Heft 
(1889) 33
Seite
558
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Seite 558.

Deutschland.

33.

Ich begreife nur das eine nicht," bemerkte ich schüchtern, wie das Menschengeschlecht glücklich sollte sein können, nach­dem es einmal vernichtet ist!"

Schafskopf!" donnerte er, und trieb mir ans dem Steg­reif den Cylinder an.Wenn es nicht ist, kann es doch nicht unglücklich sein! Und ist es nicht unglücklich, so muß es doch glücklich sein!"

Richtig. Aber daß just die Frauen sich vor allem dazu drängen ..."

Natürlich. Ihr Glücksbedürfnis ist viel intensiver als das nnsrige. Sie wollen und können nicht noch ein paar Ge­nerationen warten, bis endlich jene Generation da ist, in der sich das Gesetz der Menschheit erfüllt!"

Und Sie selbst sind dazu entschlossen?"

Wie meinen Sie?"

Ich meine, wenn Sie so genau wissen, daß das Glück der Menschheit im Nichtsein besteht, warum gehen denn nicht Sie selbst zum Teufel . . . ich wollte sagen, warum beziehen denn Sie nicht selbst im HotelZnm Nicht-Sein" ein paar nach Osten gelegene Zimmer?"

Den Damen gebührt immer der Bortritt! Und dann!..."

Er stockte plötzlich. Seine Stirn umwölkte sich.

Was?" fragte ich teilnehmend.

Würden Sie glauben, diese Ärzte, diese Schufte, haben schließlich auch mich untergekriegt. Sie haben mir einzureden verstanden, im Nicht-Sein sei eine ziemlich feuchte Witterung ..."

So, so!"

Ja! Und ich inkliniere so leicht zu katarrhalischen Affek­tionen. Ich kann also unmöglich ins Nicht-Sein übersiedeln, ich würde dort mein Leben lang an Schnupfen leiden!"

O ... o ... entsetzlich! Besonders da dort die Taschen­tücher ziemlich selten sein dürften. Aber wissen Sie, was mir passiert ist?"

Nein!"

Mir hat mein Hühnerangen-Operatenr erklärt, er würde alle Beziehungen zu mir abbrechen, sobald ich einmal ins Nicht- Sein übersiedle! Und Sie wissen, es giebt keinen großen Mann vor seinem Hühnerangen-Operatenr! ..."

Sie haben recht! O, diese Ärzte, diese Schufte!" ruft Posdnyschew.

O, diese Hühnernugen-Operatenre, diese Blutsauger!" sekundierte ich.

Posdnyschew wurde immer trüber gestimmt. Er streckte die Beine von sich, die zufälligerweise gerade bis zu jenem Punkte des Weltraumes gelangten, woselbst sich mein Gesicht aufhielt. Das nahm er mir aber nicht übel.

Auch mich überkam eine melancholische Stimmung. So verharrten wir eine Weile, ohne ein Wort zu wechseln, in nach­denklicher Stimmung. Posdnyschew starrte ins Leere und ich starrte in seine Stiefelsohlen ...

IV.

Übrigens," begann er nach einer Weile wieder,was Ihnen da von meinem Berhalten gegenüber den Frauen, die ich heirate, zu Ohren gekommen ist, das bildet nur einen Teil meines Programms."

So, so!" bemerkte ich mit jenem schönen, männlichen Selbstbewußtsein, daß selbst die unerwartete Annäherung von Stiefelsohlen, zu denen man nicht von Kindesbeinen an orga­nische Beziehungen unterhalten hat, nicht zu erschüttern vermag.

Ja," wiederholte Posdnyschew,nur einen Teil meines Programms und zwar den negativen!"

Aha," schrie ich verständnisinnig hinter den Stiefelsohlen hervor,es hat also auch einen positiven!"

Ja," sagte Posdnyschew.Natürlich! . . . Auch einen positiven!"

Und als er nun die Beine wieder langsam an sich zog, wobei er die Stiefel sorgfältig an meinem Rocke abwischte, be­merkte ich, daß ein inneres Feuer sein Antlitz verklärte.

Und wie heißt der positive Teil Ihres Programms, wenn ich bitten darf?"

Einen Augenblick lang blickte mich Posdnyschew starr an. Dann sagte er feierlich:Der positive Teil meines Programms heißt: der Staat der alten Jungfern!"

Schaudervoll, höchst schaudervoll . . . Nein, ich meinte: wieso erhält man alte Jungfern?"

Höchst einfach. Wenn ich einmal unter den Frauen, die derzeit verheiratet sind, gründlich aufgeräumt haben werde, wer­den nur noch Jungfrauen übrig geblieben sein. Und diese er­halten dann in meinem Znkunftsstaat dieselbe Stellung . . ."

Die die verheiratete Frau im modernen Staat hat?" fiel ich ein.

Weit mehr! Die Stellung, die der Mann im moder­nen Staat innehat! Denn Sie erinnern sich, was ich dem Grafen Tolstoj klagte: «Das höchste Ideal, der beste Zustand der Frau - der Zustand der Reinheit, der Bestalin, der Jung­frau ist ein Schrecken und ein Spott in unserer Gesell­schaft.» Das muß anders werden! Und es kann nur anders werden, wenn die bevorrechtigte Stellung des Mannes ans die alte Jungfer übergeht. Auf die alte! Damit werden die jun­gen Jungfern angespornt, alte zu werden!"

Das Ei des Kolumbus!" rief ich mit gut geheuchelter Begeisterung. Mein Enthusiasmus that ihm sichtlich wohl. Er lächelte mich freundlich an.

Und wenn Sie erst hören, mit wie geringen Kosten so ein Staat regiert wird. Man kauft bloß Hornbrillen, Schnupf tabaksdosen, Kaffeetassen und Möpse ans Staatsmitteln an und alle Anspüche, die die alten Jungfern an die civilisatorische Aufgabe eines Staates stellen, sind befriedigt."

In der That sehr einfach! Aber was fangen Sie mit den Männern an?"

Die Männer auch für die ist aufs beste gesorgt. Wie ich mich seiner Zeit mit dem Grafen Tolstoj aussprach, empfand ich es schmerzlich, daß für den gefallenen Alaun die einfältige, lichte, reine Beziehung znm Weibe, die Beziehung von Bruder und Schwester nicht mehr vorhanden ist, daß man ihn sofort als gefallenen Mann erkennt, sobald er aufschaut und ein junges Weib erblickt. Wenn er aber anfschauen und überall nur diese alten Jungfern erblicken wird ..."

Wird er von brüderlichen Gefühlen bewegt sein! Groß­artig, ich muß es sagen!"

Posdnyschew war wie verwandelt. Ich hätte gar nie ge­glaubt, daß sein Gesicht so viel Freundlichkeit wiederspiegeln könne.

Nicht wahr," sagte er,Sie Hütten nicht gedacht, daß jenes scheinbar ganz widersinnige Postulat, das ich dem Grafen Tolstoj gegenüber vertrat: die Menschen müßten sich völlige Keuschheit zum Ziele setzen, damit unter ihnen Sittlichkeit herrsche, in so einfacher Weise verwirklicht werden könne?"

Nein, nein! Darauf wäre ich nie gekommen. Aber Sie gestatten eine Frage."

Bitte!"

Sie gedachten damals im Laufe Ihrer Unterhaltung mit dem Grafen eines Wunsches, der sich bei allen reinen Mädchen findet ..."

Ach ja . . . Ich weiß schon, was Sie meinen. Ich sagte damals, wenn ich mich recht erinnere: «Ein reines Mäd­chen wünscht eines: Kinder! Kinder keinen Manu!»"

Ja. Ein recht bescheidener Wunsch. Und wird Ihr Znkunftsstaat diesem Wunsch Rechnung tragen?"

Wie denn anders! Die Wünsche reiner Mädchen sind heilig!"

Gut . . . Aber wie soll denn das durchführbar sein?"

Die Antwort Posdnyschews auf diese Frage kann ich zu meinem Bedauern nicht mitteilcn. Denn ungefähr fünf Mi­nuten, nachdem ich diese Frage gestellt hatte, fand ich mich zu meinem Erstaunen ans dein Eisenbahndamme liegen. Was in der Zwischenzeit mit mir vorgegangen, kann ich nicht mehr ge­nau angeben. Mein Kopf schmerzte mich ein wenig. Es kam