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mir auch vor, als ob meine Rippen von gewissen Unabhüngig- keitsbestrebungen gegenüber meinem iibrigen Skelett erfüllt waren. Nnr dmlkel entsann ich mich, daß Posdnyschew sofort, nachdem ich jene Frage an ihn gerichtet hatte, unaufgefordert eine merkwürdige Bereitwilligkeit an den Tag legte, mir im Widerspruch mit den diesbezüglichen Eisenbahnbetriebs-Vorschriften zum Verlassen des Coupes durch das Fenster behilflich zu sein. Sv brachte er mich um den Genuß, seine jedenfalls sehr interessante Antwort zu Horen. Es ist doch sehr zu bedauern, daß diese Russen immer so impulsive Naturen sind . . .
„Der Scharfrichter von Berlin."
Von
I. W.
>^^ehn Sie zum Henker!" sagt man seit einigen Wochen im Osten von Berlin, wenn man einander einen vergnügten Theaterabend wünschen will. Dort, im sogenannten „Ostendtheater," wird allabendlich das Sensationsschauspiel „Der Scharfrichter von Berlin" anfgeführt, dessen Inhalt mit seinem Titel eigentlich nicht viel zu thnn hat. In neun Bildern werden uns die Blntthaten eines allserlesenen Verbrechers, des romantischen „Goldgrafen" höchst melodramatisch vorge- sührt, und wenn die Greuel endlich über alle Maßen znm Himmel stinkeil, werden sie vom Henker gerochen. Diese wichtige Persönlichkeit, welche nnr anftritt, um fünf Worte zu sprechen, macht deil Leuten einen Kapitalspaß. Denn — es kann nichts »lehr an der Thatsache verschwiegen werden —- die Rolle des Scharfrichters voll Berlin wird auf der Bühne des Ostendtheaters von keinem andern dargestellt, als von Julius Krautz selbst, dem echten bisherigen Scharfrichter von Berlin, der bisher iil einem wohlangewandten Leben gegen sechzig Menschen enthauptet hat und sich nun nach so gründlichen Vorstudien der dramatischen Kunst, der schonen Nachahmung der Natur, zugewendet hat. Man muß das gesehen haben, um es zu glauben. Nachdem in der Mörderzelle die rührendsten Gespräche geführt worden sind, und der Goldgraf seiner Rene, seiner Todesangst und seinem guten Herzen einigen Ansdruck verliehen hat, tritt der leibhaftige Scharfrichter von Berlin an ihn herall, legt ihm die .Hand auf die Schulter und spricht: „Kommen Se, es is Zeit!" Darauf tritt der unglückselige Goldgraf in den Hintergrund, knieet nieder, senkt das .Haupt. Julius Krautz schreitet in seinem schwarzen Frack hinter ihm, legt die Handschuh ab und erhebt mit einer natürlichen Bewegung, die ihm wohl ansteht, das breite Richtbeil. Der Vorhang fällt, lind das Publikum, welches wohl niemals über die etymologische Verwandtschaft von Publikum und Pöbel nachgedacht hat, wiehert vor Vergnügen und ruft nicht den Dichter oder den Regisseur, sondern mit emmütiger Begeisterung den echten Scharfrichter von Berlin hervor. Es verdient hervor- gehvben zu werden, daß dieser Künstler das Pantomimische in seiner Rolle meisterhaft ausführt, daß er aber in der dialektfreien Wiedergabe seiner kleinen Rolle einiges zu wünschen übrig läßt.
Ich habe nicht die Absicht, gegen den Direktor des Ostend- theaters oder gegen seinen jüngsten Dichter pathetisch zu werden. Sie wollen leben und leben lassen, und wäre es mit Hilfe des Scharfrichters. Als das Ostendtheater vor mehr als zehn Jahren gebaut worden war, da regnete es Witze über seine weite Entfernung von der Stadt, von tout llorliu, von dem Berlin des zahlungsfähigen Theaterpnbliknms, der feinen Restaurants und der Nachtcafäs. Es war ein förmlicher Sport, und über die armen Droschkenpferde, welche die dreifache Tour nach dem Ostendtheater zu traben sich weigerten, wurden einige recht gute Scherze geliefert. Nun war es aber eigentümlich, daß die Gäule schließlich durch Peitsche und Zügel doch nach dem Ostendtheater gelenkt werden konnten, die Menschen aber sich hartnäckig weigerten, hinzufahren oder hinzugehen, ihre
Schritte hinzurichten, muß man Wohl jetzt sagen. Einige Direktoren machten nacheinander verzweifelte Anstrengungen, da draußen eine recht annehmbare Volksbühne zu schaffen. Schiller- sche Trauerspiele und die Tragödien junger, anderswo zurück- gewiesener Dichter wurden schlecht und recht aufgeführt, und mitunter wurde sogar das eigentliche Premierenpublikum aus dem Westen hinausgelockt. Alle diese achtbaren Bestrebungen führten die Bühne aber nnr immer wieder dem Bankerott entgegen, und so entschloß sich der gegenwärtige Direktor, hoffen wir mit schwerem Herzeu, zu der Gnlgeugeschichte, welche ihm jetzt am Sonntag das Haus füllt und an den Wochentagen wenigstens die Tageskosten hereinbringt.
Wenn das persönliche Auftreten des Berliner Scharfrichters nicht ein ernsthaftes Wort nötig machte, so wäre es einfach thöricht von der-Kritik, das Sensationsschauspiel mit ihrem Vernichtnngsnrteil zu beehren. Die Verfasser selbst können, und wenn sie noch so gottverlassene Unglücksmenschen wären, das Stück nicht ernsthaft gemeint haben. Sie haben ganz gewiß beim Znhauen der klotzigen Scenen noch mehr gelacht, als die ironisch gestimmten Logeninsassen. Das Stück ist ans einem Kolportageroman zusammengeschnitten, der seinerseits wieder eine schmutzige Conlissengeschichte hat. Das Schauspiel häuft die Gräßlichkeiten und Überraschungen zu so verrückter Höhe auf, wie selbst die Dichter des Kolportagebuchhandels nicht ohne Selbstironie wagen dürfen. Es grenzt an die tollste Parodie, wie da das wahnsinnige Opfer des Verbrechers ihm mit kühner Verspottung der aristotelischen Einheiten ans Schritt und Tritt wiederbegegnet, wie im Jrrenhause geheime Burgverließe geöffuet uud die Leute mir sv im Haudumdrehn ermordet werdeu, wie der alte jüdische „Wucherer vom Andreas- Platz" zuerst von Falschmünzern betrogen und dann von einem dummen Mörder abgestochen und seines falschen Geldes beraubt wird, wie endlich in der Zelle des Goldgrafen sich alle Mißverständnisse lösen, die ältesten Greise aus ihren Gräbern ausgespieen und die Wahnsinnigen wieder so weit vernünftig werden, als die Personen des Schauspiels es überhaupt siud. Auch die Pariser haben ihre Borstadtdramaturgen; aber wir können nnr mit ehrlichem Neide auf die französischen Muster dieser Gattung blicken. So eine Sensationskomödie, wie z. B. „Die beiden Waisen," ist ja unwahrscheinlich genug in ihrer Handlung und grob genug in ihren Effekten; aber die Handlung ist, wenn auch ohne ästhetisches Gewissen, doch mit großem Scharfsinn logisch aufgebant, und die Bühnenwirkungen sind von einem geschulten Bühnentechniker berechnet. Es ist wenigstens saubere Ware; es ist Schnaps, aber ein guter Schuaps; alle Zuthaten sind im richtigen Verhältnis beigemischt. Die Verfasser des „Scharfrichters von Berlin" aber sind gemeine Schnapsfülscher. Die Handlung hat einfach keinen Sinn und Verstand, und wenn auch in jedem der neuen Bilder mehr Mord und Totschlag passiert, als in allen Werken der aller- neuesten Richtung zusammengenommen, so fehlt doch der geistige Zusammenhang vollständig. Es liegt kein Hochmut darin, wenn man sich fragt, wie das Gehirn der Zuschauer organisiert sein mag, welche sich von so einer tollhüuslerischen Scenenfolge in Spannung versetzen lassen. Leute, welche ihrem Aussehen und ihrer Sprache nach recht gut wissen müssen, wie das Volk spricht, haben für die Wahrheit einer Fontaneschen Novelle keinen Sinn und beklatschen diesen wüsten Vorgang, der sich nie und nirgends begeben hat. Lebt die Masse geistig noch im Zeitalter der Romantik? Sagt sie heute geuau, wie vor 1000 Jahren: Dort, wo Du nicht bist, ist die Poesie?
Denn es ist nicht wahr, was ich irgendwo gelesen habe, daß das Publikum des Ostendtheaters das Sensationsschanspiel als einen Spaß aufnehme und des Ulks wegen hineingehe. Nein, mit Ausnahme von einigen Logenbesuchern, welche zu diesem Zweck ihren Platz bezahlt haben, lacht niemand im Hause. Man läßt sich von all den Greueln angenehm aufregen, genießt das Entsetzen ganz naiv und wäre gewiß noch dankbarer, wenn zum Schlüsse das Richtbeil niederfiel, anstatt des Vorhangs.