Heft 
(1889) 17
Seite
286
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Deutschland.

Ein mit einem alten Dampfkessel bepackter Lastwagen, der dröhnend nnd schulternd gerade des Weges kam, hinderte die unverzügliche Ausführung des Befehls; kaum aber, daß der Rollwagen vorüber war, so nahm Olga den Stoßgriff des Kinderwagens in die Hand nnd fuhr, quer über den Damm hin, auf das Hans zu nnd mit einem Ruck in den Hausflur hinein. Hier nahm sie das Kind heraus und ging, wahrend sie den Wagen zunächst unten stehen ließ, treppauf in die Woh­nung der Mutter.

Diese hatte sich mittlerweile beruhigt, die Stirnfalte war fort, und Olga bei der Hand nehmend, sagte sie mit jenem Übermaß von Vertraulichkeit, das gewöhnliche Leute gerade bei Behandlung intimster Dinge zu zeigen pflegen:Olga, der Olle kommt heute wieder. Immer wenn's nich paßt, is er da. Grad' als wollt' er mir ein'n Tort anthun. Ja, so is er. Na, es hilft nn nich und, Gott sei Dank, vor achten kommt er nich. Und nn gehst Du zu Wanda nnd sagst ihr . . . Ne, laß man . . . Bestellen kannst Du's doch nich, es is zu lang zum Bestellen . . . Ich werd' Dir lieber einen Zettel schreiben."

Und mit diesen Worten trat sie, von der Thür her, wo dies Gespräch stattgefnnden, an einen überaus eleganten nnd um eben deshalb zu Haus und Wohnung wenig passenden Rokoko-Schreibtisch heran, auf dem eine fast noch mehr über­raschende ledergepreßte Schreibmappe lag. In dieser Mappe begann jetzt die noch immer hochaufgeschürzte Frau nach einem Stück Briefpapier zu suchen, anfangs ziemlich ruhig, als sich aber, nach dreimaligem Dnrchblättern der roten Löschpapierbogen, immer noch nichts gefunden hatte, brach ihre schlechte Laune wieder los und richtete sich, wie gewöhnlich, gegen Olga:Hast es wieder weggenvmmen nn Puppen ausgeschnitten."

Nein, Mutter, wahr nn wahrhaftig nich; ich kann es Dir zuschwören."

Ach, geh mir mit Dein ewiges Geschwüre. Haste denn gar nichts?"

Ja, mein Schreibebnch."

Und Olga lief, so rasch es ging, in das Neben- und Hinterzimmer und kam dann mit einem blauen Schreibeheft zu­rück. Die Mutter riß ohne weiteres die letzte Seite heraus, auf deren oberster Zeile lauter ch's standen, und kritzelte nun mit verhältnismäßiger Schnelligkeit einen Brief fertig, faltete das Blatt zweimal und verklebte die noch offene Stelle mit Brief­markenstreifen, von denen sie die gnmmireichsten immer mit dem Bemerkenis besser als englisch Pflaster" aufznheben Pflegte. So, Olgachen. Nn gehst Du zu Wanda nn giebst ihr das. Und wenn sie nich da is, giebst Du's an den alten Schlichting. Aber nich an seine Frau nn auch nich an die Flora, die kuckt immer 'rein nn braucht nich alles zu wissen. Und wenn Du zurückkommst, dann gehste mit zu Bolznnin 'ran nn bestellst 'ne Torte."

Was für eine?" fragte Olga, deren Gesicht sich plötzlich verklärte.

Appelsine . . . Un bezahlst sie gleich. Un wenn Du sie bezahlt hast, sagste, daß er nichts drnnflegen soll, auch keine Appelsinenstücke, die doch bloß Pelle un Steine sind. . . Und nn geh, Olgachen, un mach flink, und wenn Du wieder da bist, kannst Du Dir drüben bei Marzahn auch für'n Sechser Gerstenbonbons kaufen."

2. Kapitel.

Olga säumte nicht nnd ging in die Hinterstnbe, um hier ihr rot- nnd schwarzkariertes Umschlagetnch zu holen, das, neben einem etwas verschlissenen Schnnrrenhut, ihr gewöhn­liches Straßenkvstüm bildete. Witwe Pittelkow in Person aber stieg, nachdem sie das immer noch schreiende Kind in eine ganz vornehm ausgestattete Himmelwiege gelegt nnd ihm eine Flasche mit Sangpfropsen in den Mund gesteckt hatte, zwei Treppen höher zu Polzins hinauf, wo ihre Schwester Stine Chambre garnie wohnte.

Polzins waren gut situierte Leute, die das mit dem Chambre garnie gar nicht nötig gehabt Hütten, aber trotzdem, ans purem Geiz, alles vermieteten, oder doch so viel wie irgend möglich, um ihrerseits frei wohnen zu können, oder wie Frau Polzin sich ansdrückte:für umsonst einzusitzen." Er, Polzin, war, seiner eigenen Angabe nach,Teppichfabrikant" (allerdings niedrigster Observanz) nnd beschränkte sich darauf, unter ge­flissentlicher Verachtung aller Komplementärfarbengesetze, schmale, kaum fingerbreite Tuchstreifen wie Stroh oder Binsen neben­einander zu flechten nnd dies Geflecht alsPolzinsche Tep­piche" zu verkaufen.Sehen Sie," so schloß jedes seiner Ge- schäftsgesprüche,solch «Polzinscher» (er behandelte sich dabei ganz als historische Person) wird nie alle; wenn eine Stelle weggetreten is oder der Eßtisch mit seinem Rollfnß ein Loch eingerissen hat, nehm' ich ein paar alte Streifen 'raus nn setz' ein Paar neue 'rein, un alles is wieder proppcr nn fix nn fertig. Sehen Sie, so sind die «Polzinschen.» Aber wenn der Smyrnaer ein Loch hat, dann hat er's, nnd da hilft kein Gott nich."

Polzin, wie sich ans diesem Redestück ergiebt, neigte zu philosophischer Betrachtung, ein Zug, der durch das zweite Metier, das er betrieb, noch eine ganz erhebliche Stärkung er­fuhr. Während der Abendstunden nämlich war er bei sich bietenden Gelegenheiten auch noch Lohndiener und wegen seiner Vorsicht und Geschicklichkeit beim Präsentieren in dem zwischen Invaliden- und Chausseestraße gelegenen Stadtteil allgemein beliebt, was Frau Polzin in ihren Gesprächen mit der Pittel­kow immer wieder betonte:Sehn Sie, liebe Pittelkow, mein Mann is ein ordentlicher und manierlicher Mensch, der, weil wir selber ganz klein angefangen haben, am besten weiß, daß es nich jeder znm Wegschmeißen hat. Un sehn Sie, danach präsentiert er auch, nnd Saueiören, die nich feststehn nnd immer­hin nnd her rutschen, die nimmt er gar nich. Und wenn Pol­zin schon eine einzige Plüschtaille verdorben hat, so will ich sterben. Und ebenso galant und manierlich is er auch bei's Mitnehmen. Er is mein Mann, aber das muß ich sagen, er hat was Feines nn Bescheidenes nn überhaupt so was, was die andern nich haben. Ja, das muß ich ihm lassen. Und da reichen nich hundertmal, daß er mir gesagt hat: «Emilie, heut Hab' ich mir mal wieder über meine Kollegen geschämt. Natürlich war es wieder der mit'n Plattfuß ans der Charitö- straße. Glaubst Du, daß er sich auch bloß geniert nnd ein ganz klein bißchen für Schein nnd Anstand gesorgt hätte? I, Gott bewahre. Ganz dreiste weg, als ob er sagen wollte: ja, meine Herrschaften, da steht der Rotwein, nn nn nehm' ich ihn mit nach Hause.»"