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flogen und nur an die ungeheure Heiterkeit ist eine dankbare Erinnerung zurückgeblieben.
Schon stofflich ist der Roman „Am Kreuz" eine kleine Ungeheuerlichkeit. Frau von Hillern macht den Christusdarsteller Meyer zum Träger ihrer Handlung. Sie schildert den Mann mit allen Zufälligkeiten seines Lebens und daß sie nach altem Romangebrauch seinen Namen in, Freyer verwandelt, wird und soll keinen Leser irre führen. Von diesem lebendigen Christns-Meyer nun erzählt sie eine lange bewegliche Geschichte, die mit seinen: tragischen Tode endet. Um die Tollheit dieses Einfalls klar zu erkennen, denke man sich das Verfahren auf einen andern beliebten Schauspieler angewandt. Man denke sich z. B. Joseph Kainz als Helden des folgenden Romans:
Drei Jahre nacheinander hat Joseph Mainz zum Entzücken aller Berliner den Don Carlos gespielt, im ganzen zweihun- dertsechsundsiebzigmal. Dann kamen die Ferien und Mainz machte im Eisenbahnwagen die Bekanntschaft einer schonen amerikanischen Gräfin, die ihn für den Rest des Sommers nach dem Nordkap entführte. Vertragsmäßig sollte Joseph Mainz am 1. Oktober in Berlin sein; aber die schöne Gräfin konnte sich nicht so bald von der Mitternachtssonne trennen, und so langte Mainz acht Tage zu spät hinter den Coulissen an. Eine furchtbare Strafe wartete seiner. Barnay, welcher selbst den Groß-Jnquisitor spielte und die Rolle deshalb nicht strich, hatte für die zweihundertsiebennndsiebzigste Vorstellung des Don Carlos neue Dekorationen und eine neue Einrichtung angeschafft. Nach den letzter: Worten des Königs that Barnay das Seinige. Ein neues Schlußbild zeigte die unterirdischen Kerker der Inquisition; in einer schönen Pantomime schleppte der Groß-Jnquisitor den armen Mainz persönlich in das furchtbare Verließ. Hier wurde er unter furchtbarem Hohngelüchter des gesamten Theaterpersonals feierlich dem Hungertode preisgegeben. Das Publikum blieb sehr befriedigt auf seinen Plätzen — drei Tage und vier Nächte, die Eintrittspreise waren eben um das Vierfache erhöht worden, — bis Mainz vollkommen verhungert war und der Theaterarzt pantomimisch den eiuge- tretenen Tod verkündet hatte. Hierauf wurde Barnay fünfmal stürmisch hervorgerufen und hielt eine Ansprache.
Diese Geschichte wäre nicht einmal so unmöglich wie die vom Christus-Meyer; und doch würde selbst Herr Lewinsky Anstand nehmen, sie als glaubhafte Schauspieler-Anekdote in seine Sammlung aufzunehmen. Frau von Hillern aber hat richtig erkannt, daß die romantische Dekoration der Alpenwelt viel verzeihen macht und daß die leibhaftige Unwahrheit immer Gläubige findet, wenn sie geflickte Bauernhöfen anzieht.
Wird der Roman als Kunstwerk betrachtet, so ist es ein und derselbe kindliche Irrtum, der die Verfasserin und der ihre Heldin beherrscht. Frau von Hillern stellt es als unwiderleglichen Satz hin, daß die Oberammergauer Schauspieler das sind, was sie darstellen; Christus ist ein Gott, die Apostel sind Apostel, die Jungfrau Maria ist die Jungfrau Maria, und es ist nur merkwürdig, daß Judas und die Henkersknechte nicht Halunken sind. In derselben Stimmung lebt die Gräfin; sie erblickt in dem Christusdarsteller ihren Erlöser und verwechselt unaufhörlich wie ein albernes Kind den Schauspieler mit seiner Rolle. Ich weiß nicht, wie einem gläubigen Gemüt bei solcher Lektüre zu Mute ist; mir erscheint dieses sinnliche Spiel mit Heiligem wie eine Blasphemie, und die blasierte Gräfin ist wie eine hysterische mittelalterliche Nonne, welche aus Gemeinheit, Religiosität und Krankheit zusammengesetzt ist und dafür vor einigen hundert Jahren entweder verbrannt oder als Wunder- thäterin verehrt worden wäre, heutzutage jedoch entweder einer Nervenheilanstalt oder dem allgemeinen Gelächter überantwortet werden sollte. Im Ernste, das Oberammergauer Fieber ist in dieser Erscheinungsform ungesund und müßte mit Satire oder Humor bekämpft werden. Frau von Hillern hat einen Stoff gefunden, der ein guter humoristischer Roman zu werden versprach, und hat diesen Stoff leider bis zur unfreiwilligen Komik überspannt.
Dies gilt vorzüglich für den ersten Band, in welchem die
Gräfin ihren Meyer oder Freyer liebt, verführt, entführt und ein bißchen morganatisch heiratet. Hier identifiziert sich die Dichterin vollkommen mit der Gräfin und ist ekstatisch bis znm Übelwerden. Daß Frau von Hillern dabei stark mit moderner Bildung kokettiert und von Zeit zu Zeit andentet, ihre ganze Frömmigkeit sei doch nicht orthodox, sei mit allen Kenntnissen einer höher:: Tochter gepaart, das macht die Sache nur noch schlimmer. Und daß Frau von Hillern zu diesem Zwecke in die Oberammergauer Passion eine Prise griechischer Mythologie hineinmischt, verdirbt den Geschmack vollends. Hering mit Schlagsahne.
Im zweiten Bande erst möchte die menschliche Psychologie anfangen. Die Gräfin hat dem kontraktbrüchigen Christus- Darsteller, der auf einem ihrer Schlösser als Verwalter lebt, ein Kind geboren, welches unverschämterweise sogar dem göttlichen Jesuskuaben der sixtinischen Madonna ähnlich sieht. Aber die Gräfin und der Oberammergauer leben sehr unglücklich. Es stellt sich immer deutlicher heraus, daß die Gräfin teils ein Luderchen, teils eine Schuftin ist. Sie hat ihre Liebhaber gewechselt, na, wenn nicht wie ihre Handschuhe, so doch so oft wie ihre Pferde; außerdem betrügt sie ihre Verwandte:: um einige Millionen. Es kann also von ihr nicht überraschen, daß sie dem Bnuernschauspieler, nachdem das Kind gestorben ist und ein märchenhafter regierender Herr ihr trotz alledem eine Krone angeboten hat, den Laufpaß giebt. Das Hütte ein sehr gutes trauriges Kapitel in dem humoristischen Romane geben können. Glücklicherweise aber sind darüber zehn Jahre vergangen und in Oberammergan soll wieder gespielt werden. Der Geliebte der Gräfin übernimmt die Nolle des Christus aufs neue und stirbt eines Tages, während er am Kreuze hängt. Die Gräfin, welche der Vollständigkeit wegen nicht Minna oder Fatinitza, sondern Magdalena heißt, kommt noch zu rechter Zeit, um zu büßen und eine ganze Oberammer- ganerin zu werden, das heißt die Welt mit einem frommen Schauspiel zu täuschen.
Das unglückliche Verhältnis zwischen der Gräfin und dem Bauern, ein umgekehrtes Lorle-Motiv, Hütte eine hübsche Aufgabe werden können, wenn Frau von Hillern den Gegensatz nicht gar zu einseitig in den verschiedenen Graden der Schulbildung gesehen Hütte. Die Gräfin hat wirklich zu viel gelernt. Es ist zu schrecklich, was sie von ihrem Christns-Meyer alles verlangt. Leise und leidenschaftlich beginnt sie eine Ansprache an den Geliebten, welche mit der Frage schließt: „Kennen Sie das Prinzip der Erhaltung der Kraft?" (I, S. 191.) Er kennt es nicht, trotzdem er Meyer heißt. Da wäre es begreiflich, wenn Meyer sich freute, die gebildete Gräfin schließlich los zu werden. „Er braucht die einfach edlen Proportionen seines Seins nicht mehr zu dehnen und zu verzerren, um sie Verhältnissen anznpassen, für die er nicht geboren." Leider ist Frau von Hillern nicht im stände, ihr geliebtes Kauderwülsch der Bildung der Charakteristik wegen zu unterdrücken, und so reden stellenweise alle Oberammergauer, vom Bürgermeister bis zum Christus-Meyer, gräßlich papierenes Deutsch. Meyer spricht von Miasmen des Größenwahns, von Täuschungen einer erhitzten Phantasie, er sei ein Typus seines Volkes, er habe ihn ausgerungen den furchtbaren Schmerz u. s. w.
„Fürchterlich," murmelt die Gräfin vor sich hin (II, S. 205).
So ist der Passionsroman der Frau von Hillern beschaffen, ein Buch, welches nur durch das Oberammergauer Fieber zu erklären ist. Ich empfehle, für die nächste Saison einen reinen Thorenroman ans Baireuth zu schreiben; der Sänger des Parsifal könnte sonst ans den Darsteller des Christus eifersüchtig werden.