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Deutschland.
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stimmt, daß man alle diese Gewächse nur in frischer, sogenannter „Heideerde," die gleich der Walderde moderhaltig ist, ziehen kann. Auch die Linde soll nach einigen Angaben zu den Bäumen mit verpilzenden Wurzeln gehören; wogegen ebenso beständig andere, als Eschen und Rüstern (Ulmen), sowie unsere Obstbüume, sich als gänzlich unverpilzt erweisen.
Die Pilze, die sich solcherart mit geeigneten Banmwnr- zcln verflechten, sind schon im Boden vorhanden, wenn die junge Pflanze keimt. Sie durchziehen ihn nach allen Richtungen mit ihren feinen Lagerfäden; und es ist bei dieser Beschaffenheit des Waldbodens kaum anders möglich, als daß Pilzfüdeu und Wurzelenden überall sehr bald aufeinander treffen; worauf dann der Pilz alsbald die Arbeit des Umspinnens beginnt. Hat er ein Wurzelstück einmal erfaßt, so verläßt er es auch nicht mehr wieder, sondern umwächst von hier aus die ganze Wurzel desselben Baumes. Frank hat sogar eine Anzahl bestimmter Pilzarten festgestellt, deren Lngerkörper ein solches Verhältnis eingehen; denn es gelang ihm zu beweisen, daß die vom Pilzmantel ausgehenden Fäden, in ihrem Verlaufe durch den Boden weiter verfolgt, in Verbindung mit wohlbekannten pilzlichen Frnchtkörpern standen. So fand er mehrere, darunter die sogenannte deutsche Trüffel (Nullor nestivum), besonders in Buchenwäldern an der Wnrzelverpilznng teilnehmend; andere vorherrschend unter Fichten: darunter den als Allerweltsbürger bekannten giftigen Fliegcnschwamm. Diese Ergebnisse weisen auch wieder daraus hin, daß der Dienst, den sich Pilz und Banmwurzel leisten, ein gegenseitiger sein muß; jedenfalls ist es auffallend, und spricht mit für diese Auffassung, daß die erwähnten beiden, nebst vielen anderen Pilzarten, fast nur in Wäldern gedeihen und sonst nirgends gefunden werden.
(Fortsetzung folgt.)
libtt der Wissenschaften.
Von
vi-. Paul Otto Schmidt.
dolf Graf von Schack sagt in einer Sammlung von Aphorismen: „Popularisieren heißt entgeistigen" und scheint damit in verächtlicher Weise kennzeichnen zu wollen, wie z. B. eine philosophische Idee oder ein Resultat wissenschaftlicher Forschung, ein Kunstwerk w. den eigensten lebendigen Inhalt verliere und mehr oder minder zu einem toten Schema, einer leeren Form erstarre, wenn sie aus dem engen, geistig hoch stehenden Kreise der Eingeweihten, wo sie erzeugt und groß geworden, in die breite Masse des «proliumuri hinabsteige.
Gewiß ist dieser Ansicht die volle Berechtigung nicht abzusprechen, wenn man unter „Popularisieren" jenes wohlfeile Zurechtschneiden und Zustntzen, jene plumpe Anpassung an den beschränkten Gesichtskreis und die langsame, schwerfällige Fassungskraft des großen Haufens versteht. Der „Popnlus" ist ja aber nicht das „Vnlgns": Das Volk nicht der Pöbel; und überdies kann ja doch nicht jeder, auch der noch so Begabte, geistig noch so hoch Stehende in jedem Fache „Eingeweihter" fein. Was Hütten überhaupt alle jenen schönen Dinge, die nur unter sorgfältiger, kostspieliger Pflege, gewöhnlich nur in besonderen von Staats wegen errichteten und unterhaltenen Treibhäusern mühsam anferzogen und zur Blüte und Frucht gebracht werden können, für einen Wert, wenn immer nur ein kleiner, allein damit beschäftigter Kreis sich an ihnen erfreuen und von ihnen Nutzen zu ziehen vermöchte? Sollten die übrigen davon nicht mehr haben dürfen, als die Möglichkeit, nach unverhältnismäßig großen Opfern von Zeit und Geduld, womöglich mit völliger Aufgabe ihrer gewohnten Beschäftigung, in jene exklusiven Kreise der Eingeweihten ausgenommen zu werden?
Wir möchten jener falschen Popularisierung oder vielmehr
„Vulgarisicrnng" der Wissenschaften durchaus nicht das Wort reden; aber wäre es nicht ein billiges Verlangen, die wichtigsten Dinge jeder einzelnen Wissenschaft in einer Form zum Konsum anzubieten, welche die ausgiebige Assimilation, das volle Verständnis jedem höher Gebildeten ermöglicht, auch wenn er in dem betreffenden Fache nicht heimisch, auch wenn er nicht zu den „Eingeweihten" gehört? Freilich wäre erst zu erweisen, ob darunter weder die Wissenschaft leiden, noch diejenigen, welche sie ans diese Weise in sich aufnehmen, zu Schaden kommen könnten. Man könnte nämlich die Frage aufwerfen, ob denn wirklich — selbst bei thatsächlich sich fühlbar machendem Bedürfnis — für jeden Gebildeten die Möglichkeit einer vielseitigen Geistesbildung von Vorteil wäre; ja, ob nicht vielleicht eine allzugroße Wißbegierde, etwa wie eine übermäßige Eßlnst überhaupt vom Übel und es nicht auch auf geistigem Gebiete besser wäre, auf die Nahrung zu verzichten, die einem ans diesen oder jenen Gründen nicht zugänglich ist. Diese Fragen sind nicht so absurd, als es den Anschein hat. In der That bekommt nicht jede Art von materieller oder geistiger Nahrung jedem, der sic in sich anfnimmt, gleich gut. Selbst in dem Falle, daß sie überhaupt assimiliert, verdaut wird, nützt sie nicht immer so, wie sie nützen soll. Sie vermehrt oft nicht die Leistungsfähigkeit des Organismus, erzeugt keine Kraft, wird überhaupt nicht irgendwie verwandt, sondern einfach im Körper, bezw. Gehirn anfgespcichert. Dadurch entsteht dann leicht jener Zustand, den man bekanntlich „Fettsucht" nennt und der auf materiellem wie geistigen Gebiete gleich ungesund oder mindestens unästhetisch ist.
Wie aber dieses Übel auf materiellem Gebiete nicht immer mit einem allzugroßen Appetit verbunden zu sein pflegt, ja dieser sogar häufig infolge mangelhafter Ümsctznng der Körpersubstanz fehlt, so tritt es auch ans geistigem Gebiete keineswegs immer mit allzugroßer Wißbegierde, mit unstillbarem Wahrheitsdrang, sondern zu allermeist mit dem geraden Gegenteil davon aus. Nicht die Universalisten, die alles wissen wollen, sondern die Specialisten, die gern mit ihrem «iAnoradilnus» kokettieren, leiden am häufigsten daran.
Weil es nämlich den Specialisten, besonders denen gewöhnlichen Schlages, viel mehr auf den Wissensstoff (die Resultate der wissenschaftlichen Forschungen rein an sich), als auf deren Wert für das gesamte menschliche Wissen, ja für den vollen ganzen Menschen überhaupt, ankommt, so unterlassen sie über dem Znsammensnchen, Aufrafsen und Ansspeichern, über dem Sortieren, Registrieren und Klassifizieren leicht die strenge Wertprüfung der einzelnen Sachen. Da nun ans diese Weise nur sehr schwer etwas ausgeschieden wird, so sammelt sich — selbst bei den bescheidensten Fortschritten der Forschung in dem betreffenden Fache — der Wissensstoff sehr bald zu jener beünstigenden, erdrückenden Masse an, die jedes unbefangene lkrteil erschwert, jeden freien Aus- und Überblick ans die übrigen Fächer versperrt und mit ihrer erstickenden Umarmung selbst den regsameren, beweglicheren Geistern allmählich die Lust benimmt, sich um etwas anderes als ihr specielles Fach zu bekümmern.
Hier giebt es keine andere Rettung, als jeden Gelehrtendünkel von sich abznstreifen, den Wissensstoff frisch und fröhlich mit den Augen des nicht speeiell interessierten Laien — selbstverständlich nur des wahrhaft gebildeten — zu betrachten, von diesem Standpunkte aus kritisch zu sichten und — wie jeden andern mehr oder minder rohen Stoff — künstlerisch zu gestalten. In diesem Sinne hat der Verfasser von „Rembrandt als Erzieher" nicht ganz unrecht, wenn er behauptet: „Die Wissenschaft muß zur Kunst werden." Hierzu giebt es aber kein besseres Mittel, als eine wahrhafte Popularisierung, weil es sich in diesem Falle als eine unumgängliche Nötigung herausstellt, das Wesentliche von dem Unwesentlichen, das Bleibende von dem Vorübergehenden streng zu scheiden und das Übrigbleibende unter einheitliche, leicht begreifliche Prinzipien, sogenannte Axiome, zu bringen. Weit entfernt also, daß eine wahrhafte Popularisierung, oder auch