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Deutschland.
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nur ein redlich gemeinter Versuch einer solchen, der betreffenden Wissenschaft schade, kann sie derselben vielmehr in hohem Grade nützlich werden. Es handelt sich dann nicht um eine Verflachung, sondern um eine Vertiefung, nicht um eine Verflüchtigung, sondern um eine Konzentration.
Für eine solche Art der Popularisierung gilt denn auch genau das Umgekehrte der eingangs eitierten Sentenz: „Popularisieren in diesem Sinne heißt nicht «entgeistigen,» sondern im Gegenteil noch viel mehr «dnrchgeistigen,» nicht vergröbern, sondern verfeinern.
Das zu erreichen, mag freilich nicht leicht sein und ein gut Teil mehr Geschick und Geschmack erfordern, als jene wohlfeile Anpassung an den rohen Intellekt der breiten ungebildeten Massen. Zn diesem Zwecke darf man nicht die am meisten in die Angen fallenden Momente in großen und groben Zügen auf breiter Flüche, wie ans Jahrmarktsbildern, für jedermann sichtbar, hinwerfen. Man darf aber auch nicht durch Gelehrsamkeit imponieren wollen und mit einem unendlichen Wust von Citaten und historischen Notizen den natürlichen Fluß der Darstellung unterbrechen. Gewisse Gelehrte, zum Glück jetzt nicht mehr so viel wie früher, rechnen sich aber dergleichen noch zum besonderen Verdienste an. Es scheint mitunter bei diesen, als ob sie nicht sowohl andere überzeugend belehren und belehrend überzeugen, als vielmehr selbst zeigen wollten, was sie alles gelesen, gehört, gesehen; wie unendlich viel Zeit, Mühe lind Scharfsinn das Zusammcnsnchen und Sichten des Rohmaterials ihnen gekostet; wie unendlich wichtig auch für den Laien es sei, genau zu wissen: nicht nur, wie man vor hundert, sondern auch, wie man vor tausend und zweitausend Jahren über eine Sache gedacht hat, und dergl. mehr.
Von alledem darf bei einer wahren Popularisierung nicht die Rede sein. Hier muß jener klaffende Zwiespalt der Meinungen von Autoritäten erster, zweiter und nter Ordnung, hier müssen jene tausend kritischen Bedenken ?c., wie sie mit gewissen — nur den Eingeweihten verständlichen — Schlagworten und technischen Redewendungen bezeichnet die fachwissen- schaftlichcn Handbücher und akademischen, d. h. im akademischen Jargon gehaltenen Vorträge durchsetzen, aufgehoben oder doch ausgeglichen sein. Es ist dieser sogenannte gelehrte Wust in der Regel dasjenige, was den Laien, der in eine Fachwissenschaft gern tiefer eindringen möchte, am meisten abschreckt und ihm die ganze Sache gewöhnlich schon am ersten Anfänge verleidet; sehr zum Schaden für seinen geistigen Horizont, der durch ein, wenn auch nur einigermaßen tiefes Eindringen in das betreffende Fach jedenfalls sehr bedeutend erweitert und erhellt worden wäre. Warum sollte es nicht dahin kommen können, daß jeder wahrhaft Gebildete bis zum einem gewissen Grade in jede beliebige Fachwissenschaft, für die er Neigung empfindet, schnell und leicht, ohne seine sonstige Beschäftigung aufgeben zu müssen, einzudriugeu vermag?
Freilich müssen in diesem Falle die betreffenden Fachwissenschaften bereits ans einem gewissen Niveau der Vollkommenheit angelangt sein. Es gehört dazu nicht als Notwendigkeit, daß ihre Lehren für alle Zeiten feststehen. Das dürfte ja nicht einmal bei den exaktesten Wissenschaften überall der Fall sein; bei diesen giebt es wohl ein absolut Richtiges, aber uicht ein absolut Bestes. Das Bessere ist auch hier, wie überall, der Feind des Guten. Es ist nur erforderlich, daß ihre Lehren soweit abgeklärt sind, sich so deutlich von der geistigen Bildflüche abheben, um ohne Einbuße au wesentlichen Bestandteilen aus dem Jargon der Fachgelehrten in die Sprache der Laien, d. h. der gebildeten unter ihnen, übersetzt werden zu können.
Was heißt es nun aber, etwas in die gemeinsame Sprache aller wahrhaft Gebildeten, die man auch sonst wohl „die Sprache des gesunden Menschenverstandes" nennt, übersetzen?
Man muß mit denselben Worten möglichst immer nur dieselben Begriffe verbinden, diese sich recht deutlich vorstellen und alle Worte vermeiden, über deren Sinn kaum bei dem betreffenden Schriftsteller, geschweige denn bei allen Gebildeten, genügende Klarheit herrscht. Dazu ist nicht unerläßlich,
daß man immer nur Worte der gewöhnlichen Redeweise wühle. Es können auch wissenschaftliche Kunstausdrücke, soweit deren Verständnis zum eisernen Wisscnsfvnds eines jeden höher Gebildeten zu rechnen ist, ganz gut mit verwandt werden. Solche Worte und die ihnen entsprechenden Begriffe müssen aber die Fähigkeit haben, allmählich in die gemeinsame Sprache aller Gebildeten überzugehen und deren Bestand zu vermehren, ähnlich wie gewisse Worte ans der Theologie und Philosophie, die ursprünglich auch nur von der Kanzel oder vom Katheder herab gehört wurden, allmählich selbst in die Sprache der täglichen Unterhaltung übergegangen sind. Es ist dies, selbst für speeifisch wissenschaftliche Ausdrücke und Begriffe gar nicht so schwer möglich, als es ans den ersten Blick erscheinen mag. Werden doch zum Beispiel schon die Worte „Element," „Atom," „Molekül," die in ihrer wissenschaftlichen Bedeutung verhältnismäßig noch sehr jung sind, schon jetzt von einem großen Teile der gebildeten Laien fast in demselben Sinne verstanden, den die Chemiker von Fach in sie hineinlegen. Ohne dieses Zugeständnis in der Wahl der Worte und Begriffe wäre ja kaum eine „Vulgarisieruug," geschweige denn eine ffvahre) Popularisierung möglich.
Damit ist es indessen noch nicht gethan. Ans diese Weise wird ein esoterisches Geheimnis einer Fachwissenschaft allenfalls wohl verständlich, aber noch nicht anziehend, fesselnd. Damit auch Nichteingeweihte an den Lehren einer Wissenschaft Gefallen finden, muß die Auswahl, Auorduung und Darstellung des „Stoffes" gewissen ästhetischen Anforderungen genügen, die bei Werken der Kunst so ziemlich jeder für unerläßlich hält, die man aber bei Werken der Wissenschaft merkwürdigerweise kaum zu kennen scheint. A. von Humboldt, Liebig, Helmholtz, Dnbois-Reymond und andere müssen allerdings als rühmliche Ausnahmen hiervon verzeichnet werden.
Es muß eben nicht bloß eine „schöne Kunst," sondern auch eine „schöne Wissenschaft" geben, ganz besonders, soweit letztere nicht ausschließlich der praktischen Anwendung dient, sondern ein höheres geistiges Bedürfnis des Menschen zu befriedigen bestrebt ist. Selbst die exaktesten Wissenschaften sind hiervon nicht nur nicht ausgeschlossen, sondern ganz vorzugsweise dafür geeignet. Gerade diese können ästhetische Anforderungen erfüllen, ohne von ihrem eigensten Gehalt auch nur das mindeste einzubüßen. Was mau z. B. iu der Mathematik „Eleganz" (eines Beweises, einer Formel w.) nennt, ist ein rein ästhetisches Moment, das nicht unbedingt notwendig, aber doch sehr wünschenswert ist.
Zu den ästhetischen Anforderungen der Darstellung wissenschaftlicher Lehren gehört unter anderem besonders, daß man dem Verständnis nicht zu viel auf einmal zumutet. Man darf also keine zu langen, sozusagen bis zum Platzen mit Inhalt angefüllte Sätze, oder gar Perioden bauen, bei denen der Leser bezw. Hörer Subjekt, Prädikat, Objekt ?e. mühsam und fast verzweifelnd — wie Isis die von Typhvn zerstreuten Körperteile ihres Osiris — znsammensucht. Je schwieriger und wichtiger der Inhalt, desto einfacher und durchsichtiger muß die Form sein und kann es in diesem Falle auch sein, ohne daß das Interesse schwindet und Langeweile Antritt. Gelegentliche Wiederholungen von Worten, ja selbst ganzen Wendungen, brauchen in Werken der Wissenschaft nicht so ängstlich vermieden zu werden, wie anderwärts. Mitunter sind solche sogar von Vorteil:, sie unterstützen das Gedächtnis und erleichtern dadurch die Übersicht über das Ganze. Auf keinen Fall darf in wissenschaftlichen Werken der euphonischen Abwechselung der Worke die Klarheit und Bestimmtheit des Gedankens geopfert werden. Man muß sich hier immer gegenwärtig halten, daß in diesem Falle der Intellekt und nicht das Gefühl angenehm berührt werden soll.
Weiterhin gehört zu den ästhetischen Anforderungen der Darstellung wissenschaftlicher Objekte, daß ab und zu, besonders nach schwierigeren Erörterungen, Ruhepausen gemacht werden, in denen sich das Subjekt in angenehmer Betrachtung des bereits zum Verständnis Gelangten ergeht. Endlich müssen die abstrak-