Heft 
(1889) 21
Seite
364
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Deutschland.

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innig der Mirjam, wie in der des Mvses, hat Ebers gezeigt, daß ihm dichterisches Gestaltungsvermögen mangelt. Für beide hat er beim Leser kein Verständnis und keine Teilnahme erwecken können, und ebensowenig ist ihm seine Ausgabe geglückt,das gewaltige Schicksal des Bvlkes dem teilnehmenden Leser menschlich näher zu bringen." In der Darstellung Ebers' merkt man von einemgewaltigen Schicksal" des Hebräervolkes überhaupt nichts. Dagegen ist freilich manches in dem Buch enthalten, was durch die Schilderungsgewandtheit des gelehrten Verfassers fesselt, aber inan kommt dazu leider erst, wie das Schulmädchen zu den Süßigkeiten des Geduldknänels, durch mühsames Ansharren. ^t.

Das Metaphorische in der dichterischen Phantasie. Ein Beitrag zur vergleichenden Poetik von Alfred Biese. (Berlin. A. Haak.)

Die Arbeit enthält einige sehr feine Bemerkungen über da- Wesen und die Thätigkeit der künstlerischen Phantasie. Der Verfasser erkennt ganz richtig den anthropomorphisierenden Trieb derselben, begeht aber den großen Fehler aller unserer Idealisten, den Anthropomorphismus stillschweigend zu einem Idealismus zu machen, der die Welt des Dich­ters verklärt,in eine reinere Sphäre erhebt," in welcheralle jene kleinen Störungen, . . . alle jene Zweifel und flatternden Wünsche ge tilgt sind;" der Anthropomorphismus läßt sie ferner von seinem eigenen Empfinden dnrchströmen, aber natürlichlosgelöst von den Schlacken des Augenblicks, befreit von der Erdenschwere . . . zum Allgemein-Mensch liehen umgestaltet," d. h. ohne Phrase gesprochen, der anthropomorphische Trieb der dichterischen Phantasie muß die Erscheinungen erst umlügen, wenn er künstlerisch im Rechte sein will. Betrachten unsere Idealisten unter den Ästhetikern die Kunst oder auch die Welt mit Vorliebeunter dem Gesichtspunkte einer Idee," so thut es unser Verfasser noch lieber unter dem Gesichtspunkte einer Empfindung. Uns ist die Liebe, mit der­er seinen Stoff behandelt, gewiß sympathisch; aber wir gestehen es auch, daß wir immer skeptisch werden, wenn in wissenschaftlichen Arbeiten das Gefühl gar zu vorlaut mitzusprechen sich erdreistet. Wer wissenschaftlich etwas leisten will, der muß es gelernt haben, seine Gefühle in Ketten zu legen. Recht seltsam muß es uns doch auch anmuten, wenn Biese in seinen Deduktionen über das Metaphorische der Phantasie als Bei spiele gleich nach Homer und vor Goethe Theodor Storni heranziehen kann, nach dessen Lyrik er sich seine ganze Ästhetik geradezu zurecht ge­macht zu haben scheint. B. kl.

Ginevra. Ein erzählendes Gedicht von Adolf Voller. (Alten- lmrg, Druck lind Verlag von Oskar Bonde.)

Unter diesem Rainen wird die schöne, uns ans früher Kindheit vertraute Genovevasage nicht be-, sondern mißhandelt. Die schönen Stellen, wie Genoveva im Walde gebiert, wie das Knäblein Schmerzen­reich von der Hirschkuh ernährt wird, wie die Psalzgräsin nach mehreren Jahren von ihrem Manne nackt gefunden wird, wie sie ihn ui» seinen Mantel bittet, um ihre Blöße zu bedecken alles spurlos verschwnn den, weil der Verfasser unglücklicherweise seinen naiven Kinderglaubeu verloren hat. Hätte er uns statt dessen leidenschaftliche Goto Seenen geboten, wie sie uns etwa schon vor hundert Jahren der allzu sehr in Vergessenheit geratene Maler Müller bot, so wollten wir uns zufrieden geben. Aber auch damit ist es nichts; alles kraftlos und seicht!

Bemerkenswert au dem Buche sind höchstens einige hübsche Attktünge; so Seite 50:Stoßet an, Mann für Mann," Seite 55:Von dem Dome ernst und schwer." !.

Der Mäcen. Erzählungen von Detlev Freiherr von Li­lien er on. Zwei Bände. (Leipzig, Verlag von Wilhelm Friedrich, K. R. Hvfbnchhündler.)

Der erste Band dieser Erzählungen bietet neben recht Uubedeuten dem aus alter und moderner Zeit eine,Die Mergelgrnbe" genannt, die stark an Werthers Leiden anklingt, aber doch selbständige Bedeutung besitzt wegen ihrer Natnrschildcrnngen, der psychologischen Vertiefung der Hauptfigur und einigen sehr feinen Details. In dem zweiten Band, der den eigentlichenMäcen" enthält, stehen wunderschöne Gedichte, uur

sind sie leider nicht vom Verfasser, sondern von den nicht unbekannt sein sollenden Gottfried Keller, Konrad Ferdinand Meyer, Platen, Lenau, llhland und einigen weniger bekannten Lyrikern. Außerdem erhalte» wir ein Verzeichnis von zweiundsiebzig Lieblingsschriftstellern des Mäcens, und eine große Zahl satirischer Bemerkungen über Recensenten und loben­der über moderne Autoren. Dazwischen wieder manche teilweise recht geistvolle Erzählungen ans dem Leben des Mäcens. Das Ganze: ein formloses Konglomerat, das beim Lesen furchtbar ermüdet. Wir stim men mit den: Verfasser in vieleil seiner kritischen Bemerkungen vollkom men überein, vor allem aber mit der, auf die er besondere-- Gewicht legt: daß nicht nur der Maler und Musiker, sondern auch der Dichtcr ein Künstler sein soll. Davon ist Herr von Liliencron selbst noch sehr weit entfernt. 1.

Letzte Jugendlieder von Ernst Rethwisch. Zweite vermehrte Auflage. (Nordelt 1889. Hinriens Fischer Nachfolger, Ver­lagsbuchhandlung.)

Als angehender Philister gedenkt der Dichter nochmals seiner pla­tonischen Jugendliebe. Er sucht nun sich in verschiedener Weise davon zu überzeugen, daß es sehr gut war, daß er eine andere heimgeführt: denn

Nur nuö dem Lchmer,; verlorner Liede (Gestaltet eine Leier sich."

Dieser Gedanke zieht sich durch die meisteil der Lieder; kein Wunder, daß die Form ebenso prosaisch ist wie der Gedanke. Doch finden sich auch Verse, die einen sofort anheimeln, wie z. B- in der Stelle dem Lied der Antwerpens- (S. 60):

Tu schöne Ttadt Antwerpen,

Noch sah ich die schönere nicht"

der zweite Vers. Daß er von Ehamisso ist, schadet ja wohl nichts. >.

Das Paradies des Teufels. Roman von Moritz von Rei­chenbach. (Leipzig, Carl Rechner.)

M. voll Reichenbach gehört unzweifelhaft den höheren Ständen an; ob dies für die Darstellung der vornehmen Welt wirklich ein Vor­teil ist, wie von manchem Kritiker ohne weiteres angenommen wird, möchten wir füglich bezweifeln: im Gegenteil verliert gerade der, welcher innerhalb eines bestimmten Lebenskreises steht, am leichtesten den offenen Blick für das Charakteristische dieses Kreises, und bei gleichem Talent giebt uns ein Dostojewski) iminer ein anschaulicheres Bild des Adels, als ein Gras Tolstoi oder Fürst Mertschensky. Der Konflikt, den Verfasser in vorliegender Arbeit behandelt, ist einfach: Ein junge-- Mäd chen, das ein reicher Graf in Poggia, einem italienischen Bergdorfe, ent deckt, und das trotz seiner Abkunft aus eiuer verarmteil, hochadligen Fa miiie ein Raturkind geblieben, wird in die ungewohnten, nordischen Verhältnisse versetzt, ohne daß es durch wirkliche Liebe über den Wechsel hinweggehoben wird, und entgeht dem drohenden Verkümmern durch die Flucht in die alte Heimat. Dort findet die junge Frau, nachdem sie deu Tändeleien des üblichen russischen Fürsten ihr unerfahrenes Dhr allzuwillig geliehen hat, einen jähen Tod durch das Erdbeben, das vor einigen Jahren die Riviera heimsnchte.

Man sieht, es ist kein besonders tieser, auch kein besonders neuer Kvnflikt, der zum Austrag kommt; doch ist das Erzählertalent der Ver­fasserin lind besonders ihr Schilderungsvermögen gefällig genug, um uns bei der Lektüre des Buches für eine Stunde die Zeit angenehm zu ver­kürzen. km.

Ein Seelenfreund. Roman von Adolf Glaser. (Leipzig, Verlag von Wilhelm Friedrich, K. R. Hofbnchhündler.)

Peter der Große, August der Starke, Andreas Schlüter und viele erfundene Menschen vereinigen sich hier in dem Bestreben, eine Hand­lung mit möglichst vielen Verwickelungen zu stände zu bringen, deren Schauplatz Deutschland, Südamerika, Holland und Italien ist. Da ec? immer noch Leute geben soll, denen solcheRomane" Vergnügen ge­währen, mag ihnen dieser Seelensreund als Muster dieser Art empfohlen sein. Von gestohlenen Kindern, durchgehenden Frauen, unglücklicher Liebe nnd jesuitischen Ränken ist reichlich die Rede darin. l.

Verantwortlicher Redakteur: Fritz Mauthncr in Berlin >V., Frobenstraße 33. Druck und Verlag von Carl Flemming in Glogan.