zu dem noch eine in hohem Maße verschrobene Sprache mit ihren ewigen Wiederholungen und gemischten Gleichnissen kommt, wäre das Buch, in dem sich manche sehr effektvolle Seene findet, so gut wie eines von Georg Ebers, männlichen (es giebt auch solche) und weiblichen höhern Töchtern zur Lektüre zu empfehlen, wenn der Verfasser nicht das Bestreben hätte, die Unwahrheit seiner Romantik, die ihm bei solchem Publikum nichts schadete, mit naturalistischen Mätzchen zu überkleistern. t.
Verantwortlicher Redakteur: Fritz Maulhner in Berlin rv., Frobenstrahe 33. — Druck und Verlag von Carl Flemming in Glogau,