Deutschland.
Seite 127.
KLeine Kritik.
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Vierzig Jahre ist es gerade her, daß Otto von Bismarck — es war am 25. November 1849 — einem Redner, der gesagt hatte, Europa hielte uns für ein Volk von Denkern, erwiderte: „Meine Herren, das war früher!" Unwillkürlich kommt einem diese ironische Kritik ins Gedächtnis, wenn man das neue Buch von Julius Duboc liest, welches den Titel führt: „Hundert Jahre Zeitgeist in Deutschland." (Leipzig, Verlag von Otto Wigand, 1889.) Denn aus dem. Deutschland Kants geleitet uns der scharfsichtige Verfasser mit bedächtiger Schnelle zu dem Deutschland Bismarcks. Man mag sich mit der etwas pedantischen Kapiteleinteilung Tnbvcs einverstanden erklären oder nicht, man mag die „metaphysische Periode des Zeitgeistes" bevorzugen oder den „realistischen. Idealismus der vierziger Jahre," man mag Dnboes kräftige Entrüstung über den Pessimismus teilen oder sie für historisch nicht berechtigt anseben: immer wird man aus den feinen Deduktionen des gewissenhaften Knlturkritikers erkennen, wie vieles und — nach Lcssings Wort ist das mehr —: wieviel während dieser hundert Jahre in Deutschland gedacht worden ist. Von dem Erscheinen der „Kritik der reinen Vernunft" <1781) bis zu dem siegreichen Durchbruch der naturwissenschaftlichen Weltanschauung, von Hegel und Schelliug bis zu Dubois- Rcymoud und D. Ir. Strauß' Theorie vom Universum liegt eine weite Wegstrecke, und sede einzelne Station derselben trägt die Spuren deutscher Denkarbeit. Glauben mich der Mensch oder denken oder viehisch dahinleben, hat der geistreichste Sophist und der glänzendste Stilist Deutschlands, Arthur Schopenhauer, gesagt, und der Rückblick auf das letzte Säkulum zeigt uns, daß es an allen drei Arten menschlicher Da seinsbethätignng nicht gefehlt hat im Lande. Luthers und Lastings. „Die in einem bestimmten Zeitabschnitt herrschend gewordene, tonangebende Gesamtrichtung des Meinens, Urteilens und Empfindens, des Geschmacks und, von ihnen beeinflußt, des Strebens und Wollens" hat Duboc darstellen gewollt, und daß es ihm gelungen, vieles Vortreffliche zu sagen und besonders die Übergangsperioden des Zeitgeistes subtil zu entwickeln, das wird selbst der zngeben müssen, dem der Verfasser, als ein Schüler Ludwig Feuerbachs, mit etwas zu einseitiger (Heftigkeit ans dem Er kenntnisboden seines Meisters zu stehen scheint. Anfechtbar und nicht immer frei von Oberflächlichkeit sind die Ausführungen Duboes über die neue Kunstbewegung, die man mit einem wenig bezeichnenden Wort „naturalistisch" zu nennen pflegt, und der unser Knlturkritiker neben dem Mangel an ästhetisierender und idealisierender Auswahl auch die Abwendung von der Wiedergabe des Schönen nachrügt. Er vergißt dabei, daß der Streit eben um die Frage geführt wird: Was ist schön? Ist nur ein rotglühender Sonnenaufgang schön, oder bietet ein trüber Nebelmorgen dem künstlerischen Erfasser denselben Reiz? Tie Bekenner des Naturalismus kämpfen gegen den Schöuheitsbegriff, der am Stofflichen haftet: sie behaupten, und einzelne unter ihnen, die echte Künstler sind, beweisen es, daß für die künstlerische Darstellung alles Natürliche gleich schön und gleich häßlich ist, und daß nur der liebevolle Blick und das starke Temperament des Betrachtenden dem Stoff das künstlerische Gepräge geben. Das Tuboesche Buch, das die Wandelbarkeit der Dinge so klug und sicher klarlegt, Hütte durch einige Einschränkung in Bezug auf diese ästhetischen Fragen vielleicht an Wert gewonnen, doch auch so ist es eine froh willkommen zu heißende Erscheinung. Wenn Duboc schließlich die Bildung einer Menschheitsfamilie vvransschanend verkündet, so mag man im Zeitalter des Nationalitätenhaders solchem optimistischen Prophetentnm einige Skepsis cntgegenbringen; ich glaube wenigstens, wir brauchen uns mit der Herausgabe eines Menschheitsfamilienblattes nicht allzusehr zu beeilen: nach abermals hundert Jahren wollen wir uns über die Probennmmer verständigen.
Die Entscheidung über die Entwürfe znm Nationaldenkmal für Kaiser Wilhelm. Non Doktor Georg Nos). (Berlin, F. Fontane, 1889.)
Gut geschriebene, besonders in ihren historischen Vergleichen vortreffliche Aufsätze über die Konknrrenzarbeiten. Der Verfasser tritt entschieden für den Platz der Schloßfreiheit ein; entscheidend für diese Stelle wird wohl eine andere Stimme werden. Unklar bleibt es, warum
der Titel der Broschüre uoch die Bemerkung trägt: „Dein deutschen Reichstage als Denkschrift überreicht." Das sieht so ans, als ob man es mit einer offiziellen Arbeit zu thnn hätte, während das Einsenden an den deutschen Reichstag doch zu den Grundrechten des Deutschen gehört. ^ r-.
Nene litterarifche Nolkshefte. Litteraturbriefe an einen deutschen Marineoffizier in Ostasrika. (Berlin, Richard Eckstein Nachfolger, Hammer nnd Runge.)
Von diesen Heften sind kürzlich die Nummern fünf und sechs erschienen. Das erste trägt den Titel „Goethe, und noch immer kein Ende;" in sehr beherzigenswerter Weise wird da Goethe auch noch für die Gegenwart als Führer und Meister in himmlischen und irdischen Dingen gekennzeichnet. Nummer sechs neunt sich „Geschichte des Na turalismns" und tritt ebenso besonnen gegen das unreife Zeug auf, das sich in deutschen Landen heutzutage gern Naturalismus nennt. Der feinsinnige Verfasser sagt vortrefflich, „der Naturalismus aller großen Dichter, von der Bibel bis auf Shakespeare und Goethe, sei nicht die Natur selbst gewesen:, sondern das Hinstreben der Knust, des Unnatür lichen, nach natürlichem Schein." Diese Volkshefte verdienen die weiteste Verbreitung. Es wäre freilich zu wünschen, daß das Schlagwort „Na turalismns," da sich die. kleinen und kleinsten Talente dessen bemäcch tust haben, diesen überlassen bliebe, nnd die. alte große Kunst für sich den alten guten Namen „Realismus" in Anspruch nähme. -r.
Cromwell bei Marston Moor. Ein Schlnchtbild von Karl Bleibtreu. (Leipzig, Verlag oon Wilhelm Friedrich, k. k. Hofbuchhündler.)
Karl Blcibtreu, der sein ungezügeltes Talent zu seinein Schaden oft in den Dienst des allerjüngsten Deutschland gestellt hat und auf diesen: Wege weder mit seinen formlosen Dramen, noch mit seinen naturalistischen Kellnerinnen-Novellen einen Erfolg erreichen konnte, besitzt eine ganz ausgesprochene Begabung für Charakteristik historischer Persönlichkeiten. In seinen Dramen ist ihm die Gestalt eines Cromwell, eines Napoleon gut gelungen, und nur die. Schwäche, das Zersprengen jeder Kunstform für seine Stärke zu halten, verhinderte das Schaffen eines Bühnenwerks. Der Cromwell ist auch der Held des vorliegenden Schlachtbildes, wenn der Ausdruck „Held" aus der Sprache der Romane herübergenommen werden darf. ES galt, eine der Entscheidungsschlachten, welche der Puritaner gegen die Heere Karl Stuarts gewann, so darzustellen, daß dem Leser sowohl die taktische Entwickelung des Kampfes als auch der Seclenzustand des Fetdherrn klar werde; in beiderlei Hinsicht hat Bleibtren mit seiner oft kräftigen Prosa mehr geleistet, als beispielsweise Scherenberg und Wildenbruch in ihren poetischen Schlachten- bildern. Nur die Gespräche der Offiziere verfallen mitunter in den Ton Gregor Samarows, des Allwissenden. -r.
.Katalog des Reichs-Postnmsenms. Im Aufträge des Reichs- Postamts bearbeitet von H. Theinert. (Berlin, Julius Springer.)
Das Berliner Reichs-Pvstmuseum hat in kurzer Zeit eine hohe kulturhistorische Bedeutung gewonnen. Seine Sammlungen gewähren ein stolzes Bild von dein kulturellen Fortschritt der Menschheit. Die. Entwickelungsphasen des Verkehrswesens von der mündlichen Nachricht bis zur telegraphischen Zeichenschrift, von: schwerfälligen Gefährt bis znm Blitzzug entsprechen Lebensaltern des Weltgeistes. Das poetische „Pvst- stammbuch" freilich hat in Zukunft auf namhafte Beiträge kaum noch zu rechnen: Dichter und Maler mögen den Ersatz der vielgeschilderten und besungenen Boten und Postillone durch die in unschöne Maschinen gebannte Naturkrnst beklagen, solange sie den Wundcrgehalt der neuerstandenen Welt nicht in künstlerische Formen zu fassen wissen. Sie können sich mit den: Bewußtsein trösten, daß die Entwickelung des Verkehrswesens selbst mit Riesenschritten vorwärts eilt und in den jüngsten Tagen, die es ermöglichen, selbst die Stimme wohlverpackt in die Ferne zu versenden, ihren: traditionellen Schaffensgebiet wieder näher tritt.
Auf welch ungeahntem Wege unsere Nachkommen miteinander sprechen werden, vermag selbst die kühnste Phantasie kaum zu prophezeien. Wird auch der Inhalt ihrer Reden diesen Wandlungen folgen?