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Nr. 28
Erscheint Sommlicnds
und ist in der Post-Zcitungsprcisliste unter Nr. 1738 eingetragen.
Berlin, den ^2. April.
Abonnementsprels
bei der Post oder im Buchhandel vierteljährlich 3 Mark.
Inhalt: Die talentvolle Frau. Novelle von Robert Misch (Fortsetzung). — Die Börse über die soziale Frage. Von ", ' (Schluss). — Berthold von Regcnsbnrg. ein Sozialcthikcr des Mittelalters. Von 1>r. Maximilian Kohn (Schluss). — Zu Max Nordaus „Evolutiouistischcr Ästhetik." Von vr. Paul Otto Schmidt (Fortsetzung). —Grundzügc einer zeitgemäßen Umgestaltung des altsprachlichen Unterrichts auf den höheren Lehranstalten, namentlich den Gymnasien. Von Carl Kühn. - Das neue soziale Drama. Von Gustav Landauer. - Eine Fabrik für Fortsetzungs-Romane. Von F. M. — Kleine Kritik.
Hie talentvolle Drau.
Novelle
von
1! O llvtU t Ilits. (Fortsetzung.)
Wilkie Collins — von llmnv ... Wilkie Collins! ... H ><ix»uF Ihre Sachen sind ja voi-v uieo, aber so einfach, so einfach! Ah, Wilkie Collins — die Frau in Weiß! . . . i-güonckick."
Seitdem war es ein Witz- und Stichwort zwischen ihm und Asta, wenn sie recht vergnügt waren und die Erzeugnisse der Litteratnr hatten Revue passieren lassen: „Ah, ah — Wilkie Collins - von llnovz Wilkie Collins — ^llsnckick"
Und dann lachte der Dichter und tanzte, in die Hände klatschend, wie ein Kind in der Stube herum: „Ah, Wilkie Collins — i-güonckick!"
Das war aber jetzt nur noch selten der Fall. Still und ernst ging er für gewöhnlich umher. Die Arbeit stockte ihm plötzlich ganz, sie wollte und wollte nicht vorwärts rücken.
„Ich begreife nicht, wie Du so mechanisch Seite ans Seite niederschreiben kannst! Es ist, als ob Du ein Garn abwickelst!" sagte er ihr eines Tages, als er ärgerlich die Blätter seines Manuskriptes beiseite schob.
Eine größere Erzählung ans ihrer Feder unter dem Titel: „Ein Traum" war denn auch richtig fertig geworden und wunderte in sauberer Abschrift an die Redaktion „ihrer" Zeitschrift. Stillfried hatte sie vorher gelesen und nur ein halbes, zögerndes Urteil abgegeben. Er wisse nicht recht — möglich, daß es der Redaktion und dem Publikum sehr gefalle! . . .
So kam allmählich der Hochsommer heran. In diesen Monaten leert sich Wiesbaden etwas, und die kleineren, benachbarten Tannusbüder, die sich in kühlerer Waldlage befinden, wie Schwalbach, Schlangenbad und Homburg, füllen sich dafür. Eine drückende Glut lagert dann zuweilen auf der Stadt, die iu einem Thalkessel, ringsum von Höhenzügen eingeschlossen liegt.
Da er nicht arbeiten konnte, sehnte sich Stillfried fort. Sie machten sich ans den Weg, ohne ihre Wohnung aufzugeben, den Rhein und seine grünen Rebenufer zu befahren. In Rüdesheim und ans dem Niederwald verweilten sic einige Zeit. Sie pichten die berühmtesten Punkte ans: sie durchstreiften die lieblichen Seitenthüler; bis nach Köln lenkten sie ihre Schritte. Asta fand Stoff genug für ihr Neisetagebuch. Manch köstliche Beobachtung konnte sie eintragen; manch liebenswürdige Bekanntschaft wurde augeknüpft. Der Dichter hatte seinen ganzen Lebensmut und seine Heiterkeit wiedergefnnden und strahlte sie auch auf Asta aus.
Das Reisen beschäftigte seine Phantasie. Bei der Unterhaltung mit fremden Menschen, die von ihrem Leben und Wirken sprachen, bei der Beobachtung ihrer Eigentümlichkeiten sproßten ihm neue Ideen, Keime zu neuen Werken auf. Er notierte ganz kurz solche Anregungen. Erst gegen die Mitte des Septembers kehrten sie heim. Eine besondere Veranlassung beschleunigte die Rückreise. Als sie in Bonn das Dampfschiff besteigen wollten, das von Köln her bergauf fährt, sahen sie Ullenius am Geländer des Schiffes lehnen. Sie kehrten schleunigst um. Auch Ullenius mußte sie bemerkt haben, denn er verließ sogleich seinen Platz. Sie verzichteten auf die Heimreise zu Schiff und benutzten die Bahn zur Rückkehr nach Wiesbaden.
Sie kamen gerade in die Höhe der zweiten, der Herbstsaison hinein. Während sich die meisten anderen Bäder wieder leeren, füllt sich Wiesbaden um diese Zeit aufs neue. Der Herbst ist hier von berauschender Schönheit. Die Milde und Weichheit der Luft im September und selbst noch im Oktober hat etwas Südliches. Die Wintersaison in den Großstädten hat noch nicht begonnen. Wen daher nicht strenge Pflichten Heimrufen, und wer die Mittel dazu besitzt, der geht, ehe er im September vom Rhein mit seinen zahllosen Bädern und Sommerfrischen Abschied nimmt, noch auf einige Zeit nach Wiesbaden. Auch die von Süddeutschland nach dem Norden znrückfahren, machen wohl von Frankfurt aus einen kleinen Abstecher in das glänzende Weltbad.