25. Deutschland. Seite 427.
neuester Nonlnn.
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I. M.
l^^otas Roman 4>Vt<> llnmaino,- lveicher soebe:: nn französischen Original nnd gleichzeitig unter dem ^ Titel „Die Bestie im Menschen"* deutsch erschienen ist, ist bereits der siebzehnte in der Reihe der schwefelgelben Bande, welche unter dem Gesamtnnmen lllnio-ou-Ol-m- (ginrt, llmtoirv n:>tnr<>llo <-l ^oci:ll<> «l'niu> lumillc 8ou^ in ^(-c«>n(i ongüro» erschienen sind nnd von denen einzelne in einer Auflage von mehr als lOOOOO Exemplaren in der ganzen Welt gelesen wurden. Wenn es wirklich der siebzehnte Band eines zusammenhängenden Werkes wäre, so könnte ich hier kaum darüber berichten; ich kann auch von meinem treuesten Leser nicht verlangen, das; er wisse, was ich da nnd dort über die bisherigen: sechzehn Bünde habe drucken lassen. Glücklicherweise ist auch Zola nicht so unbescheiden, von seinen Lesern ein gutes Gedächtnis zu verlangen, und so ist der Zusammenhang der einzelnen Romane, d. h. die Blutsverwandtschaft ihrer Helden, schließlich nicht mehr und nicht weniger geworden als eine geschäftliche Spekulation, eine Spekulation, die übrigens nicht geglückt ist; die Absatzziffern der einzelnen Bünde könnten sonst nicht so ungleich ausgefallen sein. Als Zola seinen Ungeheuern Plan den Brüdern Gonconrt vor mehr als zwanzig Jahren vortrng, mag ihm allerdings ein so gewaltiger architektonischer Ban vorgeschwebt haben, dessen Teile einander trugen nnd stützten; nnd es soll ihm nicht znm Borwnrfe gemacht werden, daß er anfgab, was über die Kräfte eines Menschen ging. Er hätte nur beizeiten das falsche Aushängeschild einziehen nnd jeden seiner Romane als selbständiges Werk in die Welt lchicken sollen.
Auch so bleibt gerade die Kraft Zolas noch bewundernswürdig genug. Wohl ist seine bekannte Knnstübnng vielfach zur Schablone geworden, wohl macht er es sich mit der Handlung überaus bequem, teils der Not gehorchend, teils dem eigenen Triebe; trotzdem ist es eine Riesenarbeit, diese endlose Reihe von naturalistischen Studien, welche mit stets gleich bleibendem Scharfblick nacheinander die Lebensweise der verschiedensten Menschenklassen darstellen. Es ist kaum zu glauben, daß ein Mensch in ununterbrochener Detailarbeit alle diese Beobachtungen sammeln konnte; aber es ist noch schwerer zu fassen, dasZdas Gehirn eines Einzigen ansgereicht habe, um die Verarbeitung der unzähligen Notizen durch siebzehn Bünde in einer Sprache vorznnehmen, welche fast ohne Ermatten jedem Dinge gerecht wird, die Symphonieen von Käsegerüchen nnd von Spitzen mit gleicher Virtuosität wiedergicbt, und welche durch ihre unerhörte Schlagkraft nnd Prägnanz allein die Erfolge des Dichters bei einem feinfühligen Publikum erklären könnte. Wer den ganzen Reichtum einer lebenden Sprache in ein Wörterbuch gebannt hat, wird für diese Leistling mit Recht gefeiert; wer aber wie Zola den ganzen Reichtum seiner Sprache aufs neue lebendig werden ließ, der hat eine größere Arbeit vollbracht.
Wenn von der Pracht der Zolaschen Sprache die Rede ist, so kann natürlich nur das Original gemeint sein. Es giebt bisher keine gute Übersetzung von Zola, so viele deutsche Schriftsteller nnd auch andere Übersetzer sich schon daran versucht haben. Auch das neueste Buch ist - soweit Stichproben ein Urteil gestatten — zwar recht fließend nnd flott, dafür aber recht flüchtig im Deutschen wiedergegeben. Gerade die größte Schönheit einer modernen schönen Sprache, nämlich das allein Zutreffende des Ausdrucks, die Prägnanz, ist völlig mißim acht gelassen; nnd an argen Fehlern ^st kein Mangel. „sie steckte ihm hundert Sonsstücke in die waschen," heißt es einmal anstatt Münzen im Werte von hundert Sons, d. h. „Fünffrank-
-- Einzig autorisierte Übersetzung von Alfred Ruhemann. Budapest, Verlag von G- Grimm, 1B90.
stücke." Neben solchen Ungeschicklichkeiten, die zu häufig Vorkommen, sind die eigentlicheil Schnitzer fast voll geringerer Bedeutung. Zola macht es allerdings seinen Übersetzern nicht leicht; seine Manier, jedesmal eine bestimmte Sphäre der menschlichen Thütigkeit zu behandeln, sie womöglich völlig abzngrasen und keinem Nachfolger ein Motiv znrückznlassen, verlangt auch von dem Übersetzer eine genaue Kenntnis der betreffenden Sphäre.
Diesmal hat Zola wie die Reklamen schon vor Jahr nnd Tag angekündigt habeil das Leben der Eisenbahnmen- scheii znm Gegenstände seiner Studien nnd seiner Studie gemacht. Wieder ist es ihm in erstaunlichem Grade gelungen, das Interesse des Lesers auf dieses eine Feld znsammenzn- ziehen; nnd es kann als Triumph seiner Technik bezeichnet werden, daß wir in der That nur mit Eisenbahnbcamten (natürlich mit den dazu gehörigen Weibern) zu thnn haben, daß wir das ganze große Getriebe der französischen Westbahn, vom Verwaltungsrat herab bis zum Weichensteller, sichtbarlich überschauen und schließlich die Abfahrtszeiten der Hanptzüge zwischen Paris und Havre in: Kopfe behalten. Auch ist es beachtenswert, daß Zola in diesem Romane eine ganz neue Einheit erfunden hat, welche Aristoteles noch nicht kannte: eine Eisenbahnstrecke als Einheit des Ortes. Wir befinden uns entweder auf der Strecke selbst oder in einem Wächterhäuschen, nnd wenn der Roman doch an den Endpunkten in Paris oder in Havre spielt, so sieht man den Dampf der Lokomotiven und hört ihre Pfiffe ans allen Zimmern, in denen geliebt oder gemordet wird.
Es geht nämlich in dem neuesten Romane im Gegensätze zu den meisten früheren Bünden furchtbar viel vor. Zola wollte offenbar einmal eine reiche Handlung entfalten, und während er bisher um der Armut an Geschehnissen willen getadelt wurde, hat er diesmal eine Menge von Schrecknissen znsammengetragen, die für jeden Colportageroman ansreichen würden. Tlxr Bahnhofsinspektor Ronband erfährt zu Beginn der Geschichte, daß seine Frau Severine von einem einflußreichen Verwaltnngsrat und Millionär in früher Jugend verführt worden ist. Dafür wird der Verwaltnngsrat nach Gebühr von dem beleidigten Gatten im Eisenbnhnconpo ermordet. Der Thäter bleibt nnentdeckt, aber zwischen ihn: nnd Severine steht fortan sein Schatten nnd sie nimmt den Lokomotivführer Jacques znm Geliebten; daß dieser nebenbei Lautier heißt, soll übrigens die mystische Verbindung mit den anderen Helden der Rougvn- Macqnart Herstellen, aber ich gehe wie gesagt ans diesen Kon- tinnations-Schwindel nicht ein. Jacques leidet nun an dem gewiß nicht häufigen Gelüste, jedes Weib, welches seine Sinne reizt, zu ermorden; dieser Wahnsinn bringt trotz alles übrigen Mordes und Totschlags erst die rechte Spannung in die Fabel hinein. Man wird neugierig darauf, wenn Jacques endlich znstoßen werde; und in technischer Beziehung verdient es alles Lob, daß Zola seinen Anfschlitzer Jack, dessen perverse Neigungen wir gleich zu Anfang kennen lernen, erst zu Ende der Erzählung seinen erstell nnd letzten Mord begehen läßt. Dieser Jacques also hat die verliebte Barritzrenwüchterin Flora in der Absicht, sie nicht zu erstecheil, ungeliebt gelassen, und die thal- kräftige Beamtin faßt darum den Beschluß, den Pariser Schnellzug, iil welchem Jacques als Führer, Severine als Fahrgast nach ihrem Absteigequartier eilen, zum Entgleisen zu bringen. Sie besorgt das so sachgemäß, daß cs nach einer sehr realistischen Schilderung 15 i-vote nnd eine Menge Verwundete giebt; nur die beiden Opfer, auf welche es abgesehen war, werden so wunderbar, wie nur in dem schlechtesten Feuilleton-Romane, gerettet. Die Wächtern:, deren Stiefvater am selben Tage seine Frau wegen tausend Frank vergiftet hat, läßt sich ans Verzweiflung von einen: zweiten Eilzug den Schädel zerschmettern. Inzwischen sind die beiden Liebenden zu der Überzeugung gekommen, daß Severinens Mann ebenfalls sterben müsse; in ! dem Augenblicke aber, da Severine den: Freunde das Messer , (es ist eigentlich dieselbe verhängnisvolle Gabel, mit der schon ! der Millionär abgestochen worden ist) in die Hand drückt, über-