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Deutschland.
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einer ständigen Auseinandersetzung begriffen sind. Hier Traumwelt, Phantastik, ästhetisches Schwelgen — dort Wirklichkeit, Forschertrieb, sittliches Fordern! Hier „Peer Gynt" — dort „Brand!" „Dichten," sagt Ibsen, „das ist Gericht halten über sich selbst," und in einem unablässigen Gericht halten über sich selbst ist all sein Dichten dahingeflossen. Strengste Selbst- erfvrschung befähigte ihn alsdann zu umfassender Weltbeobachtung.
Eine selbstbeschauliche Doppelnatur besaß auch der dänische Schriftsteller, von dem hier die Rede sein soll, Soren Kierkegaard. Auch er hat das Geheimnis dieser Welt auf dem Wege einer Enträtselung des eigenen zwiespältigen Herzens zu lösen versucht. Er ist dabei vielfach zu ähnlichen Problemstellungen wie Ibsen gelangt, und er hat wiederholt ähnliche Antworten dafür gefunden. Dagegen fehlte ihm das Bäurisch-Wuchtige, das sich iu Ibsen mit so ungeheurem Nachdruck zu äußern versteht. Ohne daß ihm der Mut kecken Angreifens abging, zeigte er sich doch in allem als eine feine städtische Natur, die besonders günstiger Temperaturbedingungen bedurfte, um sich gehörig entfalten zu können. Er führte nicht eine zerschmetternde Keule, sondern ein elegantes Rapier, und er hat den Sieg erfochten fast mehr noch durch die Wunden, die er mit Anstand trug und an denen er früh verblutete, als durch diejenigen, die er selbst ausgeteilt hat. Im großen und ganzen war er eine steckengebliebene Natur, die nicht zu voller, ganzer Entwicklung gelangte, vielleicht auch nie gelangen tonnte. Stets wurde der ungemeine Wahrheitstrieb, der ihn beseelte, in seinem frischen Vorgehen durch eine fast scholastische, dogmatisch-religiöse Beschränktheit gelähmt, und so gehört er zu denen, die das gelobte Land wohl von ferne im Sonnenglanze liegen sahen, aber von der ungewohnten Helligkeit geblendet, das Auge eindrückten und in freiwilliger Blindheit verharrten. Obwohl bloß ein halbes Menschenalter älter wie Ibsen, scheint er doch um mehr als ein ganzes Menschenalter hinter diesem zurückzuliegen.
Jndeß, wenn die Ansichten Kierkegaards vielfach altertümliche und überlebte waren, seine Persönlichkeit selbst, mit ihrer scharf geschnittenen Physiognomie, ist bereits eine durch und durch moderne.
Er war kein Liebling des Glücks und gleichsam von vornherein für eine nur kurze Lebenslaufbahn vom Schicksal gezeichnet. In Kopenhagen geboren, ist er ebendaselbst, im Alter von 42 Jahren, im Jahre 1855 als Junggeselle gestorben. Das Einsiedlerische, Grüblerische in seinem Wesen zeigte sich bereits bei dem Kinde, und dieser weltunfrohe Zug wurde durch eine falsche Erziehung, an der sich ein überspannter Vater und ein bornierter Lehrer gleichermaßen versündigten, nicht bloß verstärkt, sondern auch mit vollster Absichtlichkeit in das religiösmystische Gebiet hinübergelenkt. Georg Brandes, in seiner ausgezeichneten Monographie über Kierkegaard, erzählt, welch frevles Spiel mit der ungemein zarten und eindrucksfähigen Seele des ängstlichen, phantasiereichen Kindes getrieben wurde. Das Innere mit bangem Grauen erfüllt vor einem in seiner Rachsucht fürchterlichen Gotte, richtete das arme Kind scheue Blicke nach außen und mißtrauisch forschende nach innen. Ein starkes Bedürfnis nach Anlehnung ging zusammen mit einem allgemeinen Gefühl von Abhängigkeit; aber während das eigene Wollen darniederlag, entwickelte sich um so mehr, aller Mystik zum Trotz, das eigene Empfinden und das eigene Denken. Kierkegaards geistiges Auge gewann bereits außerordentlich früh eine ungemeine Sehschärfe, jedoch auch eine Art von Kurzsichtigkeit, die zwar das Naheliegende und fast Verborgene bis in die kleinsten Züge zu erkennen vermag, aber keine Kraft besitzt, in die Weite zu dringen, und die daher den Horizont, den sie nicht sieht, mit Farben und Linien aus der Werkstatt der Phantasie anfullt. So entwickelte sich eine halb schwärmerische, halb dialektische Geistesart, die man ihrer Grundbeschaffenheit nach wohl als eine jesuitische — natürlicherweise ohne jeden moralischen Nebensinn — bezeichnen kann. Die christlichen Dogmen waren und blieben dem Protestanten
Kierkegaard zeitlebens eine unzerstörbare Schranke, über die man sich wissentlich nicht hinwegsetzen konnte noch durfte — unwissentlich hat er es trotzdem mehr als einmal gethan. Sich vor dem Angesicht des Höchsten in den Staub zu werfen, durchschauert von dem wollüstig-schmerzlichen Gefühl, „daß der Mensch vor Gott immer Unrecht habe," dazu fühlte Kierkegaard, je mehr er sich geistig hochstrebend vermessen hatte, einen um so unwiderstehlicheren Trieb. Es war ihm Bedürfnis, eine Hand über sich zu fühlen, die ihn streicheln oder auch züchtigen konnte, und von der er sich geleitet wähnen durfte, wenn er im Kampfe des Lebens einen entscheidenden Schritt wagte. Nur unter diesem Vorbehalt einer fühlbaren Abhängigkeit von einer unsichtbaren höheren Macht erwarb er sich seine Selbständigkeit, und mit um so tieferer Glut der Empfindung, mit um so Heller lodernder Begeisterung, mit einem wahren Prophetenglauben trat er alsdann für das ein, was er seine „Sache" nannte. Ja, er gewann aus diesem ungewöhnlich starken Gottvertrauen den Mut, die staatlich eingesetzten Stellvertreter Gottes, als des wahren Christentums entkleidet, mit Zorn, Witz und Leidenschaft anzugreifen und bis in die äußersten Schlupfwinkel zu verfolgen. In all seiner Bedingtheit wußte das eigenartige Naturell Kierkegaards ein Temperament und eine Wahrheitsliebe zu entfalten, wie sie den Vertretern einer fortgeschrittenen Sache nicht immer zu eigen gewesen sind.
Die christliche Glaubenslehre war für Kierkegaard trotzdem ein fremder Tropfen im Blut. Wäre sie ihm nicht in früher Jugend in gewaltsam roher Weise eingeimpft und dann lange Jahre hindurch mit allem Nachdruck in ihm weiter gepflegt worden, so würde sie über seinen zur Freiheit geborenen Geist niemals jenen hohen Grad von Herrschaft erlangt haben. Wer der individuellen Grundkraft Kierkegaards nachspürt, der wird auf einen nichts weniger als christlich-frommen Boden stoßen. Entbehrt doch sein ganzes Verhältnis zu Gott durchaus der bescheidenen Einfalt, wie sie schlichter Frömmigkeit eigen zu sein pflegt. Mit einer Art von bakchischer Begeisterung wirft er sich seinem Gott in die Arme, mit einem wilden Verlangen, der Nächste an seinem Thron zu sein, mit lechzender Sehnsucht nach dem Anschauen überirdischer Schönheit — und Schönheitsdurst, das war die tiefste Leidenschaft seiner durch und durch künstlerisch gestimmten Seele. Er war vom Wirbel bis zur Zehe ein „ästhetischer" Mensch, genußbedürftig, empfindlich, fast überfein, unzufrieden, weltschmerzlerisch, voll Inbrunst und Anbetungsverlangen. Aber, grau in grau, stand ein puritanisches Christentum neben ihm, nannte seinen Schönheitsdurst Sünde, seiner! Bildungstrieb Selbstsucht, und stellte an ihn das Verlangen, den ästhetischen Menschen durch den ethischen Menschen kirre zu machen. Kierkegaard gehorchte, aber in einer für ihn bezeichnenden Weise. In seinen beiden künstlerischen Hauptwerken „Entweder —Oder" und „Studien auf dem Lebenswege" (deutsche Ausgabe, Leipzig, Verlag von Fr. Richter) spaltet er seine Natur iu zwei Teile, läßt erst den Ästhetiker sich frei ausschwärmen und sendet ihm dann den Ethiker aus die Hacken, um ihn „vorn höheren Standpunkt" zu demoralisieren. Ich glaube gern, daß Kierkegaard hierbei mit innigster Überzeugung zu handeln meinte. Er hat sich die unglaublichste Mühe gegeben, die Kunst und alles was zur Kunst gehört, als abhängig vorn christlichen Sittengesetz zu erweisen, oder auch umgekehrt, das Sittliche, in erster Linie die Ehe, als allen Schönheitsforderungen genügend darzulegen, aber die Worte sind in den Wind gesprochen, sie entquilleu keiner ursprünglichen Überzeugung, sie erwecken keinen Glauben.
Kierkegaard hatte etwas an sich von jenem „Trotz wider sich selbst," den Nietzsche als ein Merkmal des „asketischen Priesters" hervorhebt. Aber er besaß doch eine zu zarte und feurige Seele, als daß seine wahre Natur nicht immer wieder auf die eine oder andere Weise hätte znm Durchbruch kommen sollen. Wie eminent „ästhetisch" ist es, wenn der Ethiker die Übereinstimmung des Guten mit dem Schönen zu erweisen sucht und nach einer „ästhetischen Gültigkeit der Ehe" forscht! Wie deutlich erkennt man aus dieser ganzen Fragestellung, daß