Heft 
(1889) 16
Seite
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Deutschland.

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und doch spielt es nur zu bedeiltsam auch in ihre» Tod hinein."

Dieser Brief, der unzweideutig ansspricht, daß Mnndt an den Grundgedanken seinesDenkmals" selbst nicht glaubt, und der sehr zweideutig sein Verhältnis zur Toten erraten läßt, wäre nur eine verzeihliche Indiskretion, wenn es dem Schrei­ber darum zu thnn wäre, sein Volkes Herz gegen einen Freund ansznschntten. Aber Mnndt weiß sehr wohl, daß Kühne einen Aufsatz über Charlotte Stieglitz unter der Feder hat, und einem Artikelschreiber pflegt man doch nicht so intime Geheimnisse über seinen Gegenstand zu verraten. Da Mnndt gleichzeitig Kühne zu seinem Aufsatz reizt, so wird das kokette Aufheben des Schleiers geradezu zu einer Nichtswürdigkeit. Kaum hat Kühne seine Arbeit veröffentlicht, da meldet sich auch schon Mnndt mit schlecht geheuchelter sittlicher Entrüstung,denn mir gelten die Toten nicht für so abgeschieden, daß sie nicht auch noch eine s^nche hier hätten, deren Verhandlung und recht­liche Feststellung sie interessiere. Daher gebe ich Dir zuerst mein heiliges Ehrenwort und schwöre es bei ihren Manen, daß diejenigen Bezüge zu ihr, die Du meinst, in Deinem Auf­satz angedentet zu sehen, niemals auch nur entfernterweise mein Wunsch sein konnten!"

Das AnsrnfnngSzeichen ist charakteristisch für diese ge­wundene Lüge. Denn eine Lüge ist diese Briefstelle jedesfalls, ob nun Mnndt mit der Behauptung des Liebesverhältnisses oder aber mit seiner Ablengnnng gelogen hat. Immer wieder findet sich Ja und Nein in demselben Satze. Kühne muß die widerlich eitle Absicht wohl durchschaut haben, denn Mnndt schreibt ihm weiter:Du meinst nun, mein Freund, mir sei Dein sonst hinlänglich von mir anerkannter Aufsatz mißfällig, weil ich geheimere Motive ihres Todes von Dir hervorgezogen zu sehen gewünscht hätte. Wie hast Dil nur dergleichen von mir vermuten können, da ich es Dir nirgends gesagt habe?"

Er leugnet seine früheren Briefe einfach ab, fügt aber in demselben Augenblicke noch ein Wort hinzu, welches die Zu­rücknahme wieder znrücknimmt.Ich kenne keilte geheimeren Motive von Charlottens Tod: ich wage keine zu kennen." Und wieder eilte Seite weiter:Wer sagt Dir, daß mein Ver­hältnis zu ihr von dieser beklommenen und mondscheinhaften Art gewesen, wer hat Dir das alles so sicher vertrant?" Aber beileibe soll der Empfänger des Briefes ans diesem abgeschmack­tem Schmunzeln nicht den Schluß ziehen, Mnndt wäre nun doch der Geliebte Charlottens gewesen. Cr fährt fort:Ich gestehe, sie war mir eine Heilige, und ich habe niemals eilten unreinen Gedanken zu ihr gefaßt, aber an Keckheit dessen, was ich ihr von meinen Gefühlen sagen und bekennen durfte, hat es vielleicht niemals ein großartigeres und geistigeres Ver­hältnis gegeben." Und er schließt seinen durch und durch heuch­lerischen Brief mit dem Trumpf:die echteste Überlieferung ihres schönen Lebens ging in treues Herz über, aus dem sie in wahrer Gestalt, wie sie gewesen, sich selbst ein Denkmal, anferstand. Nichts ist dabei Dichtung, und ich habe kein Ver­dienst, als das der Selbstverleugnung, indem ich ihr dies Denkmal setzte."

Kühne selbst bemerkt dazu in seiner gutmütigen, harmlosen Art und trotz seiner Freundschaft für Mnndt:In allen seinen Bekenntnissen ist nichts weniger als Selbstverleugnung, viel­mehr eine sehr graziös gehaltene, anmutige Selbsthingebnng."

Wir sehen anstatt der Grazie eine ganz abscheuliche Pose. Ans das Zeugnis ihres Gatten, des Narren, und ans das Zeugnis Mnndts, des Lügners, ist Charlotte Stieglitz eine berühmte Frau geworden, und heute noch widmen schöne weib­liche Seelen ihren: Andenken mitunter eine Thräne. Vielleicht ist es an der Zeit, das Ehepaar Stieglitz allmählich wieder ans der deutschen Litteratnrgeschichte hinauszuweisen. Auch in unfern Tagen könnte das Beispiel gefährlich werden, wenn wirklich durch einen Dolch oder eine Kugel ein dauernder Dichterrnhm zu gewinnen wäre. Das wäre wohlfeil.

In unfern Tagen ist die Selbstbespiegelung und der per­sönliche Klatsch, der zu allen Zeiten in der Kunstgeschichte eine

unheilvolle Rolle gespielt hat, beinahe zum Handwerkszeug ge­worden. Vor hundert und dann wieder vor fünfzig Jahren liebten die Dichter die Selbstbespiegelnng und wurden von ihren Feinden mit kleinen persönlichen Histörchen verfolgt. Heute er­scheint die Selbstbespiegelnngssncht der Geniezeit und der Rahel- zeit schon zu tief. Es giebt Künstler genug, welche an sich selbst bemerkenswert finden, was damals nur Gegner zu er­zählen wagten; so sehen wir allerlei kleinen Persönlichen Skan­dal häufig der Ankündigung eines neuen plastischen oder dich­terischen Werkes voransgehen. Die Modellgeschichte, beim echten Dichter das intimste seiner Seele, ist zur Reklame ge­worden. klnd daher kommt es wohl, daß im litterarischen Kampfe unserer Tage neuerdings höchst Perfönliches ganz un­befangen in unerlaubtem Maßstabe hernngezogen wird. No­tizen, welche sonst eine Züchtigung, ein Duell oder eine ge­richtliche .Klage zur Folge gehabt hätten, werden von manchen beteiligten Herren und Damen fast wie eine Huldigung, jedes- salls als Erhöhung ihrer Publizität anfgefaßt. Erst wenn dieser falsche Begriff von Künstlerrnhm wieder einem besseren Platz gemacht haben wird, kann freilich anch das Ehepaar Stieglitz ans den Spalten eines Konversationslexikons ver­schwinden.

Kleine Kritik.

Jean Paul. Sein Leben nnd seine Werke. Von Panl Nerrlich. lBerlin, Weidmannsche Buchhandlung.)

IW. Paul Nerrlich ist den Jreunden Jean Paulscher Dichtung bereits u. a. durch Veröffentlichung des Briefwechsels des Dichters mit Charlotte v. Kalb, durch seine sehr instruktive, noch im Erscheinen be grifsene Ausgabe der Werke Jean Pauls in der Kürschnerschen National litteratur, durch seine Arbeit überJean Panl und dessen Zeitgenossen" rühmlichst bekannt geworden, - das vorliegende sehr fleißige, <>50 Seiten umfassende Buch soll gewissermaßen wohl die Summe der Nerrlichschen Borstndien ,gehen, es soll sein, was J-r. Dh. Bischer forderte, als er 187N eine gründlichere Beschäftigung mit demwunderlich genialen" Dichter verlangte und anssprach,wir bedürfen schlechterdings' einer guten Monographie über einen Dichter, an dessen idealer Kraft, Wärme und Reinheit unser Geschlecht sich wahrlich recht wohl einmal wieder spiegeln dürfte."

Diese gute Monographie, wie sie Bischer im Auge hatte, ist nun NerrlichsJean Paul" freilich keineswegs. Was der Verfasser bietet, ist eine sehr fleißige, sehr verdienstliche, literarhistorisch recht wertvolle Gelehrtenarbcit, aber leider kein Buch, das sich vermessen könnte, für die. Popularisierung Jean Pauls das zu leisten, was für Schiller und Goethe geschehen ist, wobei wir keineswegs verkennen wollen, daß anch die po­pulärste Jean Paul-Biographie sich an ein exklusiveres Publikum wenden muß, als die Biographieen jener wirklich populär gewordenen Dichter. Aber Nerrlichs Buch ist anch für die Verehrer Jean Pauls, soweit sie nicht Literarhistoriker sind, eine schwierige Lektüre. Es ist eine Ge lehrtenarbeit für Gelehrte, sehr fleißig, sehr förderlich, vollgepfropft mit vielfach neuem Material, aber kein Buch, das im stände wäre, Jeair Paul weitere Kreise, neue Verehrer zu gewinnen. Es ist ja für jeden, der über Jean Paul arbeiten will, sehr bequem, daß er, um z. B. über die Grönländischen Prozesse" etwas zu erfahren, bei Nerrlich nur das 1. Brich, l. Abschnitt, 2. Kapitel, Abteilung 2, Unterabteilung I>, weitere Abteilung x nachznschlagen braucht, aber durch die Kapitel nnd Abteilnngsverzettelun gen zerflattert die Darstellung, wird das Gesamtbild zerpflückt in kleine Mosaikstückchen. Und was schlimmer, die. Darstellung stellt sich nicht mir äußerlich als ein bloßes Nebeneinander dar, sic ist es auch innerlich. Nie mals wird anch nur der Versuch gemacht, psychologisch den Dichter und seine Werke, die Art ihrer Wirkung zu begründen nnd zu erklären, stets ist es nur eine ästhetische nnd theoretische Prüfung und Würdigung, die Nerrlich hier vornimmt. Wir ersehen bei Nerrlich nur, was Jean Panl als Dichter und als Mensch geworden, aber niemals, wie er es wird, warum er so wurde nnd nicht anders. Kein unbefangener Leser wird