Heft 
(1889) 07
Seite
125
Einzelbild herunterladen

Deutschland»

Seite 125.

7.

dem Werke schon mit einigem Mißtranen entgegen. Es ver­einigen sich da entweder zwei Nullen, von denen jede die an­dere für eine Eins halt, oder ein müder Schriftsteller von klangvollem Namen teilt mit einem frischen Anfänger, der fast die ganze Arbeit leisten mußte, Ehre und Gewinn. So liegt der Fall natürlich nicht bei den Goncourts, welche von ihrem ersten Auftreten bis zum Tode des jüngeren von ihnen als Ge­lehrte, Maler und Dichter gemeinsam arbeiteten. Edmond de Gonconrt war 1822 geboren, Jules de Gonconrt 1830; aber weder ihr Altersunterschied noch ihre äußere Unähnlichkeit konnte verhindern, daß sie nur eine einzige Seele zu haben schienen. Ihr Freund Theopil Gantier macht diese Bemerkung und fügt hinzu:Sie waren eine einzige Person in zwei Bünden. Ihre geistige Einheit war so stark, daß sie die körperliche Verschie­denheit vergessen ließ. Sie hatten einander gegenseitig das Opfer ihrer Individualität gebracht und bildeten zusammen unr­eine, welche unter Freunden «die Gonconrts» hieß. Alle ihre Briefe waren mit Edmond und Jules unterzeichnet. In einer mehr als zehnjährigen Freundschaft haben wir nur ein Schrei­ben erhalten, das von dieser lieben Doppel-Unterschrift abwich: die Todesanzeige des jüngeren . . . Und was unter Schrift­stellern kaum zu glauben und dennoch wahr ist: sie hatten nur eine gemeinsame Eitelkeit. Niemals verrieten sie die Geheim­nisse ihrer Mitarbeiterschaft."

Hier darf ich wohl einstigen, was ich in meinem Vorwort zuHenriette Maröchal" über die Dichter und ihr Stück ge­sagt habe. Die Brüder Gonconrt sind in Deutschland nicht nach Gebühr bekannt geworden. Der Kultur-Historiker bewun­dert ihre Studien über die französische Gesellschaft des acht­zehnten Jahrhunderts, der Schriftsteller von Berns ihre Ro­mane. In Frankreich weiß man, daß die Gonconrts zu den geistigen Urhebern der ganzen neuen Litteratnrbewegung ge­hören. Edmond und Jules de Gonconrt und neben ihnen nur noch Flanbert sind die Männer, welche zur Zeit des dritten Napoleon für die französische Litteratnr das geleistet haben, was Gustav Freytag und Berthold Anerbach etwas früher für Deutschland. Auch sie haben ihr Volk bei der Arbeit ausge­sucht und sind nicht dafür verantwortlich zu machen, wenn in Gallien zur täglichen Arbeit gerechnet wird, was in Deutsch­land die Galanterie der Vornehmen heißt. Auf den Schultern der Gonconrts steht Zola. Was aber dieser, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich meist gelesene Fran­zose mit seiner gewaltigen Begabung in breitem Fabrikbetrieb auf den Markt wirft, das ist im Vergleich zu den Schöpfungen der Gonconrts doch häufig nur Marktware. Das Feldzeichen der Brüder Gonconrt hat Zola zu seiner Fabrikmarke gemacht. Die Brüder Gonconrt, Künstler bis in die Fingerspitzen, sind die Nervenschriftsteller des Realismus : Zola ist oft genug beim Fleische stehen geblieben. Und ich weiß nicht, ob in Zolns KünstlerromanD'Oeuvrech worin er sich selbst als den glor­reichen Sandoz geschildert hat, nicht der geschickte Fagerolles für den Dichter ein besseres Symbol wäre, Fagerolles, der mit seiner Witterung für den Geist der Zeit und selbstverständlich mit seltenem Talent die Ideen originalerer Meister in Umlauf gebracht hat.

Werden nun die Brüder Gonconrt von französischen Ken­nern als Schriftsteller ersten Ranges geschützt, und wird die neue Epoche an ihren Namen geknüpft, so sind sie als Bühnen­schriftsteller auch in ihrer Heimat nicht eben gefördert worden.

Die Gonconrts hatten in ihrer Jugend einigemal den Ver­such gemacht, mit kleinen phantastischen Possen die Bühne zu erobern. Diese Arbeiten wurden von keiner Bühne zur Auf­führung angenommen. Anstatt sich durch diesen Mißerfolg abschrecken zu lassen, faßten sie den Entschluß, eine Reihe von Bühnenwerken zu schreiben, welche der beliebtenMache" keine Zugeständnisse gewähren sollten. Es entstanden aber nur zwei Dramen:Henriette Marechal," im Jahre 1863, undDas Vaterland in Gefahr," im Jahre 1867. Dann starb der eine Bruder und Edmond de Goncourt zog sich verstimmt von der Bühne zurück.

Henriette Maröthal" wurde bald nach der Vollendung

einem kleinen Privattheater zur Ausführung eingereicht. In­zwischen waren die Dichter mit ihrem berühmtesten Romane, mit ZUi-miiuu Unoertenx," hervorgetreten und hatten einen großen Erfolg errungen. In den Frühlingstagen ihres Ruh­mes wurden sie in den Salon der Prinzessin Mathilde, der Schwester des Prinzen Napoleon, Angeführt, und dort, wo außer ihnen Männer wie Renan, Taiue, Sainte-Benve, Gnn- tier, Flanbert, Dumas und Angier freundschaftlich verkehrten, lasen sie das Stück einmal vor. Es erregte die lebhafteste Teilnahme. Es scheint ausgemacht, daß die Prinzessin, welche man ans den Tagebüchern der Gonconrts als eine geistreiche, künstlerisch veranlagte, nach deutschen Begriffen etwas zu leb­hafte Frau kennen lernt, dieHenriette Mnrachal" unter ihren Schutz genommen und die Ausführung am Rllöatre trummO durch ihren Einfluß dnrchgesetzt habe. Doch wird die Theater­geschichte wohl niemals mit Sicherheit erfahren, ob wirklich diese hohe Protektion den Sturz des Stückes herbeiführte, und ob die Kaiserin Engeuie höchstselbst gegen die Prinzessin Ma­thilde intrignierte.

Es folgten nun schwierige Unterhandlungen mit dem Di­rektor und mit den verwöhnten Künstlern der Bühne, bis end­lich am 5. Dezember 1865 die erste Ausführung stattfand. Schon vorher hatte sich die öffentliche Meinung lebhaft mit dem neuen Stücke befaßt. Keine Geringeren als der Minister Ronher und der Feldmarschall Vaillnnt lasen das Stück im Auftrag des Hofes und machteil drollige Abänderungsvorschläge. Endlich sind auch diese Schwierigkeiten überwunden, der Vor­hang geht ans und der Theaterskandal bricht los. Die Dichter haben das Pfeifen und Höhnen mit gewohntem Realismus sehr hübsch geschildert. Die Prinzessin hatte applaudiert, bis ihre Handschuhe rissen und ihre Hände glühten.

Es kam noch zu fünf Aufführungen, immer mit dem gleichen Skandal. Am 1t. Dezember wurde der erste Akt als Pantomime ansgesührt, d. h. man hörte vor lauter Pfeifen kein einziges Wort, das auf der Bühne gesprochen wurde. An demselben Abend ging derHenriette Mnröchal" ein Meister­werk von Molidre voraus. Die Leute, welche ins Theater gekommen waren, um zu stören, singen gleich beim ersteil Anf- gehen des Vorhangs zu lärmen an und Pfiffen unentwegt ihren Molidre aus. Edmond de Gonconrt verbürgt die Wahrheit dieser lehrhaften Anekdote mit seinem Ehrenwort.

Nach der sechsteil Aufführung verschwand das Stück vom Zettel. Aber der Kampf dauerte in den Blättern fort. In einer Vorrede zur erstell Buchausgabe verteidigen sich die Dich­ter geschickt gegen alle Angriffe. Man habe sie ansgepsissen, weil sie Realisten, weil sie Schützlinge des Hofes lind weil sie reiche Aristokraten seien. Sie bekennen sich energisch zum Rea­lismus, sie verleugnen die Prinzessin nicht, und sie erwärmen sich auch gegen den dritten Vorwurf, daß es ihnen nämlich durch ihren Namen und durch ihr Vermögen zu leicht gewor­den sei, durchzndringen.

Wir habeil fünfzehn Jahre lang einsam, von aller Welt abgeschlossen, halsstarrig nur unserer Arbeit gelebt. Wir habeil alle Niederlagen des litterarischen Lebens erlitten, jeden Kummer, jede Verzweiflung, jeden Angriff, jede bittere Kränkung. Unser Ehrgeiz blutete, als niemand uns,, kannte. Viele Jahre hindurch haben unsere Bücher kaum das Ol und das Holz unserer Ar- beitsuächte bezahlt. Schritt für Schritt sind wir dnrchgedriui- gen, langsam von Buch zu Blich, alles wurde uns streitig ge­macht, alles mußten wir uns erkämpfen. Und wir haben fünf­zehn Jahre daran setzen müssen, um im RluZutra truin-um ausgeführt zu werdeu."

Das Unrecht ist zwanzig Jahre später gesühnt worden, als iin März 1885 «Henriette Marächal» im Odöon-Theater mit großem Erfolge wieder ansgesührt wurde.

Das zweite Theaterstück der Brüder Goncourt ist ein Trauerspiel, dessen Handlung am Tage der Erstürmung der Bastille beginnt und unter dem Schreckensregimente endet. Es nennt sichDas Vaterland in Gefahr," und die Dichter, welche doch sonst ihren Landsleuten sehr bittere Dinge zu sageil lieben, bilden sich doch etwas daraus ein, daß sie im drittelt Akte die