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Deutschland
35.
„Hole alles miteinander der Teufel," polterte der alte Herr, „jetzt habe ich's mit dem Buben genug — lassen Sie ihn nicht mehr herein," fuhr er Christine an.
„Das möchte ich wohl probieren," seufzte sie, „der ging über meine Leiche weg. Mit dem werden wir alle beide nicht fertig."
„Das wollen wir doch sehen," brummte der Doktor, „ich will meine Ruhe haben — er soll mir nur kommen!"
Dies sollte mit einer neuen Überraschung geschehen. Fritz trug ein kleines Kind auf den Armen, das sich verwundert in der Gelehrtenstube umsah und dann herzhaft losbrüllte.
„Was zum Teufel, bringst Du ein Kind da herein," fuhr der Doktor den Buben an.
„Wo soll ich's lassen," erwiderte dieser, „die Frau hat mir's auf den Hals geladen. Ich bin jetzt beim Onkel Kupferstecher — eine schöne Gegend — Ohrfeigen und nichts zu essen. Gottlob bringt mir die Mutter, wenn ich das Wasser zum Mittagessen hol', ein ordentliches Stück Brot. Sie hat einen Dienst angenommen und schasst sich ab; sie soll's aber auch gut haben, wenn ich reich bin."
Fritz spazierte, während er sprach, hinter dem Kinde her, das er am Röckchen hielt. Jetzt blieb er vor dem alten Herrn stehen, der den hagern, ausgehungerten Buben mit einem wahren Ingrimm betrachtete.
„Es sieht jetzt freilich nicht danach aus," meinte dieser, „aber das schadet nichts, ich werde doch reich. Ich will nämlich etwas erfinden wie Sie, damit's schneller geht— 's Pressiert wegen der Mutter."
Das Kind fing an zu schreien, und Fritz setzte sich schleunigst mit ihm in Bewegung, wobei er laut schalt und drohte.
Dem Doktor brummte der Kopf von dem Lärm: „Das ist zu viel," fuhr er auf. „Hüte das Kind zu Hanse, hier ist nicht der Platz dafür. Ich bin ein alter Mann und will und brauche meine Ruhe. Geh' und störe mich nicht mehr."
„Das soll einer aushalten," wütete der Doktor in sich hinein, nachdem der Bube längst gegangen war. „So einen erbärmlichen Gesellen um sich haben, dem man nicht helfen soll — den ganzen Appetit hat mir sein Anblick genommen. Es ist wahrlich an der Zeit, daß das Gelaufe ein Ende nimmt. Ich habe jetzt Aufregungen genug."
In der That, er war endlich nach all den langjährigen Versuchen seiner Sache so gut wie sicher. Die Nutzbarkeit des Steines hatte sich glänzend bewährt, und es handelte sich nun für den alten Herrn um die nötigen Schritte, sich mit Fachleuten in Verbindung zu setzen. Aber er war weltfremd geworden, und seine Umständlichkeit verzögerte fortwährend sein Vorhaben. Dann peinigten ihn wieder Zweifel an der Richtigkeit seiner Wahrnehmungen, und so kam er nie einen Schritt vorwärts; denn jeder Morgen fand ihn unschlüssig. Und noch etwas anderes brachte ihn um seine Ruhe: der Bube kam ihm nicht aus dem Sinn; ganz im Gegensatz zu Christine, die sich, seit sie ihren Peiniger los war, vor Behagen nicht zu lassen wußte, wurde der Doktor immer brummiger, unwirscher und bitterer. Was half es ihm, daß er sich immer wieder sagte: „Ich werde später etwas für ihn thun." War's dann noch Zeit? Konnte die unglückselige Behandlung, der der Bursche ausgesetzt war, nicht alle guten Regungen in ihm ersticken?
„Ich werde mich nach ihm umthuu," nahm sich der alte
Herr mit jedein Morgen vor; aber wenn der Abend kam, war nichts geschehen.
Was Fritz anbelangte, so glaubte er den Weg zu seinem künftigen Reichtum entdeckt zu haben. Mit der Geduld und Gedankenlosigkeit eines Lasttieres schleppte er seine Tage hin, den Sinn nur immerfort auf seinen Sonntagnachmittag gerichtet. Da machte die Meistersfamilie ihren Ausflug von Wirtshaus zu Wirtshaus, und er war frei — das heißt mit der Bürde des jüngsten, das man ihm zurückließ. Er trank ihm die Milch weg, erlaubte ihm nach Lust zu schreien und machte sich über die Arbeit. Zuweilen kam seine Mutter, leistete ihm eine Stunde Gesellschaft und nahm sich des schreienden Kindes an. Sie sah entsetzlich abgeschafft und krank aus, und zwischen den heiteren Dingen, die sie immer zu erzählen wußte, kam's ihr zuweilen im Tone der Verzweiflung über die Lippen: „Wenn ich nur nicht ins Spital muß — nur nicht beim Schaffen znsammenbrech' — die Schmerzen will ich gern ertragen."
„Du sollst nicht ins Spital," sagte Fritz, indem er einen kurzen, brennenden Blick auf seine arme Mutter warf.
Um schneller vorwärts zu kommen, wendete er noch die Nacht an seine Arbeit, denn er hatte sein Lager in einer Ecke der Werkstücke, und die Mutter versorgte ihn mit Lichtstümpfcheu, die sie für ihn zusammenbettelte.
Zuweilen, wenn er einen Ausgang für den Meister zu besorgen hatte, machte er einen Umweg, um ein paar Minuten vor der Hausthür des Doktors zubringen zu können. Er stand da, schaute sich den Glockenzug an und wünschte sehnlichst, einmal die Thür offen zu finden. Nicht, daß ihn das Verbot des alten Herrn am Eintreten gehindert hätte; es war etwas anderes, was ihn zurückhielt und mit einer unüberwindlichen Scheu erfüllte, so daß die nach dem Glockeuzug erhobene Rechte immer wieder von ihrem Vorhaben abließ — Fritz war sich bewußt, daß das Unternehmen, an dem er arbeitete, ein häßliches war.
Einmal jedoch, als er die Hausthür wirklich offeu faud, vermochte er nicht zu widerstehen und trat ein; da auch die Zimmerthür nicht geschlossen war, steckte er verwundert und zaghaft den Kopf zwischen die Spalte. In der Stube staud der alte Herr, ein Schreiben in den zitternden Händen, neben ihm Christine, die laut weinte und schluchzte.
„Ah!" rief der Doktor aus, „ist das nicht Fritz, Du kommst wie gerufen — wir alten Leute — die Buchstaben tanzen uns vor den Augen — nun, so besinne Dich doch nicht bist Du an die Schwelle gewachsen?"
So schien es fast; denn zögernd, in gebückter Haltung, mit dem scheuen Blick eines getretenen Hundes, kam der Bursche näher, indes ihm der alte Herr mit ungeduldiger Hast seinen Brief entgegenstreckte. Fritz las in gepreßtem Tone das lange Schreiben vor.
Die Tragweite von der Verwendbarkeit des Steines war eine solche, daß der Schreiber der Zeilen sich im Verein mit einem Finanzmanu erbot, den: Erfinder sofort die nötige Summe zur Erbauung einer Fabrik vorzustrecken. Er nannte, nach einer langen Abhandlung über den Gebrauch des Wasser-, gas- und dampfdichten Materials, den Doktor einen Wohlthäter der Menschheit, dem der größte Reichtum in Aussicht stehe.
Nachdem Fritz den Brief zu Ende gelesen, knickte Christine wie ein gefällter Baum in die Kniee, legte das Gesicht auf den