Heft 
(1889) 41
Seite
684
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Deutschland.

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Leben ist sie viel häufiger, als die herrschende Prüderie es gelten lassen will. Von den niedersten bis zu den höchsten Kreisen geht der Zug, sich im richtigen Augenblicke durch ein solches urkrüftiges Wort wie befreit zu fühlen. Die wohl­erzogensten Könige haben in alter und neuer Zeit verzweifelte Lagen durch so etwas zu überwinden gesucht. Und dieser Segen einer wohlangebrachten Obseönität ist an keine Natio­nalität gebunden. Am Abend der Schlacht von Ligny, als die Franzosen dicht hinter den geschlagenen Preußen her waren, hat unser Blücher so ein Prachtwort gesprochen, und unmittel­bar darauf, am Abende der Schlacht von Waterloo, hat der Kommandant der kaiserlichen Garde, Cambronne, als er wie­derum geschlagen war, ähnlich geantwortet. Aus dem einsil­bigen inot (la (larrillronrm hat Frau Prüderie den Vers ge­macht: Die Garde stirbt, doch sie ergiebt sich nichtDas Wort Blüchers hat sie stehen lassen müssen.

Die innere Notwendigkeit einer starken Obseönität kann sowohl in der ernsthaften wie in der scherzhaften Anwendung zugegeben werden. In beiden Fällen handelt es sich um eine Kontrastwirkung, in diesem Sinne ist jede Obseönität ein Witz. Wenn Juvenal oder Swift, und wenn um sittlich etwas tiefer zu steigen Heine oder Zola ihren Kampf gegen die Verlogenheit der Zeit mit Hilfe der nichtsnutzigsten Phantasieen führen, so treibt sie ein innerer Zwang zum groben Bekenntnis der Wahrheit, und dabei kommt es gar nicht darauf au, ob sie selbst als Menschen völlig vorwurfsfrei sind oder nicht. Sie müssen Zuschlägen. Und wie erst die Rabelais und Voltaire, deren Gehirn überschüumt von Witz, und die einen geistigen Selbstmord vollführen müßten, wollten sie ihrem Volke die stärksten und besten Einfälle vorenthalten. Sie haben Meister­werke der Obseönität geschrieben, welche in der Weltlitteratur nicht fehlen dürfen.

Und wie es für solche Schöpfungen eine psychologische Notwendigkeit geben kann, so ist auch eine objektive ästhetische Notwendigkeit vorhanden, wo ein großer Dichter eine seiner Gestalten durch Obseönität charakterisiert hat. Goethes Mephisto­pheles ist obseön durch und durch; er ist obseöner, als je ein Darsteller ihn zu spielen wagte; und dennoch ist er noch nie­mals von einem Staatsanwnlte verfolgt worden.

Wie es nun aber in jeder geistreichen Münnergesellschaft Momente giebt, in denen der eine oder der andere sich berufen fühlt, die zur Behandlung stehende Frage kurz und gut mit einem starken Worte zu lösen, so giebt es auch Menschen, im­mer und überall schlechte Gesellschafter, welche auf so ein Zeichen nur warten, um schnell irgend eine gar nicht zur Sache ge­hörige unanständige Anekdote vorzutragen und eine ganze Reihe daran zu knüpfen, wenn es ihnen gestattet wird. Sie glauben sich damit beliebt zu machen, und es gelingt ihnen wohl auch mitunter. Wo die reichen Köpfe ein Feuerwerk abbrennen, da begnügen sie sich und ihre Verehrer mit ein bißchen Pulver­gestank und nennen das ebenfalls ein Feuerwerk.

Hier liegt der Gegensatz zwischen der charakteristischen und darum berechtigten Obseönität einerseits und der ungehörigen und darum widerwärtigen andererseits. Bei Shakespeare und Goethe ist die Zote fast überall, wo sie vorkommt, nur einer der vielen Beweise von Reichtum, wie Verzeihung für das Gleichnis ein Düngerhaufe zu einem schönen großen Gute gehört. Bei den jüngst verurteilten Schriftstellern finden sich in mancher anspruchslosen Beschreibung Talentproben; aber jedesmal, wo die bekannte Glocke geläutet wird, meldet sich Armut, die sich gern genial gebärden möchte. Eine Obseönität aber, die nicht aus einer Überfülle von Lebenskraft entspringt, ist wohl unter allen traurigen litterarischen Erscheinungen die traurigste.

Die ganze Angelegenheit wird dadurch wichtig und höchst aktuell, daß der deutsche Naturalismus, welcher in den letzten Jahren den Realismus in der Kunst mit wachsendem Erfolge predigt, sich nicht gänzlich von dem wohlfeil und widerwärtig

Obscönen frei zu halten gewußt hat. Ich denke dabei nicht etwa an HanptmannsVor Sonnenaufgang." Hier scheinen mir auch die angreifbarsten Stellen ebenso sehr von innerer Notwendigkeit eingegeben, wie in TolstoisMacht der Finster­nis." Aber vielfach wird sonst Kraft und Wahrheit, weil sie oft mit Obseönität gepaart waren, mit dieser selbst verwechselt, und der Schaden ist gar nicht abzusehen, der gerade der neuen Richtung selbst durch einen solchen Irrtum zugefügt werden kann. Wir wissen, daß zu den Eigenschaften eines Löwen auch sein scharfer Raubtiergeruch gehört; aber wir werden nicht gleich an Löwen gemahnt, wenn es irgendwo scharf nach Me­nagerie duftet.

Kteine Kritik.

Studenten-Aufführnng in Berlin. Der deutsche Geist der Treue und der Begeisternngsfähigkeit geht noch nicht verloren, das hat sich kürzlich auch bei der Darstellung von Albert LindnersBrutus und Collatiuus" seitens Studierender der Berliner Universität gezeigt. Der Treue und Ehrlichkeit: denn sie konnten sich so gar nicht verstellen, sie waren so sehr schlechte Schauspieler: der Begeisterungsfähigkeit: sie waren wirklich begeistert, aber da sie gute reichstreue Deutsche sind, natürlich nicht als Römer für die Republik, sondern als Deklamatoren für Lind- ners schöne Sprache und als Interpretatoren für die edlen Gesinnungen, welche die Leute, die sie Vorsteven sollten, an den Tag legten. Ihr Vortrag wies ordentlich mit Fingern auf die sogenannten schönen Stellen. Da dazu noch vielfach dilettantische Bewegungen und in der zweiten Vorstellung wenigstens einige sonstige Ungeschicklichkeiten kamen, so war es, um der Wahrheit die Ehre zu geben, ein recht unbefriedigender Abend. Freilich nur für wenige, die andern waren weggeblieben. Da indessen glaubhaft versichert wird, im vorigen Jahre sei in einer solchen Studenten-Aufführung KörnersZriny" gegeben worden, sollte mau eigentlich diesmal zufrieden sein. Denn unzulängliche Kräfte und ein unzulängliches Stück, das ist zu viel. Und ganz umbringen konnte auch diese mangelhafte Wiedergabe Lindners Römertragödie nicht. Die ersten drei Akte freilich waren gänzlich wirkungslos. Aber nicht ohne des Dichters Mitschuld. Wo es eigentlich moderne Umgestaltung des ge­gebenen Stoffes gegolten hätte, bei der Charakterisierung des Targuinius Superbus und seiner Ehehälfte, bei der Entehrung der Lueretia, und was ihr vorherging und folgte, da reichte Lindners Gestaltungskraft und moderne Empfindung bei weitem nicht: König und Königin sind hohl­rednerische Schemen, und um den Kernpunkt der Lucretia-Geschichte hat er sich mehr feig als dramatisch denkend gedrückt. Ebenso ist Junius Brutus in diesen Partieen ein armseliger Wicht. In alledem wird Lindner nur mehrere Kilometer überholt von Friedrich Kummer in feiner TragödieTarguin," die den Berlinern nächsten Winter von derDeut­schen Bühne" vorgeführt werden soll. Da Schreiber dieses zufällig der ersten Aufführung des Werkes im Karlsruher Hoftheater anwohnte, so kann er heute schon darüber reden. Kummer hat mit richtigem Blick die alte römische Welt mit einem guten Teil Romantik versetzt. Darum interessiert uns seine Königin mit den merkwürdigen Augen mehr, als die bloß deklamierende Tullia Lindners, und auch seine Lueretia und sein Brutus haben es klingt wunderbar, ist aber so durch diesen romantischen Zug mehr modernes Leben gewonnen. Vor allen: aber schreckt Kummer nicht zurück vor dem. was Lindner zu heikel war: er bietet eine dramatisch höchst bewegte Scene zwischen Sextus Targuin und der Lueretia, und läßt diese, nicht lote es Albert Lindner so ganz unwirksam vorgiebl, bloß Physisch vergewaltigen. Schade, daß zu Beginn des Kummerschen Stückes viel zu viel gemordet wird; wir vertragen aber blutige Expositionen kaum bei Shakespeare. Dagegen ist bei Lindners vierten: und fünftem Akt der eigentlich römische Geist, der ihn: freilich gerade so überliefert war, gut gelungen und entschieden wirksam. Hier, besonders in der großen Seeue im Senat, wo großes Pathos er­laubt war, waren auch die Leistungen der Darsteller befriedigender, -l.

Verantwortlicher Redakteur: Fritz Mauthner in Berlin V., Frobenstrahe 33. Druck und Verlag von Carl Flemming in Glogau.