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Deutschland.
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und Bilder in den Mund legt, indem er sich versagt, sie in den entscheidenden Momenten schweigen oder stammeln zu lassen, und sie dafür zwingt, schöne Reden und Monologe zn deklamieren !
Nun aber kommt ein gewichtiger Einwand, von dem ich fürchte, daß er nicht zu beseitigen ist. Das Drama soll natürlich kein Lesedrama sein, es ist für die Bühne geschrieben. Aber eine Klippe ist da, an der es aller Wahrscheinlichkeit nach scheitern wird: das kleine Linchen. Das achtjährige Kind liegt während der beiden ersten Akte krank im Bett; im zweiten stirbt cs, und zwar in einer Weise, die vermutlich eher romantisch als realistisch genannt werden darf; denn die vielen Gedankenstriche machen die Scene noch nicht realistisch. Nun läßt der Verfasser allerdings an das Kopfende des Bettes einen Wandschirm stellen, so daß niemand im Bett zu liegen braucht und eine Schauspielerin, die etwas älter als acht Jahre sein wird, die Rolle Linchens hinter den Cvulissen durchführen kann. Damit ist freilich eine Schwierigkeit beseitigt, aber eine andere gegeben. Nahmen wir an. es sei eine vollendete Schauspielerin, die die Rolle glänzend durchführt; nehmen wir ferner ein durchaus gebildetes Publikum an. Dieses Publikum merkt natürlich sofort, was los ist, auch wenn nicht auf dem Theaterzettel steht: Das achtjährige Linchen .... Fräulein L. Abgesehen von den schlechten Witzen, die nun während der Zwischenpausen gerissen werden — auch während der Aufführung wird das Publikum die Illusion nicht lange bewahren können; und je vortrefflicher Fräulein T die kindliche Stimme und das kindliche Wesen nachahmt, um so mehr wird sich das Publikum freuen über diese virtuose Leistung, und an einem bestimmten Punkte wird es ansangen, dem Dichter in seine rührendste Stelle hineinzulachen und hineinznklatschen. Dies Lachen aber wäre schlimmer als ein Durchfall, dies Klatschen ärger als Zischen. Möglich, daß ich mich irre, möglich, daß das zarte, rührende Sümmchen ein deutsches Publikum zwei Akte hindurch gespannt erhält; aber ich fürchte das Gegenteil.* Dann aber wäre den Verfassern der Vorwurf uicht zu ersparen, daß sie aus der reichen Fülle von modernen Stoffen, die sich darbieten, gerade einen solchen wählten, der sich nicht zur Aufführung eignet. Denn Buchdramen haben wir mehr als genug.
Aber auch abgesehen davon und zugegeben, daß vielleicht die aus dem Hintergrund dringende Stimme des unsichtbaren Kindes nur noch ergreifender wirkt, so bleiben dem Stück doch noch andere Eigenschaften, die es zu einem recht undramatischen stempeln. Obwohl das moderne Drama in Deutschland kaum erst in den Windeln liegt, muß doch schon jetzt vor einem falschen Wege gewarnt werden. War in den Stücken der Stürmer und Dränger des vorigen Jahrhunderts allzuviel äußeres Leben, so bieten uns die modernen manchmal zn viel Innerlichkeit. Das Bestrickende an Ibsen, das uns, wenn wir seine Stücke studieren, kaum mehr loslassen will, ist der Aufbau des Dramas: ein ganzes Leben oder gar mehrere Generationen setzt er voraus, und die Aufgabe des Stückes besteht nur darin, das Faeit dieser langen Zeit zu ziehen. Diese Kompositionsweise, wie Vergangenes allmählich wieder lebendig wird und gespeusterhast in die Gegenwart hineinragt, diese Odipus-Technik ermöglicht es Ibsen, uns einen Einblick in das ganze seelische Leben, in die ganze geistige Entwicklung seiner Personen zu geben, um nun die so von weitem her vorbereitete Schlnßkatastrophe vor unseren Augen geschehen zn lassen. Viel äußeres Leben verlegt Ibsen so geflissentlich in die Vergangenheit: die Urkundenfälschung in der Nora, viel dunkle und unheimliche Vorgänge in Rosmersholm, die abenteuerliche Verlobung am Meeresgestade in der Frau vom Meer und so fort. Aber es ist immerhin äußeres Leben, wenn auch absichtlich nebelhaft und verschleiert. Und sind auch die Katastrophen bei Ibsen ungewöhnlich und modern, es sind doch wahre Katastrophen: Nora verläßt ihren Mann, Rosmer und Rebekka
* Dieser Aufsatz war vor der Aufführung des Stückes auf der „Freien Bühne" geschrieben. Die Redaktion.
gehen ins Wasser, Hedwig Ekdal erschießt sich und so weiter. So ist Ibsen die psychologische Vertiefung der Charaktere vollauf gelungen, ohne daß seine Stücke doch die dramatische Wirkung verloren Hütten.
Wie aber steht es mit der „Familie Selicke" in dieser Hinsicht? Auch unser Dichter setzt ein ganzes langes Leben voraus, aber keines mit irgend welchen gewaltsamen Ereignissen, es haspelte sich in längst verflossenen Jahren gerade so ab wie in der Gegenwart und in der Zukunft. Denn es ist auch keine abschließende Katastrophe da, der Tod Linchens ist nur eine Episode, die die Eltern nicht hindert, nach kurzer Frist in ihrem unseligen Hader weiter zu leben, und die das Liebespaar Wendt und Toni nicht abhalten wird, nach längerer Zeit sich zu heiraten. Da muß denn doch gesagt werden, daß die Schilderung eines langen, gleichmäßigen Lebens mit mehr oder- weniger bedeutenden, aber nie durchschlagenden Zwischenfüllen nicht ins Gebiet des Dramas gehört. Der Verfasser hat es verstanden, unser Interesse zu erregen und festzuhalten durch seine vorzügliche Charakterisierung und durch die intimen Wirkungen seiner Kunst; aber es sollte nie vergessen werden, daß äußeres Leben und äußere Konflikte das Gebiet des Dramas sind. Daß wir dann dabei in ungekünstelter Weise einen tiefen Einblick in das innere Leben und seelische Konflikte erhalten, ist das Ziel, nach dem unsere größten Dramatiker immer gestrebt haben und streben werden. Ibsen hat es in seiner Weise erreicht, so äußeres und inneres Leben vor uns zn entrollen; den Verfassern der „Familie Selicke" hat es noch nicht recht glücken wollen.
Und zum Schluß noch eine Bemerkung mehr allgemeiner Art. Da über Deutschland das größte nationale Unglück verhängt war und auch noch nach den Freiheitskriegen als ein dumpfer Geist, nennen wir ihn weniger bezeichnend als kurz und üblich den der Reaktion, über Deutschland brütete, da blühte das Familienstück und das Schicksnlsdrnma. Heute, wo Naturwissenschaft und Soziologie auch den Dichtern nicht mehr erlauben, achtlos an ihnen vorüberzugehen, verkörpern freilich nicht mehr die verhängnisvolle Gabel und der rostige Dolch das unbezwingliche Schicksal, sondern die durch Natur und Kultur bedingte Anlage des Menschen und seine Stellung im Leben. Aber eines haben diese modernen Stücke mit den alten gemeinsam: die dumpfe Zimmerluft. Jhuen, die mau ihrer Technik halber mit Grund den Gemälden aus der Schule des plsill air vergleicht, fehlt gerade nichts so sehr, als die frische Luft, die außerhalb der vier Wände weht, und das Helle Licht des öffentlichen Lebens. Hier ist der Manu nur Gatte und Vater, als gäbe es draußen in der Welt nicht noch anderes und größeres. Nicht speciell dem vorliegenden Drama, der „Familie Selicke," gilt dieser Vorwurf, es ist in seiner Art von vollständig einheitlicher Stimmung. Aber gegen diese Art wende ich mich; ich wünsche, daß unsere jungen Dichter von den engen Banden der Familie sich befreien; ich wünsche, daß sie auf die Straße gehen und in die volle Öffentlichkeit, daß, wenn denn doch einmal die Macht des Schicksals wirksam sein soll, nicht bloß „Familienkatastrophen" uns gegeben werden, sondern daß auch die Macht eingreift, die nach einem bekannten Ausspruch das moderne Schicksal ist, nämlich die Politik und die Gesellschaft. Denn immer wird unter den verhältnismäßig wenigen großen tragischen (oder auch wohl komischen) Stoffen der Konflikt einer ausgeprägten Individualität mit der Staatsgewalt, der Kampf der wenigen, die am weitesten voran sind, mit den maßgebenden Anschauungen der großen Menge einer der vorzüglichsten sein. Ich erinnere an die Antigone des Sophokles, an den Pfarrer von Kirchfeld Anzengrubers: ich erinnere aber auch wiederum und besonders eindringlich an Ibsen. Dieser Kampf spielt mit Ausnahme der Frau vom Meere in allen seinen modernen Dramen eine hervorragende Rolle; besonders bemerkenswert sind in dieser Hinsicht, hauptsächlich auch wegen des darin entfalteten, bei Ibsen sonst ganz ungewöhnlichen Humors, der „Bund der Jugend" und der „Volksfeind." Sollten einige unklare Faseleien, die in der