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Da bin ich also wieder bei dem lieben Herrn Krautz angelangt, der ja in Berlin eine recht populäre Figur ist, und der nun auf seine Visitenkarten drucken kann: Scharfrichter a. D., Pferdeschlüchter und Schauspieler. Jedes natürliche Gefühl empört sich dagegen, den Henker leibhaftig als Henker im Schauspiel Mitwirken zu sehen. Unter diesem Eindruck haben liberale und konservative Zeitungen bereits nach der Polizei gerufen. Wie ich glaube mit Unrecht. Ein Volk mit einer Litteratnr, wie die deutsche ist, muß sich gegen solche Zumutungen selber schützen können, oder es verdient keinen Schutz. Auch dürfte der gute Herr Krautz juristisch ganz in seinem Rechte sein. Er war Scharfrichter, ist seltsamerweise wegen Roheit oder wegen seines sonstigen Auftretens entlassen worden, treibt jetzt das nützliche Gewerbe eines Pferdeschlächters und hat das natürliche Recht, Schauspieler zu werden. In seinem älteren Berufe hat er es übrigens verstanden, in der Presse wie der erfahrenste ältere Virtuose für sich Reklame zu machen. Dieses Talent kann sogar einigermaßen für den fehlerhaften Dialog entschädigen. Die Polizei wird also dem ehrsamen Pferdeschlüchter das öffentliche Auftreten kaum verweigern können, solange der süße Pöbel keine skandalösen Auftritte hcrbeiführt.
Wundern muß es mich aber, daß sich Schauspieler finden, welche mit dem Vollstrecker von sechzig Todesurteilen zusammen an diesem Kunstwerke mitschaffen. Ich weiß wohl, daß man mir die berühmten Menschenrechte und die Gleichheit vordem Gesetze und was weiß ich für Paragraphen entgegenhalten und den Henker unter die Millionen rechnen wird, welche zu umschlingen das Lied an die Freude lehrt. Meine Gesinnung ist auch nicht mittelalterlich, daß ich den Henker wieder für unehrlich erklären und jeden Verkehr mit ihm als einen Ehrverlust betrachten würde, der nur durch heilige Gebräuche wieder gut gemacht werden könnte. Prinzipiell soll der Henker gewiß keines der Ehrenrechte einbüßen, die er nicht etwa durch persönliche Eigentümlichkeiten verscherzt hat. Und wenn ein Scharfrichter zufällig einmal Metall in seiner Kehle entdecken sollte, so dürfte er getrost nmsatteln und so gut Heldentenor werden können, wie ein Droschkenkutscher erster Klasse. Also wie gesagt, ich bin ein ganz moderner Mensch und lasse dem Henker Gerechtigkeit widerfahren. Ich kann zwar die Mode nicht mitmachen, welche ihn interessant findet; wenn er sich aber im Wirtshaus an meinen Tisch setzt, so werde ich, über alle Vorurteile erhaben, mein Bier erst austrinken, bevor ich gehe.
Nun liegt die Sache auf der Bühne des Ostendtheaters jedoch so, daß nicht ein begabter Schauspieler auftritt, der zufällig seine besten Jahre im Dienste der Gerechtigkeit verbraucht hat, um dann der andern moralischen Anstalt zu dienen, sondern der gute Herr Krautz in seiner Eigenschaft als Scharfrichter a. D. ist es, der allabendlich gegen ein angemessenes Honorar eine kleine aber wichtige Rolle spielt. Da fragt man unwillkürlich, ob die Bühnengenossenschaft, welche sich so große Verdienste um die materielle Lage ihrer Mitglieder erworben hat, nicht Veranlassung Hütte, Polizei im eigenen Hause zu üben und ein kräftiges Wörtchen dareinzusprechen.
Kleine Kritik.
Goethe als Vater einer neuen Ästhetik von Rudolf Steiner.
In dieser Arbeit bietet sich uns ein interessanterer Beitrag zur Goethe-Wissenschaft, als wir ihn im allgemeinen von Goethe-Speeia- listen zu erhalten Plagen (Sonder-Abdruck der Zeitschrift „Deutsche Worte," Wien, Engelbert Pernerstorfer). Was uns Goethe als eine bleibende Errungenschaft wertvoll macht, das ist seine Kunst, Probleme zu stellen. „Wir müssen uns der Gedanken- und Jdeenfülle, die in Goethe liegt, bemächtigen und von ihr ausgehend wissenschaftlich Weiter
arbeiten." Das hat jedenfalls Steiner selbst mit Erfolg gethan. Eine Reihe feiner und anregender Bemerkungen zeichnet seine Arbeit ans; er ist auch dort interessant, wo man ihm widersprechen muß. O. R.
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Das Psychologische Problem in der Hamlet-Tragödie. Von
der philosophischen Fakultät der Universität Leipzig approbierte Promotionsschrift von 1) r. Hermann Türck. (Leipzig- Reudnitz, Druck und Verlag von Max Hoffmann, 1890.)
„Shakespeares außerordentliche Kenntnis der Natur und speeiell der Natur des Menschenherzens ist allgemein anerkannt. Wir dürfen daher an seine Gestalten denselben Maßstab anlegen wie an Objekte der Natur." — Es wäre vielleicht doch besser gewesen, der Verfasser hätte statt dieses emphatischen Standpunktes einen mehr nüchternen eingenommen und Hamlet als das betrachtet, was er ist, als Kunstwerk. Es läßt sich so ungeheuer viel in ein Werk hineinlegen und herausdenten, wenn man es nur für sich betrachtet und emsig Stellen zusammenträgt. Da sagt er so, dort so und so weiter — und nie wird beobachtet, ob denn auch der Dichter, der doch nie ein schöpferischer Gott, immer nur ein bildender Mensch ist, bei der zweiten Stelle die erste noch vor Augen hatte. Es wäre unbedingt nötig, bei der Analyse des Charakters einer Dramenperson den ganzen lilterarhistorischen Apparat zu entfalten, damit wir sehen, welche Gestalt des Hamlet dem Dichter überliefert worden ist und wie und warum er hier und da geändert hat. Daraus erstände dann genetisch vor uns das Bild Hamlets, wie es der Dichter gewollt.
Im übrigen ist Türcks Auffassung des psychologischen Problems immerhin bemerkenswert, wenn sie sich auch nicht so sehr weit von der Goethes und Wischers entfernt, als der Verfasser meint. Wenn Goethe sagt, Hamlet sei eine Aufgabe zugefallen, für die seine Schultern zu schwach sind, so entgegnet Türck: Nein, im Gegenteil, Hamlet ist äußerst energisch; aber sein jugendlicher Idealismus ist ihm verloren gegangen und hat sich in Pessimismus verkehrt; das ist der Grnndzug seines Wesens. Ganz recht, aber damit giebt eben Türck doch nur das Motiv zu Hamlets Schwäche und Energielosigkeit an, damit ergänzt er nur Goethes grundlegende Auffassung, aber schafft sie nicht ans der Welt. Und wenn Fr. Th. Bischer sagt, Hamlet denke zu viel, so ist das doch nicht so gar verschieden von der Auffassung Türcks. Denn der Optimist grübelt eben nicht und ebenso wenig der ruhige Arbeiter, sondern nur der Pessimist von Hamlets Art. Und schließlich könnte noch ein vierter kommen, der uns noch eine Stufe über Türcks Auffassung führt, indem er uns die physiologischen Gründe zu Hamlets Gemütsverfassung auf deckt, die schließlich vielleicht, abgesehen von den bedeutenden äußeren Einwirkungen, auf der gefährlichen Übergangszeit zur vollständig reisen Männlichkeit beruht.
Übrigens hätte wohl auch an irgend einer Stelle des Büchleins bemerkt werden dürfen, daß Hamlets Untergang zuletzt weder auf seinem Pessimismus, noch seinem Denken, noch seiner Phantasie, noch seiner Schwäche beruht, sondern daß es Shakespeare einfach nicht gelungen ist, das psychologische Problem psychologisch zu lösen, daß er vielmehr den gordischen Knoten einfach zerhauen und zu einem alten Theatereonp sich geflüchtet hat. Allerdings treffen wir auch in anderen Stücken Shakespeares eine äußerliche Lösung tief verinnerlichter Probleme. Sollte das bei ihm mehr als Ausflucht, sollte es wohlerwogenes Knnstgesetz sein? Das wäre ein Thema für eine weitere Doktordissertation. I.
Jenseits der Wasser. Übertragungen aus englischen und amen konischen Dichtern des 19. Jahrhunderts von John Henry Mackay. (Zürich. Verlags-Magazin (I. Schabelitzj.)
Das Prinzip für diese Auswahl war, daß die einzelnen Beiträge noch nicht verdeutscht waren. Es finden sich Gedichte von Byron (Er öffnungsverse zu „Lara"), Felicia Hemans, Longfellow, Math. Arnold, Swinbnrne, Elisabeth Barrel Browning u. s. w. Einzelne Gedichte sind sehr hübsch und verdienten es jedenfalls übertragen zu werden. Die Übersetzung selbst wird durch eine zuweilen verschwommene Ausdrucksweise beeinträchtigt. U. U.
Verantwortlicher Redakteur: Fritz Mauthner in Berlin rVl, Frobenstraße 33. — Druck und Verlag von Carl Flein ming in Glogau.