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kommt ihn wieder seine Liebhaberei nnd er ersticht die Ärmste. Wegen dieser Grcuelthat werden Ronband und ein Unschuldiger zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilt. Jacques würde frei ausgeheu uud seinen Sport weiter treiben können, wenn er nicht mit seinem Heizer zu zanken und zu raufen anfinge; die beiden Männer stürzen dabei von der Lokomotive hernnter und werden zu Brei zermalmt.
Mau wird zugesteheu, daß diese Aufeinanderfolge schrecklicher Begebenheiten, von den üblichen Bettstellen begleitet, jedem Colportage-Roman Ehre machen würde. Und für Zola fällt es erschwerend ins Gewicht, daß die Herbeiführung dieser krassen Ereignisse zum Teil seinem Knnstprinzipe widerspricht; so ist die Ausmalung des Eisenbahnunfalls offenbar die erste Absicht gewesen nnd die Herbeiführung durch ein eifersüchtiges Mannweib offenbar nur eine notdürftige Brücke; so riecht die letzte Katastrophe, wo znm vierten- oder fünftenmal Mord ans Eifersucht aushelfen muß, stark nach poetischer Gerechtigkeit, wenn Zola diesen Schlußgreuel nicht gar für den romantisch-satirischen Schlußaccord zu brauchen glaubte, von welchem gleich die Rede sein soll.
Vor dem Verdachte, ein Handlanger der Corportage zu sein, bleibt selbstverständlich ein so genialer Mann schon durch den Zauber seiner Sprache geschützt. Und wenn auch «Ua Uets IIuinUno» im Verhältnis wohl das schlechteste der Zolnschen Bücher heißen darf, so hat es außer der Sprache und dem vorzüglichen „Milien" doch noch in einigen Gestalten das Auge eines Meisters bewiesen. Freilich kennen wir sie jetzt schon alle, diese verbuhlten und neugierigen Nachbarinnen, diese käuflichen Würdenträger nnd diese chnischen Leute aus dem Volke. Aber wir kennen sie doch alle aus Zola selbst uud hie und da begegnet uns doch wieder eine neue scharf skizzierte Gestalt, wie hier die Frau des Eisenbahnwärters, die sich um des Geldes willen still vergiften läßt.
Gegen die Hauptgestalt aber muß man nicht nur im Namen eines jeden Geschmacks, sondern auch der Kunstrichtung selbst protestieren, deren fleißigster, erfolgreichster und kräftigster Vertreter Zola ist. Jacques Lautier ist freilich ein bestialischer Mensch; der Aufschlitzer Jack, dessen Schlächtereien monatelang die prüdesten Zeitungen in Nahrung gesetzt haben, ist in diesem Wahnsinnigen gewissermaßen idealisiert, uud Zola hat scheinbar uichts anderes gethan, als was Millionen von Zeitungslesern verlangten: das Geheimnis des Unholds. Nur daß die Leute in England und anderswo die brutale Thatsache, den Namen des Mörders wissen wollten, der Dichter aber seine Psychologie zu geben unternahm. Nun ist's nur möglich, daß Zola mit Jacques Lautier entweder einen Ausnahmefall schildern oder (wie der Titel und ein wüstes Leitmotiv fast vermuten lassen) eine allgemeine, in der menschlichen Natur verborgene Mordlust darstelleu wollte. In dem zweiten Falle wird die Menschheit unseres Jahrhunderts wahrscheinlich mit dem Dichter nicht mitgehen können; der Pessimismus Zolas ist unter- allen seinen Gaben nicht die schlechteste, aber er wird uns nicht glauben machen, daß in uns allen eine Spur von Jack stecke. Die Gefühle der Männerwelt ans einem großen Balle, der eine Fülle weiblicher nackter Schultern zeigt, sind entschieden von Mordlnst weit entfernt.
Wenn Zola aber nur den Ausnahmefall porträtieren wollte, so steht er ganz einfach nicht mehr auf dem Boden des Realismus, sondern ringt mit E. T. A. Hofsmann um die Palme der romantischen Verzerrung; nnd was in den bisherigen Romanen Zolas nur eiue kokette Arabeske war, das wird jetzt zur Hauptsache. Der Naturalismus kann eben auch ohue „das Höhere" nicht auskommen; findet er es in seinem eigenen Bereich, so wird er die gewaltigste Kunst durch moderne Symbole erreichen, findet er es nicht, so borgt er es, wo cs zu haben ist, bei veralteten Litteratnrströmnngen.
Kleine Romantik wird auch in dem neuen Buche mit dem toten Material getrieben. Bis znm Überdruß wird das Bild
festgehalteu, daß die Lokomotive ein Pferd und ihr Führer der Reiter sei; die Belebung der Eisenbahn wird nach einer Schablone durchgeführt, die Zola allerdings selbst erfunden hat, die er aber nicht bis zur Erschöpfung hätte wiederholen sollen. Eine zweite prachtvolle Schablone seiner eigenen Hand benützt er zu der Coda des Romans. Nachdem Führer uud Heizer zermalmt sind, wird der mit Soldaten vollgepfropfte Zug von der überheizten Maschine unaufhaltsam Meile für Meile weiter geschleppt und der Leser soll darin ein Symbol für das Ende Napoleons III. erblicken. Das Bild ist nicht ohne Größe; aber wir erinnern uns, daß Zola seine trockenen Romane schon einigemal mit ähnlicher Satire geendet hat, wir finden diese italienische Musik als Schlußpuukt naturalistischer Schilderungen stillos und fürchten, daß die unvergleichliche Kraft des Dichters ihn nicht davor geschützt hat, sich wiederholen zu müssen.
Kteine Kritik.
Am 15. März ist Paul Heyse zur allgemeinen Überraschung seiner Verehrer und Verehrerinnen sechzig Jahre alt geworden. Der Dichter, der nicht nur um der Schönheit seiner Werke, sondern auch um seiner- eigenen Schönheit willen berühmt war, wurde bei dieser Gelegenheit in vielen Blättern als Jubelgreis gefeiert, und wenn er nicht seinen guten Humor bewahrt hätte, so wäre er nach diesen feierlichen Ansprachen als steifer, alter Herr in das siebente Jahrzehnt seines Lebens hinübergeschritten. In Wahrheit ist es eine Unsitte der neuesten Zeit, die Jubi läen bedeutender Männer voranszndatieren; den siebzigsten Geburtstag zu feiern,(,das gestattet nnd gebietet Urvätersitte, und gar häufig dürfte mit dieser Feier auch das Wirken eines Poeten abgeschlossen sein. Um so besser, wenn ein Mann wie Theodor Fontane dieses Jubiläum so jung begeht, als stünde er auf Freiersfüßcn mit einer neuen Muse. Der sechzigste Geburtstag aber bildet für gewöhnlich keinen markanten Lebensabschnitt, nnd besonders bei Paul Heyse ist von Lust oder Zwang, sein Wesen zu ändern, nicht viel zu spüren. Warten wir also mit dem Rückblick auf sein Lebenswerk noch kleine zehn Jahre. —r.
In anderer Weise als die französische Marseillaise, friedlicher nnd freundlicher, hat die Melodie von der „schönen blauen Donau" ihren Weg durch die Welt gemacht; wo man Wiener Lebenslust, Wiener Schönheitssinn und Wiener Walzer zu würdigen weiß, da ist dieses Meisterstück von Johann Strauß heimisch geworden. Aber der klassische Walzer hat bisher eine unangenehme Reisebegleitung an seiner Seite dulden müssen; der Text, welcher zu seinen Rhythmen vor vielen Jahren zum erstenmal von einem Männerchor gesungen wurde, galt als offizieller Text und war doch so wenig auf der Höhe der Musik, daß er außerhalb Wiens nur etwa zum Hohne citiert wurde. Nun ist dieses alte Unrecht gesühnt worden. F. von Gernerth hat mit musikalischem Ohr und mit gutem Geschmack der berühmten Melodie Worte untergelegt, welche zwar an und für sich noch lange kein unsterbliches Gedicht bilden würden, aber nicht unwert sind, den Walzer auf seinen weiten Wegen zu begleiten. Wien liebt, wer es kennt, und so wird die starke Heimat- liebe, die sich in dem Gedichte Gernerths ausspricht, ihm nirgends schaden. —
Anknüpfend an die Besprechung des Romans „Geld" von Ernst Ahlgren, Übersetzung von Mathilde Mann, Verlag von Schorer, und den von unserem Reccnsenten ausgesprochenen Tadel gegen den „angeleimten und feigen Schluß" mit der Versöhnung der Eheleute durch ein — Adoptivkind, geht uns von kompetenter Seite die Mitteilung zu, daß sich im schwedischen Original weder dieser Schluß, noch eine Andeutung der Möglichkeit eines solchen befindet, und daß er allein ein Verdienst der Übersetzerin ist. Die Übersetzerfünden gegen die nordische Litteratnr sind ein Kapitel, das einmal der Erörterung bedürfte.
O. H.
Verantwortlicher Redakteur: Fritz Mauthner in Berlin -tV., Frobcnstraße 33. — Druck und Verlag von Carl Flemming in Glogau.