28.
Deutschland.
Seite 479.
„Familie Selicke" dem Theologen Wendt in den Mund gelegt sind, eine Nachahmung dieses Kampfes gegen die „Lebenslüge" sein, so ist das als ein ganz mißlungener Versuch zu bezeichnen. Ich wünsche, daß unsere deutsche Dichterjugend ihre Verzagtheit, ihre gedrückte Stimmung von sich wirft und sich ihrer Frische und Freiheit und Begeisterung wieder erinnert. Dann wird neben dem verzagten Klagen und dem ernsten Anklagen auch ein Helles Jauchzen wieder erlaubt sein. Mögen dann auch immerhin Jugendeseleien genug mit unterlaufen, sie sind uns lieber als feige Greisenhaftigkeit. Die Historiker können mit Recht die Familienstücke und Schicksalsdramen aus dem Beginn des Jahrhunderts hauptsächlich ihrer negativen Eigenschaften wegen als ein Zeichen der Zeit auffassen, der Zeit, die positiv gekennzeichnet wurde durch litterarische Frivolitäten, in deren lauem Gewässer Gentz und Metternich so gerne badeten. Möge das moderne soziale Drama vor den Augen der Zukunft anders dastehen, als vor uns das Schicksalsdrama und Familienstück!
Line Sabrik für Sortsehungs-Romane.
Von
I. M-
Vergleichung von Dichter und Seidenwurm ist nicht neu. Wie der Seidenwurm aus seiner eigenen Lebenskraft heraus den glänzenden Faden spinnt, der ihm Wohnung zugleich und Grab ist, so soll es auch heutzutage noch Dichter geben, welche einem thörichten inneren Drange folgen, wenn sie der Welt, oder doch denen, die sie hören wollen, erzählen, was sich in ihnen zu Geschichten geformt hat. Diesen Dichtern stehen die klugen Verfasser von Feuilleton-Romanen wie große, leistungsfähige Spinnfabriken gegenüber. Da ist der Faden kein organisches Gebilde mehr. Fern her, aus Amerika, aus Indien und vom Nil wird das wohlfeile Material, das eine wärmere Sonne hat reifen lassen, herbeigeschleppt und dann stückweise in die Schlagmaschinen geworfen, welche die ungleichen Fasern sv lange bearbeiten, bis eine gleichförmige, reinliche, dehnbare Masse daraus entsteht. Und nun haben sämtliche übrige Krempel, Räder und Walzen nichts anderes zu thun, als den fremden Stoff unaufhörlich zu zerren, zu ziehen, zu strecken, bis aus den kleinen Fetzen Baumwolle, unendliches Garn geworden, bis eine marktreife Ware von 4000, 6000, 12000 Druckzeilen — Meter Länge, wollte ich sagen, hergestellt ist. Die Maschinen sind so sinnreich, der Betrieb ist so gewaltig, daß so eine richtige Spinn- sabrik nicht nur Achtung, sondern selbst eine poetische Stimmung erzeugen kann; merkwürdigerweise bleibt dieselbe Wirkung aus, wo so eine Art Spinnfabrik gerade der Herstellung sogenannter poetischer Erzeugnisse geweiht ist.
Es wäre ihöricht, sich gegen Thatsachen auflehnen zu wollen. Die allgemeine Entwickelung des Zeitungswesens hat das Verhältnis zwischen Schriftstellern und Lesern durchaus umgestaltet. Alle Welt liest; aber Bibliotheken sind heute verhältnismäßig nicht häufiger, als vor der Erfindung der Buchdruckerkunst. In der Zeitung ist alles zu finden. Und diese Entwickelung der Dinge ist nicht einmal zu beklagen, weil erst durch sie geistige Kümpfe bis in die letzte Hütte getragen werden können.
Die Zeitung bringt alles, also auch Romane. Die meisten Romanschriftsteller veröffentlichen ihre Werke in Zeitungen und Zeitschriften, bevor sie einem Buchverleger die saubere Ausgabe in einem besonderen Umschläge überlassen; je größer das Honorar und je größer die Leserzahl der Zeitung war, desto ruhiger kann sich der Verfasser mit dem Umstande abfinden, wenn sein Roman in Buchform nur eine bescheidene Verbreitung findet. Der Zeitungsabdruck ist ein Glück für den Schriftsteller; aber der Feuilleton-Roman ist ein Unglück für die Schriftstellerei.
Der Feuilleton-Roman gehört in das Gebiet des Kunsthandwerks. Er ist aus dem Bedürfnis der Zeitungen entstanden, ihre Leser auch dann in Spannung zu erhalten, wenn die Tagesereignisse dieses nicht vermögen. Große Talente, von Engen Sue bis auf die heutigen Verfasser von verschämten Kriminal-Romanen, haben in dieser Branche gearbeitet. Aber der talentvolle Dichter, wenn er sich den Anforderungen des Feuilletons auch noch so fügsam zeigt, ist vielen Redaktionen verdächtig; in seiner Unschuld könnte er ganze Fortsetzungen hinschreiben, in denen die Spannung nicht aufs neue gepeitscht wird. Die beliebtesten Namen des Feuilleton-Romanes sind darum Schriftsteller, welche überhaupt nicht dichten, sondern in bewußtem Dienst des Fortsetzungs-Romanes ihr Garn spinnen. Wäre dadurch eine entschiedene Trennung zwischen Kunst und Handwerk hergestellt, sv hätten wir uns nur darüber zu freuen; daß aber so manche Redaktion auch an den Künstler die Anforderungen des Fortsetzungs-Romanes stellt, und daß der und jener diesen Forderungen gegen seine bessere Natur zu genügen sucht, das hat schon vornehme Begabungen zu Grunde gerichtet.
Arbeitet schon der einzelne Fortsetzungs-Romaneier wie eine Maschine, so wird der Vertrieb seiner Erzeugnisse ganz im Stil der Großindustrie behandelt. In Deutschland freilich sind solche Geschäftsunternehmungen noch schüchtern und lieben eine litterarische Ausdrucksweise. Vor mir aber liegt das Preisverzeichnis eines englischen Welthauses, das auch in Berlin seine Filiale hat, und hier kann der moderne Mensch lernen, welche Grundsätze den internationalen Markt des Feuilleton- Romanes beherrschen. Die große Preis-Tabelle enthält zwanzig englische Romane, deren Bezugsbedingungen sich je nach der Güte der Ware und nach ihrer Frische, d. h. nach dem frühem oder spätem Termine des Abdrucks, iu ueunund- dreißig verschiedene Stufen teilen. Mit feiner Selbstbeobachtung bemerkt der Prospekt, daß die angenommenen Wertklassen „allerdings dem innern, mehr durch individuelles Urteil zu bestimmenden Wert der Novitäten nicht immer völlig entsprechen." Die größten Blätter zahlen für die beste und frischeste Ware 27 Mark per Feuilleton, aber es giebt da auch alte, muffig gewordene Bestünde, welche an kleine Konsumenten für 3lUZ Pfennig abgegeben werden — 33 Pfennig für eine große Fortsetzung, nicht für die Zeile, das ist etwa 5 Mark für den Abdruck eines mittleren Romans, also etwa soviel, als der einzelne Leser für das gedruckte Buch zahlen würde.
Die Preistabelle enthält außer den geschäftlichen Angaben noch vier Rubriken litterarhistorischen Inhalts; diese Rubriken geben 1. eine Charakterisierung des Werkes, 2. die hauptsächlichen Orte der Handlung, 3. die hauptsächlichen Personen der Handlung und 4. besondere Bemerkungen. Die erste und die vierte Rubrik ist für uus besonders lesenswert. In der ersten kann es weiter nicht auffallen, daß der angebotene Roman in den meisten Füllen ein Werk ersten Ranges genannt wird; in angenehmer Abwechselung heißt es da, die betreffende Nummer sei eine Kriminalnovelle ersten Ranges, eine Meisterschöpfung, ein Kabinettstück, ein Meisterwerk, eine Originalarbeit, alles ersten Ranges. Beneidenswertes England! Erwähnung verdient, daß außer Übersetzungen auch Bearbeitungen angeboten werden, bei denen es etwa heißt: „Eine den englischen Stoff frei benutzende deutsche Originalarbeit ersten Ranges."
Lehrreicher als diese allgemeinen Empfehlungen sind die besonderen Hinweise, welche die Lust des Redakteurs reizen sollen. Ziemlich regelmäßig wird versprochen, der Roman sei „stark sensationell." Selbstverständlich ist damit in erster Reihe eine überaus spannende Handlung gemeint. So heißt die Empfehlung einmal: „Stark sensationell, überraschend eigenartig, überaus originell und spannend. Ein junges Mädchen wird in wenigen Tagen zweimal Gattin, einmal Witwe. Sie findet ihre Strafe darin, daß die neue, von ihr so teuer erkaufte (?) Lebenslage ihr dieselben Widerwärtigkeiten bringt, denen sie sich entziehen wollte, — schließlich doch glückliche Lösung." Bei einem anderen Romane werden die