Heft 
(1889) 44
Seite
728
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Seite 728. Deutschland. 44.

Kteine Kritik.

Einige nngedrnckte Verse von Gottfried Keller. Wir sind in der seltenen Lage, ein kleines, vollständig unbekanntes Gedicht Mitteilen zu können, in welchen: Gottfried Keller noch als alter Herr ausnahms­weise einer Berliner Dame zuliebe Verse machte. Frau L., eine leidenschaftliche Verehrerin Kellers, erhielt von ihrem Gatten zu Weih­nachten 1883 unter anderen die eben erschienenen Gedichte Gottfried Kellers; um seine Frau zu necken, hatte der Manu von irgend einem Schreiber das Exemplar mit einer Widmung Kellers an seine unbekannte Ver­ehrerin versehen lassen. Weil aber Frau L. die vermeintlichen Zeilen von Kellers Hand höher schätzte als alle anderen kostbaren Geschenke des Weihnachtsabends, und weil es in der ersten Stunde versäumt worden war, die Fälschung einzugestehen, da stellte sich bald die Schwierig­keit heraus, die Frau durch die Mitteilung der Wahrheit nicht zu kränken. Ein guter Freund, der zufällig Beziehungen zu Keller hatte, fand den Ausweg, den Dichter um einige Widmungsworte zu bitten, um das nachgemachte Autogramm gegen ein echtes Umtauschen zu können. In guter Laune lachte Keller über dieeheherrliche Mogelei" und schrieb in ein Exemplar, welches zu diesem Zwecke gekauft und ihm zugeschickt worden war, anstatt des erbetenen Widmungswortes, die folgenden

hübschen Zeilen. Ich weih' ein Geschenk,

Das nur nicht gehört Und doch ist mein eigen;

Ich send' es der Dame,

Die nie ich gesehen Noch nennen je hörte;

So schreib' ich ins Blaue Zu Ehren der Schönen Die widmenden Worte Mit luftigem Gruft!

Zürich, Julzeit 1883/84. Gottfr. Keller.

Buffalo Bill klingt entschieden besser als Büffel-Wilhelm. Daran kann der deutscheste Sprachverein nun einmal nichts ändern! Büffel- Wilhelm: Das schmeckt bedenklich nach den ebenfalls auf dem Kriegs­pfade erworbeuen Namen unserer mit kleptomanischen Gelüsten mehr oder minder erblich belasteten MeuschenbrüderSchlosser-Ede" und Matrosen-Karl." Aber Buffalo Bill wie anders wirkt dies Zeichen auf mich eiu! Alle Berliner Kinder kennen ihn, denn sein Bild prangt auf Umschlagzettelu von wahrhaft amerikanischen Dimensionen an allen Straßenecken. In Wirklichkeit ist er zwar um einige Jahrzehnte älter, und die rabenschwarzen Locken sind etwas angebleicht; aber selbst die grimmigsten Naturalisten gestatten doch noch den Verfertigern von Re­klamebildern des Stilisierens und Jdealisierens schöne Künste. Und ein schöner Mann ist Buffalo-Bill im Leben wie in der Kunst. Auch unter den Indianern, Trappern, Bagueros und Covbohs, die ihn begleiten, findet man stattliche Erscheinungen, die in den Berliner Lokalteilromanen der Zukunft gewiß ihre bedeutsame Rolle spielen werden. Mit zwei­hundert Ganz- und Halbwilden ist Buffalo Bill am Berliner Kurfürsten- damm Stadtbahnstation: Zoologischer Garten eingekehrt, und etliche Reporter, die gelegentlich mal auf den Broadway geguckt haben, versichern, so und nicht anders sähen die Jndianerdörfer aus. Meine Kenntnis der Rothäute geht nicht über die Lederstrümpflereien hinaus; ich weiß nur von Cooper, daß die Herren Indianer mitunterin den tiefen Kehllauten ihrer melodischen Sprache" Hugh zu sagen pflegen. Dieses Hugh habe ich bei Buffalo Bill und den Seinen vergeblich ge­sucht. Dagegen zeigte mir ein hochgewachsener Herr ein Büschel echter, von ihm selbst erbeuteter Kopfhäute, auch Skalps genannt, die früher die betreffenden Gedankensitze freundlicher Bleichgesichter schmückten. Herr Felsenbär, Doktor, Zauberer, Generalstabschef und Hauptsklalpierer in einer Person, genießt wegen seiner Enthaarungserfolge ein ganz beson­deres Ansehen bei der reichshauptstädtischen Bevölkerung. Überhaupt grassiert eiu Buffalo Bill-Enthusiasmus, der die schönsten Aussichten für die Zukunft eröffnet. Nach den dramatischen Thaten des Exscharf­richters Krauts, nach der Felsenbärvergötterung kann es bis zu den Stiergefechten nicht mehr weit sein; in Paris haben sie sich genau ein Jahr nach Buffalo Bills Erscheinen bereits vollständig eingebürgert; nicht nur die Menschen, auch die torc>8 können sich acelimatisieren und sogar ohne Freiheit und ohne Verantwortung. Was die Pariser können,

das können wir schon längst noch; 1801 wollen wir's ihnen beweisen, wenn 8 uKM'ti 808 und Quori-ita erst am Kurfürstendamm oder im akademischen Ausstellungspark? ihre toreadorischen Künste produzieren. Einstweilen heißt die Losung: Buffalo Bill, und wenn erst die Regen­zeit vorüber ist und die kombinierenden Rundreisenden heimkehren, dann wird sich der ganze gezähmte Westen an dem wilden Westen ergötzen, der um eine Filiale des Cafe Bauer herum eine Prairie in Seene ge­setzt hat. Einige kupferrote Kerle mit grün eingestrichenen Beinen haben Triumphe der xüain alr-Malerei erzielt; aber diesenacktigte" Mode wird im zahmen Westen aus guten Gründen nicht viel Anklang finden. Die Villeubeere sind eben keine Felsenbären.au.

Mehr Gebärden! Die Gebärde gilt als unfein bei den Deutschen, insbesondere in der guten Gesellschaft. Da sitzen diese wohlerzogenen Herren und Damen, und wovon sie auch immer sprechen mögen: von ihrem Vaterland, das sie so lieben, von der Liebe, die sie so wenig ver­stehen, von der Knust, zu der sie keine Zeit haben, von ihren Mitmen schen, ihren Geschäften, ihrer Wirtschaft, ihren Liebhabereien der Ge­sichtsausdruck bleibt ziemlich unverändert, die Stimme fast immer in derselben Tonlage, und eine Gebärde bekommt man überhaupt nie zu sehen. Eine Gebärde o, das wäre vulgär. Mit den Händen zu agieren, das überläßt man den Kutschern und den Dienstboten. Der Deutsche der guten Gesellschaft aber hat die Arme, um sie au den Leib gepreßt zu halten. Dazu sind sie ihm von Gott gegeben. Aber wenn in dieselbe Gesellschaft eiu Franzose oder ein Italiener gerät und alles, was ihn bewegt, seine Heiterkeit, seine Leidenschaft, seine Frivolität und seinen Ernst in lebhafter Gebärdensprache auszugestalten weiß, dann leuchten die Gesichter all dieser wohlerzogenen Herren und Damen auf vor Bewunderung, und in die Bewunderung mischt sich etwas wie von heimlichem Bedauern. Die Art des Fremden in Zukunft nachzuahmen, das fällt natürlich keinem ein. Das wäre lächerlich! Wäre es das wirklich? Würde es dem Deutschen wirklich zum Schaden gereichen, wenn er mehr Grazie und Anmut besäße, als er heute besitzt? Denn, daß die Gebärdenlosigkeit, zu der er systematisch erzogen wird, seinen Sinn für Schönheit des Auftretens untergräbt, ihn linkisch und unbe­holfen erscheinen läßt, bedarf wohl keines Beweises. Und wäre es wirk­lich ein National Unglück, wenn die Prüderie, diese Mutter aller Un­natur und aller Unwahrheit, ein wenig von der Geltung einbüßte, die sie in deutschen Landen besitzt. Nichts befördert aber mehr die Prüderie, als diese alberne Scheu vor der Gebärde. Der Mann, der der unwill­kürlichen und so natürlichen Regung der Hand, die dem gesprochenen Wort zu Hilfe kommen will, nachzngeben sich fürchtet, der wird sich auch nie zu den Leidenschaften bekennen, die seine Brust erfüllen, und schein­heilig sein Haupt wegweuden, wo immer in einem Buche oder aus einem Bilde die menschliche Natur groß und nackt ihm entgegentritt. Drum nehmt Euch, vor allem Ihr Künstler und Dichter, denen es um die Wahr­heit zu thun ist, der armen verfolgten Gebärde an und belehret die Mütter, daß die Sprüchlein:Ruhig sitzen!"Keine Grimassen schnei­den!" durchaus nicht die Quintessenz aller pädagogischen Weisheit sind. Der Zusammenhang der menschlichen Dinge ist ein so vielfach verschlun­gener und die Kinder, denen Ihr durch Euer Eintreten die Natürlichkeit und Ursprünglichkeit des Mieuenspiels und der Bewegung gerettet habt, die werden nach fünfzehn Jahren vielleicht gerade deshalb Eure besten Kunden und kaufen Euch Bilder und Bücher ab, ganz so, als ob sie gar nicht Deutsche wären, sondern Franzosen. M. Lmim.

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Zur Naturgeschichte der antisemitischen Bewegung in Deutsch­land. Von Gerh. Krause. (Verl. Arbeiterbibliothek II 2.) Verlag der Berliner Volkstribüne.

Ein vom sozialistischen Standpunkt sehr konsequent ausgeführtes Bild von der antisemitischen Bewegung. Die Behauptung, daß wirt­schaftliche Ursachen die alleinigen oder hauptsächlichsten Gründe der antisemitischen Bewegung seien, ist gewiß einseitig; doch da die wirt­schaftlichen Motive so gern verschwiegen, die nationalen so stark in den Vordergrund geschoben werden, so liegt etwas wie Gerechtigkeit in diesem Gegenschlag. Klar, einfach und sachlich wird hier das Verhältnis der einzelnen Parteien, zumal der national-liberalen, zum Antisemitismus dargelegt. U. Z.

Verantwortlicher Redakteur: Fritz Mauthner in Berlin 'lV., Frobenstrabe 33. Druck und Verlag von Carl Flemming in Glogau.