Heft 
(1889) 16
Seite
284
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Seite 284 . Deutschland. FZ 16.

ans dieser Biographie z. B- die schwärmerische Bewehrung verstehen, die

Jean Pani bei den Frauen hervorrief, oder auch nurzu einer wirklichen Kenntnis des Eharakters deS Dichters kommen können, wenn er nicht im stände ist, die im Buche vereinzelten Züge znsammenznarbeiten. Es ist alles immer nur ein bloßes Nebeneinander, seht ein Stückchen Biographie, dann ein Stückchen litterarische, nicht litterarhistorische Be trachtung. Es fehlt dieser Darstellung die künstlerische Gliederung, der kunstvolle Aufbau, die Einheitlichkeit; es ist alles nur eine Zusammen stellung historisch geordneten und kritisch bearbeiteten Materials, aber ke i n e wirk l ich litter a r h i st v r i s cl; e B i o g r a P h i e.

All das schliefst nicht aus, das; die Jean Paul Forschung durch Nerrlichs sehr fleißige Arbeit ein gut Stück vorwärts gebracht ist. Das Material, das Nerrlich hier neu oder kritisch neu untersucht liefert, ist sehr groß. Das Buch wird dem Litteraturforscher sehr förderlich sein, es wird einem künstlerisch gestaltenden Autor auch ermöglichen, das zu schaffen, was Nerrlich nicht geschaffen hat! eine Biographie des Dichters, der seinen; Biographen eine allerdings sehr schwere, aber doch auch sehr dankbare Ausgabe stellt.

Daß diese fleißige Arbeit nicht zugleich auch eine gute Arbeit ge worden, liegt vielleicht weniger au dem Können, als an dein Wollen des Autors, der sein Buch mit einer eigentlich sehr überflüssigen und überraschenden Darlegung über die Methode der Darstellung eröffnet und hier in sehr heftiger Weise die genetische Methode Rankes und die empirisch pshchologische Methode Scherers angreist. Den Grund zu die sei; Angriffen und gleichzeitig auch zu der mißglückten Methode des ganzen Buches liefert Nerrlichs enthusiastisches Hegelianertum. Er sieht in Hegels Philosophie die Religion-der Zukunft, er hält seine Methode für die maßgebende. Über die Bedeutung Hegels, über die Angriffe gegen Ranke und die scharfen Ausfälle gegen Scherer an dieser Stelle mit Nerrlich richten wollen, würde uns ebenso deplaciert erscheinen, wie es eben jene Ausführungen Nerrlichs in einem Buche über Jean Paul sind. sV.

Aphorismen von Marie von Ebner-Eschenbach. Dritte Auflage, vermehrt um ein fünftes Hundert Aphorismen. (Berlin, Verlag von Gebrüder Paetel, 1690.) !

Was wir unserem besten Freunde nicht anvertrauen würden, rufen nur ins Publikum." Dieser Spruch erklärt das Geheimnis des Erfolges, den die Aphorismen der Ebner-Eschenbach von ihrem ersten ! Erscheinen an bei allen feinen Köpfen gehabt haben. Nur das Gcv j heimste, das Tiefste ist schön genug, um auch in der bescheidenen Ein kleidnng eines kleinen Spruches anfzufallen; wer diese Tiefe nicht be­sitzt, wird es bei allem Geist nicht dazu bringen, einen lesenswerten i Spruch niederzuschreiben. Die Ebner-Eschenbach besitzt diese Tiefe glück­licherweise verbunden mit einer fast kindlichen Munterkeit.Während ein Feuerwerk abgebrannt wird, sieht niemand nach dem gestirnten Him­mel." Aber es giebt noch ein Drittes: Einen gestirnten Himmel, an welchem ein Meteor wie ein Feuerwerk flammt. Manche unserer Apho­rismen erinnern an ein solches Meteor. -r.

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Realismus?! Zeitgemäße Betrachtung von Hermann Thom.

(Leipzig, Verlag voll Armin Bonmann, 1889.)

Aus den Hexenküchen der Litteratnr. Indiskretionen von Her­mann Thom. <Leipzig, Verlag von Armin Bonmann, 1889.)

Die Schauspielerin, .'stünstlernovelle von Hermann Thom. lWeimar, Verlag von Jüngst n. Comp.)

Der Verfasser scheint seine Broschüren ins Publikum werfen zu wollen ähnlich den Flugschriften ans der Neformativnszeit, um vor allem durch Satire anregend und fördernd zu wirken. Das ist gewiß aner­kennenswert, wenn auch unserer Zeit dazu andere Mittel zu Gebote stehen, als kleine Büchlein, die doch immer erst wirken können, wenn sie gekauft werden.

In derzeitgemäßen Betrachtung" über den Realismus macht der Verfasser die nicht mehr ganz neue Bemerkung, daß alle großen Künst

ler sowohl Realisten wie Idealisten waren, daß also die Gegensätze nichts taugen. Wenn er das freilich dadurch zu beweisen sucht, daß er etwa sagt:Die Bolksseenen im «Demetrius, dnS Wallensteinsche La ger, sie sind voll von Realistik, aber das hinderte Schiller nicht, in Max Piccolomini eine durchaus ideale Gestalt zu schaffen," so zeigt das nur, daß auch Herr Thom sich durch das unselige WortIdealismus" (dein; das trägt alle Schuld, nicht der von; Verfasser mit Frage- und Ans rufezeichen versehene Realismus) ins Bockshorn jagen lässt und meint, der idealistische Dichter zeichne sich dadurch aus, daß er Gestalten mit idealer Gesinnung zeichne. Nun ist etwa Ibsens Gregor Werte ein naher Geistesverwandter May Piccolominis, nühtSdestoweniger aber werde ich den erster» eine realistische, den letzter» eine idealistische FD gur nennen. Man muß freilich von der ursprünglichen Wortbedeutung dabei absehen, aber die Gegensätze sind da und werden und sollen noch manches Mal sich zu messen haben: ob dabei der Kampfruf heisst: hie individualistisch - hie typisch, oder: hie realistisch --- hie idealistisch, darauf kommt nicht viel an, wenn man nur nicht durch die andere Be deutnng von Ideal sich in die Irre führen lässt. Diesem Fehler ist leider Herr Thom, der aufklärend wirken wollte, selbst nicht entgangen.

Den; zweite;; der Büchlein giebt der Verleger, wie er sagt, wider den Willen des Verfassers, dessen Porträt und ein Vorwort mit, in de»; er sagt:Die Überproduktion verursacht einzig und allein den Nieder gang des Buchgewerbes. Sie einzudämmen ist der Zweck der vor liegenden Indiskretionen." Das Publikum, sagt der Verleger, kaufe zu viel schlechte Bücher, mau müsse ihm zeigen, wie's gemacht wird, es müsse die heutige Kritik verachte;; lernen. Ohne dieses Vorwort hätte man freilich nicht geahnt, daß Herr Thom ein solches Ziel verfolgt. Man hätte sich sagen müssen, der Verfasser ist anch einer von denen, für die Kritik und Satire Selbstzweck ist, die nicht strafend bessern wollen, sondern denen die Dummheit mancher gerade gut genug ist, nn; sie als Folie für ihr eigenes Licht zu benutzen. Wohl wahr, ernsthafte Kritik kann in; Gewände des Scherzes trefflich geübt werden, aber Herr Thon; hat cs nicht zuwege gebracht. Er richtet im Anfang seine Waffen gegen solche, die längst tot sind, er höhnt über Zeitungsromane und dergleichen: und in der zweiten Hälfte stellt sich heraus, daß seine Waffen für de» ernsten Kampf gegen nur halbwegs Lebende nicht stark genug sind.

Von dem dritten uns vorliegenden Büchlein ist nicht viel zu sagen. Es ist eine Künstlernvvelle:Die Schauspielerin," die nicht um ein Haar schlechter oder besser ist als die Mittelware, gegen die der Sati riker Thom mit Vorliebe seine Pfeile richtet. Wie ein frommes Mäd chen durch den Verkehr mit einem Schauspieler ihr eigenes Talent ent deckt, zur Bühne geht und dadurch den Zorn ilires Vaters erregt; wie sie dann eine berühmte Schauspielerin wird, dazu noch ihr Dichtertalent auffindet, ihre eigene Geschichte schildert und dadurch den Vater ver söhnt, diese etwas altmodische Geschichte wird uns in recht flotter Dar stellung erzählt. !.

Auf des Reiches Hochwucht. (In neuer Zeit Briefe eines alten Diplomaten an einen jungen Freund. III.> Berlin, 1889, Vertag von Richard Wiltzelmi.

Die Flugschrift ist zwar einer Besprechung nicht Werl, nur sind da für unfern Lesern gegenüber in der angenehmen Lage, das Dunkel auf Hellen zu können, in welches der Herr Verfasser sich hüllt. Der alte Diplomat, der hier zu einen; jungen Freunde spricht, ist nämlich kein anderer, als der unsterbliche Enkel des seligen Kannegießer von Holberg.

Rumänische Volkslieder und Balladen, im Versmaße der Ori ginnldichtnngen übersetzt und erläutert von A. Franken. (Danzig, Verlag von A. W. Kafcmann, 1889.)

Ganz reizende Lieder, die sich in der anscheinend vortrefflichen Über tragnng wie Originale lesen! Die alten Stoffe des Volksliedes, Liebe und Natur, freies Räuberleben und Heldentum werden besungen, die unnachahmliche, wunderbare Keuschheit aller Volkspoesic tritt anch hier so recht zu Tage, das fremd nationale Element kommt weniger und ge wiß nicht störend zum Vorschein. So können wir nur mit Nachdruck alle Freunde der Volksdichtung auf dies Buch aufmerksam machen. l.

Verantwortlicher Redakteur: Fritz Mauthncr in Berlin zv., Frobcnstrahe 33. Druck und Verlag von Carl Flcmming in Glvgau.