Heft 
(1889) 44
Seite
721
Einzelbild herunterladen

44.

Deutschland.

Seite 721.

Nicht an dieser Spitze, Wohl aber gleich hinter ihr, wo die wachsende Schicht sich befindet, bilden die Oberhautzellen feine, dünnwandige Ansstülpungen, die sogenannten Wurzel- Haare. Sie sind so zart gebaut, daß sie nur wahrend einer ganz kurzen Zeit dem allgemeinen Lebenskreislanfe dienen kön­nen; bald vertrocknen sie und schrumpfen ein; ein toter, un­brauchbarer Rest. Daher kann man selbstverständlich nur eine Strecke weit hinter den jüngsten überhaupt noch lebende, leistungsfähige Wurzelhaare Nachweisen; Ersatz und Verbrauch decken sich fortwährend; hinten sterben sie ab, vorne entstehen neue, jüngere. Diese Wurzelhaare sind bei Landpflanzen die einzigen Teile, die die regelmäßige Aufnahme des Bodenwassers und damit der nötigen Nahrungssalze vermitteln.

Bei vielen Pflanzen fehlen nun trotzdem diese Wnrzelhaare.

Aber solche Gewächse, zu denen ein großer Teil unserer waldbildenden Bäume gehört, brauchen deshalb doch nicht zu verhungern. Genauere Untersuchung lehrt, daß ihnen die Wurzel­haare, welche nicht zur Ausbildung kommen, durch fremde Hilfe ersetzt werden. Dabei ist die Einrichtung derartig, daß die Wurzelhaare ihre natürliche Bestimmung gar nicht wür­den erfüllen können, wenn sie auch da wären.

Das Mittel, welches hier an Stelle der Sanghaarbeklei- dnng tritt, ist die sogenannte Verpilzung der Wurzeln.

Frank fand bei seinen Untersuchungen an zahlreichen Wald­bäumen aus allen Teilen Deutschlands folgendes. Während die Wurzeln im allgemeinen eine starke Neigung zu sonst nicht bei ihnen beobachteter korallenförmiger Verzweigung zeigen, er­weist sich im einzelnen jedes ihrer Zweigstücke, in seiner ganzen Länge, einschließlich der Spitze, von einer gleichmäßigen Scheide durcheinander geflochtener, verfilzter Zellfüden eingehüllt. Diese Scheide ist bald dichter, bald lockerer; meist aber schließt sie lückenlos zusammen; und immer wächst sie gemeinsam mit der Wurzelkappe weiter, vor ihr her. Oft gehen einzelne Fäden seitwärts aus dem Filzgeflecht für sich in den umgebenden Erd­boden ab, bald hierhin, bald dorthin ihn dnrchwucherud, und schon dadurch deutlich ihre Pilznatur erweisend. Denn sie unterscheiden sich in nichts von den Pilzfüden der Flechten und überhaupt von den Zellfüden der eigentümlichen Artung, wie sie alles Pilzgewebe zusammensetzen.*

Dieser Pilzmantel tritt an Stelle der Wurzel­haare. Seine Fäden saugen die Feuchtigkeit des Bodens ein; und da sie mit der Oberhaut der frischen Wurzelteile auf das iunigste verwachsen sind, so leiten sie ihnen die Nahrungssalze des Bodens zu; vollkommener noch, als dies die natürlichen Wnrzelhaare vermöchten. Denn da der Pilzmantel schon an den jungen Keimpflanzen solcher Bäume auftritt, und lücken­los weiterwächst, die Wurzel in all ihren Verzweigungen stetig begleitend, so hüllt er selbst bei den mächtigsten Riesen des Waldes das gesamte Wnrzelbereich ein; und seine Leistung ist ein Vielfaches der, die die stets nur an den allerjüngsten Teilen lebensfähigen Wnrzelhaare vollbringen könnten. Man muß sich das nur anschaulich vorzustellen suchen. Wie eine vieltausendfingerige Riesenhand kralltsich die Wurzel eiues solchen Baumes in die Erde. Die Finger sind an ihren Enden fadendünn; sie verzweigen sich, und wachsen an der Spitze im­mer weiter. Aber die Riesenhand steckt in einem Riesenhand­schuh, der wie angegossen sitzt. Wächst sie, so wächst er mit; dehnt sie sich aus, so dehnt er sich mit; wachsen ihr neue

* Es muß hier bemerkt werden, daß es sich nicht etwa um die Wurzeln von Pilzen, sondern um Pilze selbst handelt. Das, was inan bei den bekannten größeren Pilzen oder Schwämmen, wie beim Eierpilz, denn Champignon, beim Fliegenschwamm u. s- w., auf den ersten Blick für die im Boden zurückbleibende Wurzel zu halten geneigt sein möchte, wenn man etwa den huttragenden Strunk herausreißt, ist in Wirklichkeit der eigentliche Körper, der wahre Pilzleib (das sogenannte

Lager"). Dieser wuchert eben in der Erde, wie in anderen Fällen unter der Rinde eines Baumes, stets getrennt vom Lichte; rvas er, oft, wie nach anhaltenden Regengüssen, in fabelhafter Schnelligkeit und Üppig­

keit, über den Erdboden heraufsendet, ist sein Fruchtkörper. Der

Champignon, der gesammelt und gegessen wird, ist keine ganze Pflanze, sondern nur etwa vergleichbar dein Apfel samt seinem Stiel.

Finger, so wachsen ihm neue Fingerlinge: und immer paßt er. Nur da, wo die Finger am dicksten sind: an den ältesten Teilen; da ist er geplatzt und hat Lücken: aber da hat auch die Hand selbst ihre ursprüngliche Frische nicht mehr: die Haut ist ihr rauh geworden und aufgesprungen; sie hat sie abgeschorft, und mit ihr zugleich die Bekleidung abgeworfen; die Wunden aber sind vernarbt: verkorkt. An diesen Stellen können die Wurzeln freilich nicht mehr der Aussaugung von Nährstoffen die­nen; aber das thun sie auch bei anderen Pflanzen nicht.

Hierin liegt der eine ungeheure Vorteil, den der Baum von seinem scheinbaren Schmarotzergaste zieht. Ein zweiter aber ist noch sehr wahrscheinlich. Denn wie die Pilze ans lebe- weltliche Nahrung angewiesen sind, so sind hinwiederum die gewöhnlichen, laubgrünbildenden Pflanzen nicht im stände, fertige kohlen- und stickstoffhaltige Nahrung aus verwesten Moderresten aufzunehmen. Trotzdem zeigt die Erfahrung, daß die fraglichen Bäume, wie Eichen, Buchen, Tannen, in an­derem als Waldboden, der sich doch eben durch seinen Gehalt anModer- oderDammerde auszeichnet, nur kümmerlich ge­deihen; daß sie also doch gerade auf verwesende Bodenbestand­teile angewiesen sind. Sie müssen also wohl auch Nutzen aus diesen ziehen; sei es mittelbar oder unmittelbar. Es giebt Pflanzen, bei denen das letztere der Fall ist: eine der be­kanntesten ist der sogenannte Fichten spargel;* ein bleiches, den Wintergrünarten verwandtes Gewächs mit dickem, fleischi­gem Stengel, und einer einseitswendigen Traube von glockigen Becherblüten. Er wächst nur in Wäldern im Schatten der Bäume und zieht seine Nahrung allein aus der Erde; aber er thut dies auch nur mit Hilfe des Pilzes, in dessen Geflecht er sich festgesetzt hat. So ist hier der Pilz zum Ernährer, das Blütengewächs zum Schmarotzer geworden; ein Fall, der bis jetzt fast einzig in der Pflanzenwelt dasteht.

Von Gleichem kann bei den Bäumen des Waldes keine Rede sein. Allein da es sicher ist, daß der Pilz ihrer Wurzel- bekleidnng sich von den modernden Stoffen des Bodens er­nährt, auf die er doch ohue den Baum sogar ganz angewiesen sein würde, so ergiebt sich schon hieraus mit großer Wahr­scheinlichkeit, daß sie wenigstens zum Teile auch hiervon Nutzen ziehen, und sich auch diese Seite seiner Fähigkeit dienstbar machen werden. Das Verhältnis stellt sich also so. daß der Baum den Kohlenstoff, der Pilz den Stickstoff in brauch­barer Form für den gemeinsamen Haushalt liefert; uud der Austausch beider Erzeugnisse durch die frischen Teile der Wnrzeloberhaut vor sich geht, die mit den Pilzfäden verwachsen sind.

Es ist bemerkenswert, daß die Wurzelverpilznng bei be­stimmten, und gerade bei bestandbildendeu, gesellschaftlich lebenden Bäumen auftritt; sowie, daß sie hier eine durch­gängige Erscheinung ist. Eine Banmart, wie die Eiche, bei der die Verpilzung überhaupt beobachtet wird, zeigt sie in der Natur fast immer; wenigstens hat Frank, obgleich er Wurzelproben ans allen Teilen der Erde zur Verfügung hatte, keine Ausnahme hiervon entdecken können. Nicht minder merk­würdig ist es, daß gewisse natürliche Verwandtschastsgruppen die Verpilzung in allen ihren Arten zeigen. Alle Becher- früchtler: also außer den Eichen auch die Buche, Hagebuche, die echte Kastanie (Marone"), die Haselsträucher u. s. w., weisen die Erscheinung auf. Das Gleiche gilt von vielen Nadel­hölzern: wie von der Kiefer, Fichte, Tanne, Lärche; und eine andere Art der Wurzelverpilzung, die Jnnenverpilzung (endo- trophische" nennt sie ihr Entdecker) hat Frank bei allen Heide­gewächsen: bei der gemeinen Heide, der Heidel- und Preißel- beere, der Besenheide,** dem Sumpfporst und der Alpen­rose, sowie bei allen fremdländischen Azaleen*** und Rhodo­dendren**** nachgewiesen: womit die gärtnerische Erfahrung

* Lkonotropn Ill^popitvs.

** xrooninbenA.

Blumenheiden.

**** Rosenheiden oder baumartigen Alpenrosen.