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Deutschland.
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die Frage ins Subjektive hinüberspielen und ruhig sagen: schön ish was gefällt. Damit sind wir dem Kerne aller jener oben aufgezählten phrasenhaften Redensarten schon ganz nahe gerückt. Einer meiner Freunde, der natürlich, wie unter Freunden üblich, über die wesentlichsten Punkte den weinigen entgegengesetzte Ansichten hat, sagte einmal: „Wer will solche Stücke ansehen? So wenig als es irgend einem Vergnügen machen kann, tagelang durch einen Sumpf zu waten oder stundenlang mit einem Idioten zu verkehren." Ein anderer bemerkte: „Ich will, daß mir ein Kunstwerk Lust und Wohlbehagen bereitet. Ich liebe den Geruch von Rosen, nicht von Zwiebeln." (Es ist bemerkenswert, daß die Gegner des Realismus in ihren eigenen Äußerungen recht „realistisch" zu sein pflegen.) Das sind die Anschauungen, die heutzutage in den weitesten Kreisen herrschen. Daß bei solchen Ansichten z. B. die Bewunderung Shakespeares nur geheuchelt oder anerzogen sein kann, abgesehen von den gerade veralteten Stellen bei Shakespeare, nämlich der manchmal entsetzlich überladenen und barocken Sprache seiner Verse, ist klar. — So sehen wir, daß in all diesen Streitigkeiten, obwohl scheinbar immer fast nur über formelle und ästhetische Fragen gesprochen wird, es sich meist um etwas ganz anderes handelt, nämlich um das Stoffliche. In der That sind es die Stoffe, welche die neue Richtung mit Vorliebe behandelt, die den Stein des Anstoßes bilden. Handwerker, Kaufleute und Gelehrte, die tagsüber hart gearbeitet haben, wollen abends im Theater oder bei ihrer Lektüre oder Sonntags in der Gemäldegalerie sich erholen: sie suchen das Schöne und Angenehme. Politiker, die sich endlich, dem Drange der Zeit folgend, dazu verstanden haben, sich mit sozialen Fraget! zu beschäftigen, wollen wenigstens im Theater ihre Ruhe haben. Ja, man könnte geradezu zwischen den literarischen und politischen Parteien eine Parallele ziehen; doch mag das hier unterbleiben. Soviel ist sicher, daß fast allenthalben die ernste Behandlung sozialer Probleme im Rahmen des Kunstwerks es ist, die verwünscht und verketzert wird, und man kann sich ziemlich darauf verlassen, daß, wenn Leute, die sonst von graziösen Unsittlichkeitcn durchaus nicht unangenehm berührt werden, nun plötzlich den Mund weit aufthun und von Uusitt- lichkeit reden, es sich, nach der Ansicht dieser nicht um Unsitt- liches, sondern um Übersittliches, um allzu ernste und „überspannte" Forderungen, um allzu tiefen Einblick in Abgründe, die inan gerne verdeckt Hütte, die man wenigstens höchstens in umständlichen statistischen Berichten studieren, aber nicht in anschaulichen und packenden Bildern vor Augen sehen will, handelt. Wer aber der Ansicht ist, daß es nicht der wahre Zweck des Kunstwerkes sein kann, dem Menschen eine Erholung von den Lasten des Tages zu gewähren, wer ihn vielmehr darin erblickt, daß wir über unsere eigenen egoistischen Bestrebungen und Regungen erhoben werden, gleichgültig ob durch das Betrachten der Mutter Natur oder das Anhören eines Tonwerkes oder das Ansehen einer Tragödie, wer dabei auch des Goethe- scheu Wortes gedenkt: Das Schaudern ist der Menschheit bestes Teil, der wird auch an die modernen sozialen Dramen anders herantreten. Denn ich bezweifle nicht, daß es in der That die Aufgabe des modernen und zukünftigen Dramas ist, die Traditionen der Lessingschen „Emilia Galotti" und der Schiller- scheu „Luise Millerin" wieder aufzunehmen, natürlich unter Benutzung aller der Erfahrungen, die seitdem gemacht worden sind, besonders seitens der deutschen und französischen Romantik, der russischen und norwegischen Litteratnr, um dann auch an die großen Stoffe heranzutreten, die Schiller in ganz anderer Weise in seinen Jambentragödien behandelt hat. — Unter diesem Gesichtspunkte wird es uns möglich sein, auch das neue soziale Drama von Arno Holz und Johannes Schlaf „Die Familie Selicke"* mit Ruhe und ohne Voreingenommenheit zu würdigen.
Die Handlung ist von neuer oder besser gesagt Jbsenscher
* Arno Ho lz Ioh annes Sch laf. Die Familie Selicke. Drama in drei Aufzügen. (Berlin 1890. Verlag van Wilhelm Jßleib (Gustav Lcyuhr).
Schlichtheit. Daraus ergiebt sich schon, daß sie nicht leicht zu erzählen ist. Die drei Akte spielen in einer kurzen Spanne Zeit, nämlich vom Weihnachtsabend bis zum nächsten Morgen. Die Abendglocken läuten das Stück ein, mit den Morgenglocken klingt es aus. Damit ist auch schon das Kolorit der Handlung gekennzeichnet: Nacht. Der Buchhalter Selicke — ein leichtsinniger, dem Trnnke ergebener, eingebildeter Mensch, der es zu nichts bringt; die Frau — launenhaft, nervös, zänkisch; der älteste Sohn — ein gutmütiger Faulenzer und Geck; der zwölfjährige zweite Sohn — ein munterer, unartiger Junge; das achtjährige Linchen — krank, dem Sterben nahe. Eine traurige Ehe, ein dumpfes Familienleben. Die einzige Lichterscheinung, der noch das Streben nach Besserem innewohnt: Toni, die zweiundzwanzigjührige Tochter. Sie wird geliebt von dem Studenten, der bei Selickes wohnt, dem Theologen Gustav Wendt, der nach bestandenem Examen znm Dorfpfarrer gemacht worden ist und am ersten Feiertage abreisen will. Toni, die seine Liebe erwidert, ist bereit, ihn zu heiraten und ihm zu folgen. Dies der Zustand bei Beginn der Handlung. Und am Schluß: das kranke Linchen ist gestorben, die Ehe bleibt so dumpf wie sie war, Wendt bringt es nicht über sich, nun Toni ihren Eltern zu entreißen, sie bleibt freiwillig in der erstickenden Atmosphäre, Wendt geht mit dem Worte: Ich komme wieder.
Es giebt Stoffe, die nicht zu verderben sind; es giebt solche, aus denen nie etwas Gutes zu macheu ist, und andere können außerordentlich schlecht und außerordentlich gut behandelt werden. Zu der letzteren Gattung gehört diese moderne Idylle, wie ich das Drama nennen möchte. Holz-Schlaf hat sie gut behändest; es sei kurz gesagt. Das ganze Stück ist durchweht von erfreulicher, rührender Einfachheit; kein einziger Conlisseneffekt, nichts von den üblichen Kunstmittelchen und Eselsbrücken, kein Theaterconp. Die Komposition ist tadellos: am Ende des ersten Aktes steht schon alles auf des Messers Schueide, der zweite bringt die Katastrophe, der letzte die sanft ausklingende Lösung. Die Charaktere stehen klar da, besonders hervorzuheben ist das selbständig erfaßte unselige Ehepaar Selicke; hingegen ist Toni sichtlich eine städtische Verwandte der reizenden Schlesierin Helene Krause aus Hauptmanns bekanntem Stück; und der Gegensatz, in dem sie zu ihrer Umgebung steht, ihre Reinheit, verhältnismäßige Bildung und Aufopferungsfähigkeit ist bei Hanptmann besser motiviert als hier. Die Sprache endlich, in der diese Menschen reden, ist nicht edel, nicht rhetorisch, nicht poetisch, auch nicht im mindesten korrekt, auch nicht immer anständig; aber Hütte sie auch nur im geringsten eine dieser Eigenschaften, so wäre sie zu tadeln.
Man hat schon begonnen, ein großes Wesen daraus zu machen, daß der Autor an einigen Stellen des Dramas den Schauspielern vorschreibt, sich zu schneuzen. Wenn es aber in einem beliebten Familienblattromane hieße: „. . . Er war sehr gerührt; fast traten ihm die Thrünen in die Augen; mehrmals benutzte er in seiner Verlegenheit das Taschentuch, um seine Rührung zu verbergen..." wer fände denn daran etwas? Dramatisiert aber wird dieser ganze Satz nur eine Anweisung für den Schauspieler: „Schneuzt stch." Beim Lesen mag das freilich manchen stören, aber er sollte immer bedenken, daß das Drama durch Anschauung wirkt und nicht durch sprachliche Darstellung. Möchte doch Shakespeare seinen Othello erst heute schreiben: wie würde man zetern über ein Stück, in dem ein Taschentuch (es ist freilich ein seidenes) eine ausschlaggebende Rolle spielt! - - Dieses Schneuzen ist mir viel lieber, als wenn der Verfasser den alten Kopelke Hütte „beiseite" sprechen lassen: „Ich bin so gerührt." Es giebt freilich Dramatiker, die meinen, sie müßten das, was sie im Roman selbst berichten würden, im Drama irgend einer Person in den Mund legen; damit aber entziehen sie sich eine Fülle der gewaltigsten Wirkungen. Um wieviel mächtiger wirkt doch die bloße schlichte Handlung, als wenn immer wieder der Dichter hinter seinen Gestalten hervorschaut, indem er ihnen blumige, poetische Reden