Heft 
(1889) 18
Seite
305
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Deutschland. Seite 305 .

Ehe mair nun entscheiden kann, ab mail philosophieren soll oder nicht, muh man zuvor znm mindesten wissen, wasphi­losophieren" eigentlich ist, nnd da selbst die gelehrten Fachleute hierüber kaum einig sind, so ist es nm so mehr geboten, zuvor darüber genügende Klarheit zu schassen.

Wenn nach den Vorbemerkungen es scheint, als ob die dem Philosophieren entsprechende Geistesthätigkeit im wesent­lichen mit dem Zusammenfalle, waS man sowohl im idealen, wie im realen Lebenspekulieren,"Umschau halten" nennt, so ist dies keineswegs zufällig nnd dieser Ausdruck uicht un­absichtlich gewählt. In der Thal istspekulieren,"Umschau halten" das richtige Wort, wenn man darunter eine solche Be­trachtungsweise der Dinge versteht, die, über die unmittelbar, sinnenmäßig gegebenen Thatsachen hinansgehend, entweder rück­wärts: auf die Erkenntnis ihrer Wurzeln (Prinzipien, Seins­elemente) oder vorwärts: auf die Voranssehung ihrer Früchte «letzten Konsequenzen) gerichtet ist. Denn man mag die Phi­losophie wie Aristoteles alsWissenschaft der Prinzipien," oder wie Her hart alsBearbeitung der Begriffe," oder wie Hegel alsdenkende Betrachtung der Gegenstände" bezeichnen: es bleibt immer spekulieren in dem soeben definierten Sinne.

Diesoliden Leute" möchten hierzu vielleicht bemerken: Sv? Das heißt also philosophieren? Nun, dann mag man es lieber lassen! Ist nicht alles Spekulieren in der Wissenschaft, wie im Leben, an sich schon etwas Verwerfliches? Gewiß, es kann etwas sehr Verwerfliches sein, sofern näm­lich die Basis, auf die sich die Spekulation gründet, eine un­solide oder eine Basis überhaupt gar nicht vorhanden ist: wenn man sozusagen ans dein Blauen ins Blaue spekuliert. In diesem Falle muß der bewußteKrach" mit natnrgesetzlicher Notwendigkeit früher oder später hereinbrechen. Sv z. B. war es mehr oder minderSchwindel," wenn inan zu einer Zeit, wo die Natur-Wissenschaft noch keine oder keine ausreichend exakte Basis hatte, über keine genügenden Fonds von unzwei­felhaft festgestellten Thatsachen verfügte, schon eine Natur- Philosophie mit dem Anspruch auf souveräne Geltung in­augurieren wollte. Aber muß deshalb jedes spekulative Unter­nehmen notwendigSchwindel" sein? Wäre nicht z. B. jetzt, ivo die erforderliche Basis vorhanden, eine Naturphilosophie mit wenn auch nicht gerade absoluter, so doch sozusagen konstitutioneller Souveränität ganz am Platze? Könnte dadurch nicht - - abgesehen von gewissen andern Vorteilen, auf die ich weiter unten kommen werde so manches an den Tag kommen, was dem Specialforscher bei seinem notwendig eng begrenzten Gesichtskreise entgeht? Lehrt nicht die Ge­schichte'der Wissenschaften, wie gewisse sog. Hypothesen, Theo- rieen w., die anfangs reinmetaphysisch" waren, später, d. h. jetzt, durchausphysisch," wissenschaftlich exakt ?c. wurden? -- Es giebt eben, in der Wissenschaft wie im Leben, sichere nnd unsichere Spekulationen. Wer den richtigen Instinkt hat, d. h. ein wirklich spekulativ veranlagter Kopf ist, wird, wenn er nur einigermaßen solide Kenntnisse besitzt, leicht die sichern von den nnsichern Spekulationen unterscheiden. Wer dies nicht kann, mag seine Hände davon lassen; aber er soll nicht sagen, dag Spekulieren" an und für sich verwerflich ist.

Dieses Spekulieren kennzeichnet indes nur die Art, die Eigentümlichkeit der dem Philosophieren vorzugsweise entsprechen­den Geistesthätigkeit. Anders ist aber eine Thätigkeit an sich nnd das letzte Resultat derselben. Was ist nun das letzte Re­sultat des Philosophierens, oder vielmehr was soll dieses seiw? Hierauf giebt Wilhelm Wnndt in seinem im April d. I. erschienenenSystem der Philosophie" eine recht schöne Ant­wort:Die Zusammenfassung aller Einzel-Erkennt­nisse zu einer die Forderungen des Verstandes nnd die Bedürfnisse des Gemüts befriedigenden Welt- nnd Lebensanschannng." In der That, zu diesem dicken -Strang vereinigen sich, oder vielmehr sollen sich vereinigen alle Fäden, welche von den einzelnen Disciplinen der Philo­sophie: Logik, Metaphysik, Ethik n. s. w. ans dem mehr oder minder rohen Stoff der verschiedensten übrigen Wissenschaften

gesponnen werden, bezw. gesponnen werden sollen, nnd damit ist alle Uneinigkeit der Meinungen bezüglich dessen, was Philosophie ist oder sein soll, beseitigt.

Der denkende Leser wird sich hierbei unwillkürlich sagen: Ja, wenn das so ist, wenn das der eigentliche Begriff nnd Zweck der Philosophie ist, so muß diese doch wohl zu keiner Zeit nnd bei keinem Menschen ganz überflüssig sein, wenn auch das Bedürfnis danach zu den verschiedenen Zeiten nnd bei den verschiedenen Menschen mehr oder minder stark sein mag. Es kann uns doch nicht gleichgültig sein, ob alle unsere Einzel­erkenntnisse ein wohlgeordnetes System oder ein wüstes Durch­einander ansmachen; ob unser Glaube mit unserem Wissen, unser Herz mit unserem Kopfe eins ist, oder beide miteinander in schreiendem Widerspruch stehen: ob wir mit uns nnd der Welt zufrieden sind, oder ob wir die Welt mit uns selbst nnd allem, was darinnen ist, in Trümmer schlagen, in Nebel, Ranch nnd Dunst anflosen möchten? Diepraktischen" Geschäftsleute nnd strohtrockenen Nützlichkeitsfanatiker jedes Standes nnd Be­rufes werden hier freilich sagen:Was geht uns das alles

nn, das sind ja rein ideale Bedürfnisse, die höchstens für ideale

Naturen einen Wert haben mögen, nutz aber völlig kalt lassen;

nnd da man jetzt endlich in der Wissenschaft wie im Leben

dahin gekommen ist, nur reale Bedürfnisse, «reale Werte» gelten zu lassen, so mag man uns mit solchen ideologischen Hirngespinsten, wie philosophische Systeme, nnd besonders mit neuen derselben verschonen!"

Nichts kennzeichnet den übertrieben realistischen oder viel­mehr naturalistischen Zug unseres Zeitalters mehr, als diese allgemeine Unlust der Gebildeten, der eigentlichen Kulturträger, neben den sog. realen auch ideale Zwecke zu verfolgen, oder überhaupt als erstrebenswert anzuerkennen; sie lassen sich in dieser Beziehung lieber von dem armen, ungebildeten Volke, den Arbeitern beschämen, als daß sie in diesem Tanz nm das gol­dene Kalb des Materialismus etwas nachließen. Ich bin weit entfernt, jene Richtung von Grund ans verdammen zu wollen. Ter Materialismus, Realismus, ja selbst der Naturalismus ist innerhalb gewisser Grenzen durchaus berechtigt. Das Hervor­treten derartiger Tendenzen war im Anfänge eine gesunde Re­aktion gegen den himmelblauen oder grasgrünen Idealismus nnd den materiellen Pauperismus früherer Tage. Aber alles hat seine Grenzen! Wenn das so weiter ginge, so bliebe der Menschheit zwischenSinnenglück nnd Seelenfrieden" allerdings nur diebange Wahl," ihrvermählter Strahl" würde ewig ein frommer Wunsch bleiben nnd niemals die giftigen Nebel zerteilen, die in der Welt des einseitigen Materialismus und Naturalismus so leicht nnd so massenhaft anfsteigen nnd die Seele in jenen nervösen, krankhaften Zustand versetzen, den man heutzutage euphemistisch mitPessimismus" bezeichnet, früher aber wohl richtiger Hypochondrie, Blasiertheit ?c. nannte. Die medizinische Wissenschaft hat erkannt, daß solche Gemüts­zustände in der Regel mit verdorbenem Magen, gestörter Ver­dauung w. znsammenhängen. .In der That, so ist es: Die Menschheit leidet jetzt allgemein an verdorbenem Magen nnd gestörter Verdauung, in leiblicher sowohl wie in geistiger Beziehung. Von ersterer wollen wir hier nicht reden: uns geht hinsichtlich der aufgeworfenen Frage nur die letztere an. Und da muß man sich, angesichts des ungeheuren, unabsehbaren Wustes, welchen die großen, kleinen nnd kleinsten Special­wissenschaften in der allernenesten Zeit anfgehünft haben, kopf­schüttelnd fragen: Ja, ist denn das ein Wunder? Wer, nnd Hütte er wie ein Wiederkäuer vier Magen, soll denn all das Zeug, was heutzutage einemGebildeten" znm Konsum ange- boten wird, in sich anfnehmen nnd verdauen? Wer nur einiger­maßen gesund fühlt nnd vernünftig denkt, kann sich eines Grauens nicht erwehren, wenn er sich vorznstellen versucht, wohin das führen muß, falls die Geistesknltnr in derselben Weise noch weiter fortschreitet. Ist denn ein solcher Zustand ein unvermeidliches Übel der höheren Kultur? Sind wir modernen Menschen dazu verdammt, elendes Stückwerk, bloße Rüder und Räderchen einer unübersehbaren Maschinerie vor-