Heft 
(1889) 41
Seite
683
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geistigen Mittelpunkt des Bildes undeutlich zu machen beliebte; der unheimliche, packende Eindruck dieses zweiten Blattes aber erhellt bereits aus der rein sachlichen Beschreibung, und wird im Original durch die Beleuchtung der Landschaft sowie durch die phantastischen Gestalten der Umrahmung noch gesteigert. Im übrigen finden sich Anklänge an die Tradition nur selten. Am klarsten sind dieselben im Schmalbild des zweiten Blattes, wo eine Todes- oder Höllenscenerie die Hauptdarstellung gleich einer Predella begleitet. Zur Rechten sitzt eine Riesengestalt mit Teufelsgesicht, die Arme weit zum Empfang geöffnet; eine Verkörperung des Todesschlundes, dessen Flammenmeer sich zwischen seinen Füßen öffnet. Gruppen Verstorbener werden ihm zugetrieben, von links her nähern sich vier neue Ankömm­linge, hinter denen der Sensenmann als Geleiter schreitet, gleich unerbittlich gegen ihr Hünderingen und Jammern, wie gegen das Gebet der Krüppel und Bettler, die am Eingang der Todes­pforte vergebens nur Erlösung ihres irdischen Elends flehen. Besonders dieser letzte Zug ist aus den früheren Todesdar- stellnngen wohl bekannt und kehrt zudem in der Klingerschen Folge noch an einer zweiten Stelle wieder, wo er zum Motiv der ganzen Darstellung wird.Der Tod als Heiland," ist dies Blatt bezeichnet, und es trägt den Spruch:Wir fliehen die Form des Todes, nicht den Tod, denn unsrer höchsten Wünsche Ziel ist: Tod." Dieses Bild am Schluß der ersten Serie löst den dumpfen Grundton der übrigen in eine weh­mütige Harmonie auf. Der Knochenmann hat sein grauses Äußere in ein Weißes Gewand gehüllt, mit dem Palmzweig erscheint er in der wüstengleichen Umgebung als ein Lichtbote, in der Gestalt des Erlösers. Doch auch so flieht ihn die Mehr­zahl der Sterblichen: Vor dem langsam Nahenden jagt eine Schar in rasender Eile über die Ebene; kaum findet die ent­setzte Mutter Zeit, ihr Kind an sich zu reißen. Unmittelbar zu seinen Füßen aber kauert eine einzelne Gestalt. Sie hat sich vor ihm niedergeworfen, um seinen Schritt zu hemmen, jedoch nicht, um seinen Willen abzuwenden, sondern mit jenem stillen Gebet aller Mühseligen und Beladenen in der Stunde der Verzweiflung, welche nicht minder alt ist, als die Furcht vor dem Tode, und selbst ans der lichten hellenischen Welt in den Worten Philoktets zu uns herübertönt:

Erlöser Tvd, verschmäh mich nicht! Geh nicht vorbei!

Arzt aller llbel, alles Unerträglichen,

Bist Dn allein!"

In der Predella ruht lang hingestreckt ein Leichnam mit abgewandtem Gesicht, und im Rahmen treiben Spnkgestalten mit Toten und Lebenden ihr wüstes Spiel, aber jener ver­söhnende Gehalt des Hauptbildes entscheidet über den Gesamt­eindruck. -

Die Predigt von der befreienden Macht des Todes, welche dieses Blatt in poetischer Sprache enthält, ist in einem anderen in einen Notschrei aus den Tiefen des Menschendaseins gefaßt. Es schildert die gleiche Lebenssphäre, in welcher das grauenvolle DramaEine Mutter" spielt. In kahler Dach­kammer ruht auf dem Krankenstuhl die Leiche desarmen Mannes." Sein Weib, ein Bild de.s Elends, blickt das abgemagerte Kind auf den Armen durch die geöffnete Dach­luke schweigend ins Weite. An der Schwelle der Armut er­scheint der Knochenmann unverhüllt; so steht er hier im Rah­men des Bildes, der Leiche gegenüber, dicht neben der Frau, und dennoch empfängt seine furchtbare Gestalt auch hier einen mildernden Schimmer. Nur entstammt derselbe hier der elen­den Wirklichkeit des Lebens selbst: die nackte Wahrheit ernennt ihn zum Erlöser. Dem Mann auf dem Sesfel hat der Wink des Todes die Freiheit gebracht. Ein feiner Strahlenkranz scheint sein Haupt zu umgeben und auch die gebrochene Fraueu- gestalt schon leise zu umziehen. Wenn ihr in Dumpfheit be­fangener Sinn jetzt überhaupt einen Gedanken faßt, so ist es keine Totenklage, sondern - der Selbstmord. Auch vor ihrem thränenlosen Auge trügt der Todesgott in diesem Augenblick die Züge eines Friedensengels, der mit den Worten Jeyn

Pauls zu den Menschen spricht:Ich bin bei Eurem großen Kummer; wenn er zu groß wird, wenn Ihr Euch auf dem harten Leben wund gelegen, so nehme ich die Seele mit ihren Wunden an mein Herz und lege sie schlummernd auf die weiche Wolke des Todes nieder."

Hiermit aber ist die Reihe derjenigen Darstellungen, welche eine unmittelbare Beziehung zum Tod im Sinne der früheren Todesbilder besitzen, vorerst abgeschlossen. Die übrigen Blätter des Ehklus stehen zu seinem Namen nur iu losem, zur Holbein- Tradition vollends in keinem Zusammenhang.

(Fortsetzung folgt.)

Das Gbftöne vor Gericht.

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I. M-

or kurzem hat ein Leipziger Gerichtshof darüber zu entscheiden gehabt, ob ein Verleger und drei seiner Autoren sich gegen die Sittlichkeitsparagraphen des Strafgesetzes vergangen Hütten. Der Verleger wurde freige­sprochen, weil er das Manuskript nicht gesehen hatte; einer der Schriftsteller ging ebenfalls frei aus, weil er inzwischen ge­storben war. Die beiden anderen Autoren, ein Süddeutscher und ein Berliner, bekamen bedeutende Geldstrafen zuerkannt.

Seit dem Gerichtstage warten die Verurteilten wahrschein­lich darauf, daß ein Sturm der Entrüstung sich zu ihren Gunsten erhebe und daß man sie als Märtyrer der dichte­rischen Freiheit auf ein Piedestal stelle. Litterarische Erinne­rungen an die Zeiten vom Sturm und Drang, an Lueinde und an das junge Deutschland Gutzkows und seiner Genossen sollten wohl wach gerufen werden. Naturgemäß wurden immer die­jenigen von den konservativen Mächten bekämpft, denen die Zukunft gehörte; es liegt in der Natur der Sache, wie Paul Schlenther es in diesem Blatt überzeugend ausgeführt hat, daß die Vertreter der gebildeten Gesellschaft, also auch die Richter, zu den Vertretern der sterbenden Poesie gehören, daß die werdende Poesie darum in jedem Streite mit Recht und Gesetz unterliegen muß. Und es liegt in der Schwäche des menschlichen Verstandes, daß deshalb viele junge Schriftsteller schon die Herren der Zukunft zu sein glauben, wenn es ihnen gelungen ist, den Staatsanwalt zur Erhebung einer Anklage herauszufordern. Das ist aber ein Irrtum. Der Staatsan­walt allein kann ein Buch nicht unsterblich machen.

An dem Leipziger Prozeß ist eben das so interessant, daß keine Märtyrer geschaffen worden sind, trotzdem alle Bedin­gungen dazu vorhanden schienen: arme deutsche Schriftsteller und eine Verurteilung. Was fehlte noch? Nur eine Kleinig­keit nach meiner Meinung: die innere Notwendigkeit des Ver­gehens.

Wo die innere Notwendigkeit einer Obseönitüt vorhanden ist, da würde der Staatsanwalt als Vertreter des Gesetzes eine undankbare Rolle spielen und es wäre wohl auch ge­schmackvoll genug, ein Auge zuzudrücken. Man denke sich Aristophanes, Shakespeare, Macchiavelli, Boceaceio, Voltaire oder Goethe wegen der von ihnen verbrochenen groben Unan­ständigkeiten vor Gericht und ihnen gegenüber einen nüchternen Staatsanwalt mit dem Paragraphen des Gesetzes! Er Hütte vor der Nachwelt immer unrecht, weil dieser Richter nach seinem besseren Wissen und Genüssen auf Seite des Genies, auf Seite der Wahrheit stehen müßte. Käme es aber in sol­chen Füllen zu einer Verurteilung, so würde auch der Sturm der Entrüstung und die Mürtyrerkrone nicht ansbleiben. In Leipzig aber war in unserem Falle die Wahrheit auf Seite der Richter.

Die innere Notwendigkeit, eine Spannung durch ein obseönes Wort zu lösen, wäre in der echten Poesie nicht mit­unter da, wenn sie nicht auch im Leben vorküme; und im