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Deutschland.
Preußen als Feinde Frankreichs in die Fabel verwebt haben. Der Patriotismus der Dichter ist glücklicherweise nicht so groß, daß sie darüber zu Chauvinisten würden; keinem Deutschen, auch keinem noch so fanatischen Gegner der französischen Revolution wird die Politik die Freude an dem merkwürdigen Stücke mindern. In fünf großen Bildern wird die Handlung nur stoßweise weitergeführt, aber wir lernen die Volksleidenschaften und die Charaktere der großen Revolution besser kennen, als durch die Lobhymnen ihrer älteren und die Kritik ihrer jüngeren Geschichtsschreiber, besser als durch andere deutsche und französische Dichter, welche sich des Stoffes bisher zu bemächtigen wagten. Die Schlnßscene des letzten Aktes wird schneller als eine Wiedergabe des Inhalts den wunderbaren Geist dieser Dichtung verraten.
In einem Gefüngnishofe gehen die Gefangenen, Männer und Frauen, auf und nieder. Die einen spielen Karten, die andern lesen; einzelne Gruppen plaudern miteinander. Jedermann behält angesichts des nahen furchtbaren Todes seinen angeborenen Charakter, und es ist wie ein Gemisch von Dante und Aristophanes, wenn die Todeskanditaten sich von Liebe und Wein, von Geld und Ruhm unterhalten. Da tritt der Gerichtsdiener ein und beginnt nachlässig die Namen derjenigen abzulesen, die heute an die Guillotine abgcliefert werden sollen. Zuerst nennt er einen ei-ckevmit-Grafen. Der steckt die
Anklageschrift ungelesen in die Tasche und sagt: „Meine Damen und Herren, verzeihen Sie gütigst, daß ich nur so kurze Zeit unter Ihnen verweile; aber Sie werden zngeben, es ist wirklich nicht meine Schuld."
Der Beamte nennt hieraus die Schwester des Grasen, eine adelsstolze Stiftsdame, die starkherzige Heldin des Stücks. Sie geht, auf einen Krückstock gestützt, langsam ans den Platz der Verurteilten. Da wird weiter ein Bauernmädchen, welches die gräfliche Familie retten wollte und darum ins Gefängnis kam, anfgernfen. Cs will schnell an der Stiftsdame vorüber gehen; da spricht diese: „Ci, das wäre doch das erste Mal, daß Sie sich erlauben, mir vorauszugehen!" Das Mädchen tritt zurück und läßt der Stiftsdame den Vortritt.
Der Nächste, dessen Name gerufen wird, ist ein alter Gelehrter; er blickt vom Buche auf, in welchem er liest, macht ein sogenanntes Eselsohr in das letzte Blatt, legt das Buch ans einen Stuhl und tritt zu den andern Opfern. Endlich wird auch noch die Nichte des Grasen, welche sich von den Henkern schon verschmäht glaubte, anfgernfen: jubelnd eilt sie vor. Draußen ruft der Pöbel: „Zum Schafott! Zum Schafott!" Da hat die Stiftsdame nur die Antwort: „Bitte, gleich, Gesindel!"
Diese wenigen Zeilen sind bezeichnend für die Prägnanz des Ausdrucks, mit welcher die Gvnconrts ihre Menschen charakterisieren; überdies wird der Kenner der Revolutionszeit aus der kleinen Probe schon ersehen, wie genau die Dichter diesen Hexensabbath von höchsten Gefühlen und tiefster Niedertracht studiert haben müssen. Wovon aber keine Übersctznngsprobe eine Vorstellung geben kann, das ist die Feinheit, mit welcher die Goncourts ihre Sprache behandeln. Niemals ist das Wort, welches sie gewählt haben, das gewöhnliche, aber niemals klingt es darum gewählt. In der Schilderung ist ihre Diktion zuweilen malend: wo aber in der Handlung Charakter auf Charakter trifft, da spricht ein jeder so deutlich unterscheidbar seine eigene, nur für ihn bezeichnende Sprache, wie bei keinem älteren Dramatiker. Und von den Nachfolgern kann in dieser Hinsicht nur Ibsen den Vergleich mit ihnen anshalten. Wir erfahren ans den Tagebüchern der Dichter, daß ihnen diese meisterhafte Beherrschung der Sprache nicht etwa leicht geworden ist; sie haben ihr halbes Leben damit verbracht, ans alten Büchern und von kleinen Kindern eine ganz neue, ganz unerhörte Intimität des Sprachgeistcs zu erlernen, sie haben ihr Ohr zu einer Art Virtuosität für Natürlichkeit, die kein Naturalismus ist, ansgcbildet. Sie sind keine Sprachgenies wie Luther, wie Rabelais, wie Goethe; aber sie kommen diesen Sprachschöpfern durch ihren Fleiß und durch ihr raffiniertes Gehör am nächsten.
Da die Gonconrts vorzugsweise Romanschriftsteller waren
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und als solche vom besten Publikum gefeiert wurden, muß aber doch wohl außer der unvergleichlichen Darstellung auch die Erfindung von Handlung und Charakteren ihren Anteil an der Wirkung gehabt haben. Hier aber setzten, von ihrem ersten Auftreten an, die Gegner ein und sprachen den Dichtern die eigentliche Erzühlergabe ab, die Phantasie. Freilich wer von einen: Roman nur die brutale Spannung erwartet, welche die aufregenden Geschichten Engen Snes und des alten Dumas bieten, der mag sich über die Art der Gonconrts beklagen; wer aber modern genug ist, um mit feineren Nerven ein Blich auf sich wirken zu lassen, der wird durch das ruhige Ausleben der Gonconrtschen Charaktere schon in genügende Spannung versetzt werden und den Reiz der einfacheil Handlung als erfreuliche Zugabe dankbar hinnehmen. Es ist wahr, die Gonconrts sind fast ebenso sehr Psychologen, wie Dichter; es liegt ihnen darum an der Begebenheit, die der schlichte Leser oft allein erfahren will, oft weniger als an den: Seelenleben der handelnden Personen. Das eine Mal stellen sie ein Weib dar, bestell ganze Welt die Hingebung an Krallte wird; das andere Mal schildern sie die erdrückende Macht, welche der Katholicis- mus über ein gläubiges Herz ansübt, lind ein drittes Mal reizt sie die Verbindung von tiefster Liederlichkeit und heroischer Hingebung im Leben einer armen Dienstmagd. Der Durchschnittsleser sieht die Gestalten des Dichters meist nicht lebendig vor sich, wenn sie nicht selbst viel erlebeil, Abenteuer und Mord und Totschlag; die Menschen der Gonconrts leben dagegen, wie die der Wirklichkeit, ihr armes Dasein folgerichtig weiter und werden interessant genug, wenn ihre Existenz unreinen einzigen großen Zug anfweist. Wie die Naturwissenschaft lind die Malerei früher die Knalleffekte der Natur bevorzugte und jetzt mit Vorliebe einfache Erscheinungen und stille Erdenwinkel behandelt, so hat auch die Dichtung gelernt, im allgemeinen Schicksal des schlichten Menschen bedeutende Lebenserscheinnngen zu sehen. Nichts ist falscher, als solche Dichter der Hcrzenskälte zu beschuldigen. In „Ooi-iniilio Im- certellx" z. B-, dem Romane der Dienstmagd, haben die Brüder Goncvnrt nachweisbar eineil Fall ans ihrem eigenen Hanse berichtet, der sie selbst ans das tiefste erschüttert hatte, lind Emile Zola, der sein litterarisches Programm an diesem Bliche zuerst entwickelt, und aus diesem Buche vielleicht erst geschöpft hat, durfte vor mehr als zwanzig Jahren mit Recht darüber schreibell: „Es giebt zwei getrennte Welten, eine bürgerliche Welt, welche einem gewissen äußeren Anstande gehorcht lind ihre Leidenschaften beherrscht, und eine Welt der arbeitenden Menge, welche ungebildet ist und cynisch handelt und spricht. Die Prüderie verlangt, daß man sich nur mit der einen beschäftigt. Und selbst diejenigen unter uns, welche sagen, daß sie die Wahrheit lieben, lieben nur eine gewisse Wahrheit, welche den Schlaf und die Verdauung nicht stört."
Seit dem Tode seines Bruders hat Edmond de Gonconrt außer einer Knltnrstndie noch vier Romane veröffentlicht, von denen namentlich „Im IGllsUii" einen großeil Erfolg hatte. Aber so wie sein Bruder in der Überreizung seiner Nerven, an welcher er zu Grunde ging, jede Berührung mit der Welt scheute, so steht auch Edmond der Welt, die ihn doch verwöhnt hat, mit einiger Bitterkeit gegenüber. Dem Theater, „das in Europa außerhalb der Theateragcntnren keinen Einfluß mehr besitzt, . . . dessen Schauspielerinnen fast nur noch Kleiderständer der großen Damenschileider sind," dem Theater hat er einen zornigen Abschiedsbrief geschrieben; aber auch gegen die übrige Litteratur der Zeitgenossen verhält er sich etwas ablehnend, wenn ich zwischen den Zeilen seines Tagebuches richtig gelesen habe. Die Gonconrts sind zu vornehm, um nicht einsam zu bleiben. Und für beide gilt, was Gantier nach dem Tode des jüngeren Bruders sagte: „Er war anerkannt, gefeiert, von allen Meistern gelobt, und dennoch fehlte ihm . . . was? Die Zustimmung der Dummköpfe. Man hat gut die Menge zu verachten und sie von sich fern zu halten; aber sie läßt es sich gesagt sein und bleibt fern, lind die stolzesten Naturen erfaßt darüber eine tödliche Trauer."