Heft 
(1889) 44
Seite
726
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Deutschland.

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es Kierkegaard seiner Natur nach unmöglich war, sich bei lediglich moralischen Begriffen zu beruhigen! Vor allem aber erweisen die überaus hervorstechenden schriftstellerischen Vorzüge der ästhetischen Auseinandersetzungen, wie sehr gerade hier der Schreiber mit seinem ganzen Herzen bei der Sache war. Er weiß den Gestalten der großen Dichter bis in die feinsten Wurzelfasern nachzugehen, er trinkt die Schönheit der Antike aus dem Born Platos und der Tragiker mit langen durstigen Zügen, er berauscht sich, daß er bis in die äußersten Fingerspitzen hinein erbebt, an Mozarts Don Juan und schöpft aus diesem Werke in naiv gläubiger Hingabe eine überraschende Fülle von philosophischer Anregung und Begeisterung. Ja selbst die Schönheit des Lasters, dersinnlichen Genialität," wie sie sich in Verführungskunst und rücksichtslosem Auskosten eines rasch vorübereilenden Genusses äußert, reizt ihn dermaßen in der Phantasie, daß er sie wiederholt in farbenprächtig ausgemalten Bildern festhalt. Mag er auch nachher reuig an die Brust klopfen und, wie vor sich selbst erschreckt, emporfahren, ein Blinzeln des Auges scheint immer zu sagen, daß er nicht anders gekonnt habe, und daß er bald von neuem nach der verbotenen Frucht der Schönheit werde greifen müssen. Sein ganzes Leben lang spähte Kierkegaard immer aufs neue nach Hinterpförtchen aus, durch die er die Kunst in seinen wohl- umzüunten, unter der Wunderkraft geweihten Wassers fromm und üppig sprießenden Garten hineinlassen konnte, und immer fand er auch ein solches Pförtchen, und dann drängte sich gleich eine ganze bunte Schar hinein und lagerte sich in weltlicher Lust neben den kirchlichen Kohlköpfen, ließ das Weinglas um­gehen und führte schönheittrunkene heidnische Reden. Sobald dann der Hahn kräht, flattert die ausgelassene Gesellschaft von dannen, aber schon bei nächster Gelegenheit knarrt aufs neue das Hinterpförtchen, und der tolle Zauberspuk geht wieder los.

Der Ethiker hat also in Kierkegaard den Ästhetiker nur scheinbar besiegt, ganz im Gegensatz zu Ibsen, dessen durch­greifendere und, bei allen Selbstkümpfen, einheitlichere Natur die Konsequenzen der modernen Geistesströmung mit unerbitt­licher Schürfe zog. Daß aber bei beiden derselbe innere Ring­kampf zwischen ästhetischem Romantieismus und sittlich-prak­tischem Lebenssinn im Mittelpunkt ihrer Entwicklung steht, das führt sie doch wieder zusammen. Zweifellos hat Kierke­gaard gerade in seinen so vielfach verfehlten ethischen Unter­suchungen der Sittlichkeitsauffassung Ibsens entscheidend vor­gearbeitet. Wenn Ibsen betreffs der Ehe seine berühmteideale Forderung" zu stellen hat, so konnte er bei Kierkegaard an ver­schiedenen Stellen das sorgsam angelegte Gemälde einer idealen Musterehe finden. Auch hier ist der Unterschied innerhalb der Gleichheit sehr bezeichnend. Ibsen, der Skeptiker, fordert erst von der Zukunft, was der Schwärmer Kierkegaard in der Gegenwart bereits zu finden vermeint. Beide schießen in ihrer Art über das Ziel hinaus, Ibsen in seinem Zweifel, Kierkegaard in seinem Glauben. Eineechte Ehe" ist weder so außerordentlich selten, wie der eine, noch so gewöhnlich, wie der andere anzunehmen scheint. Kierkegaard, der als ausgewachsener Asket sein eigenes Fleisch systematisch zu plagen liebte, empfand mit Schmerzen seine gänzliche Talentlosigkeit für die Ehe. Er war einmal verlobt gewesen, hatte aber dann, die völlige Unmöglichkeit einer Verheiratung seinerseits erkennend, das Verhältnis zwar mit hochgradiger innerer Zerrissenheit, aber doch auch mit einer gewissen inneren Genugthuung wieder gelöst.Nimm eineil jungen Mann, feurig wie ein arabisches PfeU, laß ihn heiraten, und er ist verloren," läßt Kierkegaard gelegentlich seinen Ästhe­tiker sagen, und es steckt in diesem Wort mehr subjektive Wahr­heit, als der Ethiker hinterher zugeben will. Gerade deshalb aber fühlte sich unser selbstquälerischer Sonderling angetrieben, das für ihn Unerreichbare sich als oas höchste Erdenparadies auszumalen, und so begegnen uns denn bei diesem hart­gesottenen Junggesellen die begeistertsten Lobeshymnen aus die Ehe.Man liebt nur einmal. Das will die Ehe realisieren." Von diesen! Dogma geht Kierkegaard aus. So sieht er denn in der Ehe die Erfüllung all der Hoffnungen und Wünsche,

die ein junges Liebespaar in der ersten Zeit seiner romantischen Schwärmerei gehegt hat. Er verwahrt sich mit Eifer gegen eine widersprechende Äuffassung:Wahrhaftig, so ist's nicht, daß die Ehe eine höchst respektable, aber langweilige Mvralistin wäre und die Liebe Poesie; nein, gerade die Ehe ist recht eigentlich voller Poesie." Doch arbeitet Kierkegaard keineswegs lediglich mit holden Ahnungen und Wünschen, vielmehr beweist er gelegentlich sogar einen recht nüchternen Blick für das Wirk­liche. So nennt er eine halbe Seite nach dem eben citierten Satz die Ehe kurzweg einenAssimilationsprozeß." Wo da freilich diePoesie" bleibt, vergißt er uns zu sagen. Ganz aus Jbsenschen Boden fühlen wir uns aber versetzt, wenn von einersittlichen" Ehe gefordert wird, daß die Frau dem Manne geistig ganz nahe stehe," oder wenn es rund heraus heißt: Äufrichtigkeit und Offenherzigkeit, das sind die Lebensprinzipien der Ehe." Endlich fehlt bei einem so stark satirisch veranlagten Dichter auch nicht die ironisierende Behandlung der Ehefrage. Wie kommt eine gewöhnliche Dutzendehe in der Regel zu stände? fragt er und giebt darauf folgende Antwort durch den Ethiker: Man hat sich zu Hause gelangweilt, man ist ins Ausland gereist und hat sich gelangwcilt, man ist wieder nach Hause gekommen und langweilt sich wieder. Zur Gesellschaft hält man sich einen schönen Neufundländer, ein Rassepferd, aber es fehlt einem doch etwas." Man kommt zur Erkenntnis, daß diesesEtwas" eine Frau ist, und man geht hin und heiratet. Natürlicherweise langweilt man sich in der Ehe erst recht und zur Kurzweil bricht man die Treue. Die thörichten Leute nehmen dieses dann tragisch, die gescheiten aber sehen durch die Finger und begnügen sich mit einereinigermaßen glücklichen Liebe," die hauptsächlich darin besteht, daß man den Skandal vermeidet. (Schluß folgt.)

Das Gberammergau der Lillern.

Bon

I. M.

((A^er Passionsroman der Frau von Hillern sieht ganz da- nach aus, als ob er im kommenden Herbste das Lieb- lingsgesprüch solcher Leute werden sollte, welche über den neuesten Roman sprechen, wenn sie ihre Bildung beweisen wollen. In ganz Deutschland, von der Näherin bis zu der Dame, die ihre Kleider von keiner deutschen Näherin nähen läßt, werden alle gefühlvollen oder müßigen Seelen die Ge­schichte kennen lernen wollen, wie die Gräfin von Wildenau sich in den Christnsdarsteller von Oberammergau verliebt, wie beide darüber unglücklich werden; aber endlich beide am Kreuze sterben, er buchstäblich, sie symbolisch. Dabei wird der Erfolg wohl hinter dem Rücken der Kritik wachsen; denn die theo­retische Ästhetik wird wohl vornehm über diese Frauenzimmer­geschichte schweigen.

Meine Theorie ist nicht so grau, daß ich glauben könnte, eine Kraft wie Wilhelmine von Hillern sei mit einem einzigen Schlagworte abzufertigen. Es steckt in dieser Dichterin sonst nicht nur das ganze brutale Talent ihrer Mutter, der seligen Birch-Pfeifser, sondern außerdem eine merkwürdige Seelenkunde, welche die unmöglichsten Empfindungen mit hinreißender Schminke zu malen weiß. So ist es möglich, daß man einen halben Band mit dem Eifer eines ungeduldigen Leihbibliothekslesers durchfliegt, daß eineu das Schicksal der Helden bis zu Thrünen ergreift und daß man an der entscheidenden Stelle dennoch in ein schallendes Gelächter ausbricht über das künstlerische Un­ding, das Frau von Hillern sich da zusammengeträumt hat. Mir wenigstens ist es so gegangen; die Ergriffenheit ist ver-

* Am Kreuz. Ein Passionsroman aus Oberammergau. Von Wilhelmine von Hillern. (Stuttgart, Union, Deutsche Verlags­anstalt.)