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Deutschland
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anderes gethan, als ihm eine alte Schuld heimgezahlt. Ihm und seinem Bater. Der Alte hat gewähnt, mir ineine Unschuld zu eiuem etwas wohlfeilen Preise abkanfen zn können ... dafür, daß sein Sohn mich, als ich ein junges, dummes, unerfahrenes Ding von achtzehn Jahren war, ins Elend brachte, hat er mir dreihundert Gulden geschickt. Das habe ich mir gemerkt . . . Nein! von Vorwürfen bin ich frei. Aber ich habe lange genug Komödie gespielt. Ich kann nicht mehr." Sie lehnte den Kopf an die Schulter der Kameradin. „Wenn Du wüßtest, wie sehr ich die Münuer verachte!" murmelte sic. „Beim bloßen Anblick eines Mannes wird mir übel . . . Und doch weiß ich, daß es brave, gute, achtenswerte Männer giebt. Aber diese kann ich niemals kenneil lernen, denn die kommen nicht zu mir; und selbst wenn sie kämen: mir würden sie sich nicht als gut, brav und achtenswert zeigen, ich würde sie immer nur von einer schlimmen Seite kennen lernen. Von Natur aus war ich dazu bestimmt, fromm, sittsam, zärtlich und fleißig zu bleiben, aus Liebe zu heiraten, mir einen kleinen Herd zn gründen, einen braven Mann und liebe Kinder zu haben . . . es ist aber alles anders gekommen. Seit meinem ersten Falle führe ich eine abscheuliche Rolle durch, welche die Vorsehung nicht für mich geschrieben hatte . . . und nun geht es nicht mehr. Meine erlogene Kraft ist am Ende."
Mit der „guten" Frau Schulz hatte Fanny sich längst überworfen. Sie hatte die ehrenwerte alte Person durchschaut, ihr in dürren Worten gesagt, was sie von ihr dächte, und sich von ihr getrennt. Frau Schulz ertrug diese „Undankbarkeit" eines Geschöpfes, welches ihr so viel zu danken hatte, mit der Ruhe einer Philosophin. Einige Jahre lang betrieb sie noch das schöne Geschäft, junge Mädchen in hilfloser Lage in ihr Hans zu nehmen, ihnen alles, was sie brauchten, zu geben, um sich dann später, wenn die Mädchen „Carriere" gemacht hatten, alle ihre Gutthaten mit Wucherzinscn bezahlen zn lassen . . . Einmal jedoch geriet die uneigennützige Alte in einen peinlichen Konflikt mit der Polizei; sie wußte sich zwar herausznschälen, aber das Geschäft blieb ihr von dieser Stunde an verleidet. Sie zog sich ins Privatleben zurück und lebte von ihren Renten. Und wer es hören wollte, dem erzählte sie, daß die Menschen sich ihr voll des schnödesten Undanks gezeigt hätten, daß sie dies jedoch nicht im mindesten wunderte, denn sie kennte die Welt und wüßte, wie schlecht die wäre.
Es ging schnell bergab mit der armen Fanny. Sie war kränklich und nervös geworden, und so oft sie eines kleinen Kindes ansichtig wurde, traten Thrünen in ihre Augen. Eines Tages kam sie zufällig in das Haus einer Frau, welche eine Privat-Kinderbewahrungsanstalt hielt. Was Fanny da schaute, mußte wohl schrecklich gewesen sein, denn sie sank ohnmächtig nieder und verfiel, als sie wieder zu sich gekommen war, in einen Wein kramp f.
„So also, so schlecht, so niederträchtig schlecht hat es mein Kind gehabt!" brachte sie unter Schluchzen hervor. „O Gott! o Gott!" Die Frau packte sie bei den Schultern und warf sie, unter einer Flut von Schimpfworten, zur Thür hinaus. Seit diesem Tage hatte Fanny weder Ruhe noch Rast. Wer sie aus der Straße sah, drehte sich nach ihr um und hielt sie für eine Närrin.
Um diese Zeit starb der alte Graf, dem sie es verdankt hatte, in die Mode gekommen zu sein. Zum großen Verdruss«?
seiner Verwandten hinterließ er dem Mädchen einen beträchtlichen Teil seines Vermögens, und Fanny sah sich dadurch in die Lage versetzt, ihrem traurigen Leben entsagen zn können, ohne Gefahr zn laufen, vor Hunger und Elend zu verkommen. Nachdem sie die Erbschaft in Empfang genommen hatte, verschwand sie vom Schauplatze. Selbstverständlich vermißten sie wenige, und nach kurzer Zeit war sie ganz vergessen. —
Fünfzehn Jahre waren verstrichen, seit sich das Grab über den sterblichen Resten Paul Bergmanns geschlossen hatte. Keiner seiner Freunde dachte mehr an ihn. Der einzige Mensch, welcher sich seiner allenfalls noch erinnert haben würde, sein Vater, war ihn; seit einer Reihe von Jahren in den Tod gefolgt. Das Geschäft war in fremde Hände übergegangen und trug nun die Firma „Anselm Bergmanns Nachfolger." Mrs. Ellen hatte, einige Jahre nach des Gatten Tode, ihre Hand einem Pastor ans der lUrch-t'Inu-cR gereicht, mit welchem sie sich vortrefflich verstand und der sie in der Ausgabe, ihre Tochter Nelly und vier andere Kinder, die sie dem hochwür digen Gemahl geboren hatte, nach ihrem Sinne, das heißt zu „anständigen," unduldsamen, jede fremde Meinung verachtenden, steifleinenen Menschen zn erziehen, kräftigst unterstützte. Die Kinder versprachen insgesamt, nach dem Wunsche der Eltern zu geraten, und so fühlte sich Mrs. Ellen vollauf befriedigt und hatte von ihrem Standpunkte ans auch alle» Grund dazu. Von ihrem ersten Gatten sprach sie niemals. Illach ihrer stillen Ansicht briet er in der Hölle, und sie wünschte ihm auch kein besseres Los. Sie gehörte zu denen, die nicht weinen, nicht klagen, aber auch niemals verzeihen. —
Sv waren denn alle, deren Schicksal mit demjenigen der armen Fanny verwoben gewesen, in dieser oder jener Weise versorgt - einer durch den Tod, der andere durch das Leben. Sie selber aber war und blieb verschollen. Einmal führte eine ihrer ehemaligen Kameradinnen ihr Weg in ein Kinder spital, woselbst das arme Mädchen ihr krankes Kind unter- znbringen wünschte. Zaghaft trat sie ein, ihr Kind in den Armen. Ihr bangte davor, das kleine Mädchen hier zn lassen: sie war nicht in der Lage, reichliche Trinkgelder zn geben und sich dadurch die Wärterinneu geneigt zn machen. Wie würde es ihrem armen, vaterlosen Kinde, dessen Mutter obendrein eine Choristin war, hier ergehen? ... Da fiel dem armen Weibe eine Wärterin auf. Was für ein gutes, ernstes, wehmütiges Gesicht! Wie nett sie anssah in ihrer sauberen Kleidung mit der großen, reinlichen Schürze und dem weißen Häubchen ans dem Kopfe! Und wie freundlich sie zn den Kindern war, wie lieb sie ihnen zulüchette! Der armen, verzagten Mutter ging das Herz ans. Rasch schritt sie zn der freundlichen Wärterin hin.
„Ich bitte ... da bringe ich mein Kind," stammelte sie.
Die noch junge Wärterin streckte die Arme nach dem kleinen Mädchen aus. Da stutzte die Mutter und trat einen Schritt weit zurück.
„Jslls möglich?" rief sie aus. „Du bist's, Fanfan?"
Die Wärterin zuckte zusammen und erblaßte. Jedoch faßte sie sich sogleich. „Fanfan ist seit dreizehn Jahren tot," sprach sie mit gedämpfter Stimme. „Wecke sie nicht. Die hat ansgelitten. Hier kennt man mich unter meinem alten Namen Fanny, dein Namen, mit welchem mich meine Mutter gerufen hat. Bon meiner traurigen Vergangenheit weiß hier bloß ein