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umher, namentlich in Kirchen, und kennt, schlecht gerechnet, fünftausend Heilige weiblichen Geschlechts. Und was heilig ist, muß doch auch zart sein. Und nun soll er uns Rede stehen über den Begriff der Zartheit. Ich null feinem bessern Urteile nicht vorgreifen, aber ich wage vorweg die Behauptung, alles, was er von heiligen Eücilien und Barbaras und selbstverständlich auch von Genovevas, die immer die Hauptsache bleiben, gesehen hat, - alle waren Damen von Ihrer Konstitution, meine Gnädigste, Damen, denen alles Mondscheincne fehlte, Damen in schwarzem Sammet und roter Rose. Waldemar, ich bitte Dich dringend, unterstütze mich in einer Sache, die meinem Herzen nnd meinem Knnstgefühle gleich viel bedeutet."
Gr stieß mit Wanda an nnd hatte die Freude, das; Waldemar ans den angestimmten Ton einging nnd unter verbindlichem Lächeln versicherte: Der Onkel habe recht; alle Heiligen seien wohlproportioniert, nnd auch das Zarteste könne sich noch innerhalb der Wellenlinie . . .
„Brav, brav," unterbrach hier der Graf. „Und so bitt' ich denn, die Gläser zu füllen, um ans das Wohl Hermiänens zu trinken, eine von Fräulein Wanda bevorzugte Aceent- verschiebnng, die mir eine ganz neue Auffassung verspricht. Denn die Accente machen's im Leben nnd in der Kunst. Es lebe die Kunst, es lebe das Zarte, es lebe die Wellenlinie, vor allem, es lebe Hermnme-Hermwne, es lebe Fräulein Wanda, es lebe die rote Rose."
Wanda verneigte sich nnd überreichte dem alten Grafen die rote Rose, die so sinnig den Schluß seiner Rede gebildet hatte. Der alte Baron aber stieß von der andern Seite her mit beiden an.
Es folgte nun Toast ans Toast, Papageno ließ Stine leben, nnd nachdem auch noch Waldemar, ebenfalls an Stine sich wendend, ein paar Worte gesprochen, sprach Wanda, wie herkömmlich, in Klappreimen, die sie sich übrigens ans die ein sächsle Weise, indem sie „Liebe" statt „Freundschaft" setzte, für Gelegenheiten wie die heutige ans einem alten StammbuchverS zurecht gemacht hatte. Zuletzt ergriff der alte Graf noch einmal das Wort, um seine Freundin Panline leben zu lassen. Er verschwieg aber ihren Namen dabei, sprach nur ganz allgemein über den Zauber und die Vorzüge der Witwenschaft, nnd schloß mit dem Ausruf: „Es lebe meine Mvhrenkönigin, meine Königin der Nacht."
Alles erhob sich, nnd Baron Papageno versicherte, daß das ein echter Sarastrv-Toast gewesen sei, nnd daß die Reihe der Trinksprüche nicht würdiger hätte schließen können.
Alle stimmten zu, nur nicht die, der der Trinksprnch gegolten hatte. Das Drastische darin mochte gehen ^verhöhnte sie doch selber alles, was sie „sich zieren" nannte), der Spott aber, der dnrchklang, und ein behagliches Sich-Ergehen in Witzeleien, die sie nur halb verstand, nnd die gerade deshalb ihr schlimmer erschienen als sie waren, -- das verdarb ihr die Stimmung, nnd so sagte sie, während sie sich verfärbte: „Na, Graf, bloß nich so, bloß nich übermütig. Das lieb' ich nich. Un so vor alle! Was sollen denn der junge Herr Graf davon denken?"
„Immer das Beste."
„Na, das Inte wäre mir lieber." lind während sie sich Wasser einschenkte, wiederholte sie: „Königin der Nacht. Fs nich fgl glauben. »Fortsetzung folgt.»
Soll mau philosophieren?
Bon
On. HKrril' Otto SUstnibt.
gab Zeiten, wo eine solche Frage müßig, banal, ja lächerlich erschienen wäre. Man braucht dabei gar nicht an die griechisch-klassische Knltnrepvche, an die Zeiten eines Plato nnd Aristoteles zu denken, wo die Phi losvphie als die Herrin, Königin gefeiert nnd jede der verschiedenen Einzelwissenschaften als eine ihrer „Mägde" betrachtet wurde. Es ist noch gar nicht so lange her, daß man die absolute Souveränität der Philosophie allen übrigen Wissenschaften gegenüber allgemein nnd rückhaltlos anerkannte. Noch vor nicht viel mehr als einem halben Jahrhundert durfte ein Schelling den Anssprnch wagen: „Seitdem die «Idee» des Lichtes tauf spekulativem Wege) gefunden, ist die (empirische > Newtonsche Farbenlehre überflüssig geworden." Ein Hegel wurde nicht ansgelacht, wenn er behauptete: „Alles was ist, ist vernünftig," nnd die Philosophie „die denkende Betrachtung der Gegenstände" hat keine andere Aufgabe, als die „Wirklichkeit des Vernünftigen" dialektisch nachznweisen.
Heutzutage ist das freilich anders. Wenn jetzt jemand jene bekannte und pikante Geschichte von den Freiern der Penelope nnd deren Mägden heranziehen wollte, um die Stellung der Philosophen zu den übrigen wissenschaftlichen Forschern zu kennzeichnen, so müßte er sich ans ein überlegenes spöttisches Lächeln oder eine entrüstete Zurechtweisung von seiten der letz teren gefaßt machen. Tie sog. „Mägde" sind jetzt - pochend ans ihre, der Menschheit angeblich ganz allein geleisteten Dienste so stolz nnd hochsahrend, lim nicht zu sagen „frech" geworden, daß sie ihre frühere Herrin entweder ganz ans ihrem Kreise verbannen oder ihr höchstens eine bescheidene, nicht einmal immer gleichberechtigte Stellung neben sich znge- stehen möchten. Wo man überhaupt noch die Philosophie großmütig gelten läßt, will man sie von den übrigen Wissenschaften womöglich ganz loslösen, ans ein „nur ihr eigenes Gebiet," wie man sagt, beschränken nnd beileibe nicht dulden, das; sie in jene, wenn auch noch so bescheiden, Hineinrede.
Tie »leisten der jetzigen Vertreter der Philosophie finden denn auch eine solche untergeordnete Stellung ganz begnem: sie sind der Mühe liberhoben, mit den übrigen Wissenschafteil be ständig Fühlung zu behalten, von allen derselben einiges, von einigen alles — kennen zu lerneil. Sie leben schlecht und recht voll dem schmalen Erbteil der Vorfahren, das ihnen nach dem „großeil Krach" der Schelling-Hegclschen Spekulationen übrig geblieben, und suchen es durch möglichst „intensive Wirtschaft" mehr zu erhalteil als zu vermehren.
Es sind deshalb in der Regel jetzt nicht, wie sonst wohl, die besten Köpfe, welche sich der Philosophie znwenden. Wer sich nur einigermaßen schöpferische Potenz zntrant lind über solide Kapitalien des Wissens verfügt, scheut sich mit einer fast lächerlichen Ängstlichkeit, diese in „philosophischen Spekulationen" anznlegen. Fragt er eineil erfahrenen Freund um Rat, so macht dieser es nicht etwa wie Schiller in dem bekannten Gedichte: „An eineil jungen Freund, der sich der Weltweisheit widmet," hält ihm großartige Reden über die unendliche Wichtigkeit nnd Erhabenheit der Sache, sondern sagt etwa in aller Ruhe lind Trockenheit: „Es giebt jetzt so viele andere, gute und solide Kapitals- anlagen, zu was denn sein Geld lind seine Fähigkeiten in aussichtslose Unternehmungen stecken!" Wenn nun trotzdem ein philosophisch veranlagter Kopf, von einem unwiderstehlichen Instinkte getrieben, alle Bedenken überwindet, sich dennoch in Spekulationen einlaßt nnd sozusagen die erstell Aktien derselben zu emittieren ansängt, so will man sie nicht recht „kaufen," wie Verfasser dieses ans eigeiler Erfahrung bestätigen kann.
Hiernach scheint es also wirklich, als ob die Philosophie heutzutage ein „überwundener Standpunkt" sei: nnd es ist deshalb die Frage: „Soll man philosophieren?" in der That zeitgemäß nnd wohl wert, an dieser Stelle erörtert zu werden.