Heft 
(1889) 44
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Seite 724. Deutschland. 44.

teren Ideen durch glücklich getroffene Bilder möglichst illustriert werden. Es kann dies, je nach Umstünden, vor oder nach der abstrakten Fassung des Gedankens die keinesfalls, auch in der populärsten Darstellung vermieden werden darf geschehen.

Wie man sieht, sind das alles Anforderungen, die gar nicht so leicht zu erfüllen sind. Es gehört dazu wohl ebenso viel feiner Geschmack und sorgfältigstes Studium verbunden mit genialer Inspiration, wie sie der Epiker und Dramatiker zur Darstellung seiner Werke nötig hat.

Was das Wichtigste: die richtige Wahl der Worte und Ansdrucksformen anbelangt, so mag das seine großen Schwie­rigkeiten haben, ja, eine offenbare Unmöglichkeit sein, wenn die Sprache eines Volkes noch nicht soweit gefestigt ist, daß den­selben Worten bei allen Individuen von derselben allgemeinen Bildungsstufe dieselben Begriffe entsprechen oder geeignete Worte und Wendungen überhaupt noch gar nicht vorhanden sind. Bekanntlich war dies bei fast allen modernen Kultur­völkern in der Epoche der Fall, als an Stelle des früher nllein- herrschenden Latein in den meisten Wissenschaften die Mutter­sprache als Ausdrucksmittel zu treten begann. Man kann diesen Vorgang als das erste Stadium der allgemeinen Popularisierung der Wissenschaften ansehen, und wenn dieses Stadium auch jetzt noch nicht überall vollständig absol­viert ist, z. B. in der Medizin und einem Teile der Natur­wissenschaften noch etwas rückständig ist, so war es doch von unberechenbaren Folgen für die gesamte Kulturentwickelung. Freilich war dieser Übergang nicht leicht und bei uns selbst in der klassischen Epoche unserer Litteratnr für die eigentlichen Wissenschaften bekanntlich noch nicht überwunden; ja sogar heutzutage sind noch hier und da Spuren davon bemerkbar. Das mag einer der Gründe sein, warum die Engländer und Franzosen, deren Sprachen schon seit langer Zeit ein in sich gefestigtes Begriffssystem haben, in der Popularisierung der Wissenschaften im allgemeinen glücklicher sind als wir. Von diesem Standpunkte ist es auch begreiflich, wie die Franzosen Kants großartiges Hauptwerk:Kritik der reinen Vernunft" so sehr verkennen konnten, daß sie es alsdas unsinnigste, absurdeste Zeug,"den unverständlichsten Gallimathias, der je einem menschlichen Gehirn entsprungen," bezeichneten.

Wenn Kants Stil nur selten den oben angeführten ästhetischen Anforderungen genügt, ja mitunter sogar an bloßer Verständlichkeit recht viel zu wünschen übrig läßt, so kann man dafür Entschuldignngsgründe genug Vorbringen. Kant war eben noch nicht so wie wir in der inzwischen feiner durch­bildeten Muttersprache zu denken gewohnt, hatte diese noch nicht, wie wir, sozusagen mit der Muttermilch eingesogen. Durchaus nicht Zu entschuldigen ist es dagegen, wenn noch jetzt deutsche Gelehrte die Schreibweise Kants für zulässig oder gar nachahmungswert halten.

Fragen wir uns nun, welche von den einzelnen Fach­wissenschaften noch mehr als es bereits auf die angedeutete Weise geschehen ist, popularisiert werden können bezw. müssen, so ist folgendes zu erwidern.

Theoretisch möglich ist es für alle Wissenschaften ohne Ausnahme; praktisch ausführbar dürfte es indessen bis jetzt nur für die sogenannten Geisteswissenschaften voll und ganz sein. Von den Naturwissenschaften, zu denen im Grunde genommen ja auch die Medizin zu rechnen ist so daß es eigentlich nur zwei Klassen von Wissenschaften (die eben ge­nannten) giebt ist es für die sogenannten exakten (Physik, Chemie, Physiologie) leider noch nicht möglich, so sehr es auch im Interesse der höchsten allgemeinen Geistesbildung zu wün­schen wäre. Zu diesem Zwecke ist der eiserne Bestand der von jedem höher Gebildeten vorauszusetzenden Vorkenntnisse w. noch nicht ausreichend; dieser müßte noch in größerem Maße, als es in der letzten Zeit schon geschehen ist, vermehrt werden. Jeder, der den eigentümlichen Geist dieser Wissenschaften kennt, wird uns hierin recht geben.

Wenn eine geschmackvolle Popularisierung für die einzelnen Fachwissenschaften mehr wünschenswert als notwendig ist, so

ist sie für die Wissenschaft der Wissenschaften: die Philosophie, ganz unerläßlich. Diese muß ganz unbedingt allen Gebildeten zugänglich sein. Es darf hier kein Begriff, kein Ansdruck Vorkommen, der nicht von allen wahrhaft Gebildeten ohne dnnkelen Rest verstanden werden könnte. Wie es neben der für jeden Beruf speeiell erforderlichen Fachbildung noch eine allgemeine Bildung giebt, so muß es auch neben den speziellen Wissenschaften noch eine allgemeine Wissenschaft geben, und das ist eben die Philosophie. Sie ist für den geistigen Ge­samtorganismus ungefähr das, was die Blutflüssigkeit für den eigentlichen Organismus ist: jenerganz besondere Saft," in den jede Körpersubstanz aufgelöst werden und ans dem sie von neuem entstehen kann, wodurch der Organismus sozusagen sich fortwährend verjüngt, regeneriert. Wie nun das Blut alle einzelnen Organe durchströmt, Verbrauchtes mit sich fort­nimmt, ausscheidct und das Ausgeschiedene ans seinen eigenen Bestandteilen ersetzt, so muß auch die Philosophie in ähnlicher Weise alle Einzelwissenschaften durchdringen. Sie muß des­halb wahrhaft populär: d. h. überall bekannt und beliebt werden, ohne von ihrer Würde dadurch etwas einbüßen zu müssen.

Wenn dies in einer Epoche für die Philosophie nicht mög­lich ist, wenn diese nicht im edelen Sinne popularisiert werden kann, so ist dies entweder ein Symptom ihres Verfalls, oder ein Zeichen dafür, daß der eiserne Bestand des von jedem höher Gebildeten voranszusetzenden Wissens nicht mehr ansreicht und von neuem ergänzt werden muß. Diese Ergänzung hängt aber sehr wesentlich von einer geeigneten Vorbildung ab. Wo diese nicht, oder nicht in genügendem Maße vorhanden ist, wird eine solche Ergänzung immer ein frommer Wunsch bleiben.

Es müßten deshalb diejenigen Anstalten, welche die Art und den Grad jener Vorbildung in der Hand haben, also die auf das Uuiversitütsstudium vorbereitenden höheren Schulen, nach dem jedesmaligen Stande der Philosophie ihr Unterrichts- Programm berichtigen und vervollständigen. Der jedesmalige Stand der Philosophie ist nämlich der untrügliche Wertmesser für die allgemeine und organisch zusammenhängende Geistesbildung der Epoche. Da nur eine solche einen wirk­lichen Fortschritt der Kultur ausmacht, so darf man bei uns nicht so gleichgültig, wie es jetzt an der Tagesordnung ist, über die Philosophie hinwegsehen.

Wieweit bei uns die Philosophie wahrhaft populär ist, und jene allgemeine Vorbildung vor dem kritischen Blicke der gesamten Nation bestehen kann, wollen wir nicht unter­suchen. Es muß an dieser Stelle genügen, das Problem ge­stellt und sein richtiges Verständnis angebahnt zu haben. Das richtige Verständnis eines Problems ist aber immer schon die Hälfte seiner Lösung; die volle Lösung muß jeder Berufene nach Kräften selbst versuchen.

Ein Vorläufer Ibsens.

(Sören Kierkegaard.)

Von

Irrcrrrz Serrvcles.

^Mn der reformatorischen Persönlichkeit des größten nor- dischen Dramatikers unserer Tage waltet ein sehr bezeichnender Dualismus. Wer in Ibsen schlechtweg die Fleischwerdung des modernen Gedankens erblickt, der kennt nur die eine Hälfte seiner Natur. Vielmehr ist ein nicht min­der starker romantischer Trieb in ihm lebendig, und dieser ist, wie es den Zeitumstünden nach nicht anders sein konnte, sogar das Ursprünglichere. Die spannungsvolle und in der Stetig­keit ihrer Bewegung geradezu unvergleichliche Entwicklung dieses großen Dichters und Menschen hat gerade dadurch ihren eigen­artigen Reiz erhalten, daß die beiden Naturen unter sich in