Heft 
(1889) 32
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daß der gesonderte Genuß von Kochsalz für den Menschen ganz überflüssig sei, und daß alle gewöhnlichen Nahrungsmittel ge­nug davon enthielten, um dem Bedarf des Körpers vollkommen zu genügen, behandeln andere Heroen der Physiologie und Chemie das Salz nicht nur als eine zu entbehrende Würze, nicht nur als ein anonm nnmintnm, sondern als ein für den menschlichen und tierischen Körper unbedingt nötiges Nahrungs­mittel.

Es ist eigentümlich, daß viele Menschengruppen kein Salz genießen; wir sehen, daß das solche sind, die so gut wie aus­schließlich von tierischer Nahrung leben, und schließen daraus, daß das Bedürfnis nach Salz sich erst beim Genuß vegeta­bilischer Nahrung einstellt. Damit stimmt auch der tierische Instinkt überein, da nur die Pflanzenfresser unter den Tieren, aber nicht die Fleischfresser das Salz in der Natur anfsuchen und genießen.

Unsere karnivoren Haustiere, der Hund und die Katze, bemerkt Bunge, ziehen ungesalzene Nahrungsmittel den gesalze­nen vor und legen gegen stark gesalzene Speisen entschieden Widerwillen an den Tag, während die herbivoren Haustiere bekanntlich sehr begierig nach Kochsalz sind. Es soll sogar Gegenden geben, wo man dem Bich Salz reichen muß, um es am Leben zu erhalten. Derselbe Unterschied in dem Verhalten der Fleisch- und Pflanzenfresser wird auch an wildlebenden Tieren beobachtet. Bon Hirschen, Rehen, Gemsen und anderen Pflanzenfressern ist es bekannt, daß sie salzhaltige Pfützen und Felsen anfsuchen, um das Salz zn lecken, und daß Jäger ihnen an solchen Orten anflauern oder Kochsalz anfstellen, um sie anzulocken. Im Altai finden sich Orte, wo das Wild im salz­haltigen weichen Thonschiefer ganze Grotten ausgelcckt hat.'

Auch ans Försters Angaben - geht hervor, daß in den weitläufigen Ländereien zwischen dem Ohio und Mississippi sich Hirsch-, Reh- und Oehsenherden versammeln und die ge­salzene, von Gießbächen anfgerissene und entblößte Erde lecken.

In dem Lande der Tnngnsen, zwischen der Lena und dem oberen Amur, finden sich vielfach Orte, an denen Salz aus dem Boden effloresziert, und die Remitiere versammeln sich häufig an solchen Orten, um das Salz zn lecken. Die Begierde der Remitiere nach Menschcnharn ist ja bekannt. An Raubtieren ist etwas derartiges nie beobachtet worden.

Woher kommt nun dieser Unterschied? Die chemische Analyse zeigt, daß die täglich mit der Nahrung anfgenommene Chlor- und Natrimmnenge für 1 l<A Pflanzenfresser im Durch­schnitt dieselbe ist wie für 1 l<A Fleischfresser. (Diese Annahme Biinges wurde jedoch später von demselben wieder znrückgenom- men; nach seinen neueren Bestimmungen enthalten die Pflanzen weniger Natrium.) Weshalb brauche der Pflanzenfresser dann noch ein weiteres Quantum Kochsalz?

Bunge leitet dies von dem Unterschied der Kalimmnenge ab, welche in der Nahrung des Pflanzenfressers zwei- bis vier­mal so groß ist als in der des Fleischfressers. Nach seinen und fremden Untersuchungen nimmt auf:

1 1<A Pfl

anzenfresser

Nalumwxyd

Natriumvxyd

lMvr

bei Ernährung

mit Klee

0,357

0,022

0,043

ff ff

Rüben und

Haferstroh

0,292

0,067

0,060

^ ff

Riedergras

0,335

0,093

0,073

ff ff

Wicken

0,552

0,10

0,059

1 1<A Fl ei

i sch fr esse r (Katze)

bei Ernährung

mit Rindfleisch Mäusen

0,182

0,035

0,031

ff ff

0,143

0,074

0,065

Durch die Aufnahme von Kaliumsalzen werden nach ihm dem Organismus bedeutende Mengen Chlor und Natrium ent­zogen. In einer Versuchsreihe an Menschen fand Bunge, daß

' Bergt. Ledebonrs Krise durch die Altai Gebirge. Berlin 1830, T. 2, y. 44.

^ Georg Försters sämtl. Schriften IV. x. 165 <w. Bunge: Zeitschrift für Biologie 1874 i>. 125.

32.

Von 18,2 Ar aufgenommenem K0 10,7 Ar den Organismus dnrchkreisten und demselben 5,1 Ar XnO und 3,4 Ar (4 ent­zogen; am fünften Tage des Versuchs betrug die Natrinm- ansscheidnng weit mehr als das Äquivalent der Chlorausschei­dung; es ist also dem Organismus außer dem Kochsalz noch weiteres Natrium entzogen worden <5,6 Ar XnOI und 2,1 Ar Xn< )). Es kann nach ihm kaum bezweifelt werden, daß diese Entziehung durch chemische Umsetzung der Kalium- und Na- triumverbindttngen zn stände kommt.

Wenn nämlich, sagt Bunge,' ein Kalinmsalz, dessen elek- tro-negativer Bestandteil nicht Chlor, sondern z. B. Phosphor- sänre ist, also Kalinmphosphat, mit Chlornatrinm in einer Lösung zusammentrifft, so tauschen die beiden Salze teilweise ihre Säuren ans; es bildet sich Chlorkalinm und Natrinmphosphat. Der Verlauf der Einwirkung würde folgende Gleichung aus- drücken:

UI. IX), ch- 3 X-.CI ^ Xn, UO, -Z 3 KCl

Wenn somit phosphorsanres Kali durch Resorption der Nahrung ins Blut gelangt, so muß es sich mit dem Chlor­natrinm des Plasma nmsetzen und das dabei gebildete Chlor­kalinm und phosphorsanre Natrium als überschüssig durch die Nieren ansgeschieden werden, damit die normale Zusammen­setzung des Blutes erhalten bleibe. Es muß somit dem Blute durch Aufnahme von phosphorsanrem Kali Chlor und Natron entzogen werden, und dieser Verlust kann nur durch Wieder­aufnahme von Kochsalz gedeckt werden. Es folgt daraus, daß ein Tier, welches eine an Kalisalzen reiche Nahrung genießt, wie der Pflanzenfresser, Kochsalz zn dieser Nahrung hinznfügen muß, um die normale Chlor- nnd Natronmenge im Organismus zn erhalten.

Die Richtigkeit dieser Hypothese hat Bunge dann durch experimentelle Untersuchungen über das Verhalten der Kalisalze zum Kochsalze außerhalb des Organismus und im Organismus (Selbstversnche) bewiesen.

Die Frage nach der Grenze, bis zn welcher der Organis­mus bei fortgesetzter Kaliznfnhr fortfährt, Natron abzngeben, ist experimentell bis jetzt zwar nicht entschieden; jedoch thnn die Versuche wenigstens die rasche Abnahme der Natronent- ziehnng dar.

Wenn aber auch die Verdrängung des Natrons ihre Grenze hat, so kann doch Billiges Ansicht vollständig richtig sein, d. h. durch die Herabdrücknng des Natrongehaltes des Körpers ans das äußerste Maß ein Bedürfnis nach Natron bestehen, dessen Befriedigung angestrebt wird. (Voll.)

Bunge hat ferner vielfache Angaben über den Kochsalz- gennß bei den verschiedenen Völkerschaften gemacht, nach denen die von Vegetabilien lebenden Stämme Kochsalz genießen, die von Fleisch lebenden aber nicht. (Siehe Zeitschrift für Biologie Bd. X. ,>. 111.)

Das Kochsalz ist im Tierorganismus außerordentlich ver­breitet, und nicht nur in allen tierischen Flüssigkeiten, sondern auch in alleil Geweben und Organen enthalten. Alles im Körper vorkommende Kochsalz stammt von der Außenwelt und wird durch die Nahrung dem Körper einverleibt. Die Menge des anfgenommenen Kochsalzes ist natürlicherweise abhängig von der Menge der Nahrung, vom Kochsalzgehalte derselben an und für sich, und von dem als Würze zngesetzten.

Die beiden Bestandteile des Kochsalzes,- das Chlor und das Natrium, sind zwei der wichtigsten Agentien für die Ver­dauung. Während die Wasserstoffverbindnng des ersteren, die Salzsäure, welche frei im Magensaft vorkommt," die Eigen­schaft desselben bedingt, die dem Magen zngeführten Speisen

° Bunge: Zeitschrift für Biologie 1873 p. 111. Bergt, auch Bunge: Physiologische und pathologische Chemie 1889 p. 108.

Das Salz enthält 60,3 Proz. 01 und 39,7 Proz. Xu.

" Bergt. R. Mall,:Untersuchungen über die Quelle der Magen­saftsäure," Liebigs Annal. d. Chemie 173 p. 227. HoPPe-Seyter: Phy­siologische Chemie, Berlin 1881 i>. 213. Brücke: Borlesungen über Phy­siologie, Wien 1885 p. 227. Hermann: Handbuch der Physiologie V. x. 63.

Deutschland.