33.
Auf einer dieser Fahrten lernte auch ich ihn kennen.
Die Mitreisenden waren zufällig auf Posdnyschews Geschichte zu sprechen gekommen, ohne eines kleinen, sehr nervösen Herrn mit auffallend anziehenden, glänzenden Augen zu achten, der sich abseits hielt und während der ganzen Fahrt mit keinem seiner Nachbarn Bekanntschaft angeknüpft hatte. Plötzlich aber — man hielt gerade beim sechsten Mord — erhob sich dieser Herr und sagte zu der Dame, die neben ihm saß: „Sie haben mich erkannt, wie ich sehe ..."
„Nein, ich habe nicht das Vergnügen . . .," antwortete die Dame.
„Man kann es jetzt schon ein Vergnügen nennen. Tolstoj hat dafür gesorgt. Mein Name ist nämlich Posdnyschew ..."
„Posdnyschew!" sagte die Dame . . . „Ah! . . . Aber ich bedauere lebhaft ... Ich bin schon verheiratet!"
„So, so! Das muß dem Menschen erst gesagt werden! Das Bedauern ist ganz meinerseits. Denn ich bin jetzt wieder frei geworden . . . Meine neunte Frau nämlich ..." Er machte eine Gebärde, die erkennen ließ, daß er es inzwischen auch im Halsabschneiden zu einer bei einem Amateur-Mörder anerkennenswerten Fertigkeit gebracht hatte . . .
„Die neunte?" sagte die Dame verwundert.
„Natürlich! Die Affaire, von der Sie sprachen, ist ja schon drei Monate alt!" erwiderte er mit verächtlichem Lächeln.
„Und wie viel Frauen haben Sie seither nmgebracht, bitte?"
„Drei!" antwortete er gelassen. „In der heißen Jahreszeit kann ich mir nicht so viel Bewegung machen!" fügte er entschuldigend hinzu.
„Drei!" rief die Dame aus. „Wie schade! Wenn ich das geahnt Hütte! Ich habe erst vor sechs Wochen geheiratet! — Drei!" wiederholte sie, und Neid und Verwunderung malten sich in ihren Gesichtszügen. „Wenn ich ein wenig mehr Geduld gehabt hätte, könnte ich jetzt an die Reihe kommen!"
„Was nicht ist, kann werden!" erklärte Posdnyschew wohlwollend! „Ihr Mann wird doch nicht ewig leben!"
„Das walte Gott! Aber, bitte, merken Sie mich vielleicht vor . . . Sie könnten sonst vergessen!" fuhr die Dame fort uud erhob etwas schüchtern deu Blick zu ihm.
„Geru!" antwortete Posdnyschew und zog ein Notizbuch hervor. „Wie ist Ihr werter Name, meine Gnädigste?"
„Anna Pawlowna Schtnhpschew!"
„Ein schöner Name!" meinte Posdnyschew anerkennend. „Anna. . . Pawlowna. . . Schtnhpschew!" notierte er. „Sie erhalten Nummer 283!"
„Wie?"
„282 Damen gehen Ihnen voran. Ich kann's beim besten Willen nicht ändern. Ich muß mich an den Zeitpunkt der Anmeldungen halten! — Aber seien Sie vollkommen ruhig meine Gnädigste," fügte er mit verbindlichem Lächeln hinzu. „Ich schaffe jetzt meine Frauen mit Benützung aller zulässigen Abkürzungen des Verfahrens aus der Welt! Auf besonderen Wunsch gleich am Tage nach der Hochzeit. Sie werden also nicht so lange warten müssen, als es den Anschein hat!"
Die Dame atmete sichtlich erleichtert auf.
„Natürlich, immer unter der Voraussetzung, daß Ihr Gatte inzwischen das Zeitliche gesegnet hat!" fuhr Posdnyschew fort.
„O, bitte, lassen Sie das ganz meine Sorge sein!"
„Gut. Ich vertraue Ihnen! Und nun noch eine Kleinigkeit. Welche Todesart wäre Ihnen am angenehmsten? Erdrosseln? . . . Vergiften? . . . Erdolchen? . . . Erschießen?"
Die Dame zögerte einen Augenblick.
„Meine Gnädigste, sprechen Sie ganz so, wie's Ihnen ums Herz ist . . . Denn ich" — ein bezauberndes Lächeln umspielte dabei seine Lippen, „bin in der Technik aller dieser Todesarten gleichmäßig versiert!"
„O ... dann möchte ich mich fürs Erdrosseln entscheiden . . . Alan ist damit nicht so rasch fertig . . . Man kann das Vergnügen ganz auskosten!"
„Ihr Wunsch ist mir Befehl!" antwortete Posdnyschew
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mit einer ritterlichen Verbeugung. „Also Nummer 283," notierte er, „Tod durch Erdrosseln!"
„Welch ein Mann!" rief die Dame bewundernd. „Wir sind also einig!" setzte sie hinzu, indem sie ihm die fein behandschuhte Hand reichte.
„Wir sind einig!" wiederholte Posdnyschew und küßte ihr die Fingerspitzen.
„Auf baldiges Wiedersehen!" sagte die Dame, indem sie Posdnyschew mit einem vielversprechenden Blicke ansah. Der Zug hielt. Die Dame stieg aus. Ebenso die übrigen Passagiere. Ich blieb mit Posdnyschew allein.
II.
Er hatte sich in das Kissen gedrückt und eine Minute lang mit geschlossenen Angen dagelegen.
„Ihnen muß wohl meine Gesellschaft recht angenehm sein, nachdem Sie wissen, wer ich bin?" begann er plötzlich.
„O!" sagte ich.
„Dann darf ich Ihnen wohl meine Schicksale seit jener Eisenbahnfahrt, auf der ich mit dem Grafen Tolstoj zusammentraf, erzählen?"
„Danke, danke, bemühen Sie sich nicht, ich bin Gott sei Dank schon infolge der «Kreutzer-Sonate» halb verrückt geworden!"
„Keine Umstände! Ich mache Sie ganz verrückt! Ein Kinderspiel!"
In diesem Augenblick wurden wir unterbrochen. Der Schaffner trat ein. Ein paar Augenblicke später flog er aus dem Waggon. Posdnyschew hatte ihm zwei Backenzähne ausgeschlagen und einen Fußtritt versetzt. Die Unterbrechung hatte nicht lange gedauert.
„Diese Schaffuer werdeu nie feinere Lebensart annehmen!" sagte Posdnyschew, indem er hinter dem fliegenden Schaffner die Coupöthür schloß und die Rockärmel wieder herunter streifte. „O, diese Ärzte! Diese Schufte!"
„Was haben die Ärzte damit zu thun, bitte?"
„Was die Ärzte damit zu thun haben?" schrie er. „Als ob ich das wüßte! Aber dazu ist doch die «Kreutzer-Sonate» da!"
Eine Pause folgte, in der wir kein Wort wechselten. Posdnyschew ohrfeigte mich nämlich inzwischen. Es fiel ihm gerade nichts Besseres ein. Aber das war ja auch recht nett.
III.
„Meine menschenfreundlichen Bestrebungen haben inzwischen die verdiente Anerkennung gefunden!" begann er wieder.
„Ich habe es bemerkt!" antwortete ich, indem ich mir unauffällig die geschwollene Backe rieb. „Und ich muß sagen, es setzt mich sogar in Erstaunen, in wie hohem Grade das der Fall ist!"
„Wie kann Sie das in Erstaunen setzen?" brauste er auf, iudem er mir den bei diesem Anlaß nicht leicht zu vermeidenden Rippenstoß nicht vorenthielt. „Ich habe doch den Grafen Tolstoj in der einleuchtendsten Weise darüber aufgeklärt, worin der wahre Zweck der Menschheit besteht. Der Zweck der Menschheit ist ihr Glück, wie in bestinformierten Kreisen verlautet. Zur Erlangung des Glücks aber ward der Menschheit ein Gesetz gegeben, das sie zu erfüllen hat. Dieses Gesetz aber besteht in der Einheit des Menschengeschlechtes. Diejenige Leidenschaft, die dieser Einheit des Menschengeschlechts am meisten im Wege steht, ist die sinnliche Liebe. Andererseits entstehen aber gerade infolge der sinnlichen Liebe, insolange jenes Gesetz nicht verwirklicht ist, neue Generationen. Ist es aber verwirklicht, so wird eben infolge dieser Verwirklichung das Menschengeschlecht von selbst vernichtet. So sagte ich damals! Sie erinnern sich doch?" fragte er.
„Ja!" erwiderte ich, da ich bemerkte, daß seine Faust sich plötzlich ballte, obwohl der syntaktische Aufbau seiner Perioden das nicht unmittelbar erforderte.
„Gut!" sagte er begütigt. „Sie begreifen also . . ."
Deutschland.