Deutschland.
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PIZ 17.
So waren die Polzins, an deren Flurthür, trotz einer daneben befindlichen Klingel, die Pittelkow jetzt klopfte, zum Zeichen (so hatte man abgemacht), daß es bloß „Freundschaft" sei, was zu Besuch käme, lind gleich danach erschien denn auch Frau Polzin und öffnete.
Die nur drei Stuben zählende Polzinsche Wohnung erfreute sich des Vorzugs eines Korridors, der aber freilich nicht größer war als ein ansgeklappter Spieltisch, und augenscheinlich nur den Zweck hatte, drei auf ihn ansmündende Thören zu Zeigen, von denen die links gelegene zu der verwitweten Privatsekretür Kahlbanm, die mittlere zu Polzins selbst, die rechts gelegene zu Stine führte. Diese hatte das beste Zimmer der Wohnung, hell und freundlich, mit dem Blick auf die Straße, während sich die Kahlbaum mit etwas Beleuchtung vom Hof her und die Polzinschen Eheleute mit einem schrägen Dachlicht begnügen mußten, das, wie bei photographischen Ateliers, von oben her einficl.
„Liebe Polzin," sagte die Pittelkow, als beide Frauen sich oberflächlich begrüßt hatten, „es riecht wieder so sehr nach Petroleum bei Ihnen. Warum nehmen Sie nich Evaks? Sie werden sich mit Ihrem ewigen Petroleumkocher noch alle Mieter ans der Wohnung kochen. Und Ihr lieber Mann! Was sagt denn der eigentlich dazu? Der muß doch nachgerade bei Puten nn Fasanen eine feine Nase gekriegt haben. Und ich weiß nicht, wenn ich ein herrschaftlicher Lohndiener wäre, so was litt' ich nich. In Gesellschaften immer was Delikats un zu Hanse so. Na, meinetwegen. Js denn Stine drin?"
„Ich denke doch, ich habe sie nicht Weggehen hören. Und denn wissen Sie ja, liebe Pittelkow, wir sehen nichts un hören nichts."
„Versteht sich, versteht sich," lachte die Pittelkow, „sehen nichts nn hören nichts. Und das ist auch immer das Beste."
Sehr wahrscheinlich, daß sich dies Gespräch noch fortgesetzt hätte, wenn nicht in eben diesem Augenblick die Thür von rechts her aufgemacht und Stine hernnsgetreten wäre.
„Jott, Stine," sagte die Pittelkow mit einem Ansdruck von Freude. „Nn, das ist recht, Kind. Ein Glück, daß Du da bist. Du mußt heute noch 'runter kommen nn helfen."
Unter diesen Worten waren die Schwestern, während sich Frau Polzin artig, aber grienend zurückzog, in Stines Zimmer eingetreten und auf ein paar kleine Stühle zngegangen, die zu beiden Seiten des Fensters ans einem Trittbrett standen. Draußen am Fenster aber war ein Dreh- und Straßenspiegel angebracht, bei dessen Anbringung der ebenso praktische wie pfiffige Polzin vor Jahr und Tag schon zu seiner Frau gesagt hatte: „Emilie, so lange der da ist, so lange vermieten wir."
Die Pittelkow setzte sich gegenüber dem Drehspiegel, der denn auch heute wieder, wie zur Bestätigung der Worte Polzins, eine Quelle herzlichen Vergnügens für die hübsche Witwe wurde, nicht aus Eitelkeit (denn sie sah sich gar nicht), sondern aus bloßer Neugier und Spielerei. Stine, die das alles schon kannte, lächelte vor sich hin; auch sie trug einen gewellten Scheitel, aber ihr Haar war flachsgelb, und die Ränder der überaus freundlichen Augen zeigten sich leicht gerötet, was aller sonst blühenden Erscheinung und einer gewissen Ähnlichkeit mit der Pittelkow unerachtet, doch auf eine zartere Gesundheit hin-
zndenten schien. Und so war es auch. Die brünette Witwe war das Bild einer südlichen Schönheit, während die jüngere Schwester als Typus einer germanischen, wenn auch freilich etwas angekränkelten Blondine gelten konnte.
Stine sah der immer noch mit dem Spiegel beschäftigten Schwester eine Weile zu, dann erhob sie sich, hielt ihr die Hand vor die Angen und sagte: „Nun hast Du aber genug, Panline. Du mußt doch nachgerade wissen, wie die Jnva- lidenstraßc anssieht."
„Hast recht, Kind. Aber so is der Mensch; immer das Dümmste gefällt ihm nn beschäftigt ihn, nn wenn ich in den Spiegel kucke und all die Menschen und Pferde drin sehe, dann denk' ich, es is doch woll anders, als so mit bloßen Angen. Un ein bißchen anders is es auch. Ich glaube, der Spiegel verkleinert, nn verkleinern is fast ebenso gut wie verhübschen. Aber Du brauchst nicht kleiner zu werden, Stine, Du kannst so bleiben wie Du bist. Ja, wahrhaftig. Aber, warum ich komme... Jott, man hat doch auch keine ruhige Stunde."
„Was is denn?"
„Er kommt heute wieder."
I „Nn, Pauline, das is doch kein Unglück. Bedenke doch, daß er für alles sorgt. Und so gut wie er ist und gar nich so."
„Na, ich wollt' ihm auch. Und den alten Baron bringt er auch mit, und noch einen."
„Und noch einen? Wen denn?"
„Lies."
Und sie reichte Stine den eben erhaltenen Brief, und diese las nun mit halblauter Stimme: „Mein lieber, schwarzer Deibel. Ich komme heute, aber nicht allein; Papageno kommt mit und ein Neffe von mir auch; natürlich noch jung und etwas blaß. «Aber bleich und blaß, Ei, die Weiber lieben das.» Sorge nur, daß Wanda kommt und Stine. Wein schick' ich und eine Salatschüssel. Aber für alles andre mußt Du sorgen. Nichts Apartes, nichts Großes, bloß so wie immer. Dein Sarastro."
„Wer ist denn der Neste?" fragte Stine.
„Weiß ich nich. Wer kann alle Neffens kennen. Denkst Dil, daß ich mich um seinen Stammbaum kümmere. Jott, wie mag es damit nnssehen. Na, überhaupt. Stammbäume."
„Laß ihn das nich hören." -
„O, der hört noch ganz andres. Oder denkst Du, daß ich mir wegeil eine Treppe hoch mit Klavier un Divan un wegen 'nen Schreibtisch, der immer wackelt, weil er dünne Beine hat, ein Pechpflaster anfkleben soll? Nein, Stinechen, da kennst Du Deine Schwester schlecht. Oder wegen den blassen Neffen? Ich denk' ihn mir so." Und dabei zog sie das Gesicht in die Länge und drückte mit Daum lind Zeigefinger die beiden Backen ein.
Stine lachte. „Ja, damit wirst Dn's Wohl getroffen haben. Und überhaupt, ich find' es unpassend und ungebildet, daß er den jungen Menschen mitbringt. Ein Onkel ist doch immer so was wie 'ne Respektsperson. Für sich mag er ja thnn, was er will; aber solchen jungen Menschen ... ich weiß nicht, Pauline. Find'st Du nich auch?"
„Na, ob ich finde. Natürlich; erst recht. Aber, Kind, wenn wir davon erst reden wollen, denn is kein Ende. Das is nn mal so; sie taugen alle nichts und is auch recht gut so; Wenigstens für unsereins (mit Dir is es was anders) und für