Heft 
(1889) 25
Seite
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Deutschland.

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wird von der Forderung der realen Richtigkeit so gut wie gänzlich abgesehen: gleichviel ob es sich um eine Sentimentali­tät im Stil der Birchftfeiffer oder um eine Schnurre im Stil des Benedix handelt. Diesen Autoren macht es nichts ans, wenn das reiche Fräulein Tilli seinem armen Geliebten ein dickes urgelehrtes Manuskript entwendet, wenn sie es heimlich drucken und verlegen läßt, wenn sie dann eines schönen Tages das fertige Buch in zierlichstem Einband dem freudig Überraschten aus liebender Hand darreicht, ja sogar auch schon einige günstige gedruckte Reeensionen beilegen kann. Leider entstehen und erscheinen Bücher auf etwas andere Weise.

Dadurch, daß unsere sogenannten Lustspieldichter den Maß­stab des Lebens nicht streng festhielten und ihn ganz willkür­lich verwendeten, entstand das Schlimmste, was einem Werke der Kunst nachgesagt werden kann: die Stillosigkeit. Häufig trug Mangel an Talent die Schuld, noch häufiger Mangel an Geschmack oder Mangel an künstlerischer Gewissenhaftigkeit. Geleitet durch ein mehr oder minder starkes, aber meist recht äußerliches Bühnengeschick gingen diese Autoren auf starke äußere Effekte aus: sie wollten entweder rühren oder, um ein Gottfried Kellersches Wort zu brauchen, lächern. Diese Wirkungen, die ihnen oft sehr gut gelungen sind, folgten nicht ans einer einheitlich gefaßten Aktion, sondern man ging von vornherein auf diese Wirkungen aus. Nicht ein Bild des Lebens zu schaffen, sondern jene Wirkungen zu erzielen, wurde der Zweck. Man hat damit dem Publikum manchen vergnüg­ten Abend bereitet, aber der Kunstentwickelung so lange ge­schadet, bis das Publikum jetzt allmählich aufhört zu lachen oder zu weinen.

Der Ahnherr des deutschen Rührstücks ist Jffland, der Ahnherr des deutschen Lachstücks ist Kotzebue; beide haben Schule gemacht, und ihre Art hat sich bei denjenigen Autoren, die das Ohr der großen Masse suchten und fanden, im Laufe der Jahrzehnte immer mehr vergröbert. Die Rühr- und Lacheffekte wurden krasser, das Kunstgewissen weiter und die Tantieme größer! Freilich suchten feinere dichterische Na­turen, wie Bauernfeld, sich einen eigenen Weg, konnten sich aber doch nicht von der überlieferten Unrealistik emaneipieren, am wenigsten in Sprache und Technik. Sprechen die Leute bei Benedix banal, so sprechen sie bei Bauernfeld briefmäßig. Ein feiner Hauch von Wiener Luft liegt in den Bauernfeld- schen Lustspielen, aber schon in Berlin wird er nicht verspürt, weil die mangelhaften Kunstmittel von seiner Wahrheit nicht überzeugen. Darum wird auch dieser seine satirische Geist in seinen Werken nicht lange inehr fortleben. Denn alles Unechte in Sprache, Komposition und Charakteristik kann durch den Esprit eine Weile für echt ansgegeben werden; dann veraltet es. Nur die unmittelbare, von litterarischer Überlieferung mög­lichst befreite Berührung des schaffenden Geistes mit der Natur kann Lebenskraft verleihen. Ünd wo dieses Bedürfnis gefühlt und anerkannt wird, liegt die Hoffnung auf eine Weiterent­wickelung unserer Bühnenpoesie.

Das deutsche Drama hohen wie niederen Stils hat sich im Verlauf dieses Jahrhunderts so weit von allen realen Ver­hältnissen, von allen psychologischen Folgerichtigkeiten entfernt, daß jetzt etwas Neues entstehen muß, wenn inan überhaupt noch von einer deutschen Bühnenpoesie sprechen darf. Und dieses Neue kann sich nur nach neuen Weltanschauungen richten. Gewiß gab es Zeiten, wo Weltflucht dem Dichter geboten war, wo er sich ans dem Elend und der Leere des eigenen Daseins in ein erträumtes Arkadien rettete; Schäfer und Schäferin tän­delten dann mit weißen Lümmlein an rosaroten Bändchen und unterschieden sich freilich nicht unwesentlich von dem Bauern- j voll, das in den Dorftragödien allerneuesten und allerfreiesten ^ Genres sein Wesen oder, wie andere sagen, sein Unwesen ! treibt. Aber sehnen wir uns denn nach Arkadien? Haben wir Ursache zu einer Weltflucht, die im Grunde der schroffste Pes­simismus ist? Ich glaube, wir sind alle bis über die Ohren verliebt in unsere Zeit, und wenn unsere Zeit Kampf ist, wie diejenige Huttens war, so können auch wir mit diesem herr­

licher: deutschen Manne, der niemals ein Blatt vor den Mund nahm, ausrufen: es ist eine Lust zu leben! Vor uns der Tag und hinter uns die Nacht! Wenn der letzte Abendstrahl seine Schatten wirft, io ist es gut zu sinnen und zu träumen. Wenn aber ein rauher Frühwind die neue Sonne meldet, so ist es gut zu erwachen, gerüstet zu sein zur That, oder, wie das große Schlagwort unserer Zeit lautet: znm Kampfe ums Da­sein! Mit Andacht, aber nicht mit Sehnsucht blicken wir zurück auf jene frommen, trügen Tage, da der Großvater die Groß­mutter nahm, und was damals Poesie hieß, wird unserem historisch nachfühlenden Sinn immer als Poesie gelten; wir aber brauchen eine andere, wir brauchen unsere eigene Poesie. Wenn wir heute auf die Brautschau gehen, so tragen und be­tragen wir uns anders, als es der Großvater that, da er ein Bräutigam war. Ob besser, ob schlechter, darüber steht uns kein Urteil zu; aber wir würden uns lächerlich machen, wenn wir heute wieder den blauen Frack mit den Hornknöpfen her­vorholten. Und ebenso lächerlich ist es, den poetischen Sinn unserer Zeit nach der Poesie einer vergangenen Zeit maßregeln zu wollen. Als man die Postkutsche erfand, ahnte niemand, daß diesem plumpen, gelben Kasten sich würde Poesie entlocken lassen. Poesie kam erst mit den Leuten, die Anstiegen. Als der muntere Schwager mit der Peitsche knallte und sein Post­horn an den Mund setzte, siehe, da fand sich als blinder Passa­gier auch die Poesie ein, das Signal ward zum Liede, und bald fuhr Lenaus Postillon auf allen deutschen Straßen. Warum sollte es dem modernen Eisenbahnschaffner übler ergehen? Er ist auch ein Mensch sozusagen! Freilich wird Zvlas Lokomo­tivführer wesentlich anders geartet sein als Lenaus Postillon, aber nicht erst der neueste Roman des großen Naturalisten be­weist die Poesie der Eisenbahn. Sobald sich mit diesem In­stitut ein herzerfüllendes Erlebnis verquickt, ist die Poesie vorhanden. Wer fröstelnd, gelnngweilt und übel gelaunt von Berlin nach Posemuckel fährt, wird das Eoupe verfluchen. Wenn aber die erste Begegnung zwischen Ihm und Ihr auf der Eisenbahn stattgefnnden hat, so wird sich, falls die lange Reue ausbleibt, für beide zeitlebens mit dem Begriff der Eisen­bahn eine liebliche Vorstellung verknüpfen, und ist Er ein Dichter (Ihr möcht' ich's nicht wünschen), so wird er die liebe Eisenbahn besingen.

An sich ist kein Ding weder poetisch noch unpoetisch, erst unsere Anschauung macht es dazu. Dies sei denen entgegnet, die sich bei modernen Dichtern über die Wahl ihrer Stoffe be­klagen. Der moderne Dichter sucht sich den Stoff, der ihm für die künstlerische Wiedergabe des modernen Lebens die gün­stigste Ausbeute gewährt. Und es fragt sich nicht, wie das ge­schehen soll oder geschehen darf, sondern wie es geschehen kann. Solches Können aber hängt fast ausschließlich von der Kraft dessen ab, der es unternimmt. Vorschriften und Ratschläge lassen sich da nicht erteilen. Es ist nicht möglich, dem Ver­suchenden eine Richtung anzugeben, die er nicht in sich selber findet, noch weniger aber sollte man ihn mit einem donnernden Du gehst zu weit!" erschrecken. Bei großen Wendepunkten der Kulturentwickelung haben nie schüchterne, sondern immer nur kühne Versuche zum Ziel geführt. Und wo einer strebend sich bemüht, von reinen, ernsten, großen Absichten erfüllt, ohne per­sönliche Eitelkeit, ohne lärmende Ruhmredigkeit, aber zielbewußt und leistungskräftig, da sollte man ihn gewähren lassen und ihn nicht aus dem Dickicht oder meinetwegeu aus Sumpf und Morast auf den alten öden Sandweg zurückschimpfen. Worauf es allein ankommt, ist die Frage, ob der ehrlich und kraftvoll nach dem neuen Lebensgehalt Suchende nicht selber irrt. Diese Frage aber läßt sich erst beantworten, wenn er bei irgend einem Ziele steht; denn wir vermögen nicht a priori anzukün- digeu, worin jener neue Lebensgehnlt besteht. ^chius; folgt.-