Heft 
(1889) 35
Seite
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.HZ 35.

Deutschland.

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neben ihr stehenden Stnhl und verlor das Bewußtsein. Der alte Herr aber war unter der Verkündigung seines Gelingens um eines Kopfes Länge gewachsen.

Erreicht!" rief er ans,ich habe die Arbeit meines Lebens vollbracht mein Genius behielt recht! Gesegnet sei mein Mühen, mein Darben und Verzweifeln um dieser Stunde willen o Junge, Junge, der Du sie mit erlebt, schau mich an, so sieht ein Mensch ans, der im Schweiße seines Ange­sichts einen ehrlichen Sieg errungen!"

Fritz hatte mit dem Ausdruck wahren Entsetzens zu dem verklärten Manne aufgeschnut; plötzlich krümmte sich seine Gestalt noch mehr zusammen, er griff mit fieberhaft zitternden Händen in seine Hosentasche, holte etwas hervor und hielt es unter lautem Heulen und Schluchzen dem alten Herrn hin. Dieser gewahrte jetzt erst, welch ein Bild des Jammers vor ihm stand.

Bursche," rief er,wie sichst Du aus, fehlt Dir etwas?"

Nein, ich bin gesund," behauptete Fritz, die Angen mit dem Ausdruck namenloser Verzweiflung auf das Papier geheftet, das er dem alten Herrn in die Hand gegeben. Der öffnete es; ein neuer Zehnmarkschein fiel heraus, dessen grobes, unechtes Gepräge auf den ersten Blick auffalleu mußte.

Was ist damit?" fragte der Doktor in die lautlose Stille hinein.

Ich hab's nachgemacht," flüsterte Fritz,um reich zu werden so schnell wie möglich"

Judas," flammte der alte Herr auf,der seine Seele um Geld verkauft!"

Mit einem lauten Aufschrei stürzte der Bursche in die Kniee:O nein, nein ich Hab' mich laug besonnen, und wenn ich was anderes gewußt aber die Mutter ins Spital das, o Herr Doktor, ich Hab' gedacht, wenn wir nur erst aus dem Elend heraus sind, später wollt' ich's schon gut machen und auch so schön leben wie Sie!"

Und überwältigt von alledem, was auf ihn einstürmte, barg Fritz das Gesicht in beide Hände, und sein Schluchzen erschüt­terte seinen ganzen Körper.

Und Du bist sein Mitschuldiger," sagte sich der Doktor; denn Du hast diese Hand, die sich nach Dir ausgestreckt, zurück- gewieseu aus Bequemlichkeit!"

Christine, die längst wieder auf den Füßen stand und alle Mühe gehabt, so lange den Mund zu halten, trat jetzt vor, und ihre scharfe Stimme bebte ein wenig, mit der sie versicherte: Ich bin auch kein Unmensch, Herr Doktor, das schwör' ich Ihnen zu, so wahr ich meine Religion und meinen Glauben habe; aber den Buben wie so einen Haufen Unglück da liegen zu sehen, und wenn er mich auch hundertmal zu Tode geärgert, das halte ich nicht aus!"

Er soll auch nicht liegen bleiben," sprach der Doktor; steh auf, Fritz wir beide wollen in Zukunft miteinander arbeiten und Gutes und Schlimmes zusammen teilen; den alten Judas aber haben wir mit heute begraben; die Hand darauf, mein Sohn!"

Fritz wurde dunkelrot; er schaute mit verlegener Miene auf seine schwärzliche Hand, putzte sie an der Schürze ab, besah sie wieder und streckte endlich die nvch von keinem Menschen begehrte Rechte dem alten Herrn hin, mit einem Blick, aus dem eine erlöste Seele sprach.

Das Duell und seine Abschaffung.

Von

einem Preußischen Richter.

(Schluß.'j

^L^atürlich soll diese Strafe nur von der Gesellschaft auS- ^ gehen; ganz verkehrt wäre es, hier wieder den heute so HM beliebten Hilfeschrei au den Staat und das Strafrecht ergehen zu lassen. Im Gegenteil; es würde nach verschiedenen Richtungen hin sehr gut sein, wenn die Strafbestimmungen über das Duell ganz zuerst aus dem Soldaten- und dann aus dem bürgerlichen Strafrecht gestrichen würden. Daß Jahre Festungshaft für den unglücklichsten Ausgang des Duells weder den Zweck der Abschreckung, noch den der Vergeltung, noch auch den der Besserung bei dem Thüter bewirken können, liegt ans der Hand. Jedermann weiß, daß die Festungshaft von keiner der Unannehmlichkeiten begleitet ist, welche dem wegen Beleidi­gung durch die Presse zu Gefängnis verurteilten Federkümpser in manchen deutschen Staaten zu teil werden oder wenigstens werden können. Für leichtsinnige junge Studenten und Offi­ziere bietet die Festungshaft eine manchmal gar nicht uner­wünschte Muße und zwingende Veranlassung zu ergiebigem Arbeiten und Studieren für das eigene bessere Fortkommen, so daß die fast regelmäßig abkürzende Begnadigung nicht selten nur störend dazwischen kommt. Die heutige Verurteilung wegen Duells hat also von der Strafe in Wirklichkeit nur den Schein, und es könnte nicht leicht etwas erdacht werden, was mehr das Zustandekommen von Duellen begünstigen könnte, als diese scheinbare Genugthunng gegen das Gesetz und die Gesell­schaft, die dein Duellanten noch zu dem romantischen Schimmer des mutigen Helden, mit dem ihn der Zweikampf in den Augen so vieler umkleidet, noch den durch die «eriLtockia 1ioire8ta» der Festungshaft sehr wohlfeil errungenen Nimbus des Märtyrer­tums verleiht. Jeder, der sich Mühe geben will, das mensch­liche Herz zu verstehen, wird zugeben müssen, daß diese Aus­sichten gerade bei den leichtsinnigen jungen Leuten, die ein so zahlreiches Kontingent zu den Zweikämpsern stellen, eher ver­lockend als abschreckend wirken müssen. Dazu kommt bei Be­amten und Offizieren noch, daß die Zeit einer solchen Festungs­haft nicht nur bei der Anciennetät, sondern bis zu einem Jahre ohne weiteres, darüber hinaus aber mit besonderer Genehmigung auch gewöhnlich sogar bei der Pensionierung ebenso voll mit­gezählt wird, als Hütte der arme Verurteilte, der seine Zeit mit Spazierengehen auf den Wällen einer Festung totschlagen muß, in der Zeit den schwersten Dienst gethan.

Alan schaffe also diese heuchlerischen Dnellstrafen gänzlich ab; man erkläre das Duell einfach für strafrechtlich indifferent: daun wird die Gesellschaft sich der Pflicht nicht entziehen kön­nen, den leichtsinnigen oder ruchlosen Duellanten selbst durch Ächtung zu bestrafen; und diese Strafe ist wirksam.

Dieser Vorschlag geht nun keineswegs aus jener nur pessi­mistisch-abstrakten Ansicht hervor:Wenn die bestehende Strafe nicht genügend ist, so strafe man lieber gar nicht;" sondern er hat eine sehr bedeutsame, nüchterne, real-juristifche Seite, lind diese bezieht sich gerade wieder auf den zum Duell ge zwungenen Familienvater, der immer wieder die ernstere und ernsteste Seite dieser Vorkommnisse darstellt. Wie oben er­wähnt, sollte ja auch gerade nach jenen, leider dementierten Ab­sichten über die Beschränkung des Duells der Familienvater davon ausgeschlossen erscheinen. Gewiß hat sich schon hin und wieder ein fleißiger Zeitnngsleser oder -leserin darüber gewun dert, daß unter den vielen interessanten Civilrechtsfüllen, welche ans den Gerichtssälen berichtet werden, niemals die Klage der Familie eines im Duell Gefallenen gegen denjenigen vorkommt, der sie ihres Ernährers beraubt hat. Heute im Zeitalter der Unfallversicherungen kann einer sich nicht den kleinsten Schlüssel­beinbruch bei irgend einem kleinen lumpigen Eisenbahnunfall znziehen, ohne daß er nicht die Eisenbahn, oder nicht im Dun­keln auf einer Haustreppe stolpern, ohne nicht den lichtfeiud- lichen Hauswirt, oder sich beim Ausgleiten auf dem glatten